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Angst vor der Welt

Politische und moralische Realität gestehen Migrantinnen und Migranten vielerorts kein menschenwürdiges Leben zu – auch über die Schweiz hinaus. Die kürzlich gegründete Aktion «Zunder» will das ändern. Und beginnt damit in St.Gallen.

Von  Corinne Riedener

An Europas Grenzen spiegelt sich, was Menschen auch hierzulande fordern an den politischen, analogen und virtuellen Stammtischen: «Ausländer» sollen bleiben, wo sie sind und erst recht nichts von unserem Wohlstand abbekommen. Dass unsere Gesellschaft ziemlich voreingenommen und ethnozentrisch sein kann, erleben aber auch viele, die hier geboren sind, jedoch untypische Namen oder Gesichter haben. Beispielsweise Khaled Aissaoui, Sohn einer Schweizerin und eines Algeriers. Das Verdikt «Scheiss-Papier-Schwizer» kennt er bestens. Auch den bitteren Nachgeschmack einer Beziehung, die ohne rassistische Fast-Schwiegereltern vielleicht noch heute hielte. Oder die verdutzten Blicke, wenn er in perfektem «Schwizertütsch» Rösti bestellt.

Rassistische Automatismen
Aissaoui, als Rapper Esik bekannt, engagiert sich für eine fortschrittliche Migrationspolitik. Nicht für sich – «sie betrifft uns alle», mahnt er. Deshalb berichtete er kürzlich in der «Tankstell» von seinen eigenen Erfahrungen mit offenem und strukturellem Rassismus – für einmal ohne Beats. Das Kopfnicken in den Bänken war vielmehr Symbol dafür, wie vertraut viele der Anwesenden mit solchen Ausführungen sind.

Anlass zu Aissaouis Seelen-Striptease war die «antirassistische Geburtstagsparty», organisiert von der «Aktion Zunder», einer neu gegründeten Gruppe junger Aktivisten, die sich aktiv gegen Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung von Migrantinnen und Migranten einsetzen will. Obwohl sich «Zunder» durchaus auch im globalen Zusammenhang sieht, wollen sie vor allem regional zu einer menschlichen Migrationspolitik beitragen. Wie, wird noch nicht verraten.

Fremdenfeinde im Kantonsrat
«Auch hier gibt es Menschen und Gruppen, die Grenzen verstärken wollen, xenophobe Bilder und Fremdenfeindlichkeit schüren», bedauert ein Aktivist. «Die Fremdenfeinde in der Schweiz zeigen nicht nur in Bettwil oder Bremgarten ihr hässliches Gesicht. Sie sitzen auch im Kantonsrat, in kommunalen Behörden und in den Stammbeizen der Ostschweiz.» Da wolle man ansetzen, sagt der Aktivist, der anonym bleiben will. «Weil das Anliegen wichtig ist, nicht die Köpfe dahinter.»

«Zunder» will ein Umdenken in der Gesellschaft: Weg von manipulativer Identitätspolitik und einem trägen Integrations-Begriff, hin zur interkulturellen Vielfalt ohne idealisierte Exotik. «Migration gibt es seit 100000 Jahren», sagen sie. Die Gründe dafür seien so vielfältig wie die Menschheit selber. Deshalb fordern die Aktivisten Bewegungsfreiheit für alle, egal aus welchen Motiven jemand seine Heimat verlässt. Die Unterscheidung von «armen Kriegsflüchtlingen» und «gierigen Wirtschaftsflüchtlingen» verurteilen sie, da es nicht «legitime» und «weniger legitime» Migrationsgründe geben dürfe – solche Kategorien seien unwürdig, besonders im Hinblick auf künftige Entwicklungen.

Bitteres Bild der Realität
Sie haben Recht. Dennoch haben viele Schweizerinnen und Schweizer Vorbehalte gegenüber Asyl-Suchenden, sehen in ihnen eine Bedrohung statt der potenziellen Bereicherung. Es scheint, als seien sie nicht Hoffnung-Suchende, sondern schlicht illegale Einwanderer oder Wirtschaftsflüchtlinge. Zugespitzt formuliert: Wir sperren Menschen in unsere zum Glück nie benötigten Luftschutzbunker oder halten sie in der Einsamkeit der Berge. Dort wo sie sichtbar wären, verstecken wir sie hinter Zäunen – für durchschnittlich zwei Jahre. Haben sie endlich Bleiberecht, stehen diese Menschen «und ihre ganze Kultur» unter ständiger Beobachtung und werden pauschal des Sozial-Missbrauchs oder der Scheinehe verdächtigt. Haben sie Glück, dürfen sie unseren Dreck wegputzen, haben sie Pech müssen sie «unsere Verbrechen» begehen.

Das ist bewusst pauschal und natürlich unfair jenen gegenüber, die sich für die Anliegen von Migrantinnen und Migranten einsetzen, doch es ist bitter-böse Realität. «Wir» interessieren uns offenbar nicht wirklich für andere. Das wäre auch eine mögliche Erklärung für die mancherorts kollektive Kurzzeit-Empörung mit anschliessendem Apéro, wenn vor Lampedusa medial begleitet Menschen ertrinken.

Was wäre, wenn…
Angenommen, wir könnten hineinfühlen in die Lebensrealität der Menschen in den Schlauchbooten. Wie würde reagiert? Spielte es plötzlich eine Rolle, dass Schweizer Behörden die EU-Grenzschutz-Agentur «Frontex» mit unserem Steuergeld unterstützen? Oder konkreter: Was wäre, wenn wir alle in unserem letzten Schuljahr eine Lagerwoche in einem Auffangzentrum verbracht hätten? Sähen die Kommentarspalten heute anders aus? Vielleicht.

«Zunder», Aissaoui und Gleichgesinnte auf der ganzen Welt setzen sich für einen Paradigmenwechsel in der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Migrantinnen und Migranten ein. Glückte dieser, könnte man uns vielleicht eines Tages wirklich als moderne Nomaden bezeichnen – auch jene Menschen ohne Privatjet und Kaderlohn. Vielleicht.

Auch die Gäste am antirassistischen Geburtstagsfest in der «Tankstell» betonten mehrfach einen Gedanken, der Voraussetzung für ein Umdenken wäre: «Wir können nichts dafür, wo wir geboren wurden. Auch wir in der Schweiz nicht.»

 

Hier ein Beispiel migrantischer Realität.

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