Die Werbespots säuseln aus den Lautsprechern. «Die kreative Stickerei ist ein Dienst an lächelnder Schönheit.» «Aus maschineller Prosa wird gestickte Poesie.» «Angeborenes Einfühlungsvermögen in das, was die Welt braucht, machte die Stickerei gross.» «Der älteste und traditionsreichste Erwerbszweig der Ostschweiz.» Die Sätze aus PR-Broschüren der Branche nerven, noch bevor das Stück beginnt.
Später man hört die Sätze noch einmal, aber jetzt aus dem Schmollmund der beiden Stadtführerinnen, die dem Jung-Textiler Alex an die Wäsche gehen. Und jetzt bekommen sie Hintersinn; beim «traditionsreichsten Erwerbszweig» assoziiert man das älteste Gewerbe der Welt, aus «Einfühlung» wird zweideutige Tuchfühlung. «Im Fall…» säuseln die Girls ihren Schmeicheleien jeweils hintendrein. Die Sätze sprühen, das Publikum lacht, die kleine Episode ist eines der Highlights des Abends.
Der ist auch sonst lohnend – wenn auch nicht jede der rund zwei Dutzend Episoden so mehrschichtig gestickt ist wie diese.
Pioniere aus dem Jenseits: Isaak Gröbli (Bruno Riedl) und sein Sohn Joseph, Erfinder der Maschinenstickerei (Tobias Fend).
Vorsicht ist ihr erstes Wort
Der Stückauftrag des Theaters St.Gallen an die junge, in Ausserrhoden aufgewachsene Autorin hat es in sich: Das Stickereitrauma, diesen komplexen Jahrhundertprozess, auf einen Theaterabend zu komprimieren, geht nicht ohne Zuspitzungen ab. Schnyder löst das Problem, indem sie den (im doppelten Wortsinn) Fall St.Gallens kurzerhand vor Gericht bringt. Leitmotiv des Stücks ist ein Tribunal, das unter Führung von Isaak Gröbli, dem Erfinder der Schifflistickmaschine, Jahr für Jahr rituell den Ersten Weltkrieg als Schuldigen für den Niedergang der Branche verurteilt – Bruno Riedl spielt den Gröbli als schwungvollen und von keinerlei Selbstzweifel angekränkelten Master of Ceremonies.
Schnyders Haupt-Anklagepunkt ist dagegen gerade dies: der fehlende Wagemut und die ausbeuterische Haltung der Ostschweizer Textilbarone.
Pittoresk: Die Sticker proben den Aufstand.
Die Szenenfolge führt historische Personen sowie Allegorien wie den Krieg und die Stadt mit der Gegenwart zusammen. Und die krankt am gleichen Angstsyndrom wie das Damals. Möchtegern-Jungunternehmer Alex scheitert mit seiner Nanotextil-Vision wieder an der fehlenden Risikobereitschaft der «ehrwürdigen Herren von St.Gallen». «Vorsicht» ist ihr erstes und – im Schlussmonolog – auch Alex‘ letztes Wort.
Grelle Regieeinfälle
Zur Generalkritik, die das Stück am fehlenden Unternehmergeist übt, fügt Regisseurin Elisabeth Gabriel noch ein paar deftige Regie-Farbspritzer hinzu. So tönen die Stimmen des Tribunals fiepig aus den Lautsprechern – eine akustische Geisterbeschwörung. Der Krieg ist ein zitterndes Nervenbündel. Die Stadt brummt als Bär (das legendäre Requisit aus der «Bärenjagd») durch den Saal. Die Revolution verkümmert mit wehenden Fahnen und üppigem Theaternebel zum pittoresken Fotosujet.
Das Ensemble hat die Szenen wesentlich mitentwickelt und spielt mit Lust diverse Rollen. Mit dabei: Tobias Fend, Bruno Riedl, Julian Sigl, Diana Dengler, Wendy Michelle Güntensperger, Oliver Losehand, Dominik Kaschke als Alex sowie (im witzigen Auftakt mit St.Galler Panini-Bildli) die Kinder Dominik und Raffaela Fürer.
Stadtführerin (Diana Dengler) und die Sticker (Oliver Losehand, Wendy Michelle Güntensperger).
Die Einfälle sind grell, aber präzis. Sie machen vielleicht nicht gerade «aus maschineller Prosa gestickte Poesie». Aber das Ensemble holt Spiel-Varianten aus dem Text, lädt ihn mit Aktion auf, begleitet von einem saftigen Soundtrack (Nikolaus Woernle) und in Choreografien, die mal kabarettistisch sind wie die «Ode an die Stadt»-Prozession (samt unvermeidlicher Bratwurst), mal in Brecht-Manier anklagen wie beim Aufstand von Stickerin und Sticker gegen Hungerlöhne und Krankheit.
Abstellgleis bleibt Abstellgleis
«Schlauchtal. Karger Boden für Visionen. Ort der erstickten Träume.» Das ist St.Gallen in den Tiraden der «Visionäre auf dem Abstellgleis». Joseph und Alex rappen ihre Wut lauthals ins Mikrofon. Doch sie bleibt so folgenlos wie die Revoluzzerpose der Sticker und der kurlige Auftritt einer verschleierten «Madame» aus Lyon, die ihren Anteil am Stickereiboom fordert.
Die Tiraden hat man schon heftiger gehört, Andreas Niedermann beschimpfte St.Gallen als «Arschfalte», Niklaus Meienberg als «Gallenstadt und Nierenstadt», Bruno Pellandini lachte in der Bärenjagd über «Strunzenburg». 2015 hält Rebecca Schnyder dem «Schlauchtal» einen Spiegel vor, der eher amüsiert als schmerzt.
Was ihr Stück leistet, ist dennoch nicht wenig. Es animiert zum Diskutieren über die Stadt und ihre Minderwertigkeitskomplexe. Es protestiert gegen ein Schweigeklima, das im Stück selber so benannt wird: «Erinnert uns nicht. Wir wollen vergessen. Und so bleibt die Stadt stumm.»
Nächste Aufführung: 11. November 20 Uhr, Lokremise St.Gallen. Weitere Vorstellungen bis 28. November. theatersg.ch
Bei Schnyder spricht die Stadt – der Stoff, aus dem die Geschichte ihres Niedergangs gewoben ist, bleibt zwar revueartig im Unterhaltenden, doch nach der Vorstellung tauchen im Foyergespräch dennoch rasch Parallelen auf; hier ein Bauprojekt, das behindert wird, dort eine Entwicklungsidee, die die Bevölkerung entzweit… Die Schneiderbüsten, die Ausstatter Vinzenz K. Gertler rundum im Saal aufgestellt hat, bieten eine vielfältige Projektionsfläche: für die konkreten Stickmuster ebenso wie für das kollektive Psycho-Strickmuster der Ostschweiz und ihr Leitwort: «Vorsicht».
Dass diese Vorsicht auch ihr Gutes hat, wäre ein anderes Stück. Im Fall… und für den Fall, dass Schauspieldirektor Tim Kramers mutiger Stückauftrag von seinem Nachfolger weitergedacht wird.
Der diesjährige Autorenwettbewerb der Theater St.Gallen und Konstanz geht in die Schlussrunde: Im Final ist auch die in Ausserrhoden aufgewachsene Rebecca C.Schnyder.
Tunneleröffnung
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