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Es begann mit der Sackpfeife

Das Tritonus-Ensemble: Lea Zanola, Urs Klauser, Andreas Cincera, Daniel Som, Michaela Walder, Felicia Kraft, Andrea Brunner (von links, Bild: pd/Dieter Langhart)

Das Tritonus-Ensemble: Lea Zanola, Urs Klauser, Andreas Cincera, Daniel Som, Michaela Walder, Felicia Kraft, Andrea Brunner (von links, Bild: pd/Dieter Langhart)

Tritonus machen seit 40 Jahren historische Volksmusik. Was das heisst und wie die «alte» zur boomenden «neuen» und zur traditionellen Volksmusik steht: Ein Besuch bei Tritonus-Gründer Urs Klauser im ausserrhodischen Bühler.

Volks­lie­der: Da denkt man rasch an länd­li­che Idyl­len, an blue­me­ti Trög­li und Glück im Stall. Im Ju­bi­lä­ums­pro­gramm «Une und obe» des En­sem­bles Tri­to­nus gibt es an­de­re, rea­li­täts­nä­he­re Ge­schich­ten.

Da be­klagt et­wa ein Schwei­zer Söld­ner die lang ver­wünsch­te Stun­de, wenn es in die Na­po­leo­ni­schen Krie­ge geht. Auch von der Hun­gers­not im Tog­gen­burg 1817 wird ge­sun­gen oder vom Berg­sturz von Gold­au, die­ser Jahr­hun­dert­ka­ta­stro­phe im Jahr 1806. Da­ne­ben ha­ben auch Schä­fer­idyl­len ih­ren Platz und hö­fi­sche Tän­ze, wie sie «oben», in den Bür­ger­stu­ben um die Jahr­hun­dert­wen­de 1800 ge­spielt wur­den – oder hät­ten ge­spielt wer­den kön­nen. 

Die Epo­che vor und um 1800 ist nicht von un­ge­fähr ge­wählt. Es ist die Zeit der ge­sell­schaft­li­chen Um­brü­che zwi­schen An­ci­en ré­gime, Auf­klä­rung und fran­zö­si­scher Re­vo­lu­ti­on, aber auch des mu­si­ka­li­schen Wan­dels. «Die al­te Volks­mu­sik, wie sie Tri­to­nus spielt, hat ab­so­lut nichts ge­mein­sam mit der Länd­ler­mu­sik, die sich im 19. Jahr­hun­dert in der Schweiz aus­brei­te­te und viel ech­tes und ei­gen­stän­di­ges Volks­gut ver­dräng­te», sagt Urs Klau­ser. 

Das Fens­ter zur Mu­sik von da­mals auf­zu­stos­sen, sei al­ler­dings nicht so ein­fach. Die Quel­len­la­ge ist dünn, Volks­mu­sik wur­de in al­ler Re­gel münd­lich über­lie­fert. Das gilt für die Lie­der und In­stru­men­tal­stü­cke, es gilt aber auch für die In­stru­men­te sel­ber, die durch ver­än­der­te Klang­idea­le und Kon­kur­renz wie Hand­har­mo­ni­ka oder Kla­ri­net­te ver­drängt wur­den. 

40 Jah­re «an­de­re» Schwei­zer Volks­mu­sik

Mit der Re­kon­struk­ti­on des eins­ti­gen In­stru­men­ta­ri­ums hat die Tri­to­nus-Ge­schich­te ih­ren An­fang ge­nom­men, ge­nau ge­sagt: mit der Sack­pfei­fe. Auf Bil­dern in al­ten Chro­ni­ken oder in Fi­gu­ren wie je­ner am Pfei­fer­brun­nen in Bern hat­te der Pri­mar­leh­rer und Mu­si­ken­thu­si­ast Urs Klau­ser Dar­stel­lun­gen ei­nes Du­del­sacks ent­deckt. 1979 be­gann er mit dem Bau ei­ner sol­chen Sack­pfei­fe (im De­tail nach­zu­le­sen hier) und wei­te­rer al­ter Volks­mu­sik­in­stru­men­te, zu­sam­men mit dem In­stru­men­ten­bau­er Beat Wolf. 

Ih­re For­schun­gen sei­en zu­erst als un­wis­sen­schaft­lich ab­ge­tan wor­den, aber über die Jah­re hat sich die Über­zeu­gung durch­ge­setzt, dass die Sack­pfei­fe in der hie­si­gen Volks­mu­sik tat­säch­lich hei­misch war, zu­sam­men mit an­de­ren ver­ges­se­nen In­stru­men­ten wie dem gei­gen­ähn­li­chen Re­bec, mit Dreh­lei­er, Schal­mei, Schwe­gel, Trüm­pi oder der lie­be­voll «Hüm­mel­chen» ge­nann­ten, klei­ne­ren und sub­ti­ler tö­nen­den Schwes­ter der Sack­pfei­fe. 

Urs Klauser mit einer seiner Sackpfeifen. (Bild: Su.)

Urs Klauser mit einer seiner Sackpfeifen. (Bild: Su.)

In Klau­sers Stu­be ha­ben sie ei­nen Eh­ren­platz. Und in den Tri­to­nus-Kon­zer­ten kann man ih­ren leicht schnar­ren­den Bor­dunklang seit vier­zig Jah­ren hö­ren. 1985 taucht erst­mals der Na­me Tri­to­nus in Auf­trit­ten von Urs Klau­ser und Beat Wolf auf. 1991 er­scheint, pro­du­ziert von Ra­dio DRS, die ers­te CD Al­te Volks­mu­sik in der Schweiz, im Un­ter­ti­tel: «Tän­ze, Hir­ten­ru­fe, Küh­rei­hen und Lie­der aus der Schweiz vor 1800». Im Ge­gen­satz zur auf­blü­hen­den Ba­rock­for­schung in der Klas­sik ist zu je­ner Zeit von his­to­risch in­for­mier­ter Folk­lo­re noch kaum die Re­de. 

Ei­ne Pio­nier­tat mit Fol­gen: Tri­to­nus spielt auf Fes­ti­vals, tourt mit dem Pro­gramm, bringt im Lauf der Zeit zwei wei­te­re CDs her­aus. Al­pan (2005) ver­knüpft Volks­mu­sik und Jazz, Ur­ba­nus (2015) forscht der Volks­mu­sik in den Städ­ten nach. Ei­nen an­de­ren sti­lis­ti­schen Sei­ten­sprung, dies­mal zur Klas­sik un­ter­nimmt das En­sem­ble 2021 bis 2024 mit dem Pro­gramm «Al­te Wei­sen – neue Wel­ten» mit dem Neu­en Or­ches­ter Ba­sel: Sin­fo­nie­or­ches­ter meets Volks­mu­sik. Gärt­li­den­ken war nie ein The­ma für das En­sem­ble, das sei­nen Na­men vom «dia­bo­li­schen» Tri­to­nus-In­ter­vall ab­lei­tet und in der Stan­dard­be­set­zung zu sechst ist: ne­ben Urs Klau­ser mit Da­ni­el Som (Dreh­lei­er, Schal­mei, Flö­ten, Trüm­pi), Fe­li­cia Kraft (Ge­sang, Per­cus­sion, Re­bec), Lea Za­nola/Mi­chae­la Wal­der (Hack­brett), An­dre­as Cin­cera (Vio­lo­ne) und An­drea Brun­ner (Gei­ge, Vio­la d’amo­re).

Ih­rer of­fe­nen und zu­gleich his­to­risch fun­dier­ten Hal­tung sind Tri­to­nus seit vier­zig Jah­ren treu. Ein Boom, wie ihn das Hack­brett in den letz­ten Jah­ren er­leb­te und er­lebt, ist bei der Sack­pfei­fe und den an­de­ren frü­hen In­stru­men­ten al­ler­dings aus­ge­blie­ben. Im­mer­hin: Ein «klei­nes Re­vi­val» ge­be es auch hier. «Un­se­re Pio­nier­ar­beit hat si­cher ei­nen Ein­fluss auf die neue Volks­mu­sik ge­habt», sagt Klau­ser. Aber die Sze­ne, die sich spe­zi­ell mit his­to­ri­scher Volks­mu­sik be­schäf­tigt, ist über­sicht­lich ge­blie­ben. Der Ber­ner Lie­der­ma­cher Urs Hostett­ler ge­hör­te mit zu den Pio­nie­ren; die Gei­ger Mat­thi­as Lin­cke (mit sei­ner Land­streich­mu­sik) und An­dre­as Ga­bri­el (Am­bäck), Mul­ti­in­stru­men­ta­list Di­de Mar­furt oder die Jod­le­rin Chris­ti­ne Lau­ter­burg zäh­len mit ih­ren Pro­jek­ten da­zu. 

Quel­len­for­schung hat da­bei kaum je­mand so in­ten­siv be­trie­ben wie die Tri­to­nus-Grün­der. Das be­stä­tig­te ein For­schungs­pro­jekt der Hoch­schu­le für Mu­sik Lu­zern zur his­to­ri­schen Volks­mu­sik. Aus­lö­ser war das Zwing­li-Ju­bi­lä­um, in des­sen Rah­men die Mu­sik je­ner Zeit er­forscht wer­den soll­te – im Film sel­ber (2019 in den Ki­nos) spielt der his­to­ri­sche Zwing­li üb­ri­gens ei­ne Sack­pfei­fe aus Urs Klau­sers Werk­statt. Die For­schen­den fan­den dann aber we­nig an Hand­schrif­ten, flie­gen­den Blät­tern oder an­de­ren Quel­len, was durch die Pio­nier­ar­beit von Tri­to­nus nicht schon be­kannt ge­we­sen wä­re. 

Kul­tur­trans­fer über so­zia­le Gren­zen

Trou­vail­len gibt es den­noch im­mer wie­der – und da sind wir zu­rück im Pro­gramm «Une und obe». Von «oben» stam­men et­wa zwei «Val­ses» aus ei­ner kürz­lich in der Ro­man­die ent­deck­ten Hand­schrift und wei­te­re, ur­sprüng­lich hö­fi­sche Tän­ze, die in die Volks­mu­sik Ein­gang fan­den, wie bei­spiels­wei­se Al­le­man­de und Me­nuet oder – an­ders­her­um von «un­ten» nach «oben» –  die Baur Ley­er von 1791.

Von un­ten be­rich­tet auch das Lied ei­ner jun­gen Frau, in de­ren Bauch es «zibblet und zab­blet» - ei­nes der un­zäh­li­gen Schick­sa­le von le­di­gen Müt­tern, wie es jüngst auch der Film Frie­das Fall wie­der do­ku­men­tier­te. In der Quel­le, ei­nem hand­schrift­li­chen Lie­der­buch von 1794 aus Bri­en­z­wi­ler, ist nur der Text über­lie­fert; Tri­to­nus un­ter­legt ihn mit der Me­lo­die ei­nes zeit­ge­nös­si­schen Ma­ri­en­lieds, ei­ne häu­fi­ge Pra­xis, wie Klau­ser sagt. Und fügt da­zu ein wei­te­res Kla­ge­lied, dies­mal aus der Sicht des to­ten Kin­des ge­schrie­ben.

«Die­se Volks­lie­der er­zäh­len, wie das Le­ben wirk­lich war – es ist mir ein An­lie­gen, das un­ter die Leu­te zu brin­gen», sagt Urs Klau­ser. Das Pu­bli­kum re­agie­re denn auch oft tief be­rührt auf die­se Mu­sik, die von weit­her kommt und zu­gleich Be­zug zur Ge­gen­wart hat. Im Pro­gramm ha­ben aber auch hei­te­re Tö­ne Platz, so ei­ne Rei­he von neu­ge­dich­te­ten Ratz­lied­li, die die ein­zel­nen The­men­blö­cke er­öff­nen, oder ei­ne Pas­tor­el­le aus ei­nem Sing­spiel von Jean Jac­ques Rous­se­au, dem Phi­lo­so­phen und Pro­pa­gan­dis­ten ei­nes na­tur­ver­bun­de­nen Le­bens.

Sol­che Ent­de­ckun­gen sind für Urs Klau­ser ein An­sporn, wei­ter­zu­for­schen. Ent­de­ckun­gen – oder Spu­ren, wie je­ne, die na­he­legt, dass der Co­la­scio­ne, ei­ne im 16. Jahr­hun­dert in Ita­li­en ge­spiel­te Lang­hals­lau­te, über die Al­pen mög­li­cher­wei­se auch in die Schweiz ge­kom­men sein könn­te. Kul­tur­trans­fer die­ser Art, von Re­gi­on zu Re­gi­on, von «oben» nach «un­ten» und um­ge­kehrt, las­se sich in der Volks­mu­sik im­mer wie­der ent­de­cken. Was ori­gi­nal schwei­ze­risch und volks­tüm­lich ist, wird so am En­de zweit­ran­gig, bei al­lem In­ter­es­se an der his­to­ri­schen Wahr­heit. Ent­schei­dend ist für Urs Klau­ser und sei­ne Tri­to­nus-Ver­bün­de­ten, dass die al­te Mu­sik wie­der le­ben­dig wird.

Vor­pre­mie­re des Ju­bi­lä­ums­pro­gramms «Une und obe»: 
4. Ju­ni, 20 Uhr, Kel­ler­büh­ne St.Gal­len

tri­to­nus.ch

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