Die Erde ist nicht genug
Das Naturmuseum St.Gallen eröffnet Mitte November zum zehnjährigen Bestehen seines Neubaus den Ausstellungsbereich «Mensch und Universum». Zwischen Klimakrise und Sternenhimmel geht es um eine ziemlich grosse Frage: Wo stehen wir eigentlich?
Der neue Ausstellungsraum des Naturmuseums St.Gallen zum Universum ist zugleich einer der grössten Spiegelräume der Schweiz. (Bilder: Niklas Thalmann)
Ein Blauwal wiegt bis zu 200 Tonnen und ist bis zu 30 Meter lang. Im Vergleich zu einem Containerschiff wirkt aber selbst er wie ein Winzling. Beide nutzen die Weltmeere, der Wal als Lebensraum, Frachtschiffe mit ihren Tausenden Containern als Transportwege, um Waren ans andere Ende der Welt zu transportieren. In der neuen Dauerausstellung «Mensch und Universum» im Naturmuseum St.Gallen zeigt diese Gegenüberstellung exemplarisch das Verhältnis zwischen dem Menschen und dem Rest der Welt.
Zehn Jahre nach dem Bezug des Neubaus an der Rorschacher Strasse wird damit ein Teil des Hauses neu erzählt. In denselben Räumlichkeiten, wo bisher das Thema «Energien und Rohstoffe» behandelt wurden, geht es künftig von den Hinterlassenschaften unserer Konsumkultur bis zu den Grenzen des beobachtbaren Universums.
Museumsdirektor Matthias Meier möchte beides zusammenbringen: die Faszination für das Universum und die Verantwortung für die Erde. Wer ins All hinausschaue, könne zugleich den eigenen Planeten schätzen und schützen.
Der neue Rundgang zeigt, wie Technologien vom Feuer über die Dampfmaschine bis zum Computer und KI das menschliche Leben verändert und die Nutzung und Ausbeutung des Planeten ermöglicht haben. Er führt vom starken Bevölkerungswachstum seit 1800 über die Ernährung und den weltweiten Warenverkehr bis zu den Folgen unseres Konsums: Rohstoffe werden abgebaut, Güter transportiert, Abfälle und Mikroplastik bleiben zurück.
Weitere Stationen widmen sich dem Reisen, dem Klimawandel und seinen Kipppunkten sowie der bedrohten Artenvielfalt. Dabei geht es immer auch um die Zukunft: Wie können wir alle Menschen ernähren und unsere Lebensgrundlagen erhalten? Und welche Erde hinterlassen wir jenen, die in Hunderten oder Tausenden von Jahren nach uns leben? Die Folgen unseres Handelns könnten die Menschen noch sehr lange beschäftigen. Radioaktive Abfälle, CO₂-Ausstoss oder Mikroplastik sind nur drei Beispiele, die das Leben der Menschheit in Zukunft erschweren könnten.
Denn: Wenn wir gesellschaftlich und politisch von «Zukunft» sprechen, meinen wir damit oft die kommenden zwei, drei Generationen. Im Naturmuseum wird dieser Zeithorizont bewusst gebrochen und viel weiter in die Ferne gedacht: «Wir möchten die Menschen anregen, langfristig zu denken; nicht nur an die nächsten 50 Jahre, sondern auch daran, wie die Welt in 5000 Jahren aussieht», sagt Meier bei einem Rundgang durch die Ausstellung.
Ein riesiger schwarzer Kubus begleitet den Rundgang. Er ist stets geheimnisvoll in unserem Rücken. Er stiehlt all den Informationstafeln, Grafiken und dreidimensionalen Objekten, die auf der Wand mit grünen und grauen Kacheln aus recyceltem PET präsentiert werden, so einladend diese auch sind, beinahe die Show. Der neue Kubus ist das Herzstück – oder besser: das schwarze Loch – der neuen Ausstellung.
Der schwarze Monolith saugt die Besucher:innen von der Aussenwelt – der Realität des Anthropozäns – hinein in die Weiten des Universums. Das Naturmuseum zeigt uns darin die Bedeutungslosigkeit und Winzigkeit des Menschen im Kosmos. Wände, Decke und Boden sind mit Spiegeln verkleidet. Sie lassen den Raum scheinbar ins Unendliche wachsen. Eine leuchtende Installation in der Mitte zeigt die Nachbarsterne unserer Sonne und spiegelt sie in alle Richtungen. Beleuchtete Meteoriten und Texte treten aus der Dunkelheit hervor. «Wir wollten die Weite des Universums auf begrenztem Raum vermitteln. So entstand die Idee mit den Spiegeln», sagt Meier.
Matthias Meier, Direktor des Naturmuseums St.Gallen.
Entstanden ist einer der grössten Spiegelräume der Schweiz. Die Besucher:innen können darin anschaulich die enormen Distanzen des Universums erfahren: von der Erde zur Sonne, von der Sonne zum Jupiter, zu anderen Sonnen, zu anderen Galaxien und schliesslich bis ans Ende des beobachtbaren Universums – und darüber hinaus.
Dahinter steht für Meier eine Frage, die über astronomische Grössenverhältnisse hinausgeht: «Wo stehen wir in dem Ganzen, was ist unsere Rolle?»
Ein zentraler Bestandteil des Spiegelraums sind Meteoriten. Die Gesteinsbrocken sind greifbare Zeugen des Universums. Viele von ihnen waren mehrere Millionen Jahre im All unterwegs, bevor sie auf der Erde einschlugen. Ein Vergleich zeigt zum Beispiel die Grössen verschiedener Einschlagskörper aus den vergangenen 250 Millionen Jahren; darunter auch jenen, der die Dinosaurier auslöschte. Neben solchen nachgebauten Meteoriten sind vor allem echte Himmelskörper ausgestellt. Manche sind aufgeschnitten und geschliffen, andere tragen noch ihre dunkle Schmelzkruste. Meteoriten machen im Naturmuseum das Universum physisch greifbar.
Die Faszination von Meteoriten und Universum kommt nicht von ungefähr. Museumsdirektor Meier hat an der ETH, im schwedischen Lund und im französischen Nancy selber jahrelang zum Thema Meteoriten geforscht. Kurz nachdem er 2022 die Leitung des Naturmuseums übernommen hatte, erhielt das Museum von Henri B. Meier eine Schenkung von mehr als 600 Meteoriten. Der frühere Finanzchef von Hoffmann-La Roche und HSG-Absolvent hatte seine Sammlung dem Naturmuseum überlassen. Henri B.Meier selbst hatte die Sammlung zuvor vom Bally-Museum im solothurnischen Schönenwerd erworben. Zeitweise stellte er sie Erich von Dänikens Mystery Park in Interlaken zur Verfügung. Die Sammlung umfasst Gesteins- und Eisenmeteoriten aus der Schweiz und der ganzen Welt, darunter Stücke der bekannten Meteoriten Twannberg und Allende aus Mexiko.
«Unsere Ausstellung ist wohl viel näher an dem, was sich Henri B. Meier ursprünglich wünschte», freut sich Museumsleiter Matthias Meier. Der Meteoritensammler hat die neue Ausstellung finanziell unterstützt und die Schenkung der Meteoriten an die Bedingung geknüpft, sie öffentlich zugänglich zu machen. Für Museumsdirektor Meier bieten die Steine einen Zugang zu grösseren Fragen: Woher kommen wir? Was verbindet die Erde mit dem übrigen Sonnensystem? Und welche Spuren hinterlassen Begegnungen mit Körpern aus dem All?
Momentan wird am Spiegelraum noch gearbeitet: Bis zur Eröffnung Mitte November soll aber alles fertig sein; jeder Meteorit am richtigen Ort, jeder Planet richtig ausgeleuchtet und jede Schrifttafel lesbar, versichert auch der anwesende Handwerker, der mit einer Bohrmaschine hantiert.
Neben Meteoriten und den gewaltigen Distanzen im All widmet sich die neue Dauerausstellung auch der Suche nach ausserirdischem Leben. Exoplaneten – also Planeten, die andere Sonnen umkreisen – können der Erde ähneln oder sich grundlegend von ihr unterscheiden. Ihre Vielfalt wirft die Frage auf, ob auch anderswo Leben entstanden ist. Bislang ist das Leben nur auf der Erde bekannt. Forschende weltweit suchen derzeit eifrig nach Leben ausserhalb der Erde. Dieser Kontext sei neu und werde noch nicht oft vermittelt, so Meier: «Ausstellungen über Exoplaneten und potenzielles Leben auf anderen Planeten gibt es noch nicht viele.»
Gezeigt wird auch eine Kopie der Voyager-Schallplatte. Das Original mit verschiedenen menschlichen Stimmen und Sprachen sowie Musik von Johann Sebastian Bach, Chuck Berry und anderen ist seit 1977 in den Tiefen des Alls unterwegs und hat vor wenigen Jahren unser Sonnensystem verlassen. Vielleicht findet eine intelligente Spezies irgendwann dieses Zeugnis der Menschheit. Ob es uns dann noch gibt?
QR-Codes erschliessen die vermittelten Inhalte auch digital, beispielsweise können Texte der Ausstellung vorgelesen werden. Ein Klangteppich erzeugt ausserdem eine universelle Stimmung oder vielleicht das Hintergrundrauschen der Unendlichkeit. Zugelassen zur Unendlichkeit im schwarzen Monolithen sind 25 Personen gleichzeitig.
Personelle Wechsel, technische Herausforderungen und ein langwieriges Bewilligungsverfahren verzögerten die Umsetzung der auf 2023 geplanten Ausstellung. Seit Sommer 2025 liegt laut Meier die Baubewilligung vor. Die Eröffnung fällt nun mit dem zehnjährigen Bestehen des Neubaus zusammen.
Mit «Mensch und Universum» erhält St.Gallen einen Ort, an dem Schüler:innen und andere Interessierte den Zusammenhang zwischen unserer für den Planeten schädlichen Lebensweise und der Zukunft unserer Zivilisation erkunden können. Der Spiegelraum erweitert diese Perspektive um die Frage nach unserem Platz im Universum.
Nach all den Lichtjahren und den unendlichen Weiten in der Blackbox erscheinen die Wege des Containerschiffs kurz und selbst der Blauwal winzig. Gemessen am Weltall ist die Erde nur ein Staubkorn im Nichts. Unser Einfluss auf die Erde ist aber gewaltig. Dies sichtbar zu machen und dieses Wissen zu vermitteln, gerade auch an junge Menschen, wird immer wichtiger.
Die neue Ausstellung macht dieses Spannungsverhältnis deutlich und stellt die existenzielle Frage: Haben wir Menschen eine Zukunft?
Jubiläumswochenende 10 Jahre Naturmuseum und Eröffnung «Mensch und Universum»: Samstag, 14. November, und Sonntag, 15. November, jeweils von 10 bis 17 Uhr, Naturmuseum St.Gallen.naturmuseumsg.ch
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