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Von Viechern und Menschen

Am Wochenende eröffnet das neue St.Galler Naturmuseum. Roter Teppich für die Natur – rote Karte für Stadträtin Patrizia Adam, die an der heutigen Medienkonferenz patzte.
Von  Peter Surber
Bilder: Samuel Fitzi, Stadt St.Gallen

Die Tiere haben ihren grossen Auftritt – ab Samstag, wenn das neue Naturmuseum für die Öffentlichkeit aufgeht. Das fängt beim Eingang mit den Vögeln und ihrer Winterfütterung an. Es geht im Hauptsaal mit der «Konferenz der Tiere» (mehr dazu im Novemberheft von Saiten) rund um das Kantonsrelief weiter, es zieht sich längs durch die Erdgeschichte und quer durch die Kontinente. Das neue Naturmuseum ist eine grandiose Verbeugung vor den Tieren.

Als die Nashörner über den Gäbris tschalpten

Zum Beispiel der Iltis: Per Hörstation kann man seine Stimme und die zahlreicher anderer hier lebender Tiere kennenlernen. Gewusst, wie ein Iltis tönt?

Zum Beispiel der Höhlenbär vom Wildkirchli: Er hat eine eigene Höhle für sich und seine Zeitgenossen bekommen, samt Hommage an seinen Erforscher Emil Bächler.

Zum Beispiel die Gelbbauchunke: Sie quakt lebendig in einer Vitrine mitten in den sonst ausgestopften Tieren. Der Salamander nebenan häutet sich gerade.

Zum Beispiel Acrolamna sp.: Die fossilen Überreste des Hais, der vor 90 Millionen Jahren durch das Ostschweizer Meer geschwommen ist und 2008 am Hinterrugg gefunden wurde, ist eine der grössten Kostbarkeiten der St.Galler Sammlung. Man sieht Bert Brecht bestätigt: Und der Haifisch, der hat Zähne.

Oder der Schädel des Nashorns von Bühler, Diaceratherion sp.: 2015 bei Strassenbauten entdeckt, 18 Millionen Jahre alt, jetzt im Museum neben dem noch etwas stattlicheren Nashorn von Eschenbach, ganz in der Nähe des Elchs von Niederwil, der perfekt erhalten beim Torfabbau gefunden wurde, und beim Tapir von Haslen. Die Ostschweiz, ein grandioser Ur-Zoo – gewusst?

Nicht zu vergessen die Saurier, die nach dem Meteoriteneinschlag von Yucatan vor 65,5 Millionen Jahren das Zeitliche gesegnet haben. Und hier im Osten der Stadt anno 2016 auferstehen.

Auf keinen Fall zu vergessen die Wandertaube, die in einer Vitrine zu bewundern ist. Im 19. Jahrhundert war sie heimisch in den USA, bis zu 2 Milliarden Exemplare soll es gegeben haben, erzählt Toni Bürgin, die Schwärme verdunkelten den Himmel für Tage. 1914 starb die letzte Wandertaube Martha im Zoo von Cincinnati. Mit Fallen, Gift, Kanonen hat der Mensch ihr den Garaus gemacht.

naturmuseum2

Bürgins grosse Stunde

Tierische Wunderwerke zuhauf schliesslich zuoberst im Bioniksaal: Flug- und Schwimmkunst, Wabenbau, Klett-Technik, Leichtbauweise – all dies versucht die Wissenschaft der Tier- und Pflanzenwelt abzukupfern; an Werktischen können die Museumsbesucher sich damit eigenhändig beschäftigen. Das neue Naturmuseum ist interaktiv, aber nicht mit technologischem Wust, sondern durch die Wahl der Themen und deren animierende Präsentation.

Naturmuseum St.Gallen, Tag der offenen Tür: 12. und 13. November, 10 bis 17 Uhr.
naturmuseumsg.ch

«Die Natur ist uns voraus», sagt Toni Bürgin. Der Museumsdirektor  (hier das Interview) hat seinerseits einen grossen Auftritt an der Medienkonferenz, er kennt «sein» Museum (insgesamt 300’000 Objekte gehören dazu) in- und auswendig, liefert Hintergründe und Anekdoten zu allem, was da kreucht und fleucht. Und er mahnt, faktengesichert: Der Mensch sei möglicherweise gerade daran, zum dritten gewaltigen Artensterben in der Weltgeschichte beizutragen. Die rote Ziffer zählt im Sekundentakt unsere Zahl: 7’400’143’443 sind wir da gerade, inzwischen schon wieder ein paar Tausend mehr.

Adams Stolpersteine

Der Mensch, das Mängelwesen: Davon konnte man sich an der Medienkonferenz allerdings auch leibhaftig ein Bild machen. Stadträtin und Bauchefin Patrizia Adam hatte einen ihrer schlechteren Auftritte, und dies mitten im Wahlkampf. Sie begrüsste die internationalen Medien aus Süddeutschland explizit, sprach aber dennoch Mundart (allerdings, wie sie sagt, mit deren Einverständnis). Sie rapportierte die Museumsgeschichte seit 1623 zahlenreich, aber die Geschichte ist bekannt. Sie verwechselte Szenografie und Stenografie und benannte das Historische und Völkerkundemuseum kurzerhand zum Naturhistorischen Museum um.

Kein Wort zur museumspolitischen Position des Naturmuseums in der Ost- und Restschweiz, kein Appell an die Jugend, keine Begeisterung – all das, was man sich magistral an diesem Tag erwarten würde, fehlte. Es fehlte offenbar auch die Einladung an die Architekten (das Zürcher Büro Semadeni Meier Hug) und an die Szenografen von 2ndWest, an dieser Medienkonferenz teilzunehmen. Man hätte sie gern kennengelernt und befragt, über die Ausführungen von Stadtbaumeister Hansueli Rechsteiner hinaus.

Stürmt das Museum!

Da loben wir uns die Viecher. Endlich mal den imposanten Schwanz der Biber von ganz nahem betrachtet. Bei den Ameisen und ihrem wusligen Tun stehengeblieben und fast nicht mehr weggekommen. Den Ammoniten bewundert, der vor Jahrmillionen den Raketenantrieb vor-erfunden hat. Und nach den Vögeln draussen Ausschau gehalten, dort, wo nächstes Jahr der Park zwischen Museum und Kirche Maria Neudorf zum Aussen-Museum werden soll.

Am Samstag und Sonntag ist Tag der offenen Tür. Das Museum hat einen Ansturm verdient.

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Gasser,  

Der sich häutende Salamander ist eine Eidechse....
Soviel zu den Stolpersteinen, Herr Surber.

"Zum Beispiel die Gelbbauchunke: Sie quakt lebendig in einer Vitrine mitten in den sonst ausgestopften Tieren. Der Salamander nebenan häutet sich gerade."

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