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Auffangen, was andere versäumen

Das Solidaritätshaus in St.Gallen feiert sein fünfjähriges Jubiläum, unter anderem mit einer Fotoausstellung. Auch wenn dort viele lachende Gesichter zu sehen sind, hinterlässt der Besuch ein beklemmendes Gefühl. Und Fragen. Viele Fragen.
Von  Corinne Riedener , 

Es könnte einem eng ums Herz werden im Solihaus an der Fidesstrasse in St.Gallen. Leute aus der ganzen Welt sitzen an den Tischen im ersten Stock und essen gemeinsam zu Mittag. Leute aus Äthiopien, Eritrea, Syrien, Irak, Tibet oder Somalia. Sie alle haben ihre ganz eigene Geschichte, aber so genau will ich das gar nicht wissen. Wer sich für diese Menschen interessiert, nicht erst seit gestern, kann sich vorstellen, wer oder was sie in der Ostschweiz hat stranden lassen.

Sie sollen nicht darauf reduziert werden. Heute will ich nicht wissen, woher mein Gegenüber die dicke Narbe am Hals hat, oder wieso die junge Frau mit Kopftuch am Nebentisch versteckt ein paar Tränen abwischt. Ich will auch nicht wissen, wieso S., mit dem ich auch schon gekocht habe, nach über vier Jahren wieder zurück in den Sudan muss. Heute Mittag will ich einfach nur daneben sitzen und darüber diskutieren, was besser schmeckt: Kaffee oder Schwarztee.

Hier die Welt

Seit fünf Jahren gibt es das Solidaritätshaus in St.Fiden. Mit besagtem Mittagstisch, mit Lesungen, Festen, Näh-, Haushalts- oder Rechnungskursen. Seit fünf Jahren trifft sich die Welt dort. Man kocht zusammen, putzt, näht, streitet auch manchmal, weint oder feiert miteinander. Auch am kommenden Samstag wird wieder gefeiert im Solihaus – unter anderem gibt es eine Ausstellung mit Bildern und Zeitungsartikeln aus den vergangenen Jahren zu sehen. Es sind Fotos vom Umbau, vom gemeinsamen Abwasch, vom Grittibänzen, vom Deutschunterricht in der nahegelegenen Integra-Schule.

Die Bilder zeigen fast nur gutgelaunte Gesichter. Kinderlachen. Leichtigkeit. Perspektiven. Endlich mal keine vollen Flüchtlingsboote. «Taten statt Worte» heisst die Ausstellung. Das sei keine hohle Phrase, sagt Ursula Surber an der Pressekonferenz, sondern Aufforderung und Herausforderung zugleich. Von den zehn bereitgestellten Stühlen werden nur zwei gebraucht an diesem Dienstagmorgen: einer vom «Tagblatt», einer von Saiten. Vielleicht weil zur selben Zeit in Buchs ein «Flüchtlingsansturm» erwartet wird.

Der Lebensalltag geht vergessen

Im Moment sind die Medien voll mit vollen Booten, Zügen und Zelten. Es ist Wahlherbst. Zahlen, Statistiken, Ängste dominieren die Berichterstattung. Der eigentliche Lebensalltag von Flüchtlingen gehe dabei oft vergessen, sagt Solihaus-Präsidentin Ursula Surber. «Die Trennung von ihrer Familie und ihrer Heimat, ein Leben am Rand der Gesellschaft, durchwegs unter dem Existenzminimum, und das lange Warten auf einen Asylentscheid sind Realitäten, mit denen wir hier täglich konfrontiert sind.»

Ursula Surber und ihre Kolleginnen kritisieren die Behörden, berichten vom jahrelangen Warten, von verlorener Lebenszeit, von den Schwierigkeiten, die es praktisch verunmöglichen einen Praktikumsplatz für Geflüchtete und Verfolgte zu finden. Es gebe unzählige bürokratische Hürden, sagen sie. «Im Endeffekt führen sie allesamt zu einer weiteren Verschärfung des Asylgesetzes.»

Das Solihaus versucht das irgendwie aufzufangen. Zum Beispiel mit praktischer Lebenshilfe in Form von Hauswirtschaftskursen: 12 Personen können pro Semester daran teilnehmen. Auf der Warteliste stehen momentan über 30. Man kann es nicht anders sagen: Im Grunde versucht das Solihaus das zu machen, wozu die Behörden offenbar unfähig sind. Am Ende bleiben vor allem Fragen. Fragen wie zum Beispiel:

  • Wieso muss jeder einzelne Schnupper-Halbtag bewilligt werden? Und wieso dauert das teilweise bis zu zwei Monate?
  • Wieso ist dieser Papierkrieg auch für potenzielle Arbeitgeber kaum zu gewinnen?
  • Wieso gibt es St.Galler Gemeinden, die es nicht einmal fertigbringen, die Busfahrt für die kostenlosen Deutschkurse in der Integra-Schule zu finanzieren? Und wieso kosten alle anderen Sprachkurse überhaupt etwas?
  • Wieso setzt sich die Vereinigung der St.Galler Gemeindepräsidentinnen und Präsidenten (VSGP) nicht für einheitlichere Bedingungen ein?
  • Wie werden die Gelder vom Bund genau eingesetzt und wieso gibt es darüber keine transparenten Kostenaufstellungen?
  • Werden immer mehr F-Bewilligungen (vorläufige Aufnahme) ausgestellt, weil eine Person oder Familie mit diesem Status weniger Sozialhilfe erhält?
  • Wäre es nicht naheliegend, dass Stadt und Kanton sich mit Institutionen wie dem Solihaus zusammentun – nicht nur in diesen Zeiten?
  • Andrerseits: Ist es nicht traurig, dass das Solihaus und andere dort einspringen müssen, wo die Behörden offensichtlich versagen?
  • Was müssen wir tun, damit sich die Privatwirtschaft endlich von sich aus einsetzt und beispielsweise Schnupperstellen, Praktika oder Weiterbildungen anbietet?
  • Wieso ist es nicht möglich, gut ausgebildeten Personen eine Art Brückenangebot zu ermöglichen, damit sie auch hier ihrer ursprünglichen Arbeit nachgehen können?
  • Wieso können Geflüchtete und Verfolgte – sofern sie denn überhaupt einen Job oder ein Praktikum bekommen – nur einen Bruchteil ihres Stundenlohns behalten (im Reinigungsbereich zum Beispiel noch 2 von 35 Franken), weil sie dem Sozialamt den Rest umgehend zurückerstatten müssen?
  • Überhaupt: Ist das nicht eine Form der Sklaverei, wenn Geflüchtete und Verfolgte zu solchen Bedingungen eingesetzt werden – und das auch noch für Arbeiten, die Schweizerinnen und Schweizer nicht selber ausführen wollen?
  • Was geschieht mit jenen Leuten, die aufgrund der Umstände ähnliche Syndrome entwickeln wie Langzeitarbeitslose?
  • Und wie helfen wir jenen, die kaum arbeiten können, weil sie wegen dem Erlebten unter Angstzuständen, Schlaf- oder Konzentrationsstörungen leiden?

 

Ich bleibe ratlos zurück angesichts dieser Fragen. Und ich habe noch so viele. Wie Ursula Surber und ihre Kolleginnen vom Solihaus wünsche ich mir eine grundsätzliche Revision der bestehenden Gesetzgebung. Aber aktuell setze auch ich vor allem auf eine starke Zivilgesellschaft; auf eine, die bereit ist mitzuhelfen und die eigenen Probleme eine Zeit lang zu vergessen.

Die Situation ist deprimierend. Und wenn es nicht auch die guten Momente gäbe – einen wie heute, als ein Bekannter aus Libyen nach längerer Zeit wieder im Solihaus aufgetaucht ist und stolz von seiner Praktikumsstelle berichtet hat – würde mir endgültig so richtig eng ums Herz.

 

Fünftes Solihausfest: Samstag, 5. September, 11 bis 17 Uhr, Solidaritätshaus St.Gallen.

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