Dienstag, Saiten erkundet Frauenfeld. Für die grosse Besichtigungstour hat es dieses Mal nicht gereicht, dafür haben wir alte Bekannte wiedergetroffen: David Nägeli und Rémy Sax vom Kaff (Kulturarbeit für Frauenfeld). Dessen Vereinslokal befindet sich an der Rheinstrasse 14, im gleichen Gebäude wie die Autonome Schule Frauenfeld (ASF).
Nägeli und Sax waren nicht zu beneiden in den letzten Monaten. Sie sitzen im OK des Out in the green Garden-Festivals und mussten bitter erfahren, wie mühsam es ist, wenn ein paar Einzelne einigen Tausend einen Strich durch die Rechnung machen. Weil sie keinen Bock auf Kultur vor ihrer Haustür haben.
«Durch die Hölle gegangen»
Was ist passiert? Das Out in the Green Graden fand letztes Jahr zum siebten Mal statt. Es ist «eines der wenigen Openairs ohne Eintritt und Grossveranstaltungs-Flavour», hat Saiten-Kolumnist Rolf Müller einmal geschrieben – die Organisation läuft durchwegs ehrenamtlich, etwa 70 Helfer engagieren sich jedes Jahr. Früher fand das Festival jeweils im Botanischen Garten in Frauenfeld statt, letzten August zum ersten Mal im 2015 neu eröffneten und kürzlich prämierten Murg-Auen-Park. Das 2016er-Budget betrug rund 120’000 Franken, rund 3000 Leute haben das dreitägige Festival besucht.
Das passte einigen Anwohnern – die einen sprechen von sieben, andere von 30 – gar nicht: Im vergangenen November äusserten diese «heftige Kritik am Kulturfestival und den damit verbundenen Lärmemissionen», wie es in einer Medienmitteilung des Openair-OK heisst. Die Anstösser seien nach eigenen Angaben «durch die Hölle gegangen», am Anwohner-Apéro war sogar von «Folter» war die Rede. Das OK hat sowohl mit den Anwohnern als auch mit der Stadt mehrmals das Gespräch gesucht – mehr oder weniger erfolglos.
Zusätzliches Gewicht erhielten die Reklamationen durch einen Vorstoss von Fredi Marty (MproF, Menschen für Frauenfeld). Der Stadtrat erliess daraufhin «ergänzende Auflagen für Veranstaltungen im Murg-Auen-Park». Davon gibt es einige. Etwa 100 Veranstaltungen (ab 30 Personen) sollen es 2016 gewesen sein. Neu sind maximal 1000 Besucher pro Anlass erlaubt, der Auf- und Abbau der entsprechenden Infrastruktur darf höchstens drei Tage dauern und Musik nur «in sehr gedämpfter Lautstärke» gespielt werden.
2017 kein Out in the Green
Das hat dem Out in the Green Garden das Genick gebrochen. Die Begrenzung der Aufbauzeit mache den Aufbau des Festivals durch ausschliesslich ehrenamtliche Helfer kaum mehr möglich, schreibt das OK. Eine Delegation dieser Aufgaben an professionelle Unternehmen würde das Budget sprengen. Die Auferlegung strikter Nachtruhezeiten bedeute, Bar und Musik spätestens um 23 Uhr zu schliessen, was dem Festival die umsatzstärksten Stunden raube. Die Personenbegrenzung stehe zudem im Konflikt mit dem städtischen Wunsch, das Gelände jederzeit für Spaziergänger offen zu halten. Aus diesen Gründen «muss das Organisationskomitee dieses Jahr auf die Durchführung des Festivals verzichten» – auch weil sich das OK weigert, die allfälligen finanziellen Ausfälle durch Preiserhöhungen zu kompensieren. «Das Festival soll allen, von reich bis arm und von jung bis alt, offen stehen.»
Wir haben uns den Park nochmal angeschaut. Und festgestellt: Vieles ist schöner, wenns warm ist. Spaziergänger sahen wir genau zwei am Dienstagnachmittag, aber ja, es hat ein paar Anwohner, verteilt auf etwa fünf Häuser mit durchschnittlich zwei Parteien. Zwischen Wohngebiet und Park verläuft ein Kanal, die Murg, das Gebäude mit WC und Office befindet sich auf der gegenüberliegenden Park-Seite. Ansonsten nur Industrie rundherum.
Das sind zwar nicht ganz dieselben Voraussetzungen wie beim Kugl (da war es nur ein Anwohner, der Stunk machte) oder dem Weihern Openair in St.Gallen (das in einem Naturschutzgebiet stattfindet), aber die Geschichten ähneln sich trotzdem: Einzelne machen Druck auf Behörden, die diesen wiederum auf die Veranstalter abwälzen, welche im Worst Case kapitulieren müssen. «Das hat Symbolwirkung und wirkt, gerade auf junge Veranstalter, extrem demotivierend», kritisiert David Nägeli.
Zuspruch von privater und politischer Seite
Dabei gab es auf die Freiluftsause durchaus auch positive Reaktionen. Hier die schönste, ein Leserbrief von Inge Lackner in der «Frauenfelder Woche» (FW): «Wohne neben dem Platz und bin keineswegs durch die Hölle gegangen. Bin älteren Jahrgangs und habe das Fest besucht. War sehr überrascht über die friedliche Stimmung. Es war alles da an Generationen, Familien, junge sowie ältere Leute. Allen gefiel es sehr. Man muss so einen Anlass besuchen, bevor man Urteile fällt. Der Pavillon ist ideal für solche Anlässe, sowie der Park. Auch in der Altstadt hat es ab und zu Veranstaltungen, die Lärm verursachen. Da regt sich niemand auf.»
Kritik am Vorgehen der Stadt gab es auch von politischer Seite. Dass sich der Stadtrat jetzt nicht entschieden auf die Seite des «Out in the Green Garden» stelle, sei für ihn eine grosse Enttäuschung, schrieb Stephan Grob von der SP-Frauenfeld. «Hallo? 25’000 Einwohner! Wann wird den Leuten klar gemacht, dass sie in einer Stadt leben!? Das muss sich ändern. Das Ermöglichen von Kultur ist Service Public – und davon dörfs es bitzeli meh si!» Oder in den Worten von Charles Landert, Präsident der Frauenfelder Partei «Chrampfe & Hirne» (CH): «Eine kleine Gruppe von Anwohnern hat die Frauenfelder Verwaltung und Exekutive in die Knie gezwungen.»
Gesucht: ein Gesamtkonzept
Ein hoher Preis, bedenkt man, dass die Stadt Frauenfeld und auch der Kanton Thurgau das Festival seit längerem finanziell unterstützen. 2016 haben sie 15’000 beziehungsweise 9000 Franken gesprochen. Dieses Jahr wird es zwar definitiv kein Out in the green Garden geben – vielleicht ein paar kleinere Aktionen in der Innenstadt –, aber 2018 soll es voraussichtlich weitergehen. So lässt sich jedenfalls die öffentliche Aussprache vom 4. Februar im Kaff deuten. Hier der Bericht von Thurgaukultur.
Man wolle in den Leitlinien Spielraum lassen, versicherte Stadtpräsident Anders Stokholm und gab sich zuversichtlich, dass eine Lösung gefunden wird. Dafür müssten aber erst einmal alle städtischen Ämter am gleichen Strick ziehen, gaben Rémy Sax und David Nägeli beim Kafi mit Saiten im Vereinslokal zu bedenken. «Der Stadt fehlt ein umfassendes Konzept. Es bringt nichts, wenn das Amt für Kultur uns unterstützt, aber wir dem Amt für Jugend und Sport, das für den Murg-Auen-Park zuständig ist, gleichzeitig ein Dorn im Auge sind.»
Nägeli und Sax wünschen sich vor allem eines: dass die Stadt Position bezieht. «Die Rahmenbedingungen im Murg-Auen-Park müssen auf Dauer klar sein», sagen sie. «Wir wollen Planungssicherheit. Und dabei geht es nicht nur um unser Festival, sondern auch um andere Kulturveranstaltungen.» Mit diesem Wunsch sind sie nicht allein: Anfang Jahr wurde im Gemeinderat ein Vorstoss eingereicht, der vom Stadtrat eine Gesamtstrategie verlangt. Die Antwort soll demnächst folgen.
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
Anja Braun lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
Neues Buch
Bereits 1971 eröffnete Ursula Krinzinger ihre erste Galerie in Bregenz. Bis heute prägt sie die Kunstszene weit über die Bodenseeregion hinaus. Nun befasst sich die Bregenzer Sommerausstellung im Palais Thurn und Taxis mit der Galeristin.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 5: Emil Brunner – «Berg Kind Welt», Rapid Openair und Kulturufer.
Der Spagat zwischen europäischen Nächten und biederem Superleague Alltag ist oft schwer. So auch heute. Eine Leistungssteigerung und die richtigen Wechsel in der zweiten Halbzeit reichen aber für die ersten drei Punkte der Saison.
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.