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Scharfes Theatergulasch

In der Lokremise kocht das Theater St.Gallen als Schweizer Erstaufführung eine Suppe, die vermutlich nicht alle mögen. «Hungaricum» der Brüder Presnjakov spielt an Europas Grenze - wild, assoziativ, ohne Moral. Saiten hats geschmeckt.
Von  Peter Surber
Marcus Schäfer, Anja Tobler.

Man kommt über zwei Türen ins Stück. Wer den Weg über die Schweiz wählt, kriegt ein Schweizerfähnchen in die Hand gedrückt, das im weiteren Verlauf keine Rolle mehr spielt. Wer über Ungarn einreist, bleibt ohne Fähnchen, ist dafür am richtigen Ort: Das Ensemble richtet in der Lokremise ein ordentliches Theatergulasch an und schmeisst ausserdem ein paar deftige balkanisch-transsilvanische Zutaten in den Topf. Anhängern des gepflegten Geschichtenerzählens dürfte die Suppe nicht schmecken – Freunden des mitteleuropäischen Kulturraums dafür umso mehr. Wer sich einlässt, erfährt und erfühlt manches über die Verlorenheit und die chaotische Vitalität der Modernitätsverlierer an der europäischen Ostgrenze.

Falsche Polizistin stellt Mozart-Junkie …

… so etwa könnte die Schlagzeile zum Stückauftakt lauten. RENDÖRSEG steht in Grossbuchstaben auf der schwarzen Uniform von Julia. Diana Dengler nimmt man die Polizistin trotzdem nicht ganz ab, und wie sich später herausstellt, zu Recht – Job als Autoverkäuferin verloren, keine Aussicht auf einen neuen, «dann kann ich mich ja auch selber anheuern».

Die Schattenwirtschaft funktioniert denn auch erstmal prächtig; der Mozart-Junkie aus Österreich (Tobias Graupner) bleibt mit seinen 130 Gramm Kokain hängen, dem Mädchen (Jessica Cuna) knöpft sie den Laptop ab und macht damit ihren suppenkochenden Gatten Adam (Bruno Riedl) glücklich, sie kontrolliert den Deutschen (Marcus Schäfer knurrend als deutscher Wolfshund) mit seinem höchst verdächtigen Menü – was kann eine deutsche Suppe in Ungarn schon wert sein.

Marcus Schäfer, Diana Dengler.

Mit Suppen kennt sich das Stück überhaupt aus. Riedl-Adam rührt ungerührt in seiner jüngsten, dem Laptop entlockten Kreation und schwärmt vom grenzüberschreitenden europaweiten Suppentransit. Das Mädchen rezitiert ein chinesisches Schwalbennestsuppenrezept, dass es sogar hartgesottenen Mitteleuropäern schlecht wird. Ganze Suppenlitaneien bekommt man zu hören. Und natürlich köchelt in den Töpfen nicht nur Wasser, Rindfleisch und Paprika.

Was die Brüder Presnjakov, das russische Autorenduo, in ihrem 2011 uraufgeführten Stück auftischen, ist die Gemengelage zwischen Aufbruchhoffnung und Perspektivenlosigkeit, für die die Grenze im Irgendwo-«Hungaricum» symbolisch steht – samt einem ins Groteske übersteigerten Ungarn-Chauvinismus, stellvertretend für die neuerwachten Nationalismen rundherum. Hinten, auf die Wand projiziert, fahren einen Abend lang die Autos vorbei, manchmal in Zeitlupe, das Motorengeräusch hört nie auf. Für die sechs Personen an der Grenze aber gibt es kein Weiter, sie sind Gestrandete auf der Suche nach einer Rolle in einem Europa, das für sie keinen Platz vorgesehen hat. «So wie man wirklich ist, braucht einen kein Mensch», sagt Mozart.

Saras Traum

Ausstatterin Clarissa Herbst hat einen unwirtlichen Ort mit zwei Podesten, Dreckboden, als Bäume verkleideten Säulen und einem Kulissenvorhang gebaut, auf dem zwischendurch die Tankstelle erscheint. Hier suchen sich sechs Personen eine Ersatz-Existenz, als Mozart und Schmuggler, als Koch, als Polizistin. Das namenlose junge Mädchen erträumt sich einen Welterfolg in Cannes mit ihrem Film über die Greife im Gebirge, den sie angeblich gedreht hat. Und allen voran Sára-Šariko: Anja Tobler verkörpert in Reinkultur den Traum und Alptraum der mitteleuropäischen Gegenwart.

Anja Tobler, Marcus Schäfer, auf dem Baum Tobias Graupner.

Singen hat sie studiert, jetzt ist sie Kantorin in der Kirche, regt sich über Adam auf, weil der sie im Gottesdienst übertönt, was Riedl und Tobler zu einem zum Heulen lustigen Duett-Duell «Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser» treibt. Daneben legt sie sich für Zsolt, ihren «Gebieter», mit den Lastwagenfahrern ins Bett, bis Mósez (Marcus Schäfer) auftaucht, der transsilvanische Traummann mit dem angeblichen Club im Gelobten Land, bei dem sie angeblich als Sängerin gross herauskommen wird.

Für einen Moment scheint der Traum Wirklichkeit zu werden. Die Drehbühne mit dem Stern, der weniger an Europa als an die Löwen-Podeste im Zirkus erinnert, dreht im Liebestaumel der beiden immer schneller und wandelt sich in die Bühne des Eurovision Song Contest (Musik: Knut Jensen). Hier kocht die Suppe der grossen europäischen Verbrüderung, mit einem nochmal verwandelten Marcus Schäfer als Heilsbringer in Jesusgestalt. Sara ist «The only one crazy», Mozart und das Mädchen trällern einen Schlager, Riedl und Dengler probieren es mit Mani Matter und Schweizerfähnchen natürlich erfolglos. Let’s party Europe, united we are untoppable, radebrecht Schäfer – bis zum tatortverdächtigen Showdown im jetzt wieder entzauberten Dreck der europäischen Grenz-Realität.

Jessica Cuna, Tobias Graupner.

Regisseurin Sabine Harbeke und das Ensemble mögen es schrill, mit wilder Spiellust und manchmal mit einer Neigung zum Klamauk, die das Bedrohlich-Unheimliche der Grenze vergessen lässt, die jeder schon einmal erlebt hat, der zum Beispiel an der ungarisch-ukrainischen Grenze festgesessen ist – trotz solid europäischem Pass. Was die Produktion, eine Schweizer Erstaufführung, aber leistet und sehens- und fühlenswert macht: Sie transportiert jenes zerbrechliche Über-Lebensgefühl, für das die Grenze im Stück und in Wirklichkeit steht.

«Ich warte hier», sagt Jessica Cuna ganz am Anfang. Und warnt Mozart: «Vielleicht kommst du hier gar nicht mehr weg». So ist es am Ende. Draussen vor der Lokremise steht der Toyota, Riedl sitzt am Steuer, Anja Tobler neben ihm, Jessica Cuna schwingt auf dem Autodach die schwarzen Fahnen wie Greifen-Flügel. Aber der Motor springt nicht an.

Jessica Cuna auf dem Autodach.

Nächste Vorstellungen: 30.November, 2., 7. Dezember
Bilder: Dorothea Tuch
theatersg.ch

 

 

 

 

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