Vom Festhalten und loslassen
Die aus dem Thurgau stammende Comiczeichnerin und Illustratorin Julia Trachsel veröffentlicht mit der Graphic Novel Alles in allem ihr Debüt. Ausgangspunkt der Geschichte ist der plötzliche Unfalltod eines älteren Mannes und die Zeugenschaft der Erzählerin.
«Zeichnen heisst für mich Erzählen, und Erzählen heisst, der Zeit einen Anfang und ein Ende zu geben, auch wenn man lange nicht weiss, wo die liegen.» Die im thurgauischen Mammern aufgewachsene Julia Trachsel begann bereits in der Primarschule zu zeichnen und hat für sich schnell festgestellt, dass es ihr guttut, wenn sie Kopf und Hände immer irgendwie beschäftigt weiss. Die Entscheidung, alles auf die Kunst zu setzen, kam für sie dennoch relativ spät: Erst nach sieben Jahren Tätigkeit als Primarschullehrerin entschloss sie sich dazu, an der Hochschule Luzern «Illustration Fiction» zu studieren. An der Kunst im Allgemeinen schätzt sie vor allem, dass sie «keinen Sinn ergeben und trotzdem so sinnvoll sein» kann.
Vier Jahre lang hat Julia Trachsel an ihrer Graphic Novel gearbeitet, hat erste Entwürfe gezeichnet, ist Kindheitserinnerungen nachgegangen und hat grundlegend versucht, dem einschneidenden Ereignis eines tödlichen Unfalls, dessen Zeugin sie vor Jahren an einer Bushaltestelle geworden war, passende Bilder gegenüberzustellen.
Entstanden ist daraus eine 240 Seiten umfassende, zweifarbig gestaltete Antwort in Form einer mäandrierenden Geschichte, die als Bewusstseinsstrom auf zwei Wahrnehmungs- und Zeitebenen erzählt wird: Einmal in der Jetzt-Zeit der Erzählerin als Zeugin auf der Polizeiwache sowie in Form von Erinnerungsfetzen, die meist auf zwei Doppelseiten gebannt werden. Die Dialoge auf der Polizeiwache sind dabei in organisch-krakeliger Schrift festgehalten, wohingegen die innere (sich erinnernde) Erzählstimme in einem markanten Computerfont in grün daherkommt. Auf die in vielen Comics typischen Sprechblasen hat Trachsel komplett verzichtet: «Ich wollte mit Gesagtem und Unausgesprochenem spielen, Sprechblasen hätten dieses Spiel wahrscheinlich nicht so schön zugelassen.»
Im Kern geht es in Alles in allem um die Frage stummer Zeugenschaft und der damit verbundenen Überforderung, sei es in so heiklen Situationen wie der plötzlich hereinbrechenden Trennung der Eltern oder dem frühen Krebstod einer Schulfreundin. Fragilität bindet die einzelnen Szenen, und Trachsel versteht es auf eindrückliche Weise und in originellen Bildern, von Verlust und Schmerz zu erzählen.
«Die Menschen tun zwei Dinge mit Sicherheit: Sie sterben. Und sie vergessen, dass sie sterben werden.» Derart existentiell beginnt Trachsels Graphic Novel und bleibt bis zum Ende hin diesem Grundton verpflichtet. Untermalt wird das Ganze durch verschiedene Stufen Grau, die dem Comic eine recht unheimliche Atmosphäre verleihen.
Trachsels Zeichnungen sind zum Grossteil kleinformatig, auf einer Seite wie ein Schachbrett angeordnet, führen aber hin und wieder zu zweiseitigen, grossformatigen Bildern. Ihre Momentaufnahmen wirken soghaft, das Erzählen filmisch. Die Übergänge von der Jetzt-Zeit in die erinnerte Zeit werden assoziativ und mit Liebe zum Detail gestaltet. Einzig die Verbindungen zwischen den Zeitebenen wirken ab und an beliebig. Und auch den Szenen auf der Polizeiwache fehlt mitunter die Ausdruckskraft. Dennoch ist und bleibt Alles in allem eine feinsinnig bebilderte Innenschau einer nachdenklichen Künstlerin.
Julia Trachsel: Alles in allem. Edition Moderne, Zürich 2026.
Neues Buch von Zsuzsanna Gahse
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
In ihrem Romandebüt Ausser mir schickt Micha Friemel eine Frau in die Berge – auf der Suche nach Ruhe vor ihrer Familie und vor allem vor sich selbst. Entstanden ist ein kluger Text über Beziehungen, Mutterschaft und die Frage, warum wir manchmal einfach ausrasten.
Neues Buch
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Bücherherbst
Das Naturmuseum St.Gallen eröffnet Mitte November zum zehnjährigen Bestehen seines Neubaus den Ausstellungsbereich «Mensch und Universum». Zwischen Klimakrise und Sternenhimmel geht es um eine ziemlich grosse Frage: Wo stehen wir eigentlich?
Seit zehn Jahren gibt es die Residency in der Bibliothek Andreas Züst im Alpenhof, diesem so schwer zu fassenden Ort in Innerrhoden. Der runde Geburtstag wird nun mit einem vielfältigen Festival gefeiert.
Bevor die Kunsthalle St.Gallen im Dezember wegen Umbauarbeiten voraussichtlich bis April 2027 schliesst, dreht sie nochmals voll auf. In der Ausstellung «House of Change: Pre-Construction-Warm-Up-Galore» präsentiert sie im laufenden Monat ein dichtes, buntes Programm an Kunst und Kultur.
In der Ausstellung «Smile maniacally we’re alive» verbindet Jala Wahid scheinbar getrennte Welten. Sie schlägt darin eine Brücke zwischen Erinnerung, Emotion, Wissenschaft und Politik.
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
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Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
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Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.