Das Schicksal kommt von unten über Güllen. Erst taucht die rote Haarpracht auf, dann das sonnenbebrillte Gesicht und der in Nerz gehüllte und mit Perlen geschmückte Körper der Claire Zachanassian. Aus der Bahnhofunterführung, dem Güllenloch, steigt sie die Treppe hoch, die alte Dame, mit ihrem Gefolge von Dienern, blinden Eunuchen und einem vertrottelten Ehemann.
Ihr Besuch verändert alles im heruntergekommenen, mausarmen Kaff, in dem kaum noch ein Zug hält. Sie verspricht der Stadt Reichtum, fordert dafür aber den Tod ihres ehemaligen Geliebten Alfred, der vor Jahren dafür gesorgt hat, dass sie, schwanger und mittellos, aus Güllen verstossen wurde. Nun bringt sie das grosse Geld, doch bezahlen muss ein anderer – mit seinem Leben. Und die braven Bürger, anfangs empört ob diesem unmoralischen Angebot, sorgen im Verlauf der Handlung zielstrebig dafür, dass der Job fein säuberlich ausgeführt wird.
Klamauk und kichernde Frauen
Karge Ausstattung: Claire (Heide Maria Glössner), Alfred (Wolfgang Krassnitzer) und das Ensemble.
Dürrenmatts Stück aus dem Jahr 1955 lässt noch immer das Blut in den Adern gefrieren. Ausweglosigkeit, Rache, Jagd auf einen Wehrlosen und die Macht des Geldes: Auch heute noch gehört all das zum Stoff, aus dem Serien gemacht werden. Trotz aller Dramatik der Vorlage vermag die St. Galler Inszenierung von Kurt Josef Schildknecht jedoch keine richtigen Gänsehaut-Momente zu schaffen. Einen Teil dazu mag die karge, offene Bühne von Bühnenbildner Rudolf Fischer beitragen – Nähe zur Handlung und den Darstellern entsteht vorrangig bei jenen Szenen, die direkt an der Rampe spielen.
Nicht zu überzeugen vermag der eingebaute Klamauk. Dürrenmatt hat seinem Text genügend subtilen Humor beigemischt, um aus der bitterbösen Geschichte eine Tragikomödie zu machen. Da brauchen die blinden Eunuchen nicht in die Wand zu laufen, damit Komik entstehen kann. Die Inszenierung lässt ab und zu an Tempo und Fluss vermissen, gerade in Alfreds Konfrontationen mit den Dorfgrössen wie dem Pfarrer oder dem Lehrer, und die beiden penetrant dümmlich kichernden Frauen als «Dritte» und «Vierte» zeichnen ein fragwürdiges Frauenbild. Braucht man das heute wirklich noch zu sehen? Ebenso überflüssig ist Diener Robys (Tobias Fend) kleine Einlage vorne an der Rampe mit Gitarre in bester Casting-Show-Manier.
Als Gast verleiht Heidi Maria Glössner der Claire Zachanassian kühle, teilweise etwas hölzerne Eleganz, trockenen Humor und eine rauchige Stimme. Wolfgang Krassnitzer als Alfred Ill nimmt man den jungen Wilden vergangener Jahre ab, der in seiner Verzweiflung immer stärker wird. Überkandidelt und etwas grobschlächtig spielt Thomas Hölzl den schleimigen Bürgermeister. Bruno Riedl wird als Lehrer im Zwiespalt je besoffener desto besser, und Christian Hettkamp bringt in der Dreifach-Rolle der Zachanassian-Ehemänner VII bis IX amüsante Farbtupfer in die graue Szenerie. Als Volk von Güllen fungiert ein Chor, der zu verschiedensten Gelegenheiten harmlose Volkslieder zum Besten gibt und damit der makabren Handlung eine heuchlerisch-heile Welt gegenüberstellt.
Je länger, desto gelber
Die Farbe Gelb dirigiert Alfreds Schicksal, und sie wird in den Kostümen von Marion Steiner im Laufe des Stückes immer dominanter. Mit den gelben Schuhen, die bei den Güllenern von einem Tag auf den anderen in Mode zu geraten scheinen, fängt der Verrat an. In der finalen Gerichtszene stehen die biederen Bürger aufgereiht bis über die Vorbühne und sehen in ihren neuen Pelzmänteln und dem knalligen Schuhwerk wie Pinguine aus.
Nordkoreanische Verhältnisse – Claire, der Butler (Hans Rudolf Spühler) und das Volk in gelb. (Bilder: Tine Edel)
Die Abstimmung über Alfreds Schicksal erinnert an die diktatorische Ästhetik einer Nationalfeier in Nordkorea. Sowohl der lamentierende Bürgermeister als auch alle anderen Wichtigen der Stadt sind von Kopf bis Fuss in gelb gekleidet. Alle ausser Alfred, der dem Publikum in seinen letzten Minuten nur noch den Rücken zukehren darf. Natürlich fehlen beim Todesurteil die Medienvertreter nicht, die von Dürrenmatt schon in den 50er-Jahren ihr Fett wegkriegten. Wendy Michelle Güntensperger strahlt als eifrige Radio-Reporterin gekonnt die nicht vorhandene Sensibilität einer Tele Züri-Patty Boser aus.
Am Schluss haben alle ihren Willen, sogar Alfred, der im Sinne von Schuld und Sühne seinen eigenen Tod als gerechtfertigt empfindet. Im von der Zachanassian eigens mitgebrachten Sarg wird er davongetragen, nach Capri, ins Mausoleum mit der schönen Aussicht, wohin ihm Claire wohl demnächst freiwillig folgen wird. Der sehnlichst erwartete Scheck landet vor den gelben Schuhen des gierigen Volkes auf dem Boden. Mission erfüllt, Abgang der alten Dame. Dem Publikum gefällt’s. Und letztlich ist das Stück stark genug, um von selbst zu funktionieren. Somit werden ihm auch einige überflüssige Regieeinfälle nicht wirklich zur Gefahr.
Fünfzehn Vorstellungen bis Februar, Infos: theatersg.ch.
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