Am Sonntag steht die Vernetzung der verschiedenen europäischen Oppositionsbewegungen gegen die Diktatur in Eritrea im Zentrum. Von überall her sind die Oppositionsvertreter angereist, auch der Jurist Daniel Rezeke aus Genf ist gekommen. Er ist Vorsitzender der UN-Untersuchungskommission, die mit der Aufdeckung der Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Eritrea beauftragt ist.
5000 demonstrierten gegen das Regime von Afewerki
Am 26. Juni, am Tag der Folteropfer, demonstrierten über 5000 Eritreerinnen und Eritreer vor dem UNO-Hautpsitz in Genf gegen das Regime von Isayas Afewerki. Rezeke war auch im Organisationskomitee. Zum ersten Mal trauten sich so viele Eritreer an die Öffentlichkeit. Sie forderten die Aufrechterhaltung der UNO-Sanktionen und eine Anklage von Afewerki am Internationalen Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Vier Tage zuvor fand in Genf eine Demonstration eritreischer Regimeanhänger statt. Sie werfen den Oppositionellen vor, von der äthiopischen Regierung bezahlt zu werden. Diese wiederum behaupten, die Regimeanhänger würden von der Regierung Eritreas finanziert. Jurist Rezeke bringt gute Nachrichten nach Heiden: Die Arbeit der Kommission wird verlängert, die Menschenrechtsverletzungen sind bestätigt. Die UNO will sich nochmals ein Jahr Zeit nehmen für vertieftere Untersuchungen.
Eritreas gängigste Foltermethode: der Helikopter
In der Pause erzählt mir eine Zweitklässlerin, Isayas habe ihren Grossvater und ihren Onkel getötet, und er töte auch viele Kinder. Ihr Vater nimmt ihr das ESMNS-Magazin aus den Fingern, denn darin wird unter anderem die gängigste Foltermethode – der Helikopter – dargestellt. Dabei werden die Füsse und Arme einer Person hinter dem Rücken gefesselt, um sie in dieser gekrümmten Haltung stundenlang in der prallen Sonne liegen zu lassen. Er will nicht, dass seine Kinder davon erfahren. Auch wieso sie ihre Grosseltern nicht besuchen können, will er ihnen nicht erklären.
Einer der Redner ist aus Schweden angereist. Er vertritt die Afar, ein muslimisches Volk im Süden Eritreas. Eigentlich hätte es grosse natürliche Ressourcen: fruchtbare Ländereien, beste Fischereiplätze um die Koralleninseln im Roten Meer und diverse Bodenschätze. Ausserdem gehörten ihnen die zwei grössten Frachthäfen Eritreas: Assab und Massawa. Doch sie sind arm, manche hungern.
Hagos Tesfamariam vom ESMNS Schweden
Von der Regierung in Asmara werden die Afar ziemlich stiefväterlich behandelt, deshalb ist ihnen die Zusammenarbeit mit den anderen Oppositionsbewegungen wichtig. Eritrea soll gemeinsam befreit werden und in ein föderalistisches System, in dem sich jedes Volk selber verwaltet und regiert, umgewandelt werden.
Traumabehandlung im Stil von Selbsthilfegruppen
Mit Hagos Tesfamariam, ebenfalls aus Schweden, unterhalte ich mich über die unterschiedlichen Asylsysteme. Als er nach Schweden gekommen sei, durfte er bereits nach wenigen Tagen arbeiten, sagt er. Heute dauere es sechs Monate, da sich die Gesetze verschärft haben. Immer noch kurz, finde ich, verglichen mit dem gesetzlich verordneten zweijährigen Arbeitsverbot in der Schweiz während der Abklärungsphase. Das kann sich nicht positiv auf Psyche und Gesundheit auswirken.
Ein ESMNS-Vertreter aus Bristol mit Bachelor in Gesundheit und Pflege hat sich ausgiebig mit posttraumatischen Belastungsstörungen auseinandergesetzt. «Eritreerinnen und Eritreer, die hier sind, haben alle enorme Stressmomente erlebt», sagt er. «Sei es in Eritrea im National Service, in einem der Foltergefängnisse oder auf ihrer Flucht durch die Sahara und übers Mittelmeer». Doch nur die wenigsten wüssten, wie man mit einem Trauma umgeht, wie man die Albträume der Flucht und Bilder von sterbenden Freunden aus dem Kopf bringt.
Von den Schweizer Fachleuten fordert er Unterstützung in der Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen – angepasst an den kulturellen Umgang mit psychischen Problemen. Unter den Eritreern sei es nämlich verpönt zu einem Psychologen zu gehen. «Man wird von der Community sofort als geisteskrank abgestempelt». Darum brauche es neue Formen, etwa im Stil von Selbsthilfegruppen mit Inputs von Fachpersonen, erklärt er. «Je früher man die Traumata behandelt, desto eher können sie überwunden werden».
«Ich habe wieder Hoffnung geschöpft»
Die letzten Fragerunden sind mittlerweile vorbei. Während ESMNS-Präsident Tesfu Atsbaha die Abschlussrede hält, tausche ich mich mit einem Mitglied der St.Galler Sektion aus: «Diese Tage haben mich enorm erfüllt», sagt er. «Es war fantastisch, die verschiedenen Bewegungen kennenzulernen. Die Präsidenten kennen sich untereinander, doch wichtig ist, dass sich auch die Mitglieder der Bewegungen kennen lernen – was hier in Heiden zum ersten Mal passiert ist. Ich habe wieder Hoffnung geschöpft, dass es gut kommt.»
Im selben Moment kommt der Organisator des Symposiums mit Gummihandschuhen die Treppe hinauf. Er hat die Toiletten geputzt. Geschlafen hat er kaum in den letzten 48 Stunden. Fast ununterbrochen hat er Dinge aufgestellt und abgebrochen, Leute empfangen, Reden gehalten, zum Tanz aufgerufen, diskutiert, Interviews gegeben, koordiniert und geputzt. Den Saal verlässt er als letzter – todmüde aber gut gelaunt und mit neuem Mut. «Das Symposium war ein weiterer Schritt Richtung Freiheit», ist er überzeugt.
Der ESMNS-Vorstand am Sonntag in Heiden
Hier geht es zu Teil eins. Bilder: Selemun Estifanos
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung