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«Ah, die kann ja was!»

Karina Lotzer ist selbständige Lichttechnikerin und Operator. Letzten Frühling wurde sie von der Absagewelle überrollt, seit September läuft der Laden aber wieder, wenn auch anders: Sie hat auf Streaming umgesattelt.
Von  Corinne Riedener
Lichttechnikerin und Operator Karina Lotzer im leeren Chicago Oerlikon. (Bild: Patrick Strassmann)

Live DMA, eines der grössten europäischen Netzwerke für Konzertorte, Clubs und Festivals aus über 16 Ländern, schlägt Alarm: 2020 seien rund 284’000 Musikevents abgesagt worden, heisst es Ende September in einer Medienmitteilung. Das bedeute 53 Millionen Zuschauer weniger und ein Defizit von 1,2 Milliarden Euro. Konkret: 496 Millionen weniger durch Ticketverkäufe, 521 Millionen weniger durch Food & Beverage und 172 Million weniger durch übrige Einnahmequellen.

Der feierliche Verzicht beschränkt sich aber nicht nur auf Konzerte und das Nachtleben: Kein Karneval in Venedig, kein St.Patrick’s Day in Irland, keine Olma in St.Gallen. Auch keine Generalversammlungen, keine Abendunterhaltungen, kein WEF in Davos. Dort hat auch Karina Lotzer schon gearbeitet.

Mehr Frauen an die Technik!

Lotzer, 29, ist Lichttechnikerin und Operator aus Eschen im Fürstentum Liechtenstein. Sie baut und konzipiert die Beleuchtung für Veranstaltungen jeglicher Grösse, betreut und programmiert Lichtshows für Bands, Clubs, Festivals, Generalversammlungen oder Messestände – «querfeldein», wie sie sagt.

Ursprünglich hat sie Schneiderin gelernt. Zum Licht kam sie während ihrer Zweitausbildung als Poly-Designerin bei einer Messebaufirma. «Ich bin da eher zufällig reingerutscht», sagt sie und lacht. «Jemand hat gefragt, ob ich Lust habe, beim Aufbau einer Bühne zu helfen.» Das war vor zehn Jahren. Seit 2014 arbeitet sie hauptberuflich als Lichttechnikerin und Operator, seit drei Jahren ist sie selbständig. Vor kurzem hat sie noch ein Studium in Lichtdesign begonnen.

«Meine Arbeit ist sehr technisch», erklärt sie. «Wir sind alle kleine Nerds. Es ist auch nicht gerade ein typischer Frauenberuf. Leider gibt es immer noch sehr wenige, aber wir werden langsam mehr. Dabei hilft, dass es mittlerweile eine Lehre für den Beruf Veranstaltungsfachmann bzw. -frau gibt und sich zunehmend junge Frauen dafür interessieren. Das freut mich sehr.»

Als Frau in der Branche müsse man sich doppelt anstrengen, kritisiert Lotzer. «Am Anfang wird man oft belächelt, erst mit der Zeit merken die Männer: Ah, die kann ja was!» Auch darum ist sie Teil von Music Directory, einer im Oktober lancierten Plattform von Helvetiarockt für Frauen, inter, non-binäre und trans Menschen in der Schweizer Musikbranche. «Es ist an der Zeit, dass wir Position beziehen und stärker wahrgenommen werden. Wir sind ein fester Bestandteil der Kultur- und Musikindustrie, vor und auch hinter den Bühnen, darum fordern wir die gleichen Rechte wie die Männer.»

Plötzlich auf dem Abstellgleis

Hauptsächlich wird Lotzer von grossen Beleuchtungsfirmen für Veranstaltungen mit über 1000 Personen in der ganzen Schweiz gebucht. Daneben betreut sie zwei Bands, die Mozart Heroes aus Luzern und Gion Stump & The Lighthouse Project aus St.Gallen. Und wenn es die Zeit erlaubt, macht sie das Licht im Dynamo in Zürich und Gare de Lion in Wil.

So war es zumindest bis am 28. Februar 2020 – «dann ging der Laden zu», und sie hatte «unerwartet viel Freizeit». «Die Absagewelle überrollte mich regelrecht und es kamen auch keine neuen Buchungen mehr herein. Das war besonders ärgerlich, weil wir Freelancer zum Teil auch von kurzfristigen Aufträgen leben. Plötzlich standen wir auf dem Abstellgleis.»

Vor der Pandemie verdiente die Liechtensteinerin in weniger guten Monaten etwa 4000 Franken und in guten Monaten bis zu 15ʼ000, je nach Saison. Im Winter betreute sie Weihnachtsfeiern von grossen Unternehmen und im Januar das WEF in Davos, dann folgten Generalversammlungen und im Sommer die Festivals.

Anders als bei vielen Selbständigen und Freelancern in der Schweiz, die teilweise um ihre Existenz fürchten, sah es bei ihr nicht ganz so düster aus: Das Land Liechtenstein zahlte «Unterstützung für Einzel- und Kleinstunternehmer», etwa 25ʼ000 Franken. «Das war eine grosse Erleichterung», sagt sie. «Ein bisschen knapp wurde es trotzdem. Blöderweise habe ich mir kurz vor dem Lockdown noch vier Wochen Ferien gegönnt.»

Bezahlte Weiterbildung

Jetzt klingelts wieder in ihrer Kasse, denn Lotzer hat temporär umgesattelt: Sie macht momentan kein Licht, sondern Streamings, sprich Bild- und Videotechnik. Und es läuft gut. So gut, dass sie kaum Zeit findet fürs Saiten-Interview. Wir telefonieren, als sie im Auto auf dem Weg nach Lausanne ist für einen mehrtägigen Auftrag.

«Der Umstieg war zwar nicht ganz freiwillig, aber eine gute Entscheidung», sagt sie. «Ich kann mich weiterbilden und verdiene sogar noch Geld dabei.» Streaming und Online-Veranstaltungen, gerade im Unternehmensbereich, werden nicht mehr verschwinden, ist sie überzeugt. «Viele Firmen haben realisiert, dass sie zum Beispiel ihre Produktpräsentationen und Tagungen auch online machen können, nicht zuletzt aus finanziellen und ökologischen Gründen. Man muss die Referenten nicht aus aller Welt einfliegen, wenn man sie auch online zuschalten kann.»

Sie schätzt das neu Gelernte, die Festivals und Kulturanlässe vermisst sie trotzdem. «Juli und August waren immer meine Festivalmonate – mein Seelenfutter. Ich bin zwar noch skeptisch, hoffe aber, dass ich im Sommer 2021 wieder auf den Musikbühnen der Schweiz das Licht machen kann. Es gibt so viele tolle Bands in diesem Land. Wenn die Pandemie etwas Gutes hat, dann vielleicht, dass die Leute das wieder mehr schätzen lernen.»

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