Kategorie
Autor:innen
Jahr

Leben im Bunker: Aggressionen und Depressionen

In einer Zivilschutzanlage unter dem GBS-Schulhaus will der Kanton notfallmässig bis zu 100 Asylbewerber beherbergen und betreuen. Asylbeobachter kritisieren die unterirdische Unterbringung.
Von  Urs-Peter Zwingli

Der Kanton eröffnet in der Stadt St.Gallen notfallmässig eine Asylunterkunft. Dies, weil die sechs kantonalen Zentren für Asylsuchende derzeit «völlig überlastet» seien, wie die Staatskanzlei in einer Mitteilung schreibt.

Die Notfallunterkunft ist in der Zivilschutzanlage im Kellergeschoss des Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrums (GBS) im Tal der Demut geplant und soll voraussichtlich Ende August öffnen. Ihr Betrieb ist auf ein halbes Jahr befristet.

In der Zivilschutzanlage werden 50 bis 100 Frauen und Männer unterkommen. Während des Tages sollen sie in provisorischen Containern arbeiten und leben. «Wir wollen nicht, dass Asylsuchende 24 Stunden unterirdisch verbringen. Das wäre nicht menschenwürdig», sagt dazu Jürg Eberle, Leiter des kantonalen Migrationsamtes. In den Containern sollen die Asylsuchenden etwa essen und den Deutschunterricht besuchen.

Leben im Bunker fördert Depressionen

Der Entscheid für die St.Galler Zivilschutzanlage ist verständlich: Sie ist billig im Betrieb, praktisch sofort verfügbar und hat die nötige Infrastruktur wie WCs und Duschen. Angenehm ist das Leben im Bunker allerdings nicht: Die Menschen  leben über Monate auf engstem Raum aufeinander. Es kann zu Spannungen kommen, ausserdem können Schädlinge wie Läuse, Wanzen oder Krätze ein Problem sein.

«Man sollte Flüchtlinge nicht unterirdisch unterbringen», sagt auf Anfrage auch Ursula Surber, Präsidentin des Vereins Solidaritätshaus St.Gallen. Viele Asylsuchende seien durch ihre Flucht stark traumatisiert. Bunkerähnliche Anlagen verstärkten die Gefahr von Depressionen und Aggressionen.

Zivilschützer betreuen die Asylsuchenden

Betreut werden die Asylsuchenden in der GBS-Anlage von Zivilschützern – eine Massnahme, die nur in Notlagen angwendet werden darf. «Es sind Zivilschützer, die für die Betreuung von Menschen ausgebildet werden. Etwa bei Übungen im Altersheim», sagt Eberle. Spezielle Kurse für den Asyleinsatz gebe es aber nicht. Einzig der Leiter der Unterkunft werde eine Fachperson aus dem Asylbereich sein. In der Nacht und an den Wochenenden ist eine private Sicherheitsfirma für die Betreuung zuständig.

«Um Asylbewerber zu betreuen bräuchte es sicher eine spezielle Ausbildung», sagt Ann-Seline Fankhauser, Geschäftsleiterin der Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht Ostschweiz. Einerseits gebe es eine sprachliche und kulturelle Barriere. Hinzu komme, dass viele Asylbewerber traumatisiert seien. «Beim Zusammenleben auf engstem Raum kann es so schnell zu einer explosiven Mischung kommen. Dabei wäre es wichtig, dass die Betreuer wissen, wie sie in heiklen Situationen reagieren sollten», sagt Fankhauser.

Auch sie nennt die Unterbringung in einer Zivilschutzanlage «grundsätzlich problematisch». Der Kanton und die Gemeinden hätten es versäumt, genügend Wohnraum zu suchen. «Es ist nicht so, dass die hohe Zahl der Asylgesuche nun eine Überraschung ist. Aufgrund der Entwicklungen war schon lange voraussehbar, dass die Zahl der Gesuche in den Sommermonaten wohl erneut steigen wird.»

Wie die St.Galler Staatskanzlei schreibt, wurden dem Kanton vom Bund von Januar bis April 2015 im Schnitt weniger als zehn Asylsuchende pro Woche zugewiesen. Mittlerweile sind es 40 bis 50. Das Staatssekretariat für Migration schätzt, dass diese Zahlen noch bis mindestens November gleich bleiben werden.

In den kantonalen Zentren verbringen die Flüchtlingen jeweils vier bis sechs Monate, danach werden sie auf die Gemeinden verteilt.

Nachwirkungen der Blocher-Ära

Die aktuelle Notlage ist auch der Politik vergangener Jahre geschuldet: Solidaritätshaus-Präsidentin Surber erinnert daran, dass es in der Stadt schon einmal eine bessere, definitive und «oberirdische» Lösung gegeben hat: das Durchgangszentrum Felsengarten an der Felsenstrasse. «Das hat man zerschlagen in der Zeit, als Blocher Bundesrat war. Damit gingen Infrastruktur und Personal mit Knowhow verloren, aus politischen Gründen.»

Das Doppelhaus Felsengarten (Felsenstrasse 31 und 33), ursprünglich als Alters- und Pflegeheim genutzt, war 1989 von der Stadt erworben worden. Im einen Hausteil zog die Wahrnehmungsschule ein, im andern baute die Stadt im Auftrag des Kantons ein Durchgangszentrum für Asylsuchende mit rund 100 Plätzen auf.

Ende Oktober 2004 wurde es vom Kanton aus Spargründen geschlossen, die Asylzahlen waren damals rückläufig; ein Jahr später ging das Haus im Baurecht an eine Wohnbaugenossenschaft über. Das Durchgangszentrum scheint, abgesehen von einer Drogenrazzia 2003, ohne grössere Probleme funktioniert zu haben.

Für die heutige Situation würde sich Surber von den staatlichen Behörden mehr Bereitschaft zur Zusammenarbeit wünschen, insbesondere mit den Kirchen und Flüchtlingsorganisationen. So könnte die Suche nach Asylunterkünften besser gelingen. Immerhin sei es vermutlich weniger umstritten, im städtischen Umfeld eine provisorische Unterkunft zu führen als auf dem Land.

Titelbild: Das GBS-Schulhaus im St.Galler Tal der Demut. Im Untergeschoss werden ab August bis zu 100 Asylbewerber leben.

Kunstausstellung

Kunst öff­net Tü­ren

Von  Vera Zatti
Arthur Stobete nah

Weis­ses Va­ku­um und ei­ne ro­te Kra­wat­te

Ge­sell­schafts­kri­tik, Wir­bel­säu­len und Ge­len­ke, die kei­ne sind. Im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung zei­gen vier Kunst­schaf­fen­de noch bis zum 29. Au­gust ih­re Ar­bei­ten im Ku­bik-Are­al in St. Gal­len.

Von  Vera Zatti
Transluzent Saiten 5

Das Kreuz mit den Ga­gen

Die Kul­tur hat kei­ne Lob­by? Am Stadt­kul­tur­ge­spräch vom Don­ners­tag­abend im Tal­hof war sie da: Ver­tre­ter:in­nen von acht Be­rufs­ver­bän­den stell­ten sich vor. Bren­nends­tes The­ma wa­ren ein­mal mehr die Ho­no­ra­re.

Von  Peter Surber
Stadtkultur2

Ei­ne Por­ti­on Kunst

Im Kunst Kon­tor Ror­schach lud der Künst­ler Fe­lix Stöck­le zu ei­nem Din­ner, ei­ner Aus­stel­lung, ei­nem Hap­pe­ning – zwi­schen Fi­ne Di­ning, Ke­ra­mik, pop­kul­tu­rel­len Re­fe­ren­zen und der al­ten Idee ei­nes ge­teil­ten Ti­sches.

Von  Veronika Fischer
Kunstkontor dinner felix stoeckle 1

Hür­de um Hür­de

Nach zehn Jah­ren in der Schweiz woll­te sich Sa­mi­ra Ra­him mit ih­rer Fa­mi­lie ein­bür­gern las­sen. Die zahl­rei­chen bü­ro­kra­ti­schen Hin­der­nis­se und die ho­hen Kos­ten brach­ten die Fa­mi­lie zeit­wei­se fast da­zu, auf­zu­ge­ben.

Von  Andi Giger
Image2

Raum­pla­nung als He­bel ge­gen die Woh­nungs­kri­se

Ber­lin­gen hat ei­ne neue Me­tho­de der In­ter­es­sen­ab­wä­gung ent­wi­ckelt: ei­ne Ana­ly­se des Orts­bilds als Grund­la­ge, um die wert­vol­le Bau­kul­tur zu er­hal­ten und gleich­zei­tig die In­nen­ent­wick­lung vor­an­zu­brin­gen. Nun steht die Ver­an­ke­rung in der Orts­pla­nung an.

Von  Rahel Lämmler
260708 Gutesbauen 02 260527 GBO2603 4559 MAX

Nach dem Rück­tritt von Pe­ter Jans: Das Ren­nen um den va­kan­ten Stadt­rats­sitz ist er­öff­net

SP-Mann Pe­ter Jans tritt En­de Ju­ni 2027 aus der St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung zu­rück. In sei­ner Par­tei star­tet die Su­che nach ei­ner Nach­fol­ge mit ei­nem kla­ren Fa­vo­ri­ten. Bei den Bür­ger­li­chen sind Schmie­de für ei­ne gros­se Al­li­anz ge­fragt.

Von  Reto Voneschen
Offizielles bild stadtrat 2021 Bild PD Ueli Steinbgruber

Ein Tau­mel von Grün

Im Bo­ta­ni­schen Gar­ten St.Gal­len geht es ab nächs­ten Sams­tag wun­der­sam zu und her: Künst­ler:in­nen aus ver­schie­de­nen Spar­ten la­den zum sze­ni­schen Rund­gang un­ter dem Ti­tel In der Däm­me­rung wächst ein Flüs­tern. Ein Pro­ben­be­such.

Von  Peter Surber
Daemmerung Prates de Matos 4

In den Wald hin­ein

Der Dra­ma­ti­ker An­dre­as Sau­ter liest am 27. Au­gust im Li­te­ra­tur­haus Thur­gau aus sei­nem un­fer­ti­gen Ma­nu­skript Ein­bruch der Wild­nis. Im Zen­trum des Werks steht die Fra­ge, was es für ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Wan­del braucht.

Von  Vera Zatti
IMG 9687 2

«Ich bin mir voll­kom­men fremd, wenn ich nicht schrei­be»

Die deut­sche Fil­me­ma­che­rin Re­gi­na Schil­ling bringt zum 100. Ge­burts­tag von In­ge­borg Bach­mann Je­mand, der ein­mal ich war ins Ki­no. Der Do­ku­men­tar­film ver­knüpft gross­ar­ti­ge Ar­chiv­auf­nah­men mit fik­tio­na­len Sze­nen aus dem letz­ten Le­bens­jahr der Dich­te­rin zu ei­nem zu­gäng­li­chen Plot.

Von  Eva Bachmann
Ingeborg Bachmann Still 01 Elliott Kreyenberg 1920x1080 jpg

Zu Be­such in der El-Hi­da­je-Mo­schee 

Die SVP macht seit Wo­chen Stim­mung ge­gen die ge­plan­te neue Mo­schee der al­ba­nisch-is­la­mi­schen Ge­mein­schaft El-Hi­da­je in St.Gal­len. An­läss­lich ei­nes öf­fent­li­chen Rund­gangs der SP stell­ten die Ver­ant­wort­li­chen das Pro­jekt vor – und räum­ten mit vie­len Vor­ur­tei­len auf.

Von  David Gadze
El hidaje rundgang david gadze

Ein le­ben für die Kunst

Jim Di­ne ge­hört zu den be­deu­tends­ten zeit­ge­nös­si­schen Künst­ler:in­nen. Seit ein paar Jah­ren er­schafft er sei­ne Skulp­tu­ren vor­nehm­lich im Sit­ter­tal. In die Kunst­gies­se­rei ver­lieb­te sich der Pop-Art-Pio­nier bei sei­nem ers­ten Be­such vor fast 20 Jah­ren.

Von  David Gadze
260708 Jim Dime Florin Roeoesli DSC6138

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur für die HSG

Al­les deu­tet drauf hin, dass die Uni St.Gal­len dem­nächst in den bis­he­ri­gen Haupt­sitz der Hel­ve­tia-Ver­si­che­rung, ge­plant vom Bas­ler Ar­chi­tek­tur­bü­ro Her­zog und de Meu­ron, als zwei­ten gros­sen Stand­ort auf dem Ro­sen­berg ein­zie­hen kann. Zu­sätz­lich ist ein Holz­bau mit Se­mi­nar­räu­men in Pla­nung.

Von  René Hornung
Hekvetia Hd M

FCSG vs. She­riff Ti­ras­pol 5:1 – St.Gal­len nach Schüt­zen­fest ei­ne Run­de wei­ter

Der FC St.Gal­len zeigt sich ge­gen She­riff Ti­ras­pol von sei­ner bes­ten Sei­te und ge­winnt das Spiel nicht nur sou­ve­rän, son­dern auch hoch mit 5:1. Wei­ter geh­t's im Play­off ge­gen den FC Nordsjæl­land aus Dæ­ne­mark.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Jubiläum

«Je­de Ge­ne­ra­ti­on muss­te die Fir­ma neu er­fin­den»

Von  Roman Hertler
Gallus Samuel Portrait sw WEB

Hin­term Bahn­gleis be­ginnt das Uni­ver­sum 

Durch bun­te Ga­la­xien bis in ein Meer aus Kat­zen­streu. Die Aus­stel­lung «Hin­ter’m Mond» vom Künst­ler:in­nen­kol­lek­tiv U5 und Mo­ni­ka Stal­der im Stell­werk in Heer­brugg lädt zu ei­ner in­ter­ga­lak­ti­schen Rei­se ein. 

Von  Vera Zatti
IMG 0500

Ex­ci­ting, un­hin­ged und häs­sig

Die Ost­schwei­zer Band Drill bringt mit Ca­thar­sis ei­ne neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wil­der Ritt auf schwe­ren Gi­tar­ren­riffs, bei dem Me­tal­co­re auch mal auf Hy­per­pop trifft.

Von  Jeremias Heppeler
DRILL Pressphoto 2 Full

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 7

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 7: Rat­haus­oper Kon­stanz, Charles Uz­ors The Gre­at Wall. A La­by­rinth, Clanx-Fes­ti­val und Rund­gän­ge zu Wi­bora­das Schwes­tern. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Till The Morning Rises Pfister Noemi

FC St.Gal­len vs. FC Lu­zern 2:2 – Im­mer­hin ein Punkt

Ge­gen die­ses Lu­zern müss­te der FC St.Gal­len ei­gent­lich drei Punk­te ein­fah­ren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es im­mer­hin ei­ner wird. Der Aus­gleich ge­lingt erst weit in der Nach­spiel­zeit per Pe­nal­ty. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Ein er­staun­li­ches Werk

Her­bert Rauch (1929–2012) war Brief­trä­ger und Künst­ler. In den Schwarz-Weiss-Fo­to­gra­fien des Rank­wei­lers er­schei­nen Ob­jek­te wie Stei­ne und Fe­dern als abs­trak­te, gra­fi­sche Ge­bil­de. Nun ist ein Fo­to­band zu sei­nem Spät­werk er­schie­nen, und im Schau­raum Re­né Dal­pra in Alt­ach sind sei­ne Ar­bei­ten aus­ge­stellt.

Von  Ariane Grabher
2 HR M Steine 2009 124x154 r duplex WG5 RGB