Einmal mehr fehlen die Frauen beim SRF: Roland A. Müller, Direktor des Schweizer Arbeitgeberverbands, ist Gast im Club zum Thema «Arbeit statt Sozialhilfe für Flüchtlinge», Felix Wolffers, Ko-Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos), Rudolf Strahm, Berufsbildungsexperte und ehemaliger Preisüberwacher, Hannes Germann, Präsident des Schweizerischen Gemeindeverbands und SVP-Ständerat aus Schaffhausen, Markus Vogel vom Kompetenzzentrum Integration der Stadt Bern und Saiten-Kolumnist Yonas Gebrehiwet, 19, angehender Textiltechnologe und vor gut vier Jahren aus Eritrea in die Schweiz gekommen.
Du als Afrikaner, hast du Probleme mit Sauberkeit und Pünktlichkeit?
Erstmal erkundigt sich Moderator Thomy Scherrer bei Yonas nach den Schwierigkeiten, mit denen er als Asylsuchender in der Schweiz zu kämpfen hatte. Die Sprache sei ein Problem, schon klar, nickt Scherrer – aber vermutlich auch «typisch schweizerische Werte und Normen» wie «Sauberkeit» oder «Pünktlichkeit», nicht?
Darauf reagiert Yonas zwar souverän («Das habe ich von meiner Mutter gelernt»), doch der Hochmut, der in Scherrers Frage mitschwingt, ist beispielhaft für die ganze Diskussion: Selbstgefällig und gönnerhaft reden hier privilegierte, grau melierte Herren über «junge Männer, die herumlungern» statt demütig den Eidgenossen zu dienen – mittes «einfacher Arbeiten» selbstverständlich, als «Erntehelfer» zum Beispiel, als «Zugreiniger» oder Hilfskraft in Forstwirtschaft und Gastronomie. Wie man es halt so macht mit «bildungsfernen Schichten» (Strahm).
Beschönigungen statt klare Worte
Immer wieder ist die Rede von diesen «einfachen Arbeiten». Man hätts auch beim Namen nennen und einfach «Drecksarbeit» sagen können. Stattdessen legt man grossen Wert darauf, nicht vom «Putzen», sondern vom «Reinigen» zu reden. Weil der Fachjargon das so will.
Yonas’ Einwand, dass auch gut qualifizierte Leute hierher kommen, für die es Brückenangebote bräuchte, verhallt einigermassen ungehört. Entscheidend sei weniger die Art der Arbeit, sagt Strahm, sondern dass man «diesen Leuten» feste Strukturen geben könne, «geschützte Arbeitsplätze», Dinge wie «Anlehren», «Praktika», «Flüchtlingslehren».
Die Hälfte der Asylsuchenden sei unter 25, gibt Wolffers zu bedenken, diese jungen Leute müsse man in den Arbeitsmarkt integrieren. Sein Ansatz: sie nicht mit «Flüchtlingslehren» abzuspeisen, sondern auf die derzeit 10’000 freien Lehrstellen – «in Berufen, die vielleicht nicht die attraktivsten sind» – zu verteilen. «Das ist der Preis, den man vielleicht zahlen muss, wenn man in dieses Land kommt.»
«Yonas, Sie könnten Politiker werden»
Müller sieht ebenfalls die Privatwirtschaft in der Pflicht, äussert aber Zweifel. Weil einerseits die Zahl der Asylsuchenden sehr hoch sei und diese andererseits auch die entsprechenden «Grundlagen», sprich minimale Deutschkenntnisse und ein gewisses «Benehmen» mitbringen müssten. Dann erst, allenfalls, habe man in der hiesigen Arbeitswelt Verwendung für sie.
Dass man dafür zuallererst die zahlreichen bürokratischen Hürden überwinden müsste, wie Yonas richtig bemerkt, wird nicht weiter vertieft. Stattdessen wird der «Vorzeige-Flüchtling» (Germann) gelobt für seine pointierten Ausführungen und Ergänzungen. «Sie könnten Politiker werden», findet Scherrer und erntet dafür Zustimmung in seiner Männerrunde.
Blanker Hohn angesichts dessen, dass Yonas noch mindestens fünf Jahre warten muss, bis er – vielleicht – auch am politischen Leben in der Schweiz teilhaben darf.
Weitere Infos und die ganze Sendung: hier. Mehr zu Yonas: hier. Und «weiter denken»: hier.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.