Bürdeli abtragen und Schulden begleichen
«Hauptsache hier sündigen und im Jenseits büssen – oder umgekehrt.» Das Buchser Fabriggli zeigt in der neuen Eigenproduktion eine poetische Interpretation von Vrenelis Gärtli. Vergangenen Freitag feierte das Stück Premiere.
Vreneli braut etwas zusammen (Bild: pd/Fabriggli)
An allen Seiten geht es steil den Berg hinauf. Man muss den Kopf heben, um den Horizont zu sehen. Was sich dahinter verbirgt, interessiert niemanden. Vreneli kommt an einem Ort zur Welt, wo alles in einem überschaubaren Radius seinen Platz hat. Ordnung, eben. Es ist eingekesselt von Erwartungen und Traditionen, und merkt schnell, dass es anders ist. Das kleine Mädchen hat zwei Dinge, die die meisten in diesem vergessenen Alpental nicht haben: Neugier und Fantasie. Es beobachtet das Tal mit anderen Augen und sieht Dinge mit überirdischen Dimensionen. «Das Leben ist doch gspässig. Vieles kommt und geht – ohne jede Ordnung.» Es füchslet durch die Gegend und lernt irgendwann zu zaubern.
Die neue Eigenproduktion Vrenelis Gärtli, die seit Freitag im Buchser Fabriggli gezeigt wird, ist ein vielschichtiges Heimatstück. Das Ensemble spielt die Bühnenfassung von Anita Augustin und Jonas Knecht, die 2010 in Chur uraufgeführt wurde. Grundlage ist der Roman von Tim Krohn, der sich wiederum auf eine Glarner Sage bezieht. Sie handelt vom übermütigen jungen Vreneli, das auf dem mittleren Glärnisch (Schwanden GL) einen Garten anpflanzen wollte. Die junge Frau sei dort unter dem viereckigen Schneefeld begraben, erzählt man sich.
Die Sage kann in der ursprünglichen Fassung eigentlich nur als Moralkeule interpretiert werden: Wer den Status Quo hinterfragt, muss büssen. Krohn machte die Geschichte mit neuen Figuren komplexer. «Wir diskutierten viel darüber, wie sehr die Moral eine Rolle spielen soll», sagt Kristin Ludin, Regisseurin des Stücks. «Letztlich zeigt das Stück auch Böses. Es sind Seiten, die wir alle in uns haben und mal mehr und mal weniger zum Vorschein kommen.»
Alois Ruch, Produktionsleiter und Ensemblemitglied, spielt einen der einfältigen Bauern, die alles ablehnen, was ihnen fremd ist. «Ich kann diesbezüglich meiner Figur keine Sympathien abgewinnen», sagt er. «Doch ich finde es spannend, damit zu spielen.» Das Ensemble schafft es, die Figuren glaubhaft theatralisch zu überzeichnen. Das gelingt ihnen auch dank der Sprache. Krohn arbeitet mit einer Mischung aus Bühnendeutsch und Wörtern aus dem Dialekt.
Szene aus dem Stück (Bild: pd/Fabriggli)
Vreneli, die Widerborstige unter den Figuren, hat rotes lockiges Haar, das mit Federn, Ästen und Heu geschmückt ist. Es jagt Gespenster und beschliesst eines Tages, Kunst zu machen. Kunst könne man ja malen, jodeln oder «görpslen». Es «brünzlet» Blumen auf den weissen Firn. Vreneli wechselt immer wieder in eine Fantasiewelt, will das «Gnuusch» des Lebens verstehen, denn die scheinbar so gut organisierte Ordnung gibt es nicht. Schliesslich verliebt es sich in den Waisenjungen Melk, die Hauptfigur in Krohns vorausgehendem Roman Quatemberkinder.
Begleitet wird das Stück von zwei Alphörnern (Markus Plat und Martin Schäfer), die dem Stück eine folkloristische Note geben. Sie schaffen eine in Teilen kitschige Atmosphäre, ganz im Kontrast zur kalten Stimmung mit den grimmigen Älplern. Das Schauspielensemble deutet mit Summen, Pfeifen oder dem Schwyzerörgeli immer wieder die Melodie von Anneli, wo bisch geschter gsi an. Unter der Leitung von Andrea Richle wurde das Stück mit einem Volkslied ergänzt, das passenderweise von einem eigenwilligen Mädchen erzählt. Das Schwemmholz, aus dem das Bühnenbild gebaut ist, wird zum rhythmischen Instrument.
Immer wieder stellt sich die Frage nach der Schuld und wie damit umgegangen werden soll. Alle hätten ein «Bürdeli» zu tragen, die einen tragen es ab, bis sie endlich vom letzten Gericht befreit werden, die anderen begleichen die Schulden erst nach dem Tod. Es bleibt während des Stücks genügend Zeit, um zu grübeln. Die Figuren wechseln regelmässig vom Ich in die dritte Person, um einen Monolog zu halten. In vergangenen Inszenierungen wurden diese Stellen von einer Erzählperson vorgetragen. Ludin lässt die Figuren selbst reflektieren und erzählen, was sie besonnener wirken lässt. Die grossen Fragen ploppen immer im passenden Moment auf.
Der Abend zeigt eine Welt voller Träume, Alphornklänge, Rauch, Fabelwesen und Hexerei. Diese Stimmung hält das Ensemble den ganzen Abend konstant. Nur schon dank der wilden und urchigen Kostüme (Kerstin Resch-Köck) und des Bühnenbilds (Fenna Von Hirschheydt). Wer will, kann sich einfach für einen Moment von der Sagenwelt einlullen lassen.
Vrenelis Gärtli: bis am 27. November, Fabriggli, Buchs.
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