Jakob will zum Beispiel am 22. März nach Lichtensteig gehen, zur Ausstellung «Ein Stück weit Pionier» rund um den Skispringer Walter Steiner. Oder Ende April an die Saisoneröffnung der Rhein-Schauen. Oder im Mai ans Naturstimmen-Festival im Toggenburg. Bei all diesen Anlässen – und vielen hundert anderen landauf landab – steckt Geld vom Kanton drin.
Nichts gegen Konzert und Theater, gegen das Textilmuseum oder die Kunsthalle St.Gallen. Aber die wahren Säulen der Kultur heissen Treppenhaus Rorschach, Diogenes Theater Altstätten, Madlen Heerbrugg, Fabriggli Buchs, Jazzfestival Sargans, Altes Kino Mels, Kulturkreis Walenstadt, Rotfarb Uznach, IG Halle Rapperswil, Chössi Theater Lichtensteig, Zeltainer Unterwasser, Gare de Lion Wil, Momoll Theater Wil, Kulturpunkt Flawil und so weiter, die Aufzählung ist ungerecht, weil ganz viele da nicht genannt sind.
«Ländlicher Kulturkanton»
«St.Gallen lässt sich als gut ausgestatteter ländlicher Kulturkanton charakterisieren», steht lakonisch in der letztjährigen Botschaft zum neuen Kulturfördergesetz, das seit zwei Monaten in Kraft ist.
Vielfarbige Kultur: Fabriggli Buchs. (Bild: pd)
Zahlen bestätigen die Charakterisierung. Aus dem St.Galler Lotteriefonds fliessen jährlich Gelder in rund 80 Institutionen rund um den Kanton. Die «grossen Kisten» sind Schloss Werdenberg (mit jährlich 870’000 Franken weitaus an der Spitze), Kunstzeughaus Rapperswil-Jona (mit 280’000 Franken), Tonhalle Wil (mit 100’000 Franken) und Klangwelt Toggenburg (mit 290’000 Franken jährlich). Die kleinsten Lotteriefondsbeiträge betragen 10’000 Franken; das Vermittlungsangebot artefix Rapperswil, die Freilichtbühne Rüthi oder das Jugendorchester Il Mosaico in Wattwil gehören neben diversen anderen zu deren Nutzniessern.
Vom jährlichen Lotterie-Topf von gut 5 Millionen Franken (ohne Konzert und Theater St.Gallen) gehen insgesamt rund 3 Millionen in die Region und rund 2 Millionen in die Hauptstadt. Das Theater bekommt aus dem Lotteriefonds jährlich 7,9 Millionen, vom Kanton sowie von der Stadt St.Gallen je 8,5 Millionen und von den umliegenden Kantonen 3,3 Millionen; rund 12 Millionen sind Eigeneinnahmen, mehr dazu hier oder hier. Rechnet man Konzert und Theater weg, so ist die Balance zwischen «Stadt und Land» also einigermassen gegeben.
Und noch ausgeprägter fällt das Gleichgewicht aus, wenn man die regionalen Förderplattformen mit einbezieht: Südkultur, Rheintaler Kulturstiftung, Kultur Toggenburg, Kultur Zürichsee-Linth und Thurkultur. In ihnen haben sich die Gemeinden der Regionen zusammengeschlossen, sie fördern jährlich hunderte von kleineren Projekten und Veranstaltungen zur Hälfte aus eigenem Geld, zur Hälfte aus der Subvention des Kantons. Hier ist die Stadt benachteiligt: Sie hat, ebenso wie die Region Rorschach, keine vergleichbare Förderplattform.
Eingang zur Kultur: Diogenes Theater Altstätten. (Bild: Der Puck)
Man kann das als «nackte Zahlen» ansehen – aber hinter den Zahlen stecken Initiativen und kulturelle Aktivitäten von Leuten in der Region. Im Diogenes Theater Altstätten, einer der Pionier-Institutionen auf dem «Land» (das in Wahrheit eine ziemlich städtisch tickende Agglomeration ist, zumindest im unteren und mittleren Rheintal), hat zum Beispiel gerade dieser Tage der theater-eigene Diogenes-Chor sein neues Programm «55 Grad Nord» aufgeführt. Und gezeigt: Hinter den Zahlen steckt Herzblut.
«Existentiell für den Ringkanton»
Etwas abstrakter formuliert dies die Botschaft zum neuen Kulturfördergesetz vom vergangenen Jahr. «Die kulturelle Vielfalt zu fördern, wird in einer heterogener werdenden Gesellschaft immer bedeutender, um unterschiedliche Bevölkerungsgruppen am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen», heisst es dort. «Für den Ringkanton St.Gallen gilt dies verstärkt, weil seine Regionen historisch und dadurch auch kulturell sehr unterschiedlich geprägt sind. Es gilt, die kulturellen Stärken der Regionen als ebenso identitätsstiftende wie bindende Kräfte zu fördern. Aktive Kulturpolitik beschränkt sich daher nicht auf die Förderung des künstlerischen Schaffens und auf die Erhaltung des kulturellen Erbes. Sie zielt auf die Beteiligung möglichst vieler Bevölkerungsgruppen am kulturellen Leben und auf kulturelle Orte des Austauschs und der Begegnung.»
Seit 30 Jahren ein Ort der Begegnung: Das Alte Kino Mels. (Bild: pd)
Kulturschaffende leisteten in diesem Sinn einen unverzichtbaren «service au public», für Bildung, Gesellschaft und Demokratie. Kultur belebe Gemeinden und Städte, stärke die Regionen und gestalte Lebensräume mit. «In vielen Städten und Gemeinden des Kantons, von St.Gallen über Wil, Lichtensteig, Rapperswil-Jona und Buchs bis ins Rheintal sind die Kulturorte – von Kleintheatern über Museen bis zu Ausstellungs- und Konzertlokalen bzw. -anlässen – gesellschaftliche Treffpunkte, Brennpunkte zivilen Engagements», steht in der Kulturförder-Botschaft.
Lob der Laienkultur
Rund 70 Prozent der Bevölkerung besuchen denn auch gemäss Kulturstatistik des Bundes von 2016 wenigstens einmal im Jahr Institutionen wie Museen, Konzerte, Denkmäler oder Kinos. Das heisst umgekehrt allerdings auch: 30 Prozent sind kulturabstinent, zumindest nach traditionellerem Kulturbegriff. Knapp die Hälfte geht einmal im Jahr ins Theater (47 Prozent). Knapp zwei Drittel der Bevölkerung sind in irgendeiner Form selbst kreativ tätig (Zeichnen, Malen, Musizieren, Singen, Tanzen, Laientheater usw.). Überdies sind schweizweit 28 Prozent der Bevölkerung in Kulturvereinen der einen oder anderen Art kulturell aktiv. «Die Tätigkeit dieser Laienverbände ist von grundlegender Bedeutung für die kulturelle Teilhabe der Bevölkerung», hält die Regierung fest.
Jakob findet: All das könnte man mitbedenken, bevor man das Theater, wie es die Gegner des Baukredits tun, als Sache einer kleinen Elite schlechtredet. Kulturfreundinnen und -freunde von Mels bis Mols und Unterwasser bis Obersteinach hätten jedenfalls Grund, sich aufzuregen, wenn man sie als kultur-uninteressierte Banausen hinstellt.
Abgesehen davon, dass es am kommenden Sonntag nicht um Kulturgeld geht, sondern um einen Baukredit – also um Wirtschaftsförderung. Ein Ja heisst: Das Geld wird nicht in «elitäre» Kunst verbuttert, sondern fliesst in die Kassen der Handwerker, Planerinnen und Baufirmen. Ein Nein, um es mit Manuel Stahlbergers Lied zu sagen, «schadet der Wirtschaft».
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.