«Rorschach: Stadt am See». Das sagt sich in einem Atemzug. Der See ist ihr Schicksal. Im Museum im Kornhaus sind historische Fotos zu sehen aus Jahren, als der See das Ufer samt der Bahnstrecke unter Wasser gesetzt hat. Ein Zug pflügt sich durch das Hochwasser – ähnlich eindrücklich wie die Hochwassermarken an der Mauer des Kornhauses.
An diesem Dienstag, als Saiten in Rorschach Station macht, ist der See ruhig und nicht übervoll. Neben der Badhütte, gefährlich nah am Wasser, nistet ein Schwan, vielleicht derselbe, der dank der Berichterstattung im Gratis-Onlineportal «Rorschacher Echo» berühmt geworden ist (mehr dazu später) – halb Rorschach fieberte mit um seine Brut, die Spaziergänger sind auch dieses Jahr wieder dankbar für das Fotosujet.
Und noch ein paar Schritte weiter steigt Saiten-Redaktor Frédéric Zwicker in den kalten Frühlingssee.
Im Museum im Kornhaus (wo man fast übergangslos von der Modelleisenbahn zur Hirnforschung, von den Pfahlbauern zu Kaiserin Zita gerät oder sich in die Sonderschau zum Licht vertiefen kann) gefällt mir am besten die schmale dunkle Kammer, betitelt «Lebensraum See»: In Dioramen sind ausgestopfte Wasservögel zu bewundern, nebst einem Aquarium mit lebenden Fischen. Tritt man ein, geht das Licht in der ersten Vitrine an, und eine Ente beginnt zu schnattern. Zwei Schritte weiter, und das nächste Federvieh rückt ins Scheinwerferlicht und quakt los. Wer schnell weitergeht, löst ein ohrenbetäubendes Geschnatter von allen Seiten aus.
Ein Preis für Stadthistoriker Elsener
Rorschach und der See: An der «schönsten Hafenmauer der Schweiz», seinem Lieblingsplatz, erzählt Stadthistoriker Otmar Elsener von den langjährigen Debatten um die Gestaltung, Neugestaltung, Vielleicht-doch-nicht-Gestaltung des Hafenplatzes. Vorläufig vorletzte Etappe war das Nein der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger zu einem Restaurant-Pavillon, damit bleibt der «Chabisplatz» weiterhin Parkplatz.. Ein Jammer – aber dem Stadt-Sanktgaller Besucher kommt das Thema «Wie gestalte ich einen Platz?» irgendwie bekannt vor.
Was Rorschach an dieser Stelle fehle, sei eine «Willkommenskultur», sagt Elsener. Bodenseestädte wie Lindau oder Friedrichshafen empfingen ihre Gäste mit offeneren Armen und Beizen. Als Besucher findet man: Erstaunlich, dass sich Volk und Politik so schwer tun mit einer attraktiven Lösung für das Herz der Stadt. Einen Tag später, bei der Preisfeier für den Stürm-Preis, beschwören die Redner wortreich die Vitalität der Stadtentwicklung – am Hafen aber ist davon noch nicht viel zu spüren. Dabei zeigt der Blick (Bild unten) aus dem Kornhaus auf den Hafenplatz jedenfalls: Um eine solche Location kann man Rorschacherinnen und Rorschacher nur beneiden.
Otmar Elsener, 83, der lange Jahre in den USA gelebt hat, Seebub, Segler und Rorschach-Rückkehrer aus Passion, findet: Die Stadt habe sich in den letzten paar Jahren einen Ruck gegeben, sei «back on the map». Dass er mit seinen historischen Recherchen selber ein Stück dazu beigetragen hat, wird am Mittwoch öffentlich gewürdigt: Elsener erhält einen von vier Anerkennungspreisen der Carl Stürm Stiftung. Sein Buch mit «Geschichten aus der Hafenstadt» von 2011 erscheint inzwischen in vierter Auflage; im Herbst kommt ein zweiter Geschichten-Band im Appenzeller Verlag heraus.
Rorschach ist männlich
Stiftungspräsident Peter Thoma würdigt Elsener als leidenschaftlichen Stadtchronisten, der zeige, «dass die Stadt mehr ist als ein Bodensee-Hafen mit Kornhaus-Idylle und die Endstation in Mani Matters Eisenbahn-Lied». Für Rorschach gelte wie anderswo: «Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft.»
Die weiteren Preisträger: Lokaljournalist Res Lerch wird für seine Online-Plattform «Rorschacher Echo» ausgezeichnet, das Eventportal South Beach für seine Behauptung, Rorschach und Umgebung sei eine «Ausgehmeile» (eine Kritik des Portals ist hier nachzulesen), und der Kunstverein und sein Präsident Ruedi Stambach für sein 100-Jahr-Jubiläumsprogramm «Lichtjahr». Teil dieses Programms ist die Sonderausstellung «Licht und Schatten» im Kornhaus; ein eigentliches Lichtfest soll das Stadtfest am 5./6. Juni werden.
Vier markante Initiativen also für die Stadt am See, vier neue Träger eines Preises, der dazu geschaffen wurde, «die Region lebenswerter zu machen und ihr Image zu fördern». Und für einmal kann man die weibliche Form weglassen. Denn die vom ehemaligen Stahl-Industriellen Carl Stürm gegründete Stiftung hat es zustande gebracht, 2017 einmal mehr ausschliesslich Männer auszuzeichnen und auf die Bühne zu bitten. In Rorschach gibt es offenbar Rückenwind für die Stadtbelebung – aber nicht für die Frauen.
Rorschach, der See, die Stadt, die Nöte und Perspektiven: Ausführliches zum Thema im Juniheft von Saiten.
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