Kategorie
Autor:innen
Jahr

Mensch und Gott, hochempfindlich

Der Tanz in der Kathedrale im Rahmen der St.Galler Festspiele heisst dieses Jahr «Kranzrede» und kreist um geistliche und weltliche Madrigale von Heinrich Schütz. Das Ensemble Thélème singt himmlisch, dem Tanz bleibt nur die Nebenrolle.
Von  Peter Surber
Bilder: Anna-Tina Eberhard

Opernchef Peter Heilker bringt es nach der Aufführung auf den Punkt: Draussen auf dem Klosterhof das Opernspektakel – drinnen in der Kathedrale die Innigkeit. Man könnte das Wort auch noch steigern – Zärtlichkeit, Zerbrechlichkeit… um den Madrigalen von Heinrich Schütz gerecht zu werden.

Das Vokalensemble Thélème aus Basel ist der ideale Klang-Körper für diese hochempfindliche Musik. Es bringt die kurzen vier- bis fünfstimmigen Stücke als Exerzitien eines fast ins Schmerzhafte gespannten Aufeinanderhörens und Miteinanderfühlens auf die Bühne – und dies mit staunenswerter Gelassenheit und in glockenreiner Intonation.

Sopranistin Gunta Smirnova, Altus Julian Freymuth, die Tenöre Lior Leibovici und Ivo Haun sowie der Leiter des Ensembles, Jean-Christophe Groffe (Bass), haben sich an der Basler Schola gefunden und vereinen unter dem Label Thélème das je Beste aus der Vokalpraxis der Alten Musik: Relaxtheit, Vitalität, Klangperfektion. Begleitet von Ziv Braha (Theorbe) und von Domorganist Willibald Guggenmos am Orgelpositiv, füllt ihr Gesang trotz aller Subtilität die Kathedrale mühelos (soweit sich das von den privilegierten vorderen Sitzreihen aus beurteilen lässt).

Mit Schütz und Bach weht, explizit ökumenisch, ein reformatorischer Hauch oder vielmehr Sturmwind durch den katholischen Kirchenraum. Das Wort ist Predigt, die Musik leistet ihren Dienst zur Verdeutlichung und Verkündigung (umso bedauerlicher, dass im Programmheft nur ein Teil der Texte abgedruckt ist), und es geht vom ersten Akkord an um alles. Um den Menschen und sein In-die-Welt-Geworfensein. Und um Gott und seine so bedingungslose wie unablässig neu zu erringende und zu erflehende Gnade.

Die geistlichen Madrigale und Konzerte von Schütz sind voll musikalischer Wunder und existentieller Wunden. Den Grundton im minutiös durchdachten Programm gibt SWV 372 vor: Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten, sekundiert von J.S. Bachs Schemelli-Choral Herr, nicht schicke deine Rache.

Gleich zu Beginn schafft die Motette Mit Weinen hebt sichs an von Bach-Onkel Johann Christoph einen unübertrefflichen Raum der Intimität. Den Schluss macht der Choral Gib dich zufrieden und sei stille. Dazwischen ein einziger Fremdkörper, von Willibald Guggenmos auf der grossen Orgel heruntergespielt: Bachs berühmtes Präludium und Fuge BWV 541, illustriert durch einen wirbelnden Torero-Tänzer.

Der fantastischen Dichte der Musik und ihren herausragenden Interpreten ordnet sich Choreograph Jörg Weinöhl und sein Ensemble unter. Die Soli, Duos, Trios und Ensemblestücke verstehen sich als eine Art Illustration der musikalischen Strukturen. Achtsam setzen sich Melodiegesten in Handbewegungen um, nimmt die tänzerische Bewegung jene der Musik auf, entstehen kurze pantomimische Ausdeutungen des Texts – das «Geben», die «Rache», das «Gift», der «Frieden».

«Kranzrede»: Weitere Aufführungen Do 29. Juni und Mo 3. Juli, 21 Uhr

theatersg.ch

Solche Inhalte bleiben allerdings punktuell und oberflächlich. Dominierend über die ganze einstündige Produktion ist ein Kreisen und Drehen, Ein Sich-Finden und Sich-Verlieren, das im Vergleich zu den Abgründen und paradiesischen Höhen der Musik beliebig bleibt. So virtuos die acht Tänzerinnen und Tänzer (Lorian Mader, Genevieve O’Keeffe, Emily Pak, Lorenzo Ruta, Anna Sanchez Martinez, Carlotta Squeri, Alberto Terribile und Jens Trachsel) bei der Sache sind, so passend auch die Kostüme von Marion Steiner wirken in ihrer klösterlichen Schlichtheit oder auch mal ihrem festlichen Glanz: Die Choreographie hat wenig eigenständige Kraft, sie verliert sich in Wiederholungen und in einem Harmoniebedürfnis, das den messerscharfen reformatorischen Gestus der Musik unterläuft.

Zu schön und zu allgemein ist die Bewegungssprache für die geistlichen Madrigale – ein munterer Kreistanz zu dritt etwa kann die ungeheure Behauptung des Also hat Gott die Welt geliebt nur banalisieren. Und der letzte tänzerische Zugriff fehlt auch den eigentlichen Trouvaillen dieses Programms, den weltlichen Madrigalen des jungen Schütz aus seiner italienischen Lehrzeit. Da ist jeder Kuss ein Schuss und jeder Abschied ein Tod, und wenn das Ich des verlassenen Geliebten als «verrückter Blinder» die verlorene Seele sucht, dann türmt Schütz Dissonanz auf Dissonanz bis zum tatsächlichen musikalischen Irrsinn.

Unzählige solcher Minidramen, vom Ensemble Thélème kongenial umgesetzt, machen die St.Galler Kranzrede musikalisch zum Trip. Dem Tanz bleibt da nur eine Nebenrolle. Die immerhin erfüllt er gemäss Psalm 1: «…und was er machet, das gerät wohl» – und wird vom Festspiel-Publikum stark beklatscht.

Jetzt mitreden: 1 Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Markus Frei,  

Eine Stimme, die auf einem Stuhl Platz hat, braucht nicht viel Raum und Bühne, um wirken zu können. Thélême war grossartig. Die Rahmenbedingungen für Tanz in einer Kathedrale, die Platzverhältnisse auf behelfsmässig platzierten kleine erhöhten Podesten sind wohl weit entfernt von den Dimensionen und Möglichkeiten einer veritablen weiten Theaterbühne. Der Tanz, die Bewegung und die Dramaturgie, die es während der Vorstellungsdauer von fast einer Stunde zu sehen gab, war subtil, tiefgründig, abwechslungsreiche, dem Raum und Ort würdig und verschmolz für die grosse Mehrheit des herzlich applaudierende Premierenpublikum in ein Gesamterlebnis, was sich nicht allen Zuschauern gleich erschlossen haben mag.

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10

«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01

«Schwei­gen gibt der Ge­walt Raum»

Ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt ist auch in Ap­pen­zell Rea­li­tät, und doch wird zu we­nig dar­über ge­re­det. Mit der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» lu­den drei jun­ge Ap­pen­zel­le­rin­nen zum of­fe­nen Aus­tausch über Ge­walt, Prä­ven­ti­on und Zi­vil­cou­ra­ge.

Von  Marion Loher
Werom 4

Wenn Hei­mat flim­mert

Hei­mat – ein viel­schich­ti­ger Be­griff. Das Kunst­mu­se­um St.Gal­len spürt ihm ge­mein­sam mit der Werk­samm­lung der Schwei­ze­ri­schen Post nach. Zu se­hen ist die ent­stan­de­ne Schau «Hei­mat­flim­mern» bis En­de Ok­to­ber in St.Gal­len.

Von  Lisa Steurer
Ausstellungsansicht stian Stadler 1

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
Bildschirmfoto 2026 06 29 um 11 44 42

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 1

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 1: Open­air-Ki­nos, Bla­bla­bor – «Gue­ril­la Ra­dio», Mi­chail Pir­ge­lis – «HYLE», «Hei­mat­flim­mern», Kul­tur­fes­ti­val St.Gal­len, Le­on­ce und Le­na, Kunst­spa­zier­gän­ge und Mu­sik im «Flööz­li» so­wie Rund­gän­ge zum Blu­men­wies und zur Schwamm­stadt. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Happily Aging Dying

Musik im Rorschacherberg

Schloss­mu­sik von Big Band bis In­die

Von  Vera Zatti
Sommerbuehne by Night

Der Wi­der­stand der Ama­zo­nas­frau­en

In Kon­stanz gas­tiert der­zeit die Grup­pe As Ka­ru­a­na – ein po­li­ti­scher Frau­en­chor aus dem Ama­zo­nas. Sie zeigt mit ih­rer Mu­sik, ih­rem Tanz, ih­rer Kunst und ih­rem Wis­sen po­li­ti­sche Ré­sis­tance und kämpft für die Rück­erobe­rung ih­rer in­di­ge­nen Kul­tur.

Von  Veronika Fischer
AS KARUANA Gruppenfoto4

Vol­ler Wi­der­sprü­che

Ma­le­rin, les­bisch und glü­hen­de NS-An­hän­ge­rin. Ste­pha­nie Hol­len­stein (1886-1944) war vie­les. Ein Wi­der­spruch? Der neue Do­ku­men­tar­film von Bir­git­ta Wei­zen­eg­ger be­fasst sich mit dem Le­ben der vor­arl­ber­gi­schen Künst­le­rin.

Von  Vera Zatti
Im Schatten der Bilder Filmstillweizeneggerfilm1

Gastkommentar von Jacques Michel Conrad

Ech­te Lö­sun­gen für ech­te Pro­ble­me

Von  Jacques Michel Conrad

Der In­nen­hof als Head­li­ner

Zum 20. Mal bringt das Kul­tur­fes­ti­val in­ter­na­tio­na­le Ent­de­ckun­gen und lo­ka­le Lieb­lings­bands in ei­nen der schöns­ten Kon­zer­tor­te St.Gal­lens. Zum Ju­bi­lä­um blickt Or­ga­ni­sa­tor Lu­kas Hof­stet­ter zu­rück – und be­haup­tet sich zu­gleich in ei­nem Mu­sik­ge­schäft, das für klei­ne­re Fes­ti­vals im­mer schwie­ri­ger ge­wor­den ist.

Von  Philipp Bürkler
Digitalism 1 2022 Kulturfestival Marcello Engi
Heftvorschau 07/08/26
Kunst im Sittertal, Sommertipps

Vor 40 Jah­ren grün­de­te Fe­lix Leh­ner in Bein­wil am See die Kunst­gies­se­rei, die 1994 nach St.Gal­len zog. Und vor 20 Jah­ren ent­stand er­gän­zend da­zu die Stif­tung Sit­ter­werk, die un­ter an­de­rem ei­ne welt­weit ein­zig­ar­ti­ge Kunst­bi­blio­thek führt. Wir tau­chen ein in die­sen wun­der­sa­men Mi­kro­kos­mos im Sit­ter­tal. Aus­ser­dem in der Ju­li/Au­gust-Dop­pel­num­mer: die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps, die Fla­schen­post von An­na Stern aus Finn­land und das In­ter­view zum 100-Jahr-Ju­bi­lä­um un­se­rer Haus­dru­cke­rei Nie­der­mann. 

Saiten 260708 01 Cover 01

Dy­na­mik in Stein

Flo­ri­an Fuchs ar­bei­tet an ei­ner an­tik an­mu­ten­den, 2,5 Me­ter ho­hen Mar­mor­sta­tue. War­um in­ter­es­siert sich ein jun­ger Bild­hau­er für die­se klas­si­sche Her­an­ge­hens­wei­se? Ein Werk­statt­be­such in Fla­wil.

Von  Roman Hertler
01 Florian Fuchs Theano Foto Maria Mahler

Der Kul­tur­kampf

Es war das Jahr­zehnt der Kul­tur: In den 80ern kam die Stadt St.Gal­len zu ei­ner Kunst­hal­le, ei­nem Pro­gramm­ki­no, der Frau­en­bi­blio­thek, der Gra­ben­hal­le, ge­nos­sen­schaft­li­chen Bei­zen und an­de­rem. Wie das ge­lang und wer die Fä­den zog, zeich­nen Ralph Hug und Co­rin­ne Schatz im Buch Der gros­se Auf­bruch nach.

Von  Peter Surber
2606 80er JF Mueller 01

Die sub­ver­si­ve Kraft des Auf­be­geh­rens

Das Film­dra­ma Fuo­ri er­zählt ein kur­zes Ka­pi­tel der aus­ser­ge­wöhn­li­chen Le­bens­ge­schich­te ita­lie­ni­schen Schrift­stel­le­rin, Schau­spie­le­rin und Wi­der­stands­kämp­fe­rin Go­li­ar­da Sa­pi­en­za.

Von  Karsten Redmann
Fuori 3

Die Ge­füh­le dre­hen sich

Mit ver­schreck­ten Se­cu­ri­tys in ei­ner bun­ten In­sze­nie­rung von An­ge­li­ka Zacek prä­sen­tiert das Vor­arl­ber­ger Lan­des­thea­ter in Bre­genz Shake­speares Ein Som­mer­nachts­traum.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ein Sommernachtstraum David Kopp Maria Lisa Huber Nurettin Kalfa c Anja Koehler

Tri­umph­marsch ge­gen den Krieg

Die St.Gal­ler Fest­spiel-Oper spielt die­ses Jahr im Haus statt auf dem Klos­ter­platz – ein Glücks­fall für Ver­dis Ai­da, die mensch­lich und mu­si­ka­lisch in die Tie­fe geht. Mo­de­s­tas Pi­t­re­nas di­ri­giert ein letz­tes Mal, Ben Baur in­sze­niert bild­stark.

Von  Peter Surber
6477 konzert und theater st gallen aida 2026 036

Der Ap­fel, der bö­se Wolf und Will­helm Tell 

Im Werk 2 in Ar­bon dreht sich der­zeit al­les um My­then. «Sehn­sucht My­thos. Wie Ge­schich­ten un­se­re Welt ge­stal­ten» ist ei­ne äs­the­ti­sche Aus­stel­lung, die mit ih­rem sehr brei­ten My­thos­be­griff ar­bei­tet und viel­fäl­ti­ge Ge­schich­ten un­ter ei­nem Dach ver­eint.

Von  Vera Zatti
IMG 9656

Neue Eigenproduktion

Mit Walt Whit­man in die Zu­kunft 

Von  Vera Zatti
DB0 A7992

Tunneleröffnung

Von der Lok­re­mi­se zur Reit­hal­le gehts jetzt un­ten durch

Von  René Hornung
IMG 6792