Kategorie
Autor:innen
Jahr

Ab aufs sogenannte Land!

Jakob geht nicht bloss ins Theater St.Gallen. Sondern auch aufs Land. Dort nämlich spielt die Kultur – und widerlegt den «Stadt-Land-Graben», der im Zusammenhang mit der Abstimmung zum Theaterkredit von rechts beschworen wird.
Von  Peter Surber
«Gofechössi»-Vorstellung in Wattwil. (Bild: Stephan K.Haller)

Jakob will zum Beispiel am 22. März nach Lichtensteig gehen, zur Ausstellung «Ein Stück weit Pionier» rund um den Skispringer Walter Steiner. Oder Ende April an die Saisoneröffnung der Rhein-Schauen. Oder im Mai ans Naturstimmen-Festival im Toggenburg. Bei all diesen Anlässen – und vielen hundert anderen landauf landab – steckt Geld vom Kanton drin.

Nichts gegen Konzert und Theater, gegen das Textilmuseum oder die Kunsthalle St.Gallen. Aber die wahren Säulen der Kultur heissen Treppenhaus Rorschach, Diogenes Theater Altstätten, Madlen Heerbrugg, Fabriggli Buchs, Jazzfestival Sargans, Altes Kino Mels, Kulturkreis Walenstadt, Rotfarb Uznach, IG Halle Rapperswil, Chössi Theater Lichtensteig, Zeltainer Unterwasser, Gare de Lion Wil, Momoll Theater Wil, Kulturpunkt Flawil und so weiter, die Aufzählung ist ungerecht, weil ganz viele da nicht genannt sind.

«Ländlicher Kulturkanton»

«St.Gallen lässt sich als gut ausgestatteter ländlicher Kulturkanton charakterisieren», steht lakonisch in der letztjährigen Botschaft zum neuen Kulturfördergesetz, das seit zwei Monaten in Kraft ist.

Vielfarbige Kultur: Fabriggli Buchs. (Bild: pd)

Zahlen bestätigen die Charakterisierung. Aus dem St.Galler Lotteriefonds fliessen jährlich Gelder in rund 80 Institutionen rund um den Kanton. Die «grossen Kisten» sind Schloss Werdenberg (mit jährlich 870’000 Franken weitaus an der Spitze), Kunstzeughaus Rapperswil-Jona (mit 280’000 Franken), Tonhalle Wil (mit 100’000 Franken) und Klangwelt Toggenburg (mit 290’000 Franken jährlich). Die kleinsten Lotteriefondsbeiträge betragen 10’000 Franken; das Vermittlungsangebot artefix Rapperswil, die Freilichtbühne Rüthi oder das Jugendorchester Il Mosaico in Wattwil gehören neben diversen anderen zu deren Nutzniessern.

Vom jährlichen Lotterie-Topf von gut 5 Millionen Franken (ohne Konzert und Theater St.Gallen) gehen insgesamt rund 3 Millionen in die Region und rund 2 Millionen in die Hauptstadt. Das Theater bekommt aus dem Lotteriefonds jährlich 7,9 Millionen, vom Kanton sowie von der Stadt St.Gallen je 8,5 Millionen und von den umliegenden Kantonen 3,3 Millionen; rund 12 Millionen sind Eigeneinnahmen, mehr dazu hier oder hier. Rechnet man Konzert und Theater weg, so ist die Balance zwischen «Stadt und Land» also einigermassen gegeben.

Und noch ausgeprägter fällt das Gleichgewicht aus, wenn man die regionalen Förderplattformen mit einbezieht: Südkultur, Rheintaler Kulturstiftung, Kultur Toggenburg, Kultur Zürichsee-Linth und Thurkultur. In ihnen haben sich die Gemeinden der Regionen zusammengeschlossen, sie fördern jährlich hunderte von kleineren Projekten und Veranstaltungen zur Hälfte aus eigenem Geld, zur Hälfte aus der Subvention des Kantons. Hier ist die Stadt benachteiligt: Sie hat, ebenso wie die Region Rorschach, keine vergleichbare Förderplattform.

Eingang zur Kultur: Diogenes Theater Altstätten. (Bild: Der Puck)

Man kann das als «nackte Zahlen» ansehen – aber hinter den Zahlen stecken Initiativen und kulturelle Aktivitäten von Leuten in der Region. Im Diogenes Theater Altstätten, einer der Pionier-Institutionen auf dem «Land» (das in Wahrheit eine ziemlich städtisch tickende Agglomeration ist, zumindest im unteren und mittleren Rheintal), hat zum Beispiel gerade dieser Tage der theater-eigene Diogenes-Chor sein neues Programm «55 Grad Nord» aufgeführt. Und gezeigt: Hinter den Zahlen steckt Herzblut.

«Existentiell für den Ringkanton»

Etwas abstrakter formuliert dies die Botschaft zum neuen Kulturfördergesetz vom vergangenen Jahr. «Die kulturelle Vielfalt zu fördern, wird in einer heterogener werdenden Gesellschaft immer bedeutender, um unterschiedliche Bevölkerungsgruppen am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen», heisst es dort. «Für den Ringkanton St.Gallen gilt dies verstärkt, weil seine Regionen historisch und dadurch auch kulturell sehr unterschiedlich geprägt sind. Es gilt, die kulturellen Stärken der Regionen als ebenso identitätsstiftende wie bindende Kräfte zu fördern. Aktive Kulturpolitik beschränkt sich daher nicht auf die Förderung des künstlerischen Schaffens und auf die Erhaltung des kulturellen Erbes. Sie zielt auf die Beteiligung möglichst vieler Bevölkerungsgruppen am kulturellen Leben und auf kulturelle Orte des Austauschs und der Begegnung.»

Seit 30 Jahren ein Ort der Begegnung: Das Alte Kino Mels. (Bild: pd)

Kulturschaffende leisteten in diesem Sinn einen unverzichtbaren «service au public», für Bildung, Gesellschaft und Demokratie. Kultur belebe Gemeinden und Städte, stärke die Regionen und gestalte Lebensräume mit. «In vielen Städten und Gemeinden des Kantons, von St.Gallen über Wil, Lichtensteig, Rapperswil-Jona und Buchs bis ins Rheintal sind die Kulturorte – von Kleintheatern über Museen bis zu Ausstellungs- und Konzertlokalen bzw. -anlässen – gesellschaftliche Treffpunkte, Brennpunkte zivilen Engagements», steht in der Kulturförder-Botschaft.

Lob der Laienkultur

Rund 70 Prozent der Bevölkerung besuchen denn auch gemäss Kulturstatistik des Bundes von 2016 wenigstens einmal im Jahr Institutionen wie Museen, Konzerte, Denkmäler oder Kinos. Das heisst umgekehrt allerdings auch: 30 Prozent sind kulturabstinent, zumindest nach traditionellerem Kulturbegriff. Knapp die Hälfte geht einmal im Jahr ins Theater (47 Prozent). Knapp zwei Drittel der Bevölkerung sind in irgendeiner Form selbst kreativ tätig (Zeichnen, Malen, Musizieren, Singen, Tanzen, Laientheater usw.). Überdies sind schweizweit 28 Prozent der Bevölkerung in Kulturvereinen der einen oder anderen Art kulturell aktiv. «Die Tätigkeit dieser Laienverbände ist von grundlegender Bedeutung für die kulturelle Teilhabe der Bevölkerung», hält die Regierung fest.

Jakob findet: All das könnte man mitbedenken, bevor man das Theater, wie es die Gegner des Baukredits tun, als Sache einer kleinen Elite schlechtredet. Kulturfreundinnen und -freunde von Mels bis Mols und Unterwasser bis Obersteinach hätten jedenfalls Grund, sich aufzuregen, wenn man sie als kultur-uninteressierte Banausen hinstellt.

Abgesehen davon, dass es am kommenden Sonntag nicht um Kulturgeld geht, sondern um einen Baukredit – also um Wirtschaftsförderung. Ein Ja heisst: Das Geld wird nicht in «elitäre» Kunst verbuttert, sondern fliesst in die Kassen der Handwerker, Planerinnen und Baufirmen. Ein Nein, um es mit Manuel Stahlbergers Lied zu sagen, «schadet der Wirtschaft».

 

Jetzt mitreden: 2 Kommentare
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Redakcija,  

Hallo und noch einen schönen Abend, liebe Leute von meiner seit über acht Jahren heiß geliebte " Politisch Incorrekt ich kann Ihnen nicht genug dankbar sein, denn ich besuche PI mehrmals täglich und tue, wenn auch nicht so oft schreiben, bin aber sehr beruhigt gute Berichte zu lesen. Wünsche der ganzen Belegschaft, wie auch Schreibern und Lesern, Gesundheit und alles Gute, vom Rheintal

Kurt Scheidegger,  

Jakob darf auch gerne an die Schlossmediale vom 18. bis 27. Mai 2018 nach Werdenberg kommen. Wir würden uns freuen.

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4

Auf der Ziel­ge­ra­den

Es ist sei­ne letz­te Ses­si­on nach zehn Jah­ren im St.Gal­ler Kan­tons­rat. SP-Kul­tur­po­li­ti­ker Mar­tin Sai­ler setzt künf­tig ganz auf den Zel­tai­ner. Das Geld für den Neu­bau in Wild­haus ist fast zu­sam­men, 2027 soll es los­ge­hen.

Von  Peter Surber
Foto1 Zeltainer

Im di­gi­ta­len Dschun­gel zu Hau­se

Die An­sied­lung des In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land in St.Gal­len ist Pie­ro Sti­nel­li zu ver­dan­ken. Er kon­tak­tier­te vor zehn Jah­ren die Ver­ant­wort­li­chen von ar­chi­ve.org aus ei­ge­nem An­trieb. In den 90er-Jah­ren war der Mit­grün­der von Va­di­an.net und Klang und Kleid ein In­ter­net­pio­nier.

Von  David Gadze
2606 Internet Archive pino stinelli andri voehringer

Ohm41 stellen wieder aus

Kunst auf der Kip­pe

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 03 um 11 14 39

Sehn­sucht nach Frei­heit

Das Thur­gau­er Pop-Phä­no­men Noe­mi Be­za ver­öf­fent­licht An­fang Ju­ni ih­re neue EP. You’ll Find Me The­re ver­eint Coun­try-Vi­bes mit ast­rei­nem Pop – was man ein we­nig ver­misst, sind Ecken und Kan­ten.

Von  Jeremias Heppeler
1 Pressefoto Noemi Beza Youll Find Me There

Kolumne: Stimmrecht im Juni

Back to the Fu­ture

Von  Liliia Matviiv

Ausstellung in Herisau

70 Jah­re und 70 Pup­pen

Von  Vera Zatti
70 Jahre SG Ausstellung

«Gros­ses Lob für die­sen Kel­ler»

Nach 22 Jah­ren gibt Mat­thi­as Pe­ter die Lei­tung der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne ab. Vom Raum ist er nach wie vor be­geis­tert. Aber dem Ka­ba­rett ging es auch schon bes­ser, er­zählt er im Ge­spräch.

Von  Peter Surber
2606 Redeplatz Matthias Peter

Für ei­nen Mo­ment be­rührt

Die Thur­gau­er Künst­le­rin Mi­cha Stuhl­mann be­fasst sich in ih­rem neu­en Pro­jekt mit dem Da­sein im Mo­ment. Am 7. Ju­ni fin­det da­zu ein Work­shop in St.Gal­len statt und am 26. Ju­ni zeigt sie mit ih­rem En­sem­ble die fi­na­le Per­for­mance in Kreuz­lin­gen. 

Von  Vera Zatti
Martin Schweingruber DA SEIN Vorpremiere 20260509 tgkultur 31 von 49

Mu­si­ka­li­sches Fest zum 150.

Die Ton­hal­le Wil wur­de 1876 er­öff­net. Seit­her be­rei­chert sie prak­tisch un­un­ter­bro­chen das kul­tu­rel­le Le­ben der Äb­te­stadt. An den kom­men­den zwei Wo­chen­en­den wird ge­fei­ert.

Von  Roman Hertler
DSC2639

Lau­te Ein­sam­keit

Jo­nas Ul­rich taucht mit sei­nem ers­ten Spiel­film in die Black-Me­tal-Welt ab. Wol­ves ist ei­ne bild­star­ke Ge­schich­te über Ein­sam­keit und das Da­zu­ge­hö­ren, vol­ler Ge­gen­sät­ze und mit et­was holp­ri­gen Dia­lo­gen.

Von  Daria Frick
001 wolves

Das Ge­dächt­nis der Zu­kunft

St.Gal­len be­wahrt nicht mehr nur 1000-jäh­ri­ge Hand­schrif­ten. Mit dem In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ent­steht hier ein Ar­chiv für Web­sei­ten, künst­li­che In­tel­li­genz und das di­gi­ta­le Ge­dächt­nis der Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
2606 Internet Archive 01
Heftvorschau 06/26
archive.org, Generalverdacht, 80er-Aufbruch

Mit In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ent­steht in St.Gal­len ein Ab­le­ger des gröss­ten Ar­chivs für Web­si­ten und Künst­li­che In­tel­li­genz welt­weit. Aus­ser­dem im Ju­ni­heft: Män­ner un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht, das gros­se St.Gal­ler 80er-Buch, das Ab­schieds­in­ter­view mit dem lang­jäh­ri­gen Kel­ler­büh­nen­chef und die Fla­schen­post aus Ve­ne­dig.

Saiten 2606 01 Cover

«Han­deln wi­der bes­se­res Wis­sen ist wie­der po­pu­lär»

Der WWF St.Gal­len wird 50 Jah­re alt. Sein Ge­schäfts­lei­ter Lu­kas In­der­maur zieht bei der Be­ur­tei­lung der ak­tu­el­len Si­tua­ti­on von Na­tur und Um­welt ei­ne durch­zo­ge­ne Bi­lanz.

Von  Reto Voneschen
2605 Redeplatz Lukas Indermaur

Freu­de am Ma­chen

«Urs Frei. A – Z» im Kunst­mu­se­um St. Gal­len ist die ers­te Re­tro­spek­ti­ve zum aus­ser­or­dent­li­chen Schaf­fen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Ar­bei­ten ge­ben Ein­blick in ein Werk, das kaum zu fas­sen ist. Das ge­hört zu sei­ner Qua­li­tät.

Von  Ursula Badrutt
Urs frei online

Ideen für die Zu­kunft

Wie wol­len wir künf­tig le­ben und un­se­re Nah­rungs­mit­tel pro­du­zie­ren? Die Aus­stel­lung «How goes To­mor­row» der Ost­schwei­zer Künst­le­rin Clau­de Büh­ler in der Shed­hal­le in Frau­en­feld sen­si­bi­li­siert für nach­hal­ti­ge Hand­lungs­stra­te­gien. 

Von  Vera Zatti
IMG 9114

Vom Un­glück der Frau, die ihn ge­bo­ren hat

«Das Kind zu­rück­las­sen? Wie kann man so dumm und herz­los sein», schreibt der Schwei­zer Au­tor Lu­kas Bär­fuss über sei­ne Mut­ter, die kei­ne Mut­ter für ihn sein konn­te. In sei­nem neu­en Buch schaut er in die Ver­gan­gen­heit und hat Ver­ständ­nis, nicht für die Mut­ter, aber doch für die­se Frau, die nie Glück und im­mer zu we­nig Geld hat­te.

Von  Sieglinde Wöhrer
Jhqzg1tg 1 1 Stefano de Marchi

Lau­sanne-Ouchy vs. FCSG – St. Gal­len ist end­lich Cup­sie­ger!

Gaal, Gört­ler und Wit­zig schies­sen St. Gal­len zum lang­ersehn­ten Cup­sieg!

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bis­se am Bo­den­see­ufer

Die Me­di­ka­men­ten­ver­su­che von Müns­ter­lin­gen als Teil ei­nes Vam­pir-Mu­si­cals? Auf die Idee muss man erst ein­mal kom­men. Die Büh­ne Mam­mern wagt den Ver­such. Ab 29. Mai im Zir­kus­zelt.

Von  Michael Lünstroth
Cast landscape

Zwi­schen Gleis, Ge­gen­wart und Ge­sell­schaft

Die dies­jäh­ri­ge Kul­tur­lands­ge­mein­de fin­det ent­lang der Bahn­li­nie zwi­schen Gos­sau und Was­ser­au­en statt. Es ist ein in­ter­dis­zi­pli­nä­res Ex­pe­ri­m­ent­zwi­schen Kunst, Ge­sell­schaft und Ak­ti­vis­mus. Aus­ser­dem stellt die Kul­tur­lands­ge­mein­de künst­le­risch und or­ga­ni­sa­to­risch die Wei­chen für die Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
KULA Vorstand Oleksandra Tsapko