Schon zum zweiten Mal in diesem Monat hatte das Palace am Dienstag an der erfreulichen Universität volles Haus. Letzte Woche ging es um die Faschos der deutschen Rechtsrockszene, am Dienstagabend um die Asyl-Unterkunft im Riethüsli, oder besser: um die Frage, was danach kommt.
Eingeladen hatte die Aktion Zunder. Das ausserparlamentarische Bündnis will wissen: Was kommt nach der Solidarität? Was passiert mit den Flüchtlingen, die in unserer Nachbarschaft leben? Behandelt die Schweiz überhaupt ihre Asylgesuche? Wenn ja, wie gross sind ihre Chancen, dass sie Asyl erhalten? Und wenn nein, wohin und mit welchen Begründungen werden Menschen zurückgeschickt? Was sagt eigentlich die Politik dazu? Und nicht zuletzt: Was können wir tun?
Leben «in the Bunker»
Jede Menge Fragen. Doch zuerst sollten Leute aus dem Riethüsli selber zu Wort kommen: Zu Gast waren Omet aus Afghanistan und Salomon aus Eritrea – zwei von etwa 130 Personen, die derzeit in der Zivilschutzanlage wohnen. «In the Bunker», wie Omet sagt. Und er erklärt auch gleich, wie die Tage dort oben aussehen: alle ein bisschen gleich. Heisst aufstehen um sieben, möglicherweise Fitness, danach gibt’s Frühstück, abhängen im Gemeinschaftsraum mit TV oder Internet, um zwölf geht’s zum Mittagessen, am Nachmittag zur Deutsch-Lektion, bei schönem Wetter zum Fussball, ansonsten wieder in den Gemeinschaftsraum zu Internet, Billard und Ping Pong, um sechs Uhr gibt’s Abendessen und später am Abend Filme oder gemeinsame Aktivitäten.
Immer wieder bedanken sich die jungen Männer; bei den Schweizerinnen und Schweizern, der Regierung, den Aktivistinnen und Aktivisten. Sie räumen aber auch ein, dass das Leben unter der Erde in der Tat nicht immer einfach sei, so ohne Tageslicht und frische Luft, aber dass sie keine Wahl hätten. Und dass es im Bunker auch durchaus hin und wieder zu Reibereien kommen könne – die aber bis jetzt nie zu ernsthaften Konflikten geführt hätten.
Sicht- und unsichtbare Grenzen
Tilla Jacomet von der HEKS-Rechtsberatung hat regelmässig Kontakt zu Leuten im Riethüsli. Die Juristin lobt in der anschliessenden Podiumsdiskussion, dass auch «wirkliche Flüchtlinge zu Wort kommen» und nicht nur Fachleute. Solche Veranstaltungen seien wichtig, sagt auch WOZ-Redaktor Kaspar Surber. Um «sich näher zu kommen, sich zu begegnen, sich auszutauschen» – was die Flüchtlings- und Migrationspolitik der Schweiz aktuell zu verhindern versuche. Damit meint er beispielsweise das Arbeitsverbot, den erschwerten Zugang zur Bildung oder die unterirdische Unterbringung. «So werden die Leute vor der Öffentlichkeit versteckt.»
Derzeit stelle die Schweiz sehr viele Wegweisungsverfügungen nach Ungarn und Italien aus, erklärt Jacomet. Das betreffe vor allem Asylsuchende im Dublin-Verfahren, deren Erfolgsaussichten seien gering. Das Dublin-Abkommen – es besagt, dass Asylsuchende nur in dem europäischen Land, das sie zuerst betreten, einen Antrag stellen dürfen – sei eine «Schönwetterlösung», kritisiert auch Kaspar Surber und plädiert für einen europäischen Verteilschlüssel. «Die progressivere Lösung», so Surber, «wäre aber, wenn sich die Asylsuchenden das Land aussuchen könnten.»
Davon sind wir noch weit entfernt. Aus der Schweiz werden täglich Menschen nach Ungarn oder Italien ausgeschafft. «2015 waren es bis jetzt 1644 Personen», erklärt Moderator Matthias Fässler. Im Fall von Ungarn soll das bald nicht mehr möglich sein, wenn es nach Stefanie Rinaldi von Amnesty Schweiz geht. Ungarn habe für den Grenzzaun dreimal soviel ausgegeben wie es pro Jahr in das Asylwesen investiert. Entsprechend seien auch die Zustände dort: «Der Zugang zum Asylverfahren ist faktisch verwehrt, die Unterbringung ist menschenunwürdig und das Non-Refoulement-Prinzip, das die Auslieferung oder Rückschiebung einer Person in ein anderes Land verbietet, falls sie dort mit Folter bzw. unmenschlicher Behandlung oder anderen Menschenrechtsverletzungen rechnen muss, wird nicht eingehalten.»
Es braucht zivilgesellschaftliches Engagement
Wenn man in der Geschichte zurückschaue, sagt Rinaldi, seien militarisierte Grenzen ohnehin unnütz. Man sehe ja, dass die Menschen trotz allem in Europa ankommen. «Wenn keine Möglichkeit besteht, legal in ein Land einzureisen, dann bleibt nur der illegale Weg. Und dieser wird angetreten, ganz egal, wie die Grenzen gesichert sind.» Nicht zuletzt deshalb seien die Menschen angeweisen auf fremde Hilfe, ergänzt Surber. Schlepperei, oder positiv gesagt Fluchthilfe, sei im Endeffekt nur ein Ausdruck der Illegalisierung der Fluchtwege.
Die Politik hinkt der Realität hinterher, darin sind sich die Podiumsgäste einig. Wie steht es also um das zivilgesellschaftliche Engagement? Auch abseits von Solihaus und Solinetz? Wo der Staat nicht alles regeln könne, sagt Jacomet, entstünden überall Nischen und Lücken, wie auch am Riethüsli zu sehen sei. Dort lasse man es beispielsweise zu, dass Deutschunterricht erteilt wird. «Das ist nicht selbstverständlich, da Asylsuchende in diesem Status normalerweise keine Deutschkurse erhalten.»
Weg vom «Wir und die anderen»
Schön war, dass sich die Podiumsrunde nicht nur auf die Probleme einschoss, dass der Blick auch über den Tellerrand der Schweizer Asylpolitik reichte, dass man weg kam vom «Wir, die Helfenden» und «Die Anderen, denen man helfen muss», dass Omet und Solomun im Palace waren und dass sich so viele junge Leute die Zeit dafür genommen haben – tut gut, das zu sehen.
Vielleicht sind die konkreten Tipps, wie und wo man sich denn solidarisieren, einsetzen, nützlich machen könne, am Schluss etwas zu kurz gekommen. Denn dafür, so sagten zumindest einige der Anwesenden, sind wohl viele ins Palace gekommen. Auch dass Hans Fässlers Englisch-Übersetzungen da und dort nicht ganz so nüchtern gehalten waren, wie sie von Omet und Salomon zu Protokoll gegeben wurden, irritierte möglicherweise einige. Aber um das noch zu relativieren: In diesem Zusammenhang darf aus einer «Bootsfahrt» schon mal eine «gefährliche Bootsfahrt» gemacht werden. Schliesslich ist das die Realität.
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».