In Schrekers Oper Die Gezeichneten kann man vielleicht nachvollziehen, warum diese Musik von den Nazis als «entartet» deklariert wurde. Die Musik verstört, gerade weil sie dem Wüsten Süsse beimischt. Der österreichische Komponist wurde ab 1932 sukzessive nicht mehr aufgeführt, sich selbst bezeichnet er als «verderblich auf das deutsche Publikum», gleichwohl ist er in der bezaubernden, humanistischen Virtuosität Gustav Mahler nah, dem anderen grossen jüdisch-urdeutschen Komponisten.
Schrekers Musik trägt Unruhe und Nostalgie zugleich, sie ist romantisch und konservativ, indem sie die Décadence des Fin-de-Siècle einfängt. Und sie ist in ihrer Atemlosigkeit geradezu eine Gegenmusik zur Süffigkeit und Süffisanz von Richard Strauss. Strauss bandelte mit den Nationalsozialisten an, Schreker wurde verfemt und zum Schweigen gebracht.
Antony McDonalds Inszenierung befriedigt eine Artistik, in der sich vom ersten bis zum dritten Akt der dramaturgische Kreis schliesst. Der gleiche Narr, der im Traum-Prolog dem elenden Alviano aufspielt, führt ihn am Ende ab in die vollendete Umnachtung. In dieser Logik ist jedes Drama, jedes Spiel eine Tragödie. Das Ende war vorauszusehen, das Spiel muss einmal enden. Das Spiel zu beenden ist die Tragödie.
Visuell wird diese Logik unterfüttert, indem die Handlung von Gemälden von Renaissance bis Moderne begleitet wird. Trotz der etwas lapidar motivischen Verknüpfung (die Protagonistin Carlotta ist Malerin) vermittelt diese Bildgalerie (eine Madonna à la Raffael, eine Kreuzigung nach Caravaggio und vielleicht noch ein Francis Bacon-Bühnenvorhang?) psychologische Innenräume und verhilft der Geschichte zu Momentum. Sie ist gut erzählt und mit gutem Tempo – tatsächlich verfliegen die knapp drei Stunden im Nu.
Auf der Insel der Schönheit
Aber worum geht es wirklich in dieser Oper? Um den reichen buckligen Alviano Salvago, der wegen seiner Missgestalt arm bleibt? Um das edle Innere trotz äusserlicher Hässlichkeit? Genau dies scheint die Geschichte vorzugeben – «The Beauty and the Beast», ein Froschkönig im noblen Genua. Hier erfindet Salvago eine Insel der Schönheit, die bald dem Laster verfällt und an die dunklen Orte des Marquis de Sade oder Gilles de Rais erinnert, wo junge Mädchen von Edelmännern entführt und misshandelt werden. Sie sind so mächtig, dass sie alle moralischen Grenzen überschreiten können.
Nächste Vorstellungen: 24. und 29. September theatersg.ch
Als Salvago merkt, was er mit seinem «Elysium» angerichtet hat, will er die Insel dem Volk schenken, was natürlich eine Entlarvung des Obszönen zur Folge hätte. Liest man die Geschichte so, fragt man sich, was Salvago selbst im Elysium getrieben hat, und ob es Reue und Selbstgerechtigkeit ist, die ihn veranlasst, die Insel zu verschenken oder ob sich Salvago zum Opfer macht, da er Carlotta verliert?
Oder geht es um Carlotta, die schöne Malerin, die im Bild der Wahrhaftigkeit mehr Erfüllung findet als in der Liebe? Geht es um die Idee der Liebe oder um die Verführungskünste einer libertinären, aber herzschwachen Frau, um das Aufbegehren gegen die Männerwelt? Oder gipfelt die Katharsis um den Antagonisten Vitelozzo Tamare in seinem abgrundtiefen Nihilismus und im Sieg des Stärkeren?
Im falschen Leben
Alle diese Lesarten können im Knäuel der sonderbaren Geschichte kaum schlüssig entwirrt werden. Die St. Galler Inszenierung entscheidet sich zu einer Interpretation, die durch Symbolik alles offen lässt. Andererseits wird vieles verdeutlicht, eine fokussierte Lichtregie (Wolfgang Göbbel) und wohltuende Reduktion auf wenige Bilder – aber schade, dass diese Bilder oft eigenartig entleert wirken. Vieles bleibt Idee, in diesem Sinne entspricht die Inszenierung dem Konstrukt eines expressionistischen, negativen Weltgefühls. Wahre Liebe gibt’s nur im falschen Leben, oder umgekehrt. Trotz wunderbarer Schauspieler fühlt man sich manchmal im falschen Film. Zwischen Carlotta und Salvago spürt man wenig Knistern.
Andererseits wirkt die Idee von Liebe aus Mitgefühl oder als Sog zum Hässlichen (was vielleicht die stärkste Interpretationsquelle dieser Oper wäre) in der Umsetzung banal. Die Edelmänner stehen im Dress von Studentenverbindungen oder in Fechtstellung singend umher, und das Elysium wird in dicken Lettern angeschrieben.
Nicht sadistische Orgien nähren hier unterdrückte Wünsche, sondern Botticelli-Paradiese mit nymphenhaft-beblumten Tänzerinnen und Tänzern (Choreographie Beate Vollack): eine Mischung aus Naturtanz mit Indianerbemalung und klassizistisch-gesittetem Ballett – eine Schönheit und Vorstellung von Reinheit, die immerhin alles Voyeuristische im Keim erstickt und das Publikum schont.
Klangvulkan aus dem Orchestergraben
Wenn auch viel Handlung im Ungefähren bleibt, ist die musikalische Gestaltung dieser Produktion beeindruckend präzis. Das Orchester begleitet prägnant und setzt die schemenhaften, irisierenden und oft perkussiven Klangfarben gekonnt ein. Alles fliesst, und die Soli wirken nicht als Verdopplung des Gesangs, sondern wie eine psychologische Verlängerung und Vertiefung. Wunderschön die bereits im Prolog auftauchenden Cello-Kantilenen und ihre Wiederholung, die Soli im Holz (teilweise bei getrübter Intonation), der Klangfluss im ganzen Orchester, die vielfach verknüpften Motive, die wie im Untergrund köcheln. Eine Musik, die eruptiv wie ein Vulkan den Hörer überwältigt, ein entfesselter, immerzu drängender Klang, der immer wieder in Entladung oder Selbstauflösung kippen will.
Schreker, der sich in überspitzter Ironie als «Klangkünstler, Klangphantast, Klangzauberer und Klangästhet» bezeichnete, dem «keine Spur von Melodie» gegeben sei, abgesehen von «kurzatmigen Floskeln und Melodielein», und der trotzdem «Melodiker von reinstem Geblüt» war, lebt diesen Widerspruch in dieser Oper meisterhaft aus. Der Orchestergraben des St. Gallers Theaters wird diesen gewaltigen Klangmassen nicht ganz gerecht, gleichwohl gelingt es Dirigent Michael Balke, sie in ihren dynamischen Spitzen zusammenzuhalten. Der Chor (Einstudierung Michael Vogel) singt dynamisch und hervorragend in der Diktion.
Hervorragendes Trio
Alle drei Solostimmen, Andreas Conrad als Alviano Salvago, Claude Eichenberger als Carlotta Nardi und Jordan Shanahan als Graf Tamare sind glänzend besetzt. Tomislav Lucic repräsentiert Herzog Adorno zu vage, aber Martin Summers ruhige Sonorität entspricht der Psychologie, der politischen Naivität Podestàs (eine weitere Interpretation dieser vielschichtigen Oper wäre der Klassenkampf).
Beeindruckend, wie Andreas Conrad der Rolle des Salvago Leben gibt, wie derselbe Salvago als Narr und am Ende als Held dasteht, oder wie es Jordan Shanahan schafft, im Moment seiner Ermordung als wahrer Geliebter Carlottas dazustehen. Claude Eichenberger füllt ihre ambivalente Rolle sicher aus. Ihre Stimme strahlt gleichzeitig Euphorie und Melancholie aus, und in vielen Facetten singt sie uns durch Schrekers exaltierte Melodien.
Trio fatal: Andreas Conrad, Jordan Shanahan, Claude Eichenberger.
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