Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Alle haben Angst, dass sie wieder abgeschoben werden»

Ende Februar wird die temporäre Asylunterkunft im Riethüsli wieder geschlossen, jene in der St.Galler Jugendherberge wird noch bis im April betrieben. Aussicht auf Bleiberecht hat nur, wer kein Dublin-Fall ist. Darüber wird unter anderem am Samstag in der Grabenhalle diskutiert.
Von  Corinne Riedener
Die Notunterkunft im Riethüsli (Bild: Ralph Ribi)

Rund ein Dutzend junge Leute sitzen am Dienstagnachmittag im Deutschunterricht. Level 2, «Riethüsli 6». Sie kommen aus Afghanistan, Syrien, Iran, Irak oder Eritrea – zwölf von den schweizweit 39’500 Personen, die im vergangenen Jahr ein Asylgesuch gestellt haben. Wer sie besuchen will, muss sich bei der Zentrumsleitung ausweisen und wird in eine Liste eingetragen. Allzu persönliche Fragen solle man vermeiden, so der Rat. «Teilweise haben die Leute sehr traumatische Erfahrungen gemacht.»

Die Stimmung im improvisierten Schulzimmer ist locker. Es wird viel gelacht und geredet, in allen möglichen Sprachen. «Sedigeh ist in den Bus eingestiegen», steht vorne auf dem Hellraumprojektor. Und die Lehrerin erklärt: «Man kann einsteigen, aussteigen oder auch umsteigen.» Dann sollen alle einen Satz mit den Hilfsverben «sein» und «haben» bilden. Wichtigste Übersetzungshilfe: das Smartphone.

Erschwertes Zusammenleben

«Boring» sei es hier oben, «langweilig», sagt Haias (Name geändert) nach der Lektion. Er ist Mitte 20 und vor fünf Monaten vom Irak über die Balkanroute in die Schweiz gekommen, seine Familie blieb in der Türkei zurück. Er freut sich zwar, dass es langsam besser läuft mit dem Deutsch, erzählt aber lieber in Englisch.

Das Leben im Riethüsli sei geprägt von Ungewissheit. «Sie nagt an den Leuten. Alle haben Angst, dass sie wieder abgeschoben werden», sagt Haias. «Das wirkt sich auch auf das Zusammenleben aus. Kommt hinzu, dass das Leben unter der Erde ziemlich trist ist.» Hie und da gerate man deshalb aneinander, erklärt er, zu ernsthaften Auseinandersetzungen sei es bis jetzt aber nicht gekommen.

Vor einigen Tagen hat er den erlösenden Bescheid erhalten, den Brief des Migrationsamtes, in dem steht, dass Haias kein Dublin-Fall ist und er somit ein nationales Asylverfahren bekommt. Das Foto dieses Schreibens hat er auf seinem Smartphone gespeichert. Immer wieder schaue er sich das an, sagt er und lacht. «Weil ich es noch gar nicht richtig glauben kann.»

«Keine optimale Unterbringungsform»

In der Notunterkunft im Riethüsli befinden sich laut Jürg Eberle vom kantonalen Migrationsamt zurzeit noch etwa 80 Personen, in der städtischen Jugendherberge hingegen sind es über 100. Erstere wird Ende Februar geschlossen, die Jugendherberge kann noch bis im April weiter betrieben werden.

Die vorläufige Bilanz des Amtsleiters ist «sehr positiv». Das Echo aus der Bevölkerung sei enorm gewesen, die Zusammenarbeit mit der GBS und dem Quartier reibungslos. Doch auch er sagt: «Die Zivilschutzanlage ist keine optimale Unterbringungsform.» Wenn viele Leute über mehrere Monate auf engem Raum zusammen leben, könne es zu einer Art «Lagerkoller» kommen – was wiederum zu Spannungen führe.

Konflikte habe es im letzten Halbjahr durchaus gegeben, glücklicherweise keine gewalttätigen. Die Zentrumsleitung im Riethüsli habe diese Situationen jeweils «hervorragend gelöst», sagt Eberle. «In der Regel hat man die Asylsuchenden an einen Tisch geholt und das Gespräch gesucht. So hat es immer eine Lösung gegeben.»

Wochenlanges Warten auf die Papiere

Wie viele Personen aus dem Riethüsli im Rahmen des Dublin-Abkommens ausgewiesen wurden, kann Eberle nicht sagen. Nur, dass sicher niemand nach Ungarn oder Griechenland zurück musste. Ungarn nehme bereits seit einigen Monaten keine Asylsuchenden mehr zurück, Griechenland schon seit mehreren Jahren.

Wenn eine Person «freiwillig» in ihr Heimatland zurückkehre, erhalte sie vom Bund «eine Art Abfindung» von etwa 1000 Franken, erklärt er – «eine Starthilfe». Akzeptiere die Person den Entscheid, könne sie normalerweise innert weniger Tage ausreisen, sobald entsprechende Ausweispapiere vorhanden sind. Verweigere sie die Kooperation, versuche das Migrationsamt die Reisepapiere selber bei den Konsulaten und Botschaften der jeweiligen Länder zu organisieren. «Das kann – je nach Situation und Bereitwilligkeit der dortigen Behörden – mehrere Wochen oder Monate dauern.»

Jeder abgewiesene Asylsuchende erhalte die Chance, freiwillig aus der Schweiz auszureisen. In Ausschaffungshaft komme man in erster Linie, wenn man in dieser Zeit straffällig werde oder die öffentliche Sicherheit gefährde, sagt Eberle. Diese dauere laut Gesetz allerhöchstens 18 Monate. Wer nicht freiwillig gehe, werde von der Kantonspolizei zum Flughafen begleitet. Wenn jemand den Flug verweigere, fliege die Kantonspolizei mit. «Der letzte und teuerste Weg» sei der Sonderflug. «Auf diese Zwangsmassnahme greift der Bund dann zurück, wenn mehrere renitente Personen gleichzeitig ausgeschafft werden sollen.»

Unterbringungsprobleme in den Gemeinden

Nicht-Dublin-Fälle – also Leute wie Haias, die noch in keinem der Dublin-Staaten registriert wurden – kommen in ein nationales Asylverfahren und werden nach ihrem Aufenthalt im Riethüsli oder in der Jugendherberge auf eine der 77 Gemeinden im Kanton St.Gallen verteilt. Dafür zuständig ist die Vereinigung der St.Galler Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten (VSPG).

Es sei «kein Geheimnis, dass die Gemeinden zunehmend Unterbringungsprobleme haben», sagt Eberle. «Je mehr Asylgesuche es gibt, desto mehr spitzt sich die Situation zu. Die Gemeinden sind auf günstigen und zweckmässigen Wohnraum angewiesen, doch dieser ist immer schwerer zu finden.»

Haias hofft, dass er irgendwo in der Nähe der Stadt untergebracht wird. «Am liebsten würde ich hier in St.Gallen bleiben», sagt er. «Ich mag die Stadt und ihre Bewohner.» In den letzten Monaten habe er viele «Leute von hier» kennengelernt, beim Fussball, beim Feiern in der Stadt oder im Deutschunterricht, und dank dessen auch schon einige Freundschaften geschlossen. Jetzt könne er sich endlich mit diesen Leuten treffen, ohne ständig Angst zu haben, dass er am nächsten Tag ausgeschafft wird.

 

Dancing statt Dublin: Samstag, 30. Januar, Grabenhalle St.Gallen

20 Uhr: Podiumsdiskussion zum Thema Bewegungsfreiheit, Ausschaffungspraxis und Recht auf Rechte, mit Katharina Morawek (Kuratorin Shedhalle Zürich), Bettina Surber (Kantonsrätin SP) und Amanda Ioset (Solidarité Sans Frontières), Moderation Matthias Fässler (Nachtasyl-Kollektiv)

22.30 Uhr: Konzerte von White Page (Afghanistan) und All Ship Shape (St.Gallen), Afterparty mit DJ Naurasta Selecta & DJ die Lücke

dancing statt dublin

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40

Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

Von  Redaktion Saiten
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 08 43

Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

Von  Sieglinde Wöhrer
IMG 5826 Paul Trummer 2

Der lan­ge Weg nach Hau­se – ein Stol­per­stein für Ja­kob Lütschg

Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 1558

Musik am See

Pia­no­klän­ge für al­le

Von  Vera Zatti
IMG 0757 2

FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

Tor­reich, span­nend und doch ent­täu­schend - nur ei­ne Vier­tel­stun­de gu­ter Fuss­ball reicht halt nicht zum Punkt ge­gen Thun. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
Meter 6 david gadze

WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
6085807

FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land 2:3 – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01