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Die Diktatur bekommt Risse

Regimekritische Eritreer aus ganz Europa haben sich am vergangenen Wochenende in Heiden zu einem zweitägigen Symposium versammelt. Christian Fischer war für Saiten mit dabei. Hier Teil eins seines Berichts.
Von  Gastbeitrag

Ich fahre die kurvigen Strassen hoch nach Heiden. Henry Dunant kommt mir in den Sinn, Humanismus und so. Passt zu diesem Symposium gegen die menschenfeindliche Diktatur in Eritrea. Die St.Galler Sektion der eritreischen Solidaritätsbewegung für die Rettung der Nation (ESMNS Ostschweiz) hat Vertreter und Mitglieder aus ganz Europa für ein Wochenende nach Heiden eingeladen. Autos aller Kantone und einiger Nachbarländer säumen die Allee.

Dieser Samstag ist der Bewegung und ihrem Präsidenten, der von Äthiopien angereist ist, gewidmet. Die anderen Gäste von weiter her wurden bereits am Vortag an den Flughäfen abgeholt und bei eritreischen Familien in der Schweiz untergebracht. Zentrales Thema am Sonntag wird die Verbindung und Verbündung verschiedener europäischer Bewegungen gegen den eritreischen Diktator Isayas Afewerki sein.

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Übersetzt: «Der gemeinsame Weg zur Freiheit» (in arabisch und tygrinnisch)

Im Foyer des Kursaals werde ich freundlich begrüsst. Zum Eintritt gehört ein weisses Pflicht-T-Shirt (Bild oben). Einigkeit soll betont werden, da es den Regimeanhängern schon oft gelang, die Opposition zu spalten und die neun Ethnien und verschiedenen Religionen gegeneinander aufzubringen. Hier in Heiden kämpfen Muslime und Christen aller neun Ethnien Seite an Seite für ihre Willensnation.

Opposition von Äthiopien bis Europa

Gekommen sind etwa 200 junge Eritreer, grösstenteils Männer. Niemand ist über 40. Die meisten Frauen hätten sich dafür entschieden, auf die Kinder zu Hause aufzupassen, lasse ich mir sagen. Der Präsident der Bewegung, Tesfu Atsbaha, gibt sich warm und doch distanziert. Ein Mann mit feinen Gesichtszügen und Pokerface. Er hat in den USA studiert, heute organisiert er die Opposition vom ESMNS-Zentralbüro in Äthiopien aus.

Stundenlang berichtet Atsbaha über die aktuelle Situation. Über Wahlen, Finanzen und die neusten Errungenschaften im Kampf gegen Afewerki. Er fragt die europäische Diaspora: «Wollt ihr die Verantwortung übernehmen, das Land aufzubauen, wenn der Diktator weg ist?»

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Am Mikrofon: Tesfu Atsbaha aus Äthiopien

Man ist sich der Gefahr bewusst, dass Eritrea wie Somalia, Libyen oder Ägypten enden könnte. Darum ermutigt der ESMNS-Präsident die Jungen: «Geht studieren! Bildet andere aus, um das Land und die Demokratie aufbauen zu können. Hier in Europa habt ihr die beste Gelegenheit dafür. Die Schweiz ist ein reiches Land, ihr könnt Dinge kaufen und Spass haben, aber vergesst eure Brüder und Schwestern in den Militärcamps in Eritrea und in den Flüchtlingslagern in Äthiopien nicht!»

Zum Schluss steht Atsbaha Red und Antwort, bereit für die unzähligen Fragen aus der europäischen Diaspora – durchaus auch sehr kritische Fragen. Angst vor Repression muss hier niemand haben.

Ausbildungscamps auf dem Land

Später komme ich mit einigen der jungen Eritreer ins Gespräch. Sie erzählen, dass die Universität in Asmara 2001 geschlossen wurde und der Diktator zunehmend um die «Verdummung der Bevölkerung» bemüht ist: Er schicke die Jugendlichen aufs Land in Ausbildungscamps, so dass sie sich unmöglich in den Städten oder übers Internet verbinden könnten.

Das Gefühl ständiger Kontrolle und Angst vor willkürlichen Verhaftungen und Strafen sei allgegenwärtig, sagen sie. Es gäbe nur Pflichten, kein Rechte. Viele lebten mit dieser Angst auch in der Schweiz weiter; in Angst um ihre Angehörigen, die bei regimekritischen Aktivitäten Probleme bekämen.

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Etwa 200 junge Eritreer aus ganz Europa haben sich im Kursaal versammelt.

In den letzten zwei Jahren lege sich diese Angst jedoch, erklären sie, denn die Regimegegner würden mehr: «Es kann nicht die gesamte Bevölkerung bestraft werden für ihre Verwandten im Ausland. Die Diktatur bekommt Risse.» Und die Schweizer Eritreerinnen und Eritreer seien die mutigsten, sagen sie stolz, darum finde der Kongress hier in Heiden und nicht in Nordeuropa statt.

Spendensammeln fürs unabhängige Radio

Gegen Abend kommt Stimmung auf, denn es soll Geld gesammelt werden. Die Namen der Spender werden dabei laut verkündet. Es ist fühlt sich an wie ein spektakuläres Spiel: Alle wollen sich gegenseitig überbieten – jemand spendet sogar einen Viertel seines Monatslohns.

Das Geld ist bestimmt für den Radiosender Simret, der von Äthiopien aus ins Propaganda- und Gehirnwäsche-geschwängerte Eritrea eine Lücke schlagen soll. Ein Jugendlicher erzählt mir, wie er Radio Simret vor ein, zwei Jahren jeweils heimlich gehört hat. Selber erinnere ich mich an einen Besuch beim Landessender Beromünster, der vom Luzerner Hinterland einst neutrale Nachrichten in Nazideutschland verbreitete.

Am Ende des ersten Tages gibt es eine Schweigeminute. Gedacht wird den vielen Toten und Märtyrern der blutigen Geschichte Eritreas: Den Gefallenen im Unabhängigkeitskrieg gegen Äthiopien von 1961 bis 1991, den unzähligen politischen Flüchtlingen, die sich aktuell in den unterirdischen Folter-Gefängnissen Eritreas befinden, den Toten vor Lampedusa und auch jenen, die von Organhändlern im Sinai entführt wurden.

Danach kehrt wieder Leben ein: Riesige Stapel von Injera, einem geschmacksvollen eritreischen Sauerteiggomelett stehen bereit, dazu verschiedene Saucen, Reis und Salat. Ich bin erschöpft vom langen Tag und gehe nach Hause. Es sei noch bis Mitternacht getanzt und bis zum Morgengrauen weiter diskutiert worden.

 

Bilder: Selemun Estifanos

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