Weil ein Aufschrei nicht reicht – Für einen Feminismus von heute, so heisst das Buch von Anne Wizorek, der Erfinderin des #aufschrei-Hashtags. Darin schreibt sie erfrischende Sätze wie: «Wer sexuell selbstbestimmte Mädchen und Frauen nicht respektiert, respektiert Mädchen und Frauen nicht. Punkt.» Oder diesen über die Feministinnen: «Wir wollen radikalen Wandel, das muss Leute anpissen.»
Derzeit ist die 33-jährige Berlinerin auf Lesereise, am Donnerstagabend machte sie für ein Podium Halt in Zürich. Wizorek (2. von links) sass mit der Zürcher SP-Gemeinderätin Min Li Marti (links), dem Journalisten Christof Moser (rechts) und Moderatorin Stella Jegher von Amnesty International auf der Bühne. Der Saal im Zentrum Karl der Grosse war voll, knapp 100 Leute sassen im mehrheitlich jungen Publikum.
Diskutieren mit Gleichgesinnten
Die Diskussion war lohnend. Unter anderem auch, weil die Podiumsgäste sich im Grundsatz alle einig waren: Es braucht den Feminismus, die Frage ist nur, wie das jetzt auch noch die anderen merken. Das sonst übliche Ideologiegeplänkel blieb uns daher erspart. So wurde vertieft und angeregt über feministische Grund- und Ansätze in Politik, Medien und Arbeitswelt diskutiert, aber auch über sexuelle Gewalt und den alltäglichen Sexismus in diesen Bereichen.
Das Angenehme an Wizorek ist, dass sie feministische Themen so selbstverständlich angeht und dabei ziemlich oft Klartext spricht. Wenn beispielsweise Alice Schwarzer das tut, wirkt das viel verbissener. Wizorek bringt auch Leute zum Lachen. Dem Rest der Welt täte es gut, sich da mal eine Scheibe abzuschneiden, besonders der Politik: Es ist traurig, wenn Min Li Marti berichtet, dass sie Worte wie «Feminismus» oder «Patriarchat» gezielt aus ihrem Vokabular streicht, damit ihre Vorstösse «mehrheitsfähig» sind. Der Feminismus war auch schon mal selbstbewusster.
Das liegt nicht so sehr an Marti, sondern vielmehr daran, dass gewisse Begriffe heutzutage ziemlich verpönt sind. «Ismen» sind in einem postideologischen Zeitalter definitiv out. Christof Moser sprach dabei von «einer gewissen Sprachlosigkeit», die sich beim Thema Feminismus installiert hat. Das Klima sei verhärtet, die Debatten in der Regel rau. So waren sich denn auch alle darin einig, dass es derzeit gewisse Rückwärtsbewegungen gibt.
On- und offline: Gegenwind
Stimmt schon, niemand will sich heute mehr so recht zum Feminismus bekennen, richtig mitmachen, sich dem Gegenwind stellen. Er geht ja auch durch Mark und Bein. Das sieht man nur schon daran, wie Wizorek nach ihrem #aufschrei angefeindet wurde in diversen On- und Offline-Foren, auch aus den «eigenen» Reihen. Und als wäre das nicht schon genug, fragen sie jetzt alle noch ständig nach dem ultimativen Masterplan zum Umsetzung einer neuen, feministischen Weltordnung – schiesslich war sie es, die diese Büchse der Pandora unbedingt öffnen musste, jetzt soll sie das Problem auch fixen. So jedenfalls fühlt es sich an, wenn man die Zeitungsberichte und Interviews mit Anne Wizorek liest.
Sie geht relativ gelassen damit um. Ich hingegen bin etwas enttäuscht und frage mich, wieso da niemand so recht mitmischen will, wieso es so schwierig ist, Komplizen oder eben: Mehrheiten zu finden. Eine mögliche Antwort wäre, dass das gar nicht mehr geht in einer Welt wie dieser, in der alle ihr eigenes Süppchen kochen, alle gewinnen können, wenn sie sich nur genug anstrengen, aber auch alle selber schuld sind, wenns irgendwas nicht hinhaut. Strukturelle Probleme? Niemals!
Feminismus für das eine Prozent
Eine neoliberale Form von Feminismus kann es nicht geben. Am Podium wurde das einmal mehr klar, als es um die sogenannten BWL-Feministinnen ging. Um Frauen wie die Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg, die für ihr 2013 erschienenes Buch Lean In. Frauen und der Wille zum Erfolg in aller Welt abgefeiert wurde. Sandberg ist Top-Managerin, höher geht die Leiter nicht mehr. Sie repräsentiert darum lange nicht alle Frauen dieser Welt, höchstens jene in den Teppichetagen. «Bestenfalls Feminismus für das eine Prozent», schrieb die WoZ über die Amerikanerin. Wenn die leistungsorientierte, geld- und machtgeile Konzernwelt das ist, was Feministinnen anstreben, ja, dann darf sich Sandberg wohl oder übel so nennen.
«Das System ist krank», stellten auch die Podiumsgäste am Donnerstag fest. Was der Feminismus also braucht, ist ein grundsätzlicher Gegenentwurf zum Bestehenden. Wer will schon mitmischen in einem System, das die Ellbogen der Solidarität vorzieht? Zeitgenössischer Feminismus darf deshalb keine isolierte Disziplin sein, sondern muss mit globalen Forderungen einhergehen, zu einem «Grundrauschen» werden, wie Wizorek sagt. Feminismus darf sich nicht an «Frauenfragen» aufhängen, sondern muss die Gleichstellung aller Lebens- und Liebes- und Geschlechtsentwürfe fordern, die Welt von Grund auf umkrempeln wollen.
Feminismus muss die Utopie sein. Für alle.
Anne Wizorek: «Weil ein Aufschrei nicht reicht – Für einen Feminismus von heute», Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2014. Fr. 21.90.
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