Museumsgelder: Auweia das war knapp!

Im St. Galler Stadtparlament grassiert der Kultur-Koller. SVP und FDP wollten 300'000 Franken aus einem Millionen-Budget streichen und brachten damit um ein Haar das Museumskonzept der Stadt ins Wanken.  
Von  Harry Rosenbaum

Die Nationalkonservativen verlangten die Kürzung der Subvention für das Kunstmuseum von 2,3 Millionen Franken pro Jahr auf 2 Millionen Franken. Der Antrag im Stadtparlament unterlag nur knapp mit 25 gegen 28 Stimmen. Bei der Mehrheit der Bürgerlichen, der Grünen und Grünliberalen stiess die SVP und damit das Nein zu angemessenen Betriebsbeiträgen auf Zustimmung. Zusammen mit drei Grünen, ein paar CVPlern und einer fast geschlossenen eigenen Fraktion gelang es der SP jedoch, das städtische Museumskonzept zu retten.

naturmuseum1

Das künftige Naturmuseum im Osten der Stadt in der Visualisierung.

Zwei Häuser, zweimal Kosten

Kanton und Stadt St. Gallen haben aufgrund einer Volksabstimmung 2009 die Kulturaufgaben geteilt. Der Kanton trägt die Verantwortung für die Tonhalle und das Theater. Der Stadt obliegen das Kunstmuseum, das Historische und Völkerkundemuseum sowie das Naturmuseum. Im «3 Museen – 3 Häuser»-Konzept bildet das Kunstmuseum das Schwergewicht. Ab 2017 sollen die jährlichen Subventionen auf 2,3 Millionen Franken erhöht werden und für das Naturmuseum auf 1,75 Millionen Franken.

Grund: Das Naturmuseum zieht aus dem Kunklerbau im Stadtpark aus in den Neubau, der im Neudorf im Entstehen ist. Dadurch erhält das Kunstmuseum, das Jahrzehnte lang chronisch an Platzmangel litt, mehr Raum. Zwei Museumshäuser, das bedeutet aber auch: zweimal Infrastrukturkosten. Das Historische und Völkerkundemuseum ist in den Jahren 2012 bis 2014 saniert worden. St. Gallen will mit seinem Museumskonzept nicht nur national, sondern über die Landesgrenzen hinaus wirken.

Wegen Flüchtlingen bei der Kultur sparen?

Die Subventionserhöhung für das Naturmuseum war im Stadtparlament unbestritten, weil Natur ein Publikumsmagnet ist. Beim Kunstmuseum hingegen brach der Kultur-Koller aus. Die SVP und die Mehrheit der Bürgerlichen sowie der Grünen und Grünliberalen sprachen von «volksferner» Kunst. Dieser Umstand rechtfertige so hohe Subventionen für das nur von einer Kulturelite besuchte Kunstmuseum nicht. Karin Winter-Dubs von der SVP argumentierte sogar mit Flüchtlingen, die bald in Strömen nach St. Gallen kommen und grosse Sozialkosten verursachen würden. Da müsse man halt dann bei der Kultur sparen.

Aus der SP-Fraktion wurde darauf hingewiesen, dass es beim Kunstmuseum in Wirklichkeit nicht um Subventionen, sondern um die Wiederherstellung des Statusquo der Kultur gehe: Dank der neuen Subventionsordnung von 2009 hat die Stadt jahrelang Kulturgelder gespart. Zudem unterstütze und fördere das Kunstmuseum junge, unbekannte Künstlerinnen und Künstler – aber, wäre beizufügen, auch bekannte wie den aus dem Rheintal gebürtigen Christoph Büchel:

kunstmuseum2

Kunst, plattgespart: Christoph Büchels Installation im Wasserturm der Lokremise.

Kunstmuseum ist Teil der St. Galler Geschichte

FDP-Stadtpräsident Thomas Scheitlin wies in einem beherzten Votum darauf hin, dass das Kunstmuseum ein Teil der Geschichte der Stadt St. Gallen sei. Wichtige Sammlungen von vermögenden Textilern hätten die Entstehung des Hauses möglich gemacht. Es war 1877 bei der Eröffnung in den Medien als «Ausdruck des modernen St. Gallen» dargestellt worden. Hundert Jahre später wurde es dann aber wegen unterlassener Investitionen baufällig. 1987 war zwar der Kunklerbau saniert – erneut habe man aber festgestellt, dass der Platz für die Präsentation der vielen Sammlungen fehle.

Dies habe schliesslich zum Konzept «3 Häuser – 3 Museen» geführt. «Mit dem Neubau des Naturmuseums ist nun Platz geschaffen worden, der mit den 2,3 Millionen Franken auch bespielt werden kann», sagte Scheitlin. Wenn aber 300’000 Franken weggestrichen würden, blieben die neu gewonnenen Räume im Untergeschoss des Museums leer. «Allein zwei gute Ausstellungen kosten schon 240.000 Franken. Bei einer Kürzung der Subventionen müsste man auf sie verzichten.»

Jetzt mitreden: 1 Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Chrigel,  

Ich find's toll. Jetzt darf man, ohne schlechtes Gewissen, dafür kämpfen, dass ..endlich.. der Steuerfuss erhöht wird, um dem strukturellen Defizit der Stadt erfolgreich entgegnen zu können.

Die Frage dann: Wieviele Tausend Wähler der Linksparteien knirschen dann mit den Zähnen? Wahrscheinlich die Mehrheit davon diejenigen, die sowieso kein Geld haben, in die Museen zu gehen.

Wenn das nicht Slapstick vom Feinsten ist.

FC St. Gal­len vs. FC Thun 1:1 – Kein Sie­ger zwi­schen den bes­ten zwei Teams der Sai­son

Im letz­ten Spiel der Sai­son trifft der FC St.Gal­len auf den neu­en Schwei­zer Meis­ter aus Thun - ei­nen Sie­ger gibt es nicht.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Phy­sik und er­schöpf­te Ma­schi­nen

Ca­li­ne Aoun in­ter­es­sie­ren die Mo­men­te der Ver­än­de­rung, die Über­gän­ge und Zu­stän­de. Ih­re Aus­stel­lung in Kunst­mu­se­um und Kunst­hal­le Ap­pen­zell wird zum En­de der sechs­mo­na­ti­gen Lauf­zeit ei­ne an­de­re sein als zu Be­ginn. 

Von  Kristin Schmidt
Kunsthalle Appenzell Caline Aoun 03 High Res RGB

Un­ter­schrift als Re­li­quie

Der 1100. To­des­tag von Wi­bora­da – In­klu­sin, Stadt­hei­li­ge und Pro­jek­ti­ons­flä­che – ist zur­zeit The­ma viel­fäl­ti­ger Ak­ti­vi­tä­ten. Zu den High­lights ge­hört ei­ne mut­mass­li­che Un­ter­schrift, zu be­sich­ti­gen in der Aus­stel­lung im St.Gal­ler Re­gie­rungs­ge­bäu­de.

Von  Peter Müller
Unterschriften2

Gastkommentar

Kul­tur­jour­na­lis­mus – ei­ne kul­tur­po­li­ti­sche Not­wen­dig­keit

Von  Johannes Sieber
Johannes sieber

Schü­ler:in­nen auf den Spu­ren Wi­bora­das

An­na Beck-Wör­ner hat ein Wi­bora­da-Un­ter­richts­heft er­ar­bei­tet. Im Pos­ten­lauf, der durch St.Gal­len führt, kön­nen Schü­ler:in­nen an­hand von Wi­bora­das Le­bens­weg lehr­plan­kon­form The­men wie Ge­mein­schaft, Le­bens­form, Bü­cher oder Iden­ti­tät er­ar­bei­ten.

Von  Kathrin Reimann
2605 Wyborada Laura Tura Crossing

Stras­sen­kunst als Ent­schleu­ni­gung

Am Wo­chen­en­de bringt das Auf­ge­tischt-Fes­ti­val wie­der über 100 Stras­sen­künst­ler:in­nen aus al­ler Welt in die Gas­sen der Stadt St.Gal­len. Wir ha­ben mit Dai­a­na Min­ga­rel­li vom Duo Dai­a­na Lou über die Ei­gen- und Be­son­der­hei­ten des Bus­king ge­spro­chen.

Von  Philipp Bürkler
Daiana Lou

Heavy Psych Sounds Fest

Fes­ti­val der schwe­ren Gi­tar­ren­klän­ge

Von  David Gadze
Weedpecker 25 BW 6 50

Ro­ter Tep­pich und ro­te Li­ni­en

Der pein­li­che bis in­halts­lee­re Auf­tritt des Tech-Fa­schis­ten Cur­tis Yar­vin hat die Be­richt­erstat­tung über das dies­jäh­ri­ge St.Gal­len Sym­po­si­um do­mi­niert. Am Mon­tag ha­ben – vor al­lem geis­tes­wis­sen­schaft­li­che – Ex­po­nent:in­nen der HSG in ei­nem öf­fent­li­chen Ge­spräch ver­sucht, Yar­vins lan­gen Schat­ten zu ver­we­deln.

Von  Roman Hertler
3 F1 A3554 web

Was­ser, Drag und Vir­gi­nia Woolf

Die St.Gal­ler Thea­ter­kom­pa­nie Roh­stoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr ak­tu­el­les Thea­ter­stück in der Kel­ler­büh­ne. Wie in ei­nem Rausch er­zählt Or­lan­do* von Ge­schlech­ter­nor­men, Grenz­auf­lö­sun­gen und Ver­wand­lun­gen. 

Von  Vera Zatti
LUX 9420 JPG 1500 by Leni O

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Im Bi­ber­re­gen

Von  Jeremias Heppeler

Ei­ne ak­ti­vis­ti­sche Künst­le­rin wie­der­ent­deckt

Ele­a­n­or An­tin ist seit 60 Jah­ren künst­le­risch tä­tig. Früh hat sie sich mit Tech­no­lo­gie, Ras­sis­mus und Gen­der­flui­di­tät be­schäf­tigt, doch zwi­schen­zeit­lich war sie fast in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Nun macht die ers­te eu­ro­päi­sche Re­tro­spek­ti­ve Sta­ti­on im Kunst­mu­se­um Liech­ten­stein.

Von  Kristin Schmidt
Eleanor Antin Ausstellungsansicht Foto Sandra Maier pr6

Fik­tiv und doch sehr re­al

Der Mu­si­ker und Künst­ler Ni­co­laj És­te­ban ver­öf­fent­licht ein neu­es Al­bum sei­ner Band Love­boy And His Ima­gi­na­ry Fri­ends. Es führt in ei­ne fas­zi­nie­ren­de Welt – und in sein In­ne­res, wo es manch­mal dun­kel ist.

Von  David Gadze
Loveboy and his imaginary friends smile baby

Or­ga­nik trifft KI

Nach vier­zig Jah­ren kehrt Gui­do R. von Stür­ler in die Kunst­hal­le nach Wil zu­rück. Der Künst­ler, mit ei­nem Fai­ble für Flie­gen, zeigt in «Zwi­schen den Sys­te­men – Kunst im ver­netz­ten Jetzt» ei­ne Werk­über­sicht, die Or­ga­ni­sches und Di­gi­ta­les ver­eint.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 9225 2

Gren­zen und Brü­che auf der Büh­ne

Ei­ne hal­be Mil­li­on we­ni­ger von Kan­ton und Stadt – trotz­dem ma­chen Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len vor­läu­fig kei­ne Ab­stri­che beim Pro­gramm. Die Spiel­zeit 26/27 kün­digt «Grenz­gän­ge» an, sehr zeit­ge­mäs­se ins­be­son­de­re im Schau­spiel.

Von  Peter Surber
Konzert Theater SG 1sw 79f097893f611

Ver­lo­ren auf der gros­sen Büh­ne – und im Ge­dan­ken­wirr­warr

Die Kri­tik an der Ein­la­dung des ex­tre­mis­ti­schen und tech­no-li­ber­tä­ren US-Blog­gers Cur­tis Yar­vin ans St. Gal­len Sym­po­si­um war gross – und be­rech­tigt. Trotz­dem war sein Auf­tritt am En­de vor al­lem ei­nes: ent­lar­vend. Sel­ten tra­ten die Wi­der­sprü­che, die Selbst­über­schät­zung und die in­tel­lek­tu­el­le Lee­re der Neu­en Rech­ten so öf­fent­lich zu­ta­ge.

Von  Philipp Bürkler
Curtis Yarvin Symposium 1 philipp buerkler

In eigener Sache

Weg­wei­ser in der Ost­schwei­zer Kul­tur­land­schaft

Von  Michael Lünstroth
Sarah luethi philip stuber michael luenstroth

Wi­bora­da – zwi­schen My­thos und Wahr­heit

His­to­ri­sche Über­lie­fe­run­gen sa­gen oft mehr über die Geis­tes­hal­tung der Ver­fas­ser aus als über ge­schicht­li­che Tat­sa­chen. Was lässt sich al­so ge­si­chert über die his­to­ri­sche Per­son Wi­bora­da sa­gen? Ei­ne quel­len­kri­ti­sche Spu­ren­su­che.

Von  Tanja Scherrer
2605 Wyborada Laura Tura listening iconography

Die Spit­ze des Zau­ber­bergs

Ein Jahr­hun­dert nach Tho­mas Manns Ro­man grei­fen Karl Ka­ve & Du­ri­an das Mo­tiv neu auf und er­zäh­len mit Zau­ber­berg ein viel­schich­ti­ges Kon­zept­al­bum über Pfle­ge, Per­spek­ti­ven und gut be­tuch­te Da­men.

Von  Jeremias Heppeler
Karl kave durian

Der ewi­ge Kreis­lauf des Le­bens

Pa­ris, New York, Shang­hai, It­tin­gen: Mit Fa­bri­ce Hy­ber gas­tiert mal wie­der ein in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ter Künst­ler im Kunst­mu­se­um Thur­gau. Ei­ne Be­geg­nung.

Von  Michael Lünstroth
l LünstrothI

Lie­bes­leid im Schaum­bad

Treue­pro­be, Ver­klei­dungs­spuk, Part­ner:in­nen­tausch: Così fan tut­te scheint de­fi­ni­tiv von vor­ges­tern. Trotz­dem lohnt sich Mo­zarts Oper auch jetzt wie­der am Thea­ter St.Gal­len. Am Sams­tag war Pre­mie­re.

Von  Peter Surber
6122 30cosi foto dufajedyta