Sinnloses Sterben auf dem Klosterhof

Giuseppe Verdis Musik reisst mit. Das Ergebnis: eine Überdosis Emotion – aber wofür? «Il trovatore», die diesjährige St.Galler Festspieloper, gibt keine klare Antwort. Dabei wäre sie einfach: Die Oper braucht einen Frauenstreik.
Von  Peter Surber
Der Tod über allem: die Festspielbühne zum «Trovatore». (Bilder: Tanja Dorendorf)

Nach der Pause dunkelt der sommerliche Prachtshimmel ein, über der Wohnung des Bischofs glänzt der Jupiter, die Alpensegler (seltene Vögel übrigens, weiss mein Sitznachbar – es gebe neben der Kloster-Kolonie nicht mehr viele in der Region) zwitschern mit den Koloraturen um die Wette, man schwitzt für einmal, statt zu frösteln – die Wettergötter meinen es bisher gut mit den Festspielen 2019.

Und die musikalischen Halbgötter? Maestro Verdi seinerseits schöpft aus dem Vollen; je aussichtsloser die Liebe von Leonore und Manrico, je irrwitziger die Missverständnisse um verwechselte Kinder und um die politischen wie amourösen Rivalen, Graf Luna und Troubadour Manrico, umso unaufhaltsamer jagt ein Opernschlager den nächsten.

Da mag die Regie nicht hinten anstehen, sie holt ihren dicksten Pinsel hervor: Ein Scheinwerfer zündet auf den Balkon oben zwischen den beiden Klostertürmen, Leonore singt unten von den rosigen Flügeln der Liebe, ein schwarzgeflügelter Engel tritt oben auf den Balkon, der Tod öffnet die Tür, Orgelakkorde und ein frommes Miserere erklingen, Manrico seufzt unsichtbar im Kerker sein «Addio, Leonore», der Bühnenboden färbt sich rot: ein Opernmoment hart an der Kitschgrenze.

Musikalisches Feuerwerk

Verdis Trovatore bestätigt sich auch unter Openair-Bedingungen als musikalisches Feuerwerk, bildstark instrumentiert, übersprühend in den Arienmelodien, brillant gestrickt in den Ensemblestücken, den «racconti», «cabalette», «cavatine», «concertati» und «strette». Das Sinfonieorchester St.Gallen spielt (weit weg in der «Orchesterbox» hinter der Pfalz einquartiert) engagiert und sensibel unter Michael Balke.

Erstklassig sind die Sängerinnen und Sänger (auch in der Zweitbesetzung bei der Zweitvorstellung am Samstag). Der Leonora von Katia Pellegrino, ihren noch im giftgeschwächten Finale leuchtenden Koloraturen und tragenden Pianissimi, liegen nicht nur zwei Männer auf der Bühne, sondern auch die Zuschauerinnen und Zuschauer auf den Rängen zu Füssen. Nicht minder packend Nora Sourouzian als «Zigeunerin» Azucena – ihre Erzählung vom Feuertrauma «Condotta ell’era in ceppi» und ihr Klagegesang unter Folter gehören zu den dichtesten Momenten der Aufführung.

Kamen Chanev (Manrico) hält mit lockerem Tenor mit den Frauen mit, Nikola Mijailovics Graf Luna fällt als einziger ab. In weiteren Rollen sangen am Samstag Martin Summer, Nik Kevin Koch, Gergana Geleva, Andrzej Hutnik und Ovidiu Cozma.

Man bebt mit. Und geht zugleich auf Distanz – angesichts einer Geschichte, zu der bereits kurz nach der Uraufführung 1853 eine ganze Reihe von Parodien kursierte und ein Verdi-Biograf befand: «Der Sinnlosigkeiten ist kein Ende.»

Schon das Libretto wurstelt sich mehr schlecht als recht durch die historische Vorlage (einen Thronfolger-Konflikt um die Krone von Aragon 1412/13). 170 Jahre später transportiert das Stück erst recht hoch problematische Diskurse: Klischeebilder vom «Zigeuner»-Leben zwischen Rassismus und Bewunderung, ein Bürgerkriegs-Hintergrund, Soldatenseligkeit vermischt mit Kriegskritik, Machotum, überdrehte Ehrbegriffe, religiöse Versatzstücke.

Darum (und sowieso) kommt heute niemand darum herum, Oper über den kulinarischen Genuss hinaus auf ihre Gegenwartstauglichkeit zu befragen. Wer diesen Trovatore auf die Bühne stemmt, erst recht auf die exponierte St.Galler Festspielbühne, muss wissen, warum. Die St.Galler Inszenierung von Aron Stiehl schickt allerdings widersprüchliche Signale in den Nachthimmel über dem Klosterplatz.

Religiös überladene Bühne

Die Bühne ist ein Soldatenfriedhof mit Kreuzen, wie man ihn von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs kennt. Die Uniformen der Soldaten könnten in jene Zeit passen. Darüber ein Skelett im Strahlenkranz, Tod und Madonna als krude, barock inspirierte Doppelallegorie, samt dem von Schwertern durchstochenen Herz der «mater dolorosa», aus dem heraus Leonora ihre grossen Auftritte hat.

Das passt zur Mutter-Tragödie, welche diese Oper in ihrem furchtbaren Kern ist («quale orror!» singt Manrico), gibt ihr aber einen religiösen Drall, der mehr der Kathedrale im Hintergrund als dem Opernstoff geschuldet ist – am Beginn der Tragödie steht historisch ebendiese Kirche, die es zulässt oder gutheisst, dass eine Angehörige der Roma, die Mutter Azucenas, als Hexe verbrannt wird.

Links und rechts von Totenschädel und Marienkrone schwingen sich zwei gewaltige Flügel um die ganze Bühne: der Racheengel als dritte Personalie in der ikonografisch wildwüchsigen Kulisse von Frank Philipp Schlössmann. In der Figur des Ferrando kommen die Flügel später auf die Bühne: Er übernimmt im zweiten Teil als Racheengel kostümiert den Drecksjob des Tötens. Ihm zur Seite «La morte» (Valérie Junker), ein kleinwüchsiger Knirps von Tod, eine berührende Figur, lockend und tröstend mit spitzen Fingerchen.

Vor der Pause fungiert Ferrando als Zeremonienmeister. Er gibt dem Orchester Einsätze oder imitiert mit einem Holzkreuz das Cello, zur überlangsamen, verschmachteten Liebesarie des Grafen – in solchen Szenen kommt statt Todessymbolik Ironie ins Spiel, die Regie nimmt Verdi musikalisch auf die Schulter.

«Zigeuner» im Straflager

Bleibt solche Selbstironie zaghaft humoristisch, so wirken die Einschiebsel an Gesellschaftskritik irritierender. Bösewicht Luna turtelt im Heerlager mit einer Handvoll leichtbekleideter Party-Schönheiten. Azucenas Gefangennahme wird von herbeigeeilten Reportern eifrig geknipst und endet im fröhlich winkenden Gruppenselfie. Und die «Zigeuner» singen ihre Zingarella nicht am Lagerfeuer, sondern als Gefangene in einer Art Straflager-Karikatur, pittoresk gekleidet und von der Soldateska in Schach gehalten.

Mit der «Zigeunerin» Tigrana hatte sich schon die Festspieloper im Vorjahr, Puccinis Edgar, auf politisches Glatteis begeben. Im Trovatore steckt ähnlicher Zündstoff – ohne dass er gezündet oder klug entschärft würde.

Il Trovatore: 2., 5., 6., 10. und 12. Juli, 20.30 Uhr, Klosterhof
Tanzstück Desiderium: 3., 4. und 8. Juli, 21 Uhr, Kathedrale
Konzerte: diverse Termine, u.a. Requiem for a Pink Moon, 9. Juli 19 Uhr St.Laurenzen

stgaller-festspiele.ch

Wer will, kann sich mit dem Urteil abfinden, das über Il Trovatore schon vielfach gefällt wurde: eine Oper einzig aus Musik, eine beinah «vulkanische» Entladung von Musik ohne tieferen Sinn. In der St.Galler Inszenierung ist darüber hinaus zu spüren, was in dieser Musik mitschwingt: das Leid der Frauen, der Mütter in einer von Kriegsdumpfheit und Macht- und Liebesverblendung geprägten Männerwelt. Nicht umsonst wollte Verdi sein Stück zuerst «Azucena» taufen.

Dass am Ende Frauen wie Männer tot oder am Boden zerstört sind, ist die fatale Logik. Diesen Kern unmissverständlich herauszuschälen, dazu tut die Inszenierung jedoch zu wenig. Sie lässt sich, so der Verdacht, vom kirchlichen Spielort zu sehr ablenken.

Festspiele weg vom Klosterplatz?

Ein Grund, die Festspiele vom Klosterplatz zu entfernen, ist das allerdings nicht. Genau dies fordert eine von rund 30 Parlamentariern mitunterzeichnete Motion im Kantonsrat («Klosterplatz schützen statt kommerzialisieren»). Bühne und Lärm seien unvereinbar mit dem Unesco-Welterbe, kritisiert sie. Und schlägt eine Verlegung zum Beispiel auf die Kreuzbleiche vor. Die dortige Wiese ist allerdings, im Gegensatz zum pützleten Klosterplatz, wirklich genutzt, und sie hat darüberhinaus schon vom winterlichen «Eiszauber» die Nase voll.

Motionär Erwin Böhi (SVP, Wil) sollte sich dennoch die diesjährige Produktion zu Gemüte führen für seinen Angriff auf die Festspiel-Bühne. Zumindest der populäre Soldatenchor im dritten Akt böte ihm Inspiration: «Chiami all’armi, alla pugna, all’assalto» singen die gräflichen Truppen vor dem Sturm auf die Festung Castellar.

Noch besser wäre es, die Festspiele nicht zu verlegen, aber das europäische Opernrepertoire feministisch zu bestreiken – bis die Männer vom Krieg lassen und ihre Waffen strecken.

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