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Die tägliche Diskriminierung

Im Alltag, in der Politik, auf der Arbeit, in den (sozialen) Medien: Diskrimierung und Rassismus sind allgegenwärtig. An einer Tagung in St.Gallen wurde am Dienstag informiert und diskutiert. Lösungen: könnten vor allem die Betroffenen liefern.
Von  Corinne Riedener
Von links: Clauda Nef, Franziska Schutzbach und Rohit Jain. (Bilder: Daniela Eigenmann, KIG)

An die 170 Fachleute und Interessierte fanden sich am Dienstagnachmittag im St.Galler Pfalzkeller ein. Passend zur «Fachtagung Alltagsdiskriminierung», organisiert vom kantonalen Kompetenzzentrum Integration und Gleichstellung (KIG), hat das «Tagblatt» an diesem Tag einen Meinungsbeitrag von Ex-Chefredaktor Gottlieb F. Höpli publiziert, in dem er moniert, dass die aktuelle #metoo-Debatte nur ein Medienhype und bare Verallgemeinerung sei.

«Das Thema Diskriminierung ist offensichtlich aktueller denn je», sagt KIG-Leiterin Claudia Nef mit dem Artikel in der Hand während ihrer Begrüssung. «Wir werden es aber differenzierter beleuchten.

Ziel der vierstündigen Veranstaltung: sensibilisieren und ein Bewusstsein für situative und strukturelle Diskriminierung schaffen. Die Gäste, die dabei helfen sollen: Franziska Schutzbach, die 2016 den #SchweizerAufschrei lancierte und am Zentrum Gender Studies der Uni Basel lehrt und forscht, und Rohit Jain, Soziologe mit Schwerpunkt Migration, Rassismus und Globalisierung an der Uni Bern und Geschäftsführer des kürzlich gegründeten Think Tanks Institut Neue Schweiz (INES).

«Ich konnte einfach nicht lachen, ich habe es versucht»

«Es gibt zwei Gründe, warum ich heute hier stehe», erklärt Rohit Jain in seinem Referat. «Wäre die Schwarzenbach-Initiative 1970 angenommen worden, hätte es sehr gut sein können, dass meine Eltern ausgeschafft worden wären.» Zweitens sei er vor längerer Zeit mit Viktor Giacobbos Figur Rajiv Prasad konfrontiert worden. Rajiv soll einen «geschäftigen Inder, Händler und Vermittler für alles» darstellen, sagt Wikipedia. «Er spricht Englisch mit starkem Akzent und oft vulgär.»

Giacobbo findet Rajiv offensichtlich lustig, Rohit Jain nicht: «Diese Figur hat mich verletzt. Ich konnte einfach nicht lachen, ich habe es versucht», sagt er im Pfalzkeller. «Und ich habe mich auch noch geschämt, meine Unbehagen auszusprechen, da die Definitionsmacht darüber, was Rassismus ist und was nicht, nicht bei mir liegt. Auch darum habe ich begonnen, über dieses Thema zu forschen.»

Rajiv sei ein klassischer Fall von Alltagsrassismus, sagt Jain, salonfähig gemacht mittels Comedy. Dasselbe gilt für Giacobbo-Figuren wie Mehmet Örkan, Gian-Franco Benelli oder Birgit Steineggers Frau Nogumi. Aber das Schweizer Fernsehen ist natürlich nicht allein, wenn es um die Produktion und Verbreitung von rassistischen Stereotypen geht. Exotisierung, Witze über einzelne Gruppen und Werbung mit nationalen, kulturellen oder anderweitigen Vorurteilen aufgrund einer bestimmten Herkunft sind weit verbreitet – Stichwort SVP-Plakate.

Und dann gibt es noch den strukturellen, institutionellen Rassismus: Racial Profiling, Einbürgerungsschikanen, Illegalisierung von Zugewanderten, Diskriminierung im Arbeitsmarkt usw. «Menschen mit ausländisch klingenden Namen haben laut OECD eine zweieinhalb Mal tiefere Chance, angenommen zu werden bei Bewerbungen», sagt Jain. Man muss sich also zu Recht fragen, was das SVP-Minarett-Plakat damit zu tun hat, wenn Leute mit Kopftüchern und/oder muslimisch klingenden Namen massive Schwierigkeiten haben bei der Suche nach einem Arbeitsplatz.

Rassistische Diskriminierung habe viele Ebenen, erklärt Jain. Politische, ökonomische oder auch mediale, um nur ein paar zu nennen. Das dahinterliegende Muster sei jedoch immer dasselbe: «Man redet über die anderen, nicht mit ihnen.» Doch die Gesellschaft verändere sich und «Migration und Globalisierung können nicht rückgängig gemacht werden», betont Jain, darum sei es umso wichtiger, diese «anderen» sichtbar zu machen; ihr vielfältiges Wissen und ihre biografischen Expertisen zugänglich und nutzbar zu machen und – angelehnt an die Thesen des Migrationsforschers Mark Terkessidis – auch «die Institutionen der real existierenden Vielfalt anzupassen», um endlich die Teilhabe aller zu ermöglichen.

«Natürlich wird die Gesellschaft homosexualisiert!»

«Ja, die Gesellschaft verändert sich in der Tat», sagt Franziska Schutzbach zu Beginn ihres Referats, bezugnehmend auf Jain. «Das ist mit ein Grund für die massive Gegenwehr und den sogenannten Rechtsruck, den wir im Moment so deutlich spüren. Es ist eine Reaktion auf die Möglichkeit, dass künftig nicht mehr nur weisse Männer in Anzügen die Welt regieren.»

Dann folgt die Frohbotschaft: «Natürlich wird die Schweizer Gesellschaft homosexualisiert!», verkündet sie – und erntet Zustimmung im Publikum. «Wenn nämlich Homosexualität tatsächlich eine gleichberechtigte Form der Liebe und des Zusammenlebens wäre, würden wahrscheinlich viel mehr Leute viel mehr Dinge ausprobieren, die sie sich sonst nicht zugestanden hätten.»

1960 habe man die Leute befragt, ob Frauen ihrer Meinung nach diskriminiert werden. Die Antwort war nein, erklärt Schutzbach. Auch heute würden solche Umfragen gemacht und auch heute leugne über die Hälfte aller Befragten, dass Diskriminierung existiert. «In jeder Generation wird behauptet, es gibt kein Problem für Frauen oder andere Minderheiten – und jedes einzelne Mal war diese Annahme rückwirkend gesehen falsch. Wir können also davon ausgehen, dass auch in der heutigen Zeit der Fall ist.»

Einer von vielen zeitgenössischen Belegen dafür: Der «Guardian» hat seit 2006 70 Millionen Online-Kommentare ausgewertet und festgestellt, dass die Reaktionen auf journalistische Beiträge von Autorinnen weitaus aggressiver ausfallen als jene auf Texte ihrer männlichen Kollegen – bei gleichem Inhalt. Hatespeech ist das Stichwort.

Sicher, sagt Schutzbach, man sei heute weiter als anno 1960. Aber Diskriminierung sei immer noch fester Bestandteil unserer Gesellschaft, etwa in Lohnfragen oder in Bezug auf die sogenannte Gläserne Decke. «Frauen müssen doppelt so viel leisten, um aufzusteigen. Auf der anderen Seite gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass Männer oft in Führungspositionen sind, ohne etwas Besonderes geleistet zu haben. Selbstbewusstsein wird allzu oft mit Können verwechselt.»

Darauf folgt das nächste Level: Sexismus und sexuelle Gewalt. Belästigung werde viel zu oft als normal angesehen, sagt Schutzbach. Und sie sei so verbreitet, dass kaum mehr darüber gesprochen werde – «So ist das halt», sei für viele das Motto. Aber die #metoo-Debatte habe – wie vor ihr andere Hashtags – zum Glück eine neue, dringend nötige Diskussion lanciert. «Allein in der Schweiz werden pro Tag 17 Sexualdelikte gemeldet», erklärt sie. «Zwei von fünf Frauen in der Schweiz wurden mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von körperlicher oder sexualisierter Gewalt, 5,6 Prozent der Frauen in der Schweiz wurden mindestens einmal in ihrem Leben vergewaltigt und 6,8 Prozent haben eine versuchte Vergewaltigung erlebt. Das zieht sich durch alle Milieus und Altersgruppen, zudem gibt es keine signifikanten Unterschiede im Bezug auf Nationalität, Bildung und Einkommen.

Das strukturelle Ausmass kommt nicht von ungefähr: Sexuelle Gewalt sei ein Symptom von Machtgefällen und Ungleichheit, sagt Schutzbach. Sie gründe auf Abhängigkeiten und historisch gewachsenen patriarchalen, androzentrischen Strukturen. Der Mechanismus dahinter sei immer derselbe, ob es nun ein Starlett sei, das auf ein Engagement in Hollywood angewiesen ist, eine Doktorandin auf das Wohlwollen ihres Doktorvaters oder eine Putzkraft auf die Anstellung bei ihrem Arbeitgeber.

Ausserdem sei es unbedingt erforderlich, auch die Errungenschaften der bürgerlichen Moderne kritisch zu hinterfragen, hält Schutzbach fest: «In Zeiten der Aufklärung wurden Frauen keineswegs als Bürgerinnen verstanden, sondern auf die Gebärmutter reduziert.» Darüber hinaus sei es damals als «ökonomisch sinnvoll» verkauft worden, dass Frauen die ganze Care Arbeit leisteten, sprich als Gratisarbeiterinnen behandelt werden konnten.

Es fehlt das kanonische Wissen

In der gemeinsamen Diskussion zum Ende der Tagung hin wurde einmal mehr deutlich: Ob es nun um Frauen, Homosexuelle, migrantische oder andere Menschen geht, die nicht zur Dominanzgesellschaft gehören – ihnen allen fehlt das kanonisierte Wissen. Jede Frauengeneration fängt quasi wieder bei null an, weil das Wissen der vorherigen Generationen im bürgerlichen Bildungssystem marginalisiert wird. In der Schweizer Geschichtsschreibung kommen zum Beispiel die Migrantinnen und Migranten gar nicht erst vor – und auch heute interessieren sich nur wenige für das Wissen und die Erfahrungen der Sans Papiers, Geflüchteten oder Secondas und Secondos. Ständig läuft in den Schulen der Rütlischwur-Film und in der Pause der Werbespot der ominösen Willensnation.

Immerhin bieten die neuen Medien auch neue Möglichkeiten der Sichtbarmachung und des Austauschs, von der Vernetzung ganz zu schweigen. In letzterer liegt denn auch die wohl wichtigste Botschaft, die man am Dienstag hat mitnehmen können: Intersektionalität ist nach wie vor das Gebot der Stunde. Race, Class und Gender kann man nicht einzeln verhandeln, nur zusammen.

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Kuster,  

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Pablo,  

Damit es hier auch noch erwähnt ist:

An Zynismus und Ignoranz kaum zu überbieten war das Statement von Jürg Eberle, Leiter des Migrationsamtes St.Gallen. Eberle lamentierte darüber, dass er sich nach den Referaten als weisser, heterosexueller Mann in die Ecke gedrängt fühle, er das Gefühl habe, dass die Debatte oftmals einseitig geführt werde. Damit meinte er ganz offensichtlich, dass immer nur die schwulen, muslimischen, migrantischen, die people of Color, ergo: die von Diskriminierung Betroffenen, sprechen würden und damit eine einseitige Debatte geführt werde.

Diese Umkehrung der realen Machtverhältnisse aus der Perspektive eines (sowohl diskursiv wie auch institutionell) äusserst mächtigen Mannes ist wahrlich erschreckend. Man fragte sich: Hat Eberle den beiden ausgezeichneten ReferentInnen gerade zugehört? Diese hatten ganz eindrücklich berichtet, wie wichtig es ist gesellschaftlich marginalisierten Personen und sozialen Gruppen eine Stimme zu geben, welche ihnen ganz oft verwehrt bleibt.

Man hätte gerne nachgefragt: Wer ist es denn, der diesen einseitigen Dialog führt? Etwa die von Eberle&Co. ausgeschafften Familien, die Asylsuchenden, die people of color, die am Bahnhof und im Linsenbühl kontrolliert werden?

Das Statement machte klar: Gelungener Dialog nach Eberle findet dann statt, wenn Leute wie er sich nicht in die Ecke gedrängt fühlen, lange Reden schwingen dürfen und das letzte Wort haben. Und wer im Anschluss an Voten jeweils klarstellen muss, dass er/sie* Rassismus und Sexismus nicht befürworte, der/die* disqualifiziert sich meist schon selbst.

Jürg Bläuer,  

Danke für diese stringente Zusammenfassung der Tagung. Ich verzichte hier darauf mitzuteilen, was ich anschliessend im Pissoir von drei der Anwesenden verletzten weissen hetero Männern mitanhören musste.

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