Die Schweiz imaginiert sich noch immer als «weiss». So könnte die Quintessenz der unglaublich spannenden Arbeit der Historikerin Jovita dos Santos Pinto lauten, die in mehrerlei Hinsicht den Spuren Schwarzer Frauen in der Schweiz nachgeht. Dieses Imaginieren ist, wie man vom postkolonialen Philosophen Achille Mbembe lernen kann, immer ein deutliches Indiz für die bestehenden Machtverhältnisse. Wie sich diese im Raum des Sichtbaren und Sagbaren zeigen, demonstriert Pinto anhand dreier Frauen der schweizerischen Geschichte.
Rassismus, Geschlecht und Geschichte
Gemeinsam hatten diese wenig, ausser eben den rassistischen Zuschreibungen von aussen. Pinto beginnt mit der medialen Erzählung des ersten Schwarzen Nationalrats der Schweiz, Ricardo Lumengo, die so schlicht nicht stimmt, da schon 30 Jahre zuvor mit Tilo Frey ebenfalls aus dem Seeland eine Schwarze Nationalrätin im Parlament politisierte, deren Geschichte aber offenbar nahezu vergessen wurde.
Ein weiteres Vorurteil betrifft die vermeintliche Unsichtbarkeit Schwarzer Frauen in der Schweiz vor den 70er-Jahren, was in einem Land, das um die Jahrhundertwende als wichtige Drehscheibe für «Völkerschauen» fungierte, an Geschichtsklitterung grenzt. Unnötig zu betonen, wie falsch diese Vorstellung ist, vielsagend jedoch der Hinweis, dass die Quellenlage extrem prekär ist, dass nach wie vor wenige Forschungen zum Thema existieren – zu einem Thema notabene, das viel zu einem kritischeren Selbst-Verständnis der Alpenrepublik beitragen könnte.
Das Cabi organisiert noch zwei weitere Abende mit der Erfreulichen Universität im Palace: am nächsten Dienstag (21.3.) spricht der Soziologe und Religionswissenschaftler Oliver Wäckerlig zu Islamfeindlichkeit und «Vernetzung gegen ‹Islamisierung›» und eine Woche später (28.3.) der Journalist Hans Stutz zu rechtsextremen Bewegungen in der Schweiz.
Das Stichwort heisst Intersektionalität: die Erweiterung der Kritik politischer Ökonomie um die Kategorien «Rasse» und «Geschlecht» (und viele mehr). Dieser Import aus der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung betrifft den Rest der Welt genauso und verdeutlicht sich in den Erfahrungen Schwarzer Frauen auch in der Schweiz, die doppelte bis dreifache Herabwürdigungen erleben und erlebten: nämlich solche sexistischer und rassistischer Art, und ungeachtet dessen, häufig aber daraus folgend, solche klassistischer Art.
«Sei weiss wie eine Lilie»
Ein Beispiel gibt die Geschichte von Henriette Alexander (1817-1882), die in ihrer Autobiographie bemerkt, wie als junge Frau, wegen ihrer afrikanischen Herkunft, trotz ihrer Fähigkeiten niemand daran dachte, ihr einen Beruf zu lernen. Henriette Alexander war Deutsche und später Schweizerin, wurde aber als «Afrikanerin» wahrgenommen, was aufzeigt, wie Pinto betont, wie die Kategorie «Schwarz» in den Köpfen kaum mit den Kategorien «Schweizerin» oder «Deutsche» zusammen gingen: Es zeigt sich darin, um dies vorwegzunehmen, «Weissein» als «unbenannte schweizerische Strukturkategorie».
Nicht alle Afrikanerinnen sind schwarz, auch südlich der Sahara nicht, und nicht nicht alle Schwarze stammen aus Afrika, so Pinto in ihrem Essay Spuren – Eine Geschichte Schwarzer Frauen in der Schweiz. Es macht Sinn, die berühmte Figur Simone de Beauvoirs weiter zu entwickeln: Sie wurde nicht als Frau geboren, doch ist sie dazu gemacht worden, und: Man wird nicht Schwarz geboren, sondern wird – durch rassistische Strukturen, Zuschreibungen und Erlebnisse – dazu gemacht.
Die Historikerin Jovita dos Santos Pinto in Aktion.
Sicherlich nicht böse gemeint war der Rat von Tilo Freys Vater, sie solle «weiss sein wie eine Lilie», was sie bis hin zum schneeweissen, von der bürgerlichen Presse kritisierten Anzug versuchte zu befolgen. Die Zeilen, die heftige Beklemmung auslösen und eine*n würgen, so man sich vor Augen führt, was das heissen soll, haben der 2008 verstorbenen Politikerin laut eigener Aussage sehr geholfen. Was der ersten Schwarzen Nationalrätin ermöglichte, ernst genommen zu werden, stände dem Rest des Landes gut an, aufgearbeitet zu werden. «Unsichtbarkeit», «Tarnung» oder «Weiss sein wie eine Lilie» sind Figuren, die Schwarze Frauen noch heute bemühen müssen, um der (post-)kolonialen (S)Exotik rassistischer Zuschreibungen und Herabwürdigungen zu entgehen.
Was heisst Postkolonialismus?
Die älteste Geschichte, die Pinto aufgreift, ist die von Pauline Hippolyte Buisson aus dem 18. Jahrhundert, einer Tochter versklavter Menschen auf Sainte Domingue (heute Haiti), die von einem Offizier, der zur Niederschlagung der Sklavenaufstände da stationiert war, als Dienstfrau in die Schweiz geholt wurde. Ungeklärt war ihr bürgerrechtlicher Status, der zu einem Rechtsstreit führte, allerdings erst bei ihrem Sohn: Die Schweiz kannte keinen Sklavenstatus und doch wurde sie als «Eigentum» der Familie betrachtet.
Die überlieferten Beschreibungen zeugen von einer Entmenschlichung in der gesellschaftlichen Wahrnehmung dieser Schwarzen Frau, die von Zeitgenossen als hypersexualisiertes, tugendloses «Material» bezeichnet wurde, da sie im Haus, worin sie arbeitete «einfach schwanger wurde».
Die einst äusserst populären Rassentheorien sind glücklicherweise nicht mehr so verbreitet und wären als derart hässliche Rhetorik auch justiziabel. Über Rassismus sind wir trotzdem wenig aufgeklärt. Ohne seriöse Aufarbeitung solcher, sich in diversen konstruierten Dichotomien zeigenden, zumeist narzisstisch-eurozentrischen Ideologien, wird der Rassismus im schweizerischen Alltag kaum- oder unwidersprochen fortbestehen. Aufarbeitung bedeutet zwar vor Allem Arbeit, die aber, wie die Doktorandin am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung in Bern Jovita dos Santos Pinto eindrücklich beweist, auch ausserordentlich interessant ist.
Literatur:
– Dos Santos Pinto, Jovita: Spuren – Eine Geschichte Schwarzer Frauen in der Schweiz, in: Berlowitz, Shelley et al.: Terra incognita […], Limmat Verlag Zürich 2013
– Dos Santos Pinto, Jovita: «Literatur Schwarzer Autorinnen», Arttv.ch
– Mbembe, Achille: Kritik der Schwarzen Vernunft, Suhrkamp Berlin 2017
– Burke, Fork; Diarra, Myriam & Schutzbach, Franziska: «Der Blick der anderen, das ist entscheidend», WOZ 09/2017
– Surber, Kaspar: «Wo sind die Schwarzen Frauen?», WOZ 13/2013
Spricht sie vom Postkolonialismus, wird klar, wieviel diese Wissenschaften mit unserem Leben zu tun haben: «Der transatlantische Sklavenhandel, der europäische Imperialismus und der Kolonialismus werden in der postkolonialen Forschung als Kernstücke der Moderne angesehen, nicht als deren Randerscheinungen. Damit wird Kritik geübt an der Vorstellung, dass Europa abgekoppelt vom sogenannten Rest entstanden sei, und seine modernen Errungenschaften lediglich in die Peripherien hinausgetragen habe. Postkoloniale Kritiker*innen entlarven dabei ebenfalls einen eurozentrischen Mythos, nämlich dass Europa eine besondere Geschichte hat, an welcher alle anderen Gesellschaften gemessen werden können. Sie zeigen auf, dass der Mythos der Besonderheit und der Vorrangstellung Europas nicht nur die aussereuropäische Kolonialisierung legitimierte, sondern Europa erst als Einheit konstituierte».
Die Schweiz steht, wie die Vorlesung Pintos verdeutlicht, keineswegs ausserhalb dieses postkolonialen Verhältnisses, auch wenn sie das gerne hätte.
Geschützte Räume und neue Geschichtserzählungen
Der ungefragte Griff in die Haare, die öffentliche Frage nach Sex gegen Bezahlung, der Vergleich mit Tieren, und nicht zuletzt die eigentlich unbeantwortbare Frage «Woher kommst du?» (welche eine von Pinto befragte Frau mit «Ich bin die Heidi des 20. Jahrhunderts» beantwortet) zeugen von massivem «Alltags-»Rassismus, wie ihn Schwarze Frauen so häufig erleben und den Privilegierte (insb. weisse, heterosexuelle Männer) kaum kennen. Die Geschichten dieser Betroffenen sind unumgänglich, um ein realistisches Bild der Gesellschaft zu zeichnen, in der wir leben. Dass niemand besonders glücklich sein kann ob dieser Realität, unterstreicht die Wichtigkeit solcher Arbeit nochmals.
Was ist also zu tun? Wie damit umgehen, wenn diese Zuschreibungen und Übergriffe bereits einer neunjährigen Tochter gemacht werden, wie Eltern aus dem Publikum anfügen? Ohne erfreuliche Erfahrungen zu romantisieren, kann doch gesagt werden, dass zum Beispiel geschützte Räume Schwarzer Frauen einen wichtigen Unterschied machen können, dass solche Netzwerke diskursive Verschiebungen angehen können, Bewusstsein schaffen, Hilfe anbieten, und medial intervenieren können.
In den Wissenschaften und im Alltag erst recht geht es darum, wie Pinto resümiert, andere Erzählungen, und insbesondere andere Geschichtserzählungen zu finden, so es strukturelle Veränderungen geben soll. Dies ist ein langer Weg, wird aus dem Publikum bemerkt, die Arbeit beginnt aber jedenfalls der Prekarität angemessen: vorgestern.
Anlaufstellen/Projekte:Bla*Sh – das Netzwerk von Schwarzen Frauen in der DeutschschweizBlack Biel – BuchprojektCollectif Afro-Swiss Romandie / (oder Fb)
Und in St.Gallen:Cabi – Antirassismus-Treff
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Theater
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty