Kategorie
Autor:innen
Jahr

Nischen & Lücken mit Engagement füllen

Am Dienstag wurde im Palace St.Gallen über das «Wie weiter nach dem Riethüsli» gesprochen. Mit Betroffenen, Experten und erfreulich viel Publikum. Jungem Publikum.
Von  Corinne Riedener
Die Notunterkunft im Riethüsli (Bild: Ralph Ribi)

Schon zum zweiten Mal in diesem Monat hatte das Palace am Dienstag an der erfreulichen Universität volles Haus. Letzte Woche ging es um die Faschos der deutschen Rechtsrockszene, am Dienstagabend um die Asyl-Unterkunft im Riethüsli, oder besser: um die Frage, was danach kommt.

Eingeladen hatte die Aktion Zunder. Das ausserparlamentarische Bündnis will wissen: Was kommt nach der Solidarität? Was passiert mit den Flüchtlingen, die in unserer Nachbarschaft leben? Behandelt die Schweiz überhaupt ihre Asylgesuche? Wenn ja, wie gross sind ihre Chancen, dass sie Asyl erhalten? Und wenn nein, wohin und mit welchen Begründungen werden Menschen zurückgeschickt? Was sagt eigentlich die Politik dazu? Und nicht zuletzt: Was können wir tun?

Leben «in the Bunker»

Jede Menge Fragen. Doch zuerst sollten Leute aus dem Riethüsli selber zu Wort kommen: Zu Gast waren Omet aus Afghanistan und Salomon aus Eritrea – zwei von etwa 130 Personen, die derzeit in der Zivilschutzanlage wohnen. «In the Bunker», wie Omet sagt. Und er erklärt auch gleich, wie die Tage dort oben aussehen: alle ein bisschen gleich. Heisst aufstehen um sieben, möglicherweise Fitness, danach gibt’s Frühstück, abhängen im Gemeinschaftsraum mit TV oder Internet, um zwölf geht’s zum Mittagessen, am Nachmittag zur Deutsch-Lektion, bei schönem Wetter zum Fussball, ansonsten wieder in den Gemeinschaftsraum zu Internet, Billard und Ping Pong, um sechs Uhr gibt’s Abendessen und später am Abend Filme oder gemeinsame Aktivitäten.

Immer wieder bedanken sich die jungen Männer; bei den Schweizerinnen und Schweizern, der Regierung, den Aktivistinnen und Aktivisten. Sie räumen aber auch ein, dass das Leben unter der Erde in der Tat nicht immer einfach sei, so ohne Tageslicht und frische Luft, aber dass sie keine Wahl hätten. Und dass es im Bunker auch durchaus hin und wieder zu Reibereien kommen könne – die aber bis jetzt nie zu ernsthaften Konflikten geführt hätten.

Sicht- und unsichtbare Grenzen

Tilla Jacomet von der HEKS-Rechtsberatung hat regelmässig Kontakt zu Leuten im Riethüsli. Die Juristin lobt in der anschliessenden Podiumsdiskussion, dass auch «wirkliche Flüchtlinge zu Wort kommen» und nicht nur Fachleute. Solche Veranstaltungen seien wichtig, sagt auch WOZ-Redaktor Kaspar Surber. Um «sich näher zu kommen, sich zu begegnen, sich auszutauschen» – was die Flüchtlings- und Migrationspolitik der Schweiz aktuell zu verhindern versuche. Damit meint er beispielsweise das Arbeitsverbot, den erschwerten Zugang zur Bildung oder die unterirdische Unterbringung. «So werden die Leute vor der Öffentlichkeit versteckt.»

Derzeit stelle die Schweiz sehr viele Wegweisungsverfügungen nach Ungarn und Italien aus, erklärt Jacomet. Das betreffe vor allem Asylsuchende im Dublin-Verfahren, deren Erfolgsaussichten seien gering. Das Dublin-Abkommen – es besagt, dass Asylsuchende nur in dem europäischen Land, das sie zuerst betreten, einen Antrag stellen dürfen – sei eine «Schönwetterlösung», kritisiert auch Kaspar Surber und plädiert für einen europäischen Verteilschlüssel. «Die progressivere Lösung», so Surber, «wäre aber, wenn sich die Asylsuchenden das Land aussuchen könnten.»

Davon sind wir noch weit entfernt. Aus der Schweiz werden täglich Menschen nach Ungarn oder Italien ausgeschafft. «2015 waren es bis jetzt 1644 Personen», erklärt Moderator Matthias Fässler. Im Fall von Ungarn soll das bald nicht mehr möglich sein, wenn es nach Stefanie Rinaldi von Amnesty Schweiz geht. Ungarn habe für den Grenzzaun dreimal soviel ausgegeben wie es pro Jahr in das Asylwesen investiert. Entsprechend seien auch die Zustände dort: «Der Zugang zum Asylverfahren ist faktisch verwehrt, die Unterbringung ist menschenunwürdig und das Non-Refoulement-Prinzip, das die Auslieferung oder Rückschiebung einer Person in ein anderes Land verbietet, falls sie dort mit Folter bzw. unmenschlicher Behandlung oder anderen  Menschenrechtsverletzungen rechnen muss, wird nicht eingehalten.»

Es braucht zivilgesellschaftliches Engagement

Wenn man in der Geschichte zurückschaue, sagt Rinaldi, seien militarisierte Grenzen ohnehin unnütz. Man sehe ja, dass die Menschen trotz allem in Europa ankommen. «Wenn keine Möglichkeit besteht, legal in ein Land einzureisen, dann bleibt nur der illegale Weg. Und dieser wird angetreten, ganz egal, wie die Grenzen gesichert sind.» Nicht zuletzt deshalb seien die Menschen angeweisen auf fremde Hilfe, ergänzt Surber. Schlepperei, oder positiv gesagt Fluchthilfe, sei im Endeffekt nur ein Ausdruck der Illegalisierung der Fluchtwege.

Die Politik hinkt der Realität hinterher, darin sind sich die Podiumsgäste einig. Wie steht es also um das zivilgesellschaftliche Engagement? Auch abseits von Solihaus und Solinetz? Wo der Staat nicht alles regeln könne, sagt Jacomet, entstünden überall Nischen und Lücken, wie auch am Riethüsli zu sehen sei. Dort lasse man es beispielsweise zu, dass Deutschunterricht erteilt wird. «Das ist nicht selbstverständlich, da Asylsuchende in diesem Status normalerweise keine Deutschkurse erhalten.»

Weg vom «Wir und die anderen»

Schön war, dass sich die Podiumsrunde nicht nur auf die Probleme einschoss, dass der Blick auch über den Tellerrand der Schweizer Asylpolitik reichte, dass man weg kam vom «Wir, die Helfenden» und «Die Anderen, denen man helfen muss», dass Omet und Solomun im Palace waren und dass sich so viele junge Leute die Zeit dafür genommen haben – tut gut, das zu sehen.

Vielleicht sind die konkreten Tipps, wie und wo man sich denn solidarisieren, einsetzen, nützlich machen könne, am Schluss etwas zu kurz gekommen. Denn dafür, so sagten zumindest einige der Anwesenden, sind wohl viele ins Palace gekommen. Auch dass Hans Fässlers Englisch-Übersetzungen da und dort nicht ganz so nüchtern gehalten waren, wie sie von Omet und Salomon zu Protokoll gegeben wurden, irritierte möglicherweise einige. Aber um das noch zu relativieren: In diesem Zusammenhang darf aus einer «Bootsfahrt» schon mal eine «gefährliche Bootsfahrt» gemacht werden. Schliesslich ist das die Realität.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ohm41 stellen wieder aus

Kunst auf der Kip­pe

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 03 um 11 14 39

Sehn­sucht nach Frei­heit

Das Thur­gau­er Pop-Phä­no­men Noe­mi Be­za ver­öf­fent­licht An­fang Ju­ni ih­re neue EP. You’ll Find Me The­re ver­eint Coun­try-Vi­bes mit ast­rei­nem Pop – was man ein we­nig ver­misst, sind Ecken und Kan­ten.

Von  Jeremias Heppeler
1 Pressefoto Noemi Beza Youll Find Me There

Kolumne: Stimmrecht im Juni

Back to the Fu­ture

Von  Liliia Matviiv

Ausstellung in Herisau

70 Jah­re und 70 Pup­pen

Von  Vera Zatti
70 Jahre SG Ausstellung

«Gros­ses Lob für die­sen Kel­ler»

Nach 22 Jah­ren gibt Mat­thi­as Pe­ter die Lei­tung der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne ab. Vom Raum ist er nach wie vor be­geis­tert. Aber dem Ka­ba­rett ging es auch schon bes­ser, er­zählt er im Ge­spräch.

Von  Peter Surber
2606 Redeplatz Matthias Peter

Für ei­nen Mo­ment be­rührt

Die Thur­gau­er Künst­le­rin Mi­cha Stuhl­mann be­fasst sich in ih­rem neu­en Pro­jekt mit dem Da­sein im Mo­ment. Am 7. Ju­ni fin­det da­zu ein Work­shop in St.Gal­len statt und am 26. Ju­ni zeigt sie mit ih­rem En­sem­ble die fi­na­le Per­for­mance in Kreuz­lin­gen. 

Von  Vera Zatti
Martin Schweingruber DA SEIN Vorpremiere 20260509 tgkultur 31 von 49

Mu­si­ka­li­sches Fest zum 150.

Die Ton­hal­le Wil wur­de 1876 er­öff­net. Seit­her be­rei­chert sie prak­tisch un­un­ter­bro­chen das kul­tu­rel­le Le­ben der Äb­te­stadt. An den kom­men­den zwei Wo­chen­en­den wird ge­fei­ert.

Von  Roman Hertler
DSC2639

Lau­te Ein­sam­keit

Jo­nas Ul­rich taucht mit sei­nem ers­ten Spiel­film in die Black-Me­tal-Welt ab. Wol­ves ist ei­ne bild­star­ke Ge­schich­te über Ein­sam­keit und das Da­zu­ge­hö­ren, vol­ler Ge­gen­sät­ze und mit et­was holp­ri­gen Dia­lo­gen.

Von  Daria Frick
001 wolves

Das Ge­dächt­nis der Zu­kunft

St.Gal­len be­wahrt nicht mehr nur 1000-jäh­ri­ge Hand­schrif­ten. Mit dem In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ent­steht hier ein Ar­chiv für Web­sei­ten, künst­li­che In­tel­li­genz und das di­gi­ta­le Ge­dächt­nis der Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
2606 Internet Archive 01
Heftvorschau 06/26
archive.org, Generalverdacht, 80er-Aufbruch

Mit In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ent­steht in St.Gal­len ein Ab­le­ger des gröss­ten Ar­chivs für Web­si­ten und Künst­li­che In­tel­li­genz welt­weit. Aus­ser­dem im Ju­ni­heft: Män­ner un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht, das gros­se St.Gal­ler 80er-Buch, das Ab­schieds­in­ter­view mit dem lang­jäh­ri­gen Kel­ler­büh­nen­chef und die Fla­schen­post aus Ve­ne­dig.

Saiten 2606 01 Cover

«Han­deln wi­der bes­se­res Wis­sen ist wie­der po­pu­lär»

Der WWF St.Gal­len wird 50 Jah­re alt. Sein Ge­schäfts­lei­ter Lu­kas In­der­maur zieht bei der Be­ur­tei­lung der ak­tu­el­len Si­tua­ti­on von Na­tur und Um­welt ei­ne durch­zo­ge­ne Bi­lanz.

Von  Reto Voneschen
2605 Redeplatz Lukas Indermaur

Freu­de am Ma­chen

«Urs Frei. A – Z» im Kunst­mu­se­um St. Gal­len ist die ers­te Re­tro­spek­ti­ve zum aus­ser­or­dent­li­chen Schaf­fen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Ar­bei­ten ge­ben Ein­blick in ein Werk, das kaum zu fas­sen ist. Das ge­hört zu sei­ner Qua­li­tät.

Von  Ursula Badrutt
Urs frei online

Ideen für die Zu­kunft

Wie wol­len wir künf­tig le­ben und un­se­re Nah­rungs­mit­tel pro­du­zie­ren? Die Aus­stel­lung «How goes To­mor­row» der Ost­schwei­zer Künst­le­rin Clau­de Büh­ler in der Shed­hal­le in Frau­en­feld sen­si­bi­li­siert für nach­hal­ti­ge Hand­lungs­stra­te­gien. 

Von  Vera Zatti
IMG 9114

Vom Un­glück der Frau, die ihn ge­bo­ren hat

«Das Kind zu­rück­las­sen? Wie kann man so dumm und herz­los sein», schreibt der Schwei­zer Au­tor Lu­kas Bär­fuss über sei­ne Mut­ter, die kei­ne Mut­ter für ihn sein konn­te. In sei­nem neu­en Buch schaut er in die Ver­gan­gen­heit und hat Ver­ständ­nis, nicht für die Mut­ter, aber doch für die­se Frau, die nie Glück und im­mer zu we­nig Geld hat­te.

Von  Sieglinde Wöhrer
Jhqzg1tg 1 1 Stefano de Marchi

Lau­sanne-Ouchy vs. FCSG – St. Gal­len ist end­lich Cup­sie­ger!

Gaal, Gört­ler und Wit­zig schies­sen St. Gal­len zum lang­ersehn­ten Cup­sieg!

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bis­se am Bo­den­see­ufer

Die Me­di­ka­men­ten­ver­su­che von Müns­ter­lin­gen als Teil ei­nes Vam­pir-Mu­si­cals? Auf die Idee muss man erst ein­mal kom­men. Die Büh­ne Mam­mern wagt den Ver­such. Ab 29. Mai im Zir­kus­zelt.

Von  Michael Lünstroth
Cast landscape

Zwi­schen Gleis, Ge­gen­wart und Ge­sell­schaft

Die dies­jäh­ri­ge Kul­tur­lands­ge­mein­de fin­det ent­lang der Bahn­li­nie zwi­schen Gos­sau und Was­ser­au­en statt. Es ist ein in­ter­dis­zi­pli­nä­res Ex­pe­ri­m­ent­zwi­schen Kunst, Ge­sell­schaft und Ak­ti­vis­mus. Aus­ser­dem stellt die Kul­tur­lands­ge­mein­de künst­le­risch und or­ga­ni­sa­to­risch die Wei­chen für die Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
KULA Vorstand Oleksandra Tsapko

Ein Fes­ti­val für Punk­rock

Am Sams­tag fin­det in St.Gal­len erst­mals das Punk­fes­ti­val El Car­tel statt. Es soll da­zu bei­tra­gen, die Sze­ne zu stär­ken. Da­bei fehlt es ge­ra­de in St.Gal­len an Nach­wuchs.

Von  David Gadze
Yellow tales grabepunk

Wy­bora­da: Die fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek der Ost­schweiz

Seit 40 Jah­ren macht die Bi­blio­thek Wy­bora­da in St.Gal­len sicht­bar, was lan­ge fehl­te: Li­te­ra­tur von und über Frau­en. Heu­te sind Au­torin­nen und fe­mi­nis­ti­sche The­men zwar stär­ker prä­sent in der Öf­fent­lich­keit, doch die Re­le­vanz der Bi­blio­thek ist nach wie vor gross.

Von  Marion Loher
2605 Wyborada Laura Tura room

Or­ches­trier­ter An­griff ge­gen ex­ter­nen Auf­klä­rungs­un­ter­richt 

Mit ei­ner In­ter­pel­la­ti­on grei­fen SVP und EDU im St.Gal­ler Kan­tons­rat den aus­ser­schu­li­schen Auf­klä­rungs­un­ter­richt an. Und mit Un­ter­stüt­zung des «Leh­rer­netz­werks Schweiz» wol­len El­tern aus Büt­schwil ei­ne Mit­ar­bei­te­rin der Fach­stel­le für Aids- und Se­xu­al­fra­gen vor Ge­richt brin­gen. Da­hin­ter steckt ei­ne or­ches­trier­te Ak­ti­on.

Von  René Hornung
2502 Aufklaerung Badges Inv nr 1300