Kategorie
Autor:innen
Jahr

Auf den Strassen kam es fast zu Auffahrunfällen

Vincent O. Carter, ein junger schwarzer US-Amerikaner, reist Anfang der 1950er-Jahre nach Bern. Als Schwarzer in einer weissen Stadt ist er alltäglichem Rassismus ausgesetzt. Er schreibt darüber ein Buch, das erst jetzt, mit 65 Jahren Verspätung, auf Deutsch herauskommt: «Meine weisse Stadt und ich». von Karsten Redmann
Von  Gastbeitrag , 
Vincent O. Carter, lesend. (Bilder: Staatsarchiv des Kantons Bern / FN Baumann 229)

Mit 33 Jahren beendet Vincent O. Carter die Arbeit an seinem über 400 Seiten umfassenden Buchmanuskript mit dem späteren Titel The Bern Book. Vier Jahre hat der in bescheidenen Verhältnissen in Kansas City, Missouri, aufgewachsene Autor daran gefeilt. Am 25. Oktober 1957 schreibt er den letzten Satz, der wie etliche Sätze im Manuskript mit drei Punkten endet. Die Niederschrift besteht aus 78 Kapiteln und ist ein Sammelsurium aus Texten unterschiedlichster Art: Roman, Essay, Tagebuch und Brief. Er selbst nennt es in seinem Vorwort ein «Reisebuch» und erläutert:

«Schauplatz meiner partiellen (und nach wie vor nicht abgeschlossenen) Metamorphose ist die Stadt Bern – das Objekt, auf das ich meine Aufmerksamkeit richtete und dem ich die fragmentarischen Eindrücke verdanke, die ein Licht auf meine Identität werfen. Es ist also im Wesentlichen ein Reisebuch. Doch da ich die Relativität von ‹Zeit› und ‹Ort› geltend gemacht und das erlebende ‹Ich› auf einen Bewusstseinszustand reduziert habe, muss dies vor allem als Aufzeichnung einer Reise des Geistes angesehen werden.»

Carters Schriftstück ist ein verspieltes Werk, nach innen gerichtet, melancholisch; versammelt Beobachtungen, Geschichten, Reflexionen. Der Untertitel «A Record of a Voyage of the Mind», wie es im amerikanischen Original heisst, trifft die genuine Erzählweise aufs Genaueste. Es ist ein höchst subjektives Berichten, das gerne abschweift, mäandert, nach allen Seiten hin ausbricht.

Im Gegensatz zu James Baldwins stark historisch argumentierendem Leukerbad-Essay Stranger in the Village, welcher im Oktober 1953 in «Harper‘s Magazine» veröffentlicht wurde und seither aufgrund seiner meisterlichen Dialektik grosse Wellen in intellektuellen Kreisen geschlagen hat, muss die Gedanken- und Schreibarbeit seines Berner Autorenkollegen als ideell bezeichnet werden. Für Baldwin führen die historischen Tatsachen folgerichtig in eine nie-mehr-weisse Zukunft, für Carter zu der humanistischen, ja ganzheitlichen Idee, dass alle Menschen von Grund auf gleich sind.

Hysterische Reaktionen

Und so macht er vor allem in der Berner Bevölkerung das eigentlich fremde Wesen aus, erklärt die über Jahrhunderte gewachsene Identität der Bernerinnen und Berner als allgemeingültiges Problem; eines, das auch von aussen so gesehen werden kann.

«Daher wirkt Bern wie ein auf Hochglanz poliertes Warenhaus mit reichlich bestückten Schaufenstern, um die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und Fremde anzulocken, die es zwar fürchtet, ohne die es aber nicht überleben kann.»

Carter auf einem Spaziergang in Bern.

Ende 1953 lebten gerade mal 8600 gemeldete Ausländer:innen in der 153’839 Einwohner grossen Bundesstadt. Als Schwarzer unter Weissen nennt sich Carter in diesem Zusammenhang einen «schrägen Vogel», bezeichnet sich als einzigartig unter all den anderen Menschen, die ihn umgeben und die Berner Gesellschaft zu der Zeit ausmachen.

«Wenn ich das Mövenpick betrat, fielen den Leuten Messer und Gabeln aus der Hand, sie verdrehten die Köpfe, sassen mit offenen Mündern da, Babys kreischten hysterisch los und Frauen riefen: ‹Gott, steh uns bei!› Die ganz Mutigen hielten ihre Babys hoch, damit sie sich den schwarzen Mann ansehen konnten. Auf den Strassen kam es fast zu Auffahrunfällen, weil die Fahrer damit beschäftigt waren, mich anzugaffen.»

Erst 16 Jahre nach Beendigung des Manuskripts wird The Bern Book in den USA veröffentlicht. Der Widerhall ist gering. Kaum einer interessiert sich für das Werk. Der Autor selbst hat sich damals, 1973, bereits von der Literatur ab- und der Malerei zugewandt.

Eine Erklärung für die zurückhaltende Rezeption in den USA liegt möglicherweise in der historischen Gesamtsituation: Die Rolle schwarzer Autorinnen und Autoren wurde zu der Zeit – im Kontext der Bürgerrechtsbewegung – sehr eng gefasst. Wenn, dann sollte idealerweise politisch engagierte Protestliteratur verfasst werden. Carters Werk war dafür zu leise. Diese Sichtweise teilte auch der amerikanische Autor Herbert R. Lottmann. In seinem Vorwort zu Carters The Bern Book schreibt er:

«Die beste schwarze Literatur dieser Zeit waren Protestschriften und nicht Romane. Für einen Schriftsteller protestierte Carter aber einfach zu wenig.»

Selbstverständlich ist dies ein Urteil in einer politisch hoch aufgeladenen Zeit. So wie auch die Erlebnisse Carters stets zeitgebunden sind. Nichtsdestotrotz ist Das Bernbuch ein an manchen Stellen bissiges Porträt der Schweizer Gesellschaft in den 1950ern, ironisch gefärbt und literarisch gekonnt aufbereitet.

Bern blieb sein Schicksal

Vincent O. Carter blieb der Stadt bis zu seinem Tod im Jahr 1983 verbunden. Wobei sich sein Leben in den Jahrzehnten seines Aufenthaltes immer wieder veränderte. Auf Hochphasen folgten etliche Tiefphasen. Carter litt mitunter an Depressionen, so sehr setzte ihm sein sozial prekärer Zustand zu. In den ersten Monaten in Bern wurde er oft mit der Frage konfrontiert, warum er sich ausgerechnet diese Stadt als Lebensmittelpunkt ausgesucht habe.

«Oh… mir gefällt Bern ganz gut. Es ist eine sehr schöne Stadt. Sehr sauber… Gut geführt. Gemütlich… solange man über das nötige Kleingeld verfügt, um sie wirklich zu geniessen…»

Des Öfteren musste er umziehen, versuchte im Allgemeinen sparsam zu leben, setzte alles auf die Kunst. Er mochte keine falschen Kompromisse eingehen. Die ersten Wochen lebte er von seinem Ersparten, dann bekam er Aufträge fürs Radio, schrieb Texte für «Radio Bern». Die Einnahmen blieben jedoch spärlich. Weil das Geld nicht ausreichte, arbeitete er als Englischlehrer, gab wöchentlich Nachhilfe. Auch im Theater wurde er hin und wieder für eine Rolle besetzt. Doch nichts war von Dauer. Einmal gelang es ihm, eine Geschichte an eine Zeitschrift zu verkaufen. Dies blieb jedoch eine Ausnahme.

Vincent O. Carter: Meine weisse Stadt und ich. Das Bernbuch. Aus dem amerikanischen Englisch von Pociao und Roberto de Hollanda. Mit einem Nachwort von Martin Bieri. Limmat-Verlag, Zürich 2021, Fr. 34.–

Carter erfand sich in Bern, das er damals als sehr provinziell wahrnahm, stets neu – das ging sogar so weit, dass er in seinen letzten Lebensjahren eine Art spiritueller Wende durchlief: Seine Interessen gingen mehr und mehr in Richtung altindischer Mystik und Meditation. Die Kunst, ob Schriftstellerei oder Malerei, traten dabei deutlich in den Hintergrund. Erst posthum, 2003, erschien ein weiteres Werk aus seiner Feder, ebenfalls in den USA, diesmal aber ein Roman – Such Sweet Thunder. Die Kritik zeigte sich begeistert.

In Such Sweet Thunder erzählt Carter von seiner Kindheit in Kansas City während der 1920er- und 30er-Jahre, einer Zeit, die in den USA von Rassentrennung und Ungerechtigkeit geprägt war. Bereits 1963 soll er das Manuskript fertiggestellt haben. Laut Limmat-Verlag ist die Übersetzung des Romans bereits in Vorbereitung.

Was für ein Leben hätte Vincent O. Carter wohl geführt, wäre die Anerkennung seines literarischen Schaffens bereits zu seinen Lebzeiten eingetreten? Hätte er am Schreiben festgehalten? So wie er es die ersten Jahre getan hatte – mit all seiner Vehemenz und Leidenschaft? Leider kann hier nurmehr spekuliert werden. Und welchen Rang Carter als Schriftsteller hat, sei nach wie vor nicht ausgemacht, sagt Herausgeber Martin Bieri (s. Interview im Märzheft von Saiten).

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter

Vom Ges­tern in die Zu­kunft tau­chen

Wie stehts heu­te um die Gleich­stel­lung? Und wie war das frü­her? Die Pop-up-Aus­stel­lung «Frau­en­spu­ren im Hal­len­bad» in Gos­sau ar­bei­tet ein Stück Ge­sell­schafts­ge­schich­te auf. Zeigt, wo es heu­te noch hakt, und dass es nicht blei­ben muss, wie es ist.

Von Vera Zatti,
DSC09196

Kolumne: 24/7 Traumacore

Ich bin Bra­ve­he­art (Mel Gib­son ty­pe shit)

Von Mia Nägeli,

Theater

Kein Kom­pli­ment

Von Vera Zatti,
Unreif Presse 05

Von Trans­sil­va­ni­en in den Thur­gau

Jo­han­na und Szi­lamer ar­bei­ten seit vier Jah­ren als Ern­te­hel­fer:in­nen in Fru­thwi­len. In ih­rer Hei­mat Ru­mä­ni­en ist die wirt­schaft­li­che La­ge an­ge­spannt und die kör­per­li­che Ar­beit auf dem Feld sind sie ge­wohnt.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0505 max

Er­satz­wahl in den Stadt­rat: Vor­ent­scheid fällt an SP-No­mi­na­ti­ons­ver­samm­lung

Am 29. Ok­to­ber ent­schei­det die SP der Stadt St.Gal­len, wen sie in die Er­satz­wahl um den Stadt­rats­sitz von Pe­ter Jans schickt. Was ur­sprüng­lich wie ei­ne For­ma­li­tät aus­sah, hat sich zu ei­nem span­nen­den Ren­nen ent­wi­ckelt. Mit of­fe­nem Aus­gang.

Von Reto Voneschen,
2026 Stadtrat Collage farbig

Jock Kobels zweiter Fall

Die Welt ist im­mer He­ris­au

Von Andrej Millius,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 12 43

Musik

Der Hai­fisch beisst wie­der zu

Von David Gadze,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 07 57

Heppelers Bestiarium

100 Jah­re Ein­sam­keit

Von Jeremias Heppeler,

FC St. Gal­len vs. Lau­sanne-Sport – Die Es­pen er­kämp­fen sich die 3 Punk­te

Nach ei­ner ganz pas­sa­blen ers­ten Halb­zeit der Es­pen so­wie Füh­rung durch ei­nen Elf­me­ter von Gört­ler vor der Pau­se, spie­len die St. Gal­ler die­ses Re­sul­tat an­schlies­send her­un­ter und ho­len sich die 3 Punk­te.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme