Nein, dieses Heft ist keine Antwort auf die grauenhaften Anschläge von Paris vom 13. November. Antworten darauf werden anderswo gesucht, hilflos und fragwürdig allesamt: militärische, pazifistische, diplomatische, emotionale, sprachlose Antworten. Zum Zeitpunkt der Anschläge war diese Saitenausgabe im Endspurt. Den Plan, im Dezember ein Heft zur Lage der Refugees hier und anderswo zu machen, hatten wir bereits Monate zuvor gefasst. Inklusive den festen Vorsatz, vor allem Asylsuchende in der Ostschweiz selber zu Wort kommen zu lassen.
In diesem Sinn ist dieses Heft vielleicht doch eine Antwort. Es will Flüchtlingen eine Stimme geben. Viele haben im St.Galler Solidaritätshaus ihre Anlaufstelle gefunden. Sie reden hier von den Schwierigkeiten, die sie im Alltag, beim Deutschlernen, bei der Arbeitssuche erleben, und davon, wie und warum sie in die Schweiz gekommen sind. Einige haben für Saiten ihre Geschichte aufgeschrieben, in der fremden hiesigen und in ihrer eigenen Sprache.
Sie sind hier, und sie sind Teil einer Gesellschaft, die sich immer noch weitherum einbildet, Migration sei ein vorübergehendes Ungemach. Dass dem nicht so ist, erklärt der Publizist und Migrationsforscher Kijan Espahangizi in seinem Essay «Im Wartesaal der Integration ». Der Fotograf Georg Gatsas arbeitet an einem Projekt, das gleichfalls auf die dringend notwendige Korrektur in den Köpfen abzielt: auf die Einsicht, dass wir längst in der postmigrantischen Gesellschaft leben. Genaue poetische Worte dafür findet die junge Autorin Claire Plassard.
Die post-migrantische Gesellschaft zeichnet sich aus durch Mobilität, durch Vielfalt, Durchlässigkeit, durch den Verlust von Zugehörigkeiten und den Gewinn an Farbe. Gegen all dies, muss man annehmen, richtet sich der Terror der Fanatiker. Klar ist, dass solcher Fanatismus seine Ursachen auch in der Ungerechtigkeit der sozialen und ökonomischen Verhältnisse hat. Ein Beispiel dafür sind die katastrophalen Arbeitsbedingungen von Immigranten auf den Plantagen Andalusiens, auf denen unser Gemüse wächst. Die Landarbeitergewerkschaft, die sich für sie einsetzt, erhält dafür in diesen Tagen den Menschenrechtspreis der St.Galler Grüninger Stiftung.
In der Mitte dieses Hefts liegt ein Bogen Weihnachtspapier und auf ihm: das nomadische Manifest von Saiten. Wir freuen uns, wenn Sie es zum Geschenk-Verpacken brauchen und damit nomadisch weitergeben. Oder an die Wand kleben. Es ist aus der Überzeugung geschrieben: In Zeiten wie diesen kann es nur darum gehen, die Welt und die Ostschweiz weiter statt enger zu machen–mit allen Risiken. Und mit aller Neugier.
Saiten
Reaktionen & PositionenBlickwinkel von Marco KamberRedeplatz mit Gabi BernettaGebremst – JuriertStadtpunkt von Dani Fels
Keine Zeit, um Kind zu seinEin Besuch bei den UMA im Thurhof.von Urs-Peter Zwingli
«Wenn ich nicht in die Schule kann…»Schülerinnen und Schüler des Integra-Deutschkurses schreiben über sich.von Tenzin Ngodup, B., Khalid, SelomunN Zerihun, Meera, M.A., Dai Suan Mung, M.T., N.N. Serdar und Corinne Riedener
Glossar
Den (Post-)Migrantinnen gehört die Zukunft.von Georg Gatsas
26’2850 FrankenAman ist 2008 aus Eritrea geflüchtet. Heute putzt er SBB-Waggons.notiert von Philipp Bürkler
Arbeit wäre genug da, aber…Solihaus und Solinetz St.Gallen leisten Integrationsarbeit. Und reiben sich an den st.gallischen Asylstrukturen.von Peter Surber
Im Wartesaal der IntegrationDie Schweiz ist längst angekommen in der postmigrantischen Realität – sie will es nur nicht wahrhaben.von Kijan Espahangizi
«Die Immigranten sind das letzte Glied»Die Gewerkschaftsarbeit in den Gemüseplantagen Andalusiens wird mit dem St.Galler GrüningerPreis ausgezeichnet.von Erich Hackl
ihnen meine handschuhevon Claire Plassard
PerspektivenFlaschenpost von Maja Hess aus KurdistanSchaffhausenThurgauVorarlbergRapperswil-JonaStimmrecht von Yonas Gebrehiwet
Wenn jeder kaputt gehtDer türkische Film Köpek ist ein Dokument der Krisevon Urs-Peter Zwingli
Im Bett mit Hope SandovalNeue Alben von Bit-Tuner und Augenwasser.von Corinne Riedener
Hundekot und Quallen am TraumstrandKnuts Koffer transportiert Vinyl im Doppel.von Martin Mühlegg
Zeichnen gegen die RepressionBericht von der Egypt Comix Week in Kairo.von Lika Nüssli
Irritationen seit 30 JahrenBücher als Kunstwerke: Ein Glückwunsch an den Vexer Verlag.von Wolfgang Steiger
Laute BescherungDas freie Theater blüht. Aber nicht genug, findet Michael Finger.von Peter Surber
Bücher, die zu unserer Zeit redenNeuerscheinungen, empfohlen von Buchhändlerinnen und Buchhändlern.
Weiss auf schwarz
AbgesangKellers GeschichtenCharles Pfahlbauer jr.Boulevard
Wie wollen wir künftig leben und unsere Nahrungsmittel produzieren? Die Ausstellung «How goes Tomorrow» der Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler in der Shedhalle in Frauenfeld sensibilisiert für nachhaltige Handlungsstrategien.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
Naturmuseum Thurgau
Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
Der 1100. Todestag von Wiborada – Inklusin, Stadtheilige und Projektionsfläche – ist zurzeit Thema vielfältiger Aktivitäten. Zu den Highlights gehört eine mutmassliche Unterschrift, zu besichtigen in der Ausstellung im St.Galler Regierungsgebäude.
Gastkommentar
Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.
Am Wochenende bringt das Aufgetischt-Festival wieder über 100 Strassenkünstler:innen aus aller Welt in die Gassen der Stadt St.Gallen. Wir haben mit Daiana Mingarelli vom Duo Daiana Lou über die Eigen- und Besonderheiten des Busking gesprochen.
Heavy Psych Sounds Fest
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.