Die Welt steht Kopf. Schon länger. Schuld daran ist «der Islam». Angeblich. Oder auch «der Westen», je nach Sichtweise. Seit dem Anschlag auf «Charlie Hebdo» sind mehrere Dutzend Anschläge auf Moscheen verübt worden – «das Abendland» fürchtet sich vor der «schleichenden Islamisierung», die SVP dürfte sich die Hände reiben.
Das, was heutzutage unter dem Begriff «Islamismus» verstanden wird, nahm seinen Anfang vor etwa 80 Jahren. Durchgesetzt hat sich dieser Terminus erst Mitte der 1990er-Jahre, «und inzwischen geht er jedem Nachrichtensprecher geläufig von der Zunge», schreibt der Islamwissenschaftler Tillmann Seidenstricker. Der Salafismus als extreme Ausprägung davon sei sogar «erst um das Jahr 2000 von der westlichen Islamwissenschaft richtig registriert worden», die erste umfassende Publikation dazu, Global Salafism, wurde 2009 herausgegeben.
Wie dem auch sei: Experten gehen davon aus, dass nur etwa ein Prozent der Musliminnen und Muslime als radikal-islamistisch bezeichnet werden können. Demgegenüber stehen die rund 1,6 Milliarden Muslime auf der ganzen Welt. Ein Grossteil von ihnen, etwa 200 Millionen, lebt in Indonesien und hatte mit Megawati Sukarnoputri von 2001 bis 2004 – also noch vor Angela Merkel – ein weibliches Staatsoberhaupt.
Nützen tut uns dieses Beispiel wenig: Geht es um «den Islam», ist das Geschrei so ohrenbetäubend, dass wir uns gegenseitig längst nicht mehr verstehen. Das ist tragisch. Denn es gab einst durchaus fruchtbare Beziehungen zwischen «Ost» und «West», «Orient» und «Okzident», diesen zwei scheinbar so unterschiedlichen Welten. Heute scheinen sie Lichtjahre voneinander entfernt.
Entsprechend macht sich Ratlosigkeit breit: Darf man «den Islam» heute noch gut finden? Darf man ihn dennoch kritisieren, ohne gleich «pegidophile Neigungen» unterstellt zu bekommen? Darf man Islamophobie verurteilen, aber trotzdem auf Meinungsfreiheit pochen? Darf man fasziniert sein vom Koran?
Zur letzten Frage lieferte Friedrich Rückert, Koranübersetzer und Mitbegründer der deutschen Orientalistik, 1838 eine bestechend schöne und durchaus zeitgemässe Antwort:
Was wirkte gross und wirkt, kann in sich seyn nicht richtig:Solang es dis dir scheint, sahst du es noch nicht richtig.Doch richtig siehst du nie, wo du dich selbst verblendest,Und nichts erkennest du, wo du dich stolz abwendest.Komm, Sohn, und lass uns unbefangen, ohne voran,Abzuurtheilen, auch urtheilen übern Koran.Wol eine Zauberkraft muss seyn in dem, woranBezaubert eine Welt so hängt wie am Koran.Lass näher treten und uns zusehn zauberfrei,Ob es in Wahrheit nur ein böser Zauber sei.Ob nicht in dieser Form auch eine OffenbarungDes ewigen Geistes sei, für unsern Geist zur Nahrung.
Sein Aufruf zur Neugierde inspirierte uns – schon im November, als der Plan gefasst wurde – zu diesem vollgepackten «Islam-Heft»: Florian Vetsch hat Gedichte beigesteuert, Nahostkorrespondent Alfred Hackensberger zeichnet die wichtigsten Entwicklungen in der Arabischen Welt nach, Taner Tanyeri «entlarvt» den Koran als nicht-homophob, Adrina schickte uns ein Klagelied aus dem Südwesten Irans, Peter Müller suchte nach Islam-Spuren in der Ostschweiz, wir reden über Islam-Theorie und Alltagspraxis, und die Bildstrecke inklusive Cover von «2041» dürfte wohl das eine oder andere Klischee zünftig über den Haufen werfen.
Alles in allem: Ein Heft, das – hoffentlich – ein wenig Orientierung bieten kann in diesen stürmischen Zeiten. Und nicht zuletzt zum friedvollen Miteinander beitragen soll. Deshalb fordern wir als Nicht-Muslime getreu dem abendländischen Duktus: Du sollst nicht generalisieren.
Corinne Riedener
DER INHALT:
Reaktionen
PositionenBlickwinkel von Katalin DéerRedeplatz mit Anita Blöchliger MoritziEinspruch von Marcel BaurStadtpunkt von Dani FelsRequiem auf einen Raum I + II
Islam
Wölfe, Pop & Renaissance. Acht Kapitel über die Entwicklungen in der arabischen Welt.von Alfred Hackensberger
Kapitalistische Kriegsführung.Über die Barbarisierung von Weltreligionen.von Rolf Bossart
Verliebt in den Schleier. Zu den Bildern in diesem Heft.von Georg Gatsas
Mit Kinderaugen. Nuran und Kerem oder: Religion ist Auslegungssache.von Corinne Riedener
Die künstliche Teilung der Welt.Jamal Al-Din Al-Afghani und der politische Islam.von Michael Felix Grieder
Wir lernten nie, ohne Angst zu leben.von Adrina
Liwāt, Lot und lückenhafte Hadithen. Der Islam und die Homosexualität.von Taner Tanyeri
«Tataren-Schlatter» und «Orient-Mayr».Die Ostschweiz und der Islam – eine Spurensuche im 19. Jahrhundert.von Peter Müller
Gedichtevon Florian Vetsch
Fotografie zum Titelthema:2041
PerspektivenToggenburgWinterthurInnerrhodenRheintalStimmrecht von Leyla KanyareFlaschenpost aus Jerusalem von Maria Schafflützel
Kultur
Was ist eine Bibliothek?Architektur, Geschichte und Hoffnungen – einen Monat vor der Eröffnung der St.Galler Hauptpost-Bibliothek.von Eva Bachmann, Peter Surber (Text) und Peer Füglistaller (Bilder)
Was darf Satire?Kritische Fragen nach dem Attentat auf «Charlie Hebdo».von Harry Rosenbaum
Zur Sonne, zur Freiheit! Die Geschichte der Arbeiterhotels.von Ralph Hug
Ein seltsamer Raum namens 4½.St.Gallens neuer fröhlicher Off-Space.von Nina Keel
Wie weit geht Selbstbestimmung? Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern im Kino.von Urs-Peter Zwingli
Unter dem Grabhügel Alfons Karl Zwickers Orchesterwerk und die Orchesterförderung.von Peter Surber
Weiss auf schwarz
AbgesangKellers GeschichtenBureau ElmigerCharles Pfahlbauer jr.Boulevard
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
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Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Naturmuseum Thurgau
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
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Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
Der 1100. Todestag von Wiborada – Inklusin, Stadtheilige und Projektionsfläche – ist zurzeit Thema vielfältiger Aktivitäten. Zu den Highlights gehört eine mutmassliche Unterschrift, zu besichtigen in der Ausstellung im St.Galler Regierungsgebäude.
Gastkommentar
Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.
Am Wochenende bringt das Aufgetischt-Festival wieder über 100 Strassenkünstler:innen aus aller Welt in die Gassen der Stadt St.Gallen. Wir haben mit Daiana Mingarelli vom Duo Daiana Lou über die Eigen- und Besonderheiten des Busking gesprochen.
Heavy Psych Sounds Fest
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Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen.