Die Tiere haben ihren grossen Auftritt – ab Samstag, wenn das neue Naturmuseum für die Öffentlichkeit aufgeht. Das fängt beim Eingang mit den Vögeln und ihrer Winterfütterung an. Es geht im Hauptsaal mit der «Konferenz der Tiere» (mehr dazu im Novemberheft von Saiten) rund um das Kantonsrelief weiter, es zieht sich längs durch die Erdgeschichte und quer durch die Kontinente. Das neue Naturmuseum ist eine grandiose Verbeugung vor den Tieren.
Als die Nashörner über den Gäbris tschalpten
Zum Beispiel der Iltis: Per Hörstation kann man seine Stimme und die zahlreicher anderer hier lebender Tiere kennenlernen. Gewusst, wie ein Iltis tönt?
Zum Beispiel der Höhlenbär vom Wildkirchli: Er hat eine eigene Höhle für sich und seine Zeitgenossen bekommen, samt Hommage an seinen Erforscher Emil Bächler.
Zum Beispiel die Gelbbauchunke: Sie quakt lebendig in einer Vitrine mitten in den sonst ausgestopften Tieren. Der Salamander nebenan häutet sich gerade.
Zum Beispiel Acrolamna sp.: Die fossilen Überreste des Hais, der vor 90 Millionen Jahren durch das Ostschweizer Meer geschwommen ist und 2008 am Hinterrugg gefunden wurde, ist eine der grössten Kostbarkeiten der St.Galler Sammlung. Man sieht Bert Brecht bestätigt: Und der Haifisch, der hat Zähne.
Oder der Schädel des Nashorns von Bühler, Diaceratherion sp.: 2015 bei Strassenbauten entdeckt, 18 Millionen Jahre alt, jetzt im Museum neben dem noch etwas stattlicheren Nashorn von Eschenbach, ganz in der Nähe des Elchs von Niederwil, der perfekt erhalten beim Torfabbau gefunden wurde, und beim Tapir von Haslen. Die Ostschweiz, ein grandioser Ur-Zoo – gewusst?
Nicht zu vergessen die Saurier, die nach dem Meteoriteneinschlag von Yucatan vor 65,5 Millionen Jahren das Zeitliche gesegnet haben. Und hier im Osten der Stadt anno 2016 auferstehen.
Auf keinen Fall zu vergessen die Wandertaube, die in einer Vitrine zu bewundern ist. Im 19. Jahrhundert war sie heimisch in den USA, bis zu 2 Milliarden Exemplare soll es gegeben haben, erzählt Toni Bürgin, die Schwärme verdunkelten den Himmel für Tage. 1914 starb die letzte Wandertaube Martha im Zoo von Cincinnati. Mit Fallen, Gift, Kanonen hat der Mensch ihr den Garaus gemacht.
Bürgins grosse Stunde
Tierische Wunderwerke zuhauf schliesslich zuoberst im Bioniksaal: Flug- und Schwimmkunst, Wabenbau, Klett-Technik, Leichtbauweise – all dies versucht die Wissenschaft der Tier- und Pflanzenwelt abzukupfern; an Werktischen können die Museumsbesucher sich damit eigenhändig beschäftigen. Das neue Naturmuseum ist interaktiv, aber nicht mit technologischem Wust, sondern durch die Wahl der Themen und deren animierende Präsentation.
Naturmuseum St.Gallen, Tag der offenen Tür: 12. und 13. November, 10 bis 17 Uhr. naturmuseumsg.ch
«Die Natur ist uns voraus», sagt Toni Bürgin. Der Museumsdirektor (hier das Interview) hat seinerseits einen grossen Auftritt an der Medienkonferenz, er kennt «sein» Museum (insgesamt 300’000 Objekte gehören dazu) in- und auswendig, liefert Hintergründe und Anekdoten zu allem, was da kreucht und fleucht. Und er mahnt, faktengesichert: Der Mensch sei möglicherweise gerade daran, zum dritten gewaltigen Artensterben in der Weltgeschichte beizutragen. Die rote Ziffer zählt im Sekundentakt unsere Zahl: 7’400’143’443 sind wir da gerade, inzwischen schon wieder ein paar Tausend mehr.
Adams Stolpersteine
Der Mensch, das Mängelwesen: Davon konnte man sich an der Medienkonferenz allerdings auch leibhaftig ein Bild machen. Stadträtin und Bauchefin Patrizia Adam hatte einen ihrer schlechteren Auftritte, und dies mitten im Wahlkampf. Sie begrüsste die internationalen Medien aus Süddeutschland explizit, sprach aber dennoch Mundart (allerdings, wie sie sagt, mit deren Einverständnis). Sie rapportierte die Museumsgeschichte seit 1623 zahlenreich, aber die Geschichte ist bekannt. Sie verwechselte Szenografie und Stenografie und benannte das Historische und Völkerkundemuseum kurzerhand zum Naturhistorischen Museum um.
Kein Wort zur museumspolitischen Position des Naturmuseums in der Ost- und Restschweiz, kein Appell an die Jugend, keine Begeisterung – all das, was man sich magistral an diesem Tag erwarten würde, fehlte. Es fehlte offenbar auch die Einladung an die Architekten (das Zürcher Büro Semadeni Meier Hug) und an die Szenografen von 2ndWest, an dieser Medienkonferenz teilzunehmen. Man hätte sie gern kennengelernt und befragt, über die Ausführungen von Stadtbaumeister Hansueli Rechsteiner hinaus.
Stürmt das Museum!
Da loben wir uns die Viecher. Endlich mal den imposanten Schwanz der Biber von ganz nahem betrachtet. Bei den Ameisen und ihrem wusligen Tun stehengeblieben und fast nicht mehr weggekommen. Den Ammoniten bewundert, der vor Jahrmillionen den Raketenantrieb vor-erfunden hat. Und nach den Vögeln draussen Ausschau gehalten, dort, wo nächstes Jahr der Park zwischen Museum und Kirche Maria Neudorf zum Aussen-Museum werden soll.
Am Samstag und Sonntag ist Tag der offenen Tür. Das Museum hat einen Ansturm verdient.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.
Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.
Bildhauer Peter Kamm haut keine Steine mehr im Atelier. Trotzdem entstehen neue Skulpturen, die aktuell in Steckborn zu sehen sind. Wie geht das?
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.
Die Schweizer Rocklegenden Krokodil haben kürzlich ihr neues Album Beyond The Eye veröffentlicht. Ur-Krokodil Düde Dürst schwärmt von der Energie der 2019 wiederbelebten Band – und hat noch lange nicht genug. Am Freitag spielen sie in der Grabenhalle.
24/7 Traumacore
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.