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«Humor ist auch ein Selbstschutz»

Fatima Moumouni über komische Fragen zu Afrika, Kindergartenlevel-Rassismus und «die erste kanakische Late Night Show der Schweiz». Diesen Samstag ist sie an der Ausserrhoder Kulturlandsgemeinde zu Gast.
Von  Corinne Riedener , 
Fatima Moumouni arbeitet an ihrem Master in Sozialanthropologie und ist Spoken Word Poetin. (Bild: co)

Saiten: In einem deiner Texte geht es um die Beschreibung von Hautfarben. Deine bezeichnest du als «hautfarben». Wie würdest du meine beschreiben?

Fatima Moumouni: An den Armen ist sie ja ein bisschen anders als im Gesicht… Ich würde sagen teigwarenfarben. Dinkel vielleicht.

Ist die Schweiz ein rassistisches Land?

Ja. Anders als zum Beispiel in Deutschland, gibt es hier aber kaum eine Auseinandersetzung mit der rassistischen Geschichte des Landes, die eben bis heute ihre Auswirkung hat. Hier wird seit jeher dieses Selbstbild der «guten und neutralen Schweiz» gepflegt. Das wirkt sich negativ auf das Rassismus-Bewusstsein des Landes aus. Es gibt hier einen tief verwurzelten, strukturellen Rassismus.

Im Buch Racial Profiling – Struktureller Rassismus und antirassistischer Widerstand gibt es auch ein Kapitel von dir, in dem du beschreibst, wie es ist, als dunkelhäutige Frau Zug zu fahren. Sind nicht vor allem dunkelhäutige Männer von Racial Profiling betroffen?

Doch, Racial Profiling ist extrem gegendert – ausser wenn es zum Beispiel um Sexarbeiterinnen geht. Ich bin nicht das Hauptopfer, klar, trotzdem mache auch ich ab und zu unangenehme Erfahrungen mit der Polizei.

Mohamed Wa Baile, Serena O. Dankwa, Tarek Naguib, Patricia Purtschert, Sarah Schilliger (Hrsg.): Racial Profiling – Struktureller Rassismus und antirassistischer Widerstand. Transkript Verlag Zürich, 2019.

Buchvernissage: 29. Mai, 19:30 Uhr, Tojo Theater, Reitschule Bern

Von welcher Art Rassismus handeln deine Texte?

Es geht oft darum, was es mit mir und meinem Alltag macht, dass ich nicht weiss bin. Ich fühle mich beispielsweise nicht unbedingt sicherer, wenn Polizisten anwesend sind. Ausserdem werde ich fast täglich mit komischen Fragen konfrontiert, die mich daran erinnern, dass ich schwarz bin, während Weisse ausblenden können, dass sie weiss sind. Ich treffe selten «richtige» Rassisten, eher Leute, die nicht mal merken, wie viel an rassistischer Sozialisation sie mitbekommen haben oder wie unbeholfen sie sind im Umgang mit Leuten, die nicht aussehen wie sie selbst. Oft wissen Leute nicht einmal, wie sie schwarze Menschen bezeichnen sollen, ohne problematische Begriffe zu verwenden, und ich bin viel zu oft gezwungen, mit Leuten über Afrika zu reden, weil sie ein, im Übrigen ziemlich komisches Bild von Afrika auf mich projizieren. Das birgt auf der Bühne Potential für Humor und ist im richtigen Leben anstrengend. Ich merke gleichzeitig, dass ich in all diesen Gesprächen über Rassismus oft nicht viel weiter komme, als über die Frage «woher kommst du?», weil Leute es irgendwie beleidigend finden, wenn man ihnen sagt, dass man nicht dauernd und überall seine Familiengeschichte herunterleiern will. Wir kommen dabei aber gar nie weiter, zum Kern, zu Polizeigewalt, Migrationspolitik, den Grosseltern und Dorflehrern.

Empfindest du dein Dasein als Muslima als doppelte Stigmatisierung oder verschwindet das hinter der Hautfarbe?

Ich bin ja nicht sichtbar muslimisch. Das ist eine Information, die ich preisgeben kann, aber nicht muss, wenn Leute das nicht in meinem Namen lesen. Ich bemerke durchaus einen Unterschied, wenn die Leute wissen, dass ich muslimisch bin. Oft muss ich zum Beispiel fast beweisen, dass man auch muslimisch UND feministisch sein kann.

Kulturlandsgemeinde 2019 zum Thema Gemeinsinn:
4. und 5. Mai, Zeughaus und Lindensaal Teufen. Mit Fatima Moumouni und Uğur Gültekin, Martin Schläpfer, aid hoc, und vielen mehr.

kulturlandsgemeinde.ch

Nervt es dich, dauernd zum Thema Rassismus befragt zu werden? Oder anders gefragt: Warum setzt du dich immer wieder mit dem Thema auseinander?

Unter anderem, weil es mir ja auch ein bisschen Spass macht von der Bühne aus. Und weil ich auch in einer Position bin, in der ich das darf, und ich mir über die Jahre viel Wissen dazu angeeignet habe. Genervt bin ich vor allem dann, wenn ich merke, dass mein Gegenüber auf Kindergartenlevel über Rassismus Bescheid weiss und ich das kompensieren muss. Oder wenn mir zum Beispiel ein Interview als «grosse Chance» angepriesen wird und ich quasi vorgeführt werden soll.

Wie wichtig ist Humor im Umgang mit Rassismus?

Sehr wichtig. Weil es mir selber hilft, wenn ich darüber lachen kann. Es ist auch ein Selbstschutz, denn es ist viel unangenehmer, Leute mit dem Mahnfinger auf Fehler aufmerksam zu machen. Mit Humor kann man das ein bisschen aushebeln.

Du gibst auch Antirassismus-Workshops mit sprachlichem Fokus. Warum ist das nötig?

Weil es wichtig ist, Räume zu schaffen, in de-nen über Rassismus gesprochen wird. Die Sprache 
spielt dabei eine grosse Rolle. Hier wird zum 
Beispiel immer noch viel zu oft mit Naivität 
und Überraschung über das N-Wort diskutiert.
 Ich will damit aber nicht den rechten Rand der
 Gesellschaft erreichen, sondern jene Kreise,
 die sich selbst gerne frei, offen und tolerant 
geben.

Damit sind wir bei der Frage nach den Räumen. Wo kann ich mich als Weisse bewegen, wo du dich nicht oder nur ungern bewegst?

Ich würde jetzt nicht behaupten, dass du auf einer SVP-Versammlung sicher wärst (lacht). Sonst auf dem Land aber schon, anders als ich manchmal. Oder Fasnachtsveranstaltungen. Und ich habe mehrere Bekannte, deren weisse Grosseltern sie nie sehen wollten, weil sie schwarz sind.

Fatima Moumouni, 1992, ist in München aufgewachsen und vor acht Jahren in die Schweiz gekommen. Sie arbeitet an ihrem Master in Sozialanthropologie und ist Spoken Word Poetin. fatimamoumouni.com

Was wäre dein Wunsch an die sogenannt progressiven Kreise?

Dass sie das auch leben, was sie predigen. Dass sie zuhören, die Bedürfnisse derer wahrnehmen, die von Rassismus betroffen sind, und ihnen nach Möglichkeit das Wort geben. Dass sie die eigenen Positionen hinterfragen und ihre Privilegien nutzen, um aktiv für die Sache einzustehen – am besten in Rücksprache mit Betroffenen.

Zum Schluss: Was erwartet uns an der Late Night Show von dir und Uğur Gültekin an der Ausserrhoder Kulturlandsgemeinde am Samstag?

Es wird Talks geben, Satire und Humor. Eine richtige Late Night Show eben, wie man es kennt, einfach mit Migrationsvordergrund, es ist «die erste kanakische Late Night Show der Schweiz». Wir zeigen, dass man, auch ohne rassistisch zu sein, lustig sein kann in diesem Themenfeld. Kijan Espahangizi und Katharina Morawek vom Institut Neue Schweiz (INES) werden dabei sein, ausserdem Jurczok 1001 und noch ein musikalischer Gast. Kommt, es wird geil!

Dieser Beitrag erscheint im Maiheft von Saiten.

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Saiten 2611 01 Cover

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