Man kann mit Argumenten politisieren. Oder, wenn man keine hat, mit falschen Zahlen und Behauptungen. Letzteres praktiziert das Ende letzte Woche in alle Briefkästen verteilte «Extrablatt». Es umfasst die üblichen fremdenfeindlichen Parolen sowie drei jeweils kantonal unterschiedliche Extraseiten. In St.Gallen sind sie dem Theaterkredit gewidmet.
Am Montag hat zudem auch das Nein-Komitee aus SVP und Jungfreisinnigen informiert und dagegen protestiert, dass das «zwangsfinanzierte» Theater von den Landregionen mitgetragen wird. Gemeinsinn und Solidarität tönen anders.
Hinzu kommt: Die Partei spielt falsch und gegen ihre eigenen Leute, und dies finanziell und inhaltlich. Die drei finanziellen Lügen im «Extrablatt» sind:
Falsche Stühle
«Nein zu 50 Millionen Franken für neue Überzüge auf alten Stühlen»: So heisst die Schlagzeile im Blatt. Teurer neuer Wein in alten Schläuchen? Die Erneuerung der Theaterbestuhlung kostet in Wahrheit nur etwa ein Hundertstel des Gesamtbetrags von in Wahrheit nicht 50, sondern 48,6 Millionen Franken. In der Vorlage ist sie ausgewiesen als Teil eines 7-Millionen-Betrags für diverse Betriebseinrichtungen, der daneben auch Akustikmassnahmen, Brandschutzanlage, Installationen für Lüftung und Kälte, Kücheneinrichtungen der Kantine, den Warenlift für die Kulissen und weitere Apparate umfasst.
Falsche Honorare
Sie betragen 7,35 Millionen Franken oder 18 Prozent der Anlagekosten – ein hoher Betrag, stellt die Regierung selber fest. Er resultiere daraus, dass für die «komplexe Bauaufgabe» zusätzlich Spezialisten wie Bühnen- und Brandschutzplaner, Akustiker, Gastroplaner und Schadstoffexperten nötig seien. Das kann man vermutlich diskutieren, aber die Millardärspartei, locker im Umgang mit grossen Zahlen, schlägt auf den Betrag noch knapp 3 Millionen drauf, von denen ein Teil unter «Vorbereitungsarbeiten» figuriert, aber bereits enthalten ist. Und fragt «Gaht’s no?». Falsche Zahlen – und, wie im «Tagblatt» kürzlich treffend glossiert, erst noch falscher Dialekt.
Falsche Subventionen
39,6 Millionen Franken beträgt der Aufwand des Theaters St.Gallen pro Spielzeit. 11,8 Millionen werden eingespielt, das sind ziemlich genau 30 Prozent, und diesen Eigenwirtschaftlichkeitsgrad verlangt auch die Leistungsvereinbarung mit dem Kanton. Er ist schweizweit Spitze.
Die Subventionen: 20 Millionen liefert der Kanton St.Gallen, darin inbegriffen sind rund 3,4 Millionen aus den umliegenden Kantonen TG, AR und AI gemäss Finanzausgleich. Die Stadt schliesslich trägt rund 8 Millionen bei. Das «Extrablatt» schlägt die rund 3,4 Millionen Franken der anderen Kantone dreist auf die 20 Millionen drauf, obwohl diese direkt an den Kanton gehen und damit abgezogen werden müssen. Und macht damit aus Minus Plus.
Verschwiegen wird auch, dass seit der Neuregelung der zentralörtlichen Leistungen 2011 die Nachbarkantone massiv mehr an das Theater zahlen – und den Kanton St.Gallen dadurch entlasten. Dass der Eigenfinanzierungsgrad des Theaters damit bloss 21 Prozent betrage, wie es im Blatt steht: gelogen.
Fazit zum ersten: Würden die Bauern um Toni Brunner in ihrem eigenen Stall so vorsätzlich falsch rechnen, dann bräuchten sie noch ein paar Subventionen mehr.
Ein einig Volk von Egoisten?
Inhaltlich spielt die Milliardärspartei ihren Klassiker aus der Mottenkiste «Das arme Volk – die reichen Eliten». Nach der Falschrechnung mit den Subventionen folgert das Blatt: «Der Büezer im Toggenburg oder Sarganserland finanziert jeden Theaterbesuch der deutschen Professorengattin mit über 140 Franken mit.» Und Brunner gibt noch eins drauf: Es gehe um ein «einzelnes Theater, das die Mehrheit der St.Galler Stimmbürgerinnen und Stimmbürger nur vom Hörensagen kennt».
Fazit zum zweiten: So kommt es, wenn man von sich auf alle anderen schliesst. Und nur dort zahlen will, wo man selber profitiert. Bauernmentalität? Büezerdenken? Nein: Millionärsdenken und Egoistenmentalität. Lesenswertes dazu haben mit Blick auf No-Billag das Portal Infosperber sowie, im Magazin der «Süddeutschen Zeitung», Kolumnistin Caroline Emcke gesagt.
Schlecht fürs Volk
Was das Theater St.Gallen betrifft: Es gibt einige Gründe für ein Ja. Handfeste und grundsätzliche. Ein Nein hingegen wäre schlecht ausgerechnet für die traditionelle Klientel der Milliardärspartei, nämlich fürs heimische (Bau-)Gewerbe, das vom Theaterumbau in erster Linie profitiert, mehr dazu hier.
Dass das Geld nicht für angebliche «Elitekultur», sondern für Beton, Fenster, Polsterei, Heizungstechnik und andere nützliche Dinge ausgegeben wird und nach dem Umbau in erster Linie den Backstage-«Büezern» am Theater zugute kommt, steht im lügnerischen «Extrablatt» nicht.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Theater
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.