Kulturförderung für möglichst breite Schichten? Oder Kantonsgelder für Experimentelles, Queres, Hochkarätiges? Mehr Geld für freie Projekte? Oder bessere Wahrnehmung für die Institutionen? Das war einige der Uneinigkeiten an der Kulturkonferenz, zu der die Leiterin des kantonalen Amts für Kultur, Katrin Meier und Regierungsrat Martin Klöti ins St.Galler Fachhochschulzentrum eingeladen hatten.
Ein neues Gesetz: gestalten statt bloss verwalten
Der Hintergrund: Das gültige Kulturgesetz stammt von 1995, ein reines «Kulturverwaltungsgesetz» (Klöti). Es regelt die Vergabe von Subventionen, aber genüge in vielerlei Hinsicht der heutigen aktiven Kulturpolitik des Kantons (u.a. mit eigenen Institutionen wie Lokremise, Schloss Werdenberg und Kunstzeughaus Rapperswil) nicht mehr. Zweiter Mangel: Das Gesetz gebe auf gesellschaftliche Veränderungen wie Digitalisierung, Migration oder Mobilität keine Antworten. Und noch ein Haken: Kulturförderung sei heute zwar als selbstverständliche Staatsaufgabe anerkannt – sie stehe in Sparzeiten jedoch unter besonderem Legitimationsdruck. Auch drum der Ruf nach Zielen, Visionen, Leitlinien.
Die Vision sollte Gastredner Martin Heller liefern. Der Ex-Expoleiter, Kulturunternehmer und neuerdings Aufgleiser der Ostschweizer Expo 2027 beschrieb, was weitherum bekannt ist: den kulturellen Reichtum der Schweiz und der Ostschweiz, die drohende Ökonomisierung, den «Primat der Bürokratie über die Inhalte». Als Gegensteuer riet er zu Radikalität: Kulturförderung müsse Abschied davon nehmen, es allen recht machen und «Kultur für alle» bieten zu wollen. Stattdessen sollte sie auf das Widerständige, Unbotmässige, Verrückte setzen, Widerstand leisten gegen den Nutzenzwang. Sie müsse die Qualitäts-Messlatte hoch legen. Und genügend Mittel bereithalten für Unvorhergesehenes.
Mit einem Wort: Der Kanton solle Mut zeigen, «nicht bloss in homöopathischer Dosis, sondern säckeweise».
In den anschliessenden moderierten Diskussionsrunden, jeweils mit Gongschlag ein- und ausgeleitet, ging es dann nicht ganz so visionär weiter. Ein Dauerbrenner war der regionale Ausgleich zwischen Hauptstadt und südlichem Kantonsgebiet, ein anderer die Frage, wie viel oder wenig sich der Staat in Kulturinhalte und Gesellschaftsfragen einmischen soll und darf. Ein «Nothilfefonds» für Aktuelles, eine starke Kulturkommission anstelle der starken Stellung des Amts für Kultur, klarere Schwerpunktsetzung: Das waren einige konkrete Vorschläge.
Wie erreicht man jene, die man nicht erreicht?
Dass wenig Revolutionäres auf die runden Tische kam, sei kein Wunder, meinte am Ende ein Teilnehmer: Vertreten waren in erster Linie Leute aus Institutionen, Behörden, Förderplattformen, viele davon eng mit der kantonalen Kulturförderung liiert und mit deren professioneller Arbeit in aller Regel zufrieden.
Es fehlte allerdings, teils mit Missmut bemerkt, der grösste aller Kulturförder-Profiteure: Konzert und Theater St.Gallen glänzten durch Abwesenheit. Es fehlten auch die nicht-organisierten, freien Kunstschaffenden, ebenso, mit wenigen Ausnahmen, die Jungen.
Und es fehlte nicht von ungefähr jenes Drittel der Zweidrittels-Gesellschaft, das kein Stimmrecht hat oder keine Stimme findet im kulturellen und politischen Alltag. Kulturpolitik: Das könnte über das Geldverteilen hinaus auch heissen, Fragen zu stellen und Antworten zu suchen zum Auseinanderdriften der Zivilgesellschaft. Das neue Kulturgesetz, das in circa zwei Jahren stehen soll, wäre eine Chance, darüber zu diskutieren.
Bilder: Michael Hug
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