Kategorie
Autor:innen
Jahr

Im Zentrum: die Musik und das Bett

Mehr als 100 Jahre lang war Wagners Oper «Lohengrin» in St.Gallen nicht zu hören. Jetzt hatte sie Premiere, und Wagners Musik entwickelt viereinhalb Stunden lang einen starken Sog. Zwiespältiger beurteilt Charles Uzor die Inszenierung.
Von  Gastbeitrag , 
Lohengrin und Elsa (Bilder: Iko Freese)

Die Weimarer Uraufführung des Lohengrin, 1850 unter der Leitung von Franz Liszt, kann der politisch gejagte Richard Wagner nicht erleben. Der schillernde Dresdener Revolutionär, der nach Zürich flieht, sich mit dem Anarchisten Bakunin zusammentut und von den Töpfen und Pfründen des Adels lebt, imaginiert das Werk mit der Uhr in der Hand und hört es erst elf Jahre später, als er bereits in anderen musikalischen Sphären ist.

Lohnt es sich, ein Werk wie den Lohengrin neu zu inszenieren? Oder anders gefragt, welche neue Einblicke bringt eine Wieder-Inszenierung dieser seit 1912 in St.Gallen nicht mehr gespielten Oper?

Romantik und Deutschtümelei

Wenn auch der erklärte Fokus der Inszenierung – nämlich weniger auf den Titelhelden, sondern auf die illusionsverhaftete und desillusionierte Elsa gerichtet – nicht ganz plausibel wird, erlebt man in dieser Inszenierung ein sorgfältig durchgehörtes Beziehungsgeflecht romantischer Themen, die dank des klaren Konzepts Licht auf die Moderne zu werfen vermögen.

_mg_0021

Das Libretto Wagners, ein Amalgam aus Wolfram von Eschenbachs mittelhochdeutschem Versepos Parzival, dem Lohengrin-Epos und Sagen der Brüder Grimm, fällt durch eine martialische Sprache auf, deren passagenweise betuliche Deutschtümelei fast unerträglich ist und sich auch durch die zeitliche Distanz kaum entschuldigen lässt. Statt diese Sprache in ihrem Ausdruck zu brechen, zeichnet Vincent Boussards Inszenierung die Gegensätze zwischen der guten Welt Lohengrins und der bösen Welt Ortruds.

Mit einfachen Lichteffekten (Guido Levi) und einer minimalistischen Bühne (Vincent Lemaire), deren Schleier den Raum symbolhaft in immer neue Ebenen des Unbewussten zerteilen, bleibt der Phantasie viel Raum. In der etwas ästhetisierenden Darstellung (die Kostüme stammen von Modeschöpfer Christian Lacroix) zeigt sich weniger Wagners ewiger Konflikt zwischen Geist und Verlangen als der Konflikt im Erhabenen selbst: der Graben zwischen dem christlichen Gral Lohengrins und einer heidnischen Natur als Rache der Götter.

Die Oper müsste eigentlich Elsa heissen, sagt der Regisseur, weil Elsa als einzige Figur eine Krise erlebe und eine Entwicklung durchmache. Das wird jedoch wenig transparent. Elsas Entwicklung dreht sich im Kreis, was das vergitterte Bett als rigider Zirkel männerdominierter Hochromantik symbolhaft zeigt. Elsa verharrt in einer statisch liegend-singenden Masturbationspose oder in surrealer Burka-Verschleierung. Ihre Liebe zu Lohengrin wirkt so wenig motiviert wie Lohengrins traumwandlerische Gänge kreuz und quer über die offene Bühne.

lohengrin2

Weiss-schwarz: Elsa (Elisabeth Teige) und Ortrud (Elena Pankratova).

Die Gender-Diskussion wird jedoch elegant in Szene gesetzt. Elsa steht für das schuldig-unschuldige Opfer, für die Hörigkeit wie für die Überschreitung – dann wenn sie verbotenerweise Lohengrin nach seinem Namen fragt. Ihre Entwicklung beschränkt sich darauf, dass sich Elsa diesem Frage-Verbot widersetzt. So gleicht sie Orpheus, dessen Sehnsucht Eurydikes Anblick nicht widerstehen kann, und Judith, die auch das allerletzte Zimmer von Herzog Blaubart erschliessen möchte – um den Preis des Todes, oder, in der kruden Wagnerlogik, der ewigen Sehnsucht.

«Blaue Musik von narkotischer Wirkung»

Trotz Einwänden: Die St.Galler Inszenierung schafft mit reduzierten Bildern einen grossen Sog. Das dauerpräsente Bett in Schieflage ist einmal Ruhestatt, dann Liebesbett, Spinnennetz, Krippe und Sarg. Elena Pankratova als Ortrud ist ab dem zweiten Akt die treibende Kraft in Gesang und Darstellung. Ihre flexible, ausdrucksvolle Stimmführung steckt an. Elisabeth Teige singt Elsa mit schönem, in der Höhe fokussiertem Timbre. Martin Muehles Lohengrin wirkt anfänglich etwas steif, gewinnt aber im zweiten Akt an Präzision und Ausstrahlung. Steven Humes als Heinrich der Vogler bewältigt die Dauerspannung seines Parts bravourös.

Das gut aufeinander abgestimmte Ensemble der Soli wird getragen vom hervorragend spielenden St.Galler Sinfonieorchester (Leitung Otto Tausk) und dem extrem dynamischen Chor des Theaters St.Gallen, verstärkt durch den Opernchor St.Gallen und den Theaterchor Winterthur.

Es ist ein Genuss, Wagner so zu hören. Tausks Klang ist voll und zugleich differenziert, die Dynamik fein abgestuft. Die Soli treten deutlich hervor, die Stimmen mischen sich mit den Instrumenten. Beeindruckend sind auch das Con Brio-Spiel der Blechbläser und die Gestaltung der unendlich vielen Melodien im Cello und in den Violinen. Das oszillierende A-Dur im Vorspiel gestaltet Tausk im grossen Fluss, wie hinter einem zarten Schleier. Der Vorhang öffnet sich und fällt wieder und verstärkt somit das Traumhafte der initial-erotischen Traumszene, gemäss Nietzsche eine «blaue Musik von opiatischer, narkotischer Wirkung».

lohengrin3

Fragen tötet: Lohengrin (Martin Muehle) und Elsa.

Durch die klar markierten Kontraste der Akte vergehen die viereinhalb Stunden schnell. Während im ersten Akt quasi alles in der Schwebe erzittert, überzeugt der düstere zweite durch die leitmotivische Logik, klare Periodik, aber auch durch Transparenz der Register. Tausks Orchester wirkt hier fast kammermusikalisch, die Soli im Holz und exaltierten Stösse im Blech bestechen. Das Fest im dritten Akt berauscht mit zündenden punktierten Rhythmen, deren Echos Räume öffnen.

Eine St.Galler Aufführung, die lange haften bleibt.

Nächste Aufführungen: 30. Oktober, 4., 13. November
theatersg.ch

FC St. Gal­len vs. Lau­sanne-Sport – Die Es­pen er­kämp­fen sich die 3 Punk­te

Nach ei­ner ganz pas­sa­blen ers­ten Halb­zeit der Es­pen so­wie Füh­rung durch ei­nen Elf­me­ter von Gört­ler vor der Pau­se, spie­len die St. Gal­ler die­ses Re­sul­tat an­schlies­send her­un­ter und ho­len sich die 3 Punk­te.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover