Melanie Eppenberger, die aus Frankreich stammende Hausherrin im grandiosen neuen Bergrestaurant auf dem Chäserrugg, hat ihn. Dragica Rajcic, die st.gallisch-kroatische Autorin hat ihn. Rapper Khaled Aissaoui hat ihn. Tanztheater-Frau Ann Katrin Cooper hat ihn. Fast alle anderen haben ihn nicht.
Ihn: den Migrationshintergrund.
Diese Tatsache, als Aufwärmrunde der diesjährigen Kulturkonferenz des St.Galler Amts für Kultur spielerisch eruiert, illustrierte die Thematik der Konferenz perfekt. Der weitaus grösste Teil der Anwesenden, meist Vertreterinnen von Institutionen, Behörden oder Kunstschaffende, hat den roten Pass und auch sonst eine lupenreine helvetische Herkunft.
Herkunft, sagt Rapper Khaled zwar später in der Diskussion (und auch hier), soll endlich keine Rolle mehr spielen: «It’s not where you from but where you at». Um Zukunft soll es gehen, nicht um Herkunft. Aber, und das schleckt an diesem nebligen Samstag hoch oben auf dem Chäserrugg keine Geiss weg: Kultur ist Sache einer Minderheit, auf der Macher- wie auf der Publikumsseite. Und diese Minderheit ist, mit einem Wort, das in der Diskussion seinerseits in Frage gestellt wird: inländisch.
So inländisch wie der Berg und sein Haus: Überzeugend lobt Hausherrin Melanie Eppenberger die einheimischen Handwerker, das einheimische Holz und den aus örtlichem Fels gewonnenen Beton. Ihre Hausführung wird zum mitreissenden Plädoyer für die Qualitäten des Toggenburgs. Das Zauberwort heisst Authentizität. Echtheit. Wer weiss, wer er selber ist, ist gefeit vor der Angst vor dem Fremden, sagt Eppenberger mit Blick auf das Tagungsthema.
Im neuen Gesetz: «Teilhabe» für alle
Das Eigene und das Fremde: Was hat Kultur damit zu tun? Wie kann sie zum gesellschaftlichen «Kitt» werden, wie es die Einladung zur Konferenz formuliert? Wie kann Diversität zur Normalität werden? Wie müsste ein inklusiver Kulturbegriff aussehen? Die Fragen stellt Regierungsrat Martin Klöti eingangs gleich selber.
Interkulturalität sei nicht nur in der Ostschweiz, sondern auch national in der Kulturpolitik bisher kaum diskutiert. Das geltende St.Galler Kulturgesetz kennt den Begriff nicht. Das neue Kulturfördergesetz, eben in die Vernehmlassung geschickt, fordert dagegen den Zugang zur Kultur für möglichst breite Bevölkerungskreise. Kulturelle Teilhabe heisst hier das Zauberwort, unabhängig von Herkunft, Bildung oder Dicke des Portemonnaies.
Dabei könne die Kultur von der Wirtschaft und deren «Diversity Management» lernen, sagt Klöti. Die «Rendite» für die Gesellschaft sieht er in der Vielfalt und hofft auf einen Blickwechsel: Künftig sollen nicht die Defizite problematisiert, sondern das Potenzial der Zuwanderung genutzt werden. Das Toggenburger Klangstimmen-Festival ist für ihn exemplarisch für ein inklusives Kulturleben im Kanton.
Diversität nicht als Krise, sondern als Normalität anzuerkennen ist auch die Forderung von Claudia Nef, Leiterin Integration und Gleichstellung im St.Galler Amt für Soziales. Sie zeichnet den Theorieweg nach, vom einstigen ethnozentrisch-kolonialistischen Kulturbegriff des «Westens» über das Konzept einer Leitkultur bis zum heutigen Kulturrelativismus. So anspruchsvoll der Umgang mit Mehrfachzugehörigkeiten in der offenen Gesellschaft ist, so rasch kann er kippen – kulturelle «Mitbringsel» gelten dann gern als Hemmschuh für die Integration, siehe all die Vorurteile über Macho-Moslems. Dem hält Nef entgegen: Kultur ist gelernt. Und lernbar.
Eine MVP für Institutionen
Lernen müssen auch die Institutionen. Kaspar Surber illustriert am Beispiel des St.Galler Palace, wie dort mit der Zeit die «Himmelsrichtungen» produktiv durcheinander geraten sind – bis Tuareg-Blues aus Mali gleichberechtigt neben weissem männlichem Gitarrenrock steht und der Hinter- zum Vordereingang wird, samt ein paar zusätzlichen Eingängen und Fluchtwegen.
Also: Institutionen auf den Prüfstand, fordert er mit Mark Terkessidis‘ Begriff der «Interkultur» im Gepäck. Diese (Selbst-)Kontrolle, eine Art Migrations-Verträglichkeitsprüfung MVP, müsste die Programme der Museen, Kunsthallen, Theater oder Konzertlokale einbeziehen, aber auch die Personen und den Abbau unsichtbarer Barrieren. Keine leichte Sache, aber realisierbar: Beispielhaft seien die Publikumsbibliothek in der Hauptpost, die ihre Regale mit fremdsprachiger Literatur demonstrativ gleich am Eingang plaziert, oder das welthaltige Kinok-Programm.
Ausdrücklich gehe es dabei nicht darum, die Fremden mit «unserer» Kultur zu beglücken oder eine Nische für «ihre» Kultur zu schaffen. Ihn interessiere das Andere grundsätzlich, inhaltlich, in seinem Anderssein und als Horizonterweiterung für alle, sagt Kaspar Surber. «Wir» und «Sie»: Diese Grenzziehungen seien in der postmigrantischen Realität sowieso überholt.
Quoten? Oder mehr Subventionen?
Könnte eine Migrationsquote helfen? Andrea Lübberstedt, Leiterin des Amts für Soziales, ist in der Abschluss-Diskussion skeptisch – Quoten förderten erneut Schubladisierungen; auch Spezialprogramme mit migrantischer Thematik sieht sie kritisch. Autorin Dragica Rajcic begrüsst hingegen, dass gezielt Projekte mit interkultureller Thematik gefördert werden, etwa von der Pro Helvetia. Soll es aber unterschiedliche Geldtöpfe für Hochkultur und migrantische Kultur geben? Darf Kultur für migrationspolitische Anliegen instrumentalisiert werden? Überhaupt: Wie lange dauert es, bis wir solche Debatten nicht mehr führen müssen, weil sie sich erübrigt haben? Am Podium bleiben mehr Fragen als Antworten.
Und fast gar nicht zur Sprache kommt eine der gröberen Hemmschwellen, für weniger betuchte Ausländer und Schweizer gleichermassen: das Geld. Kultur stärker zu subventionieren, wäre die wohl erfolgversprechendste Teilhabe-Förderung.
Denn, so sagt es Khaled Aissaoui: «Kunst hat die Fähigkeit, die Menschen spielerisch-emotional zu erreichen. Und dies fördert die Integration.» Zwei, die damit Erfahrung haben, stellen an der Konferenz ihre Arbeit vor: Richard Kronig mit dem 2003 ins Leben gerufenen Reihe Musik + Migration und Ann Kathrin Cooper vom Panorama Dance Theater, das Kollaborationen über Sparten und Kulturen hinweg erprobt.
Der Nebel auf dem Chäserrugg-Gipfel hält sich hartnäckig. Das Thema bleibt am Ende ebenfalls nebulös. Vielleicht liegt es doch am Ort, so faszinierend er ist. Man spricht über jene, die man mit Kultur zu erreichen hofft – aber man bleibt an diesem Morgen auf 2200 Metern unter sich.
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