«Nöd nomoll e Toggeburgerhüsli» habe man bauen wollen, sagt Jost Kirchgraber lachend. Das ist es auch definitiv nicht geworden. Der Anbau, den das prächtige, aus dem 18. Jahrhundert stammende Ackerhus in Ebnat-Kappel bekommen hat, ist ein konsequent zeitgemässer Baukörper, dabei ganz aus einheimischem Holz: gradlinig, eigenständig, mit einem einzigen kühnen Fenster-Rechteck und hervorragender Akustik.
Alles zusammen, der Klang, die Modernität, die Verbundenheit mit der Tradition, ist programmatisch für das Ackerhus und für Kirchgraber und seine Mitstreiter, die das Ortsmuseum in den letzten Jahren wachgeküsst und zu einem lebendigen Begegnungsort gemacht haben.
Das ist nicht selbstverständlich, denn die Last der Geschichte könnte auch drücken. Gegründet hat das Ackerhus der Lehrer Albert Edelmann. Edelmann, der fast 50 Jahre lang an der Gesamtschule Dicken unterrichtete, gilt als der Retter der Toggenburger Hausorgeln und Wiederentdeckter der Halszithern. Sieben Hausorgeln zählt die Sammlung und rund 40 Zithern – zusammen mit zahlreichen weiteren ortsgeschichtlichen Altertümern ein gewaltiger Schatz.
Jost Kirchgraber vor einer Hausorgel im neuen Ackerhus-Anbau.
Nach Edelmanns Tod 1963 betreute die legendäre Ida Bleiker das Haus; ab Ende der 80er-Jahre verdämmerte es und geriet beinah in Vergessenheit. In einem der Räume sieht man noch die Staffelei mit dem letzten Bild, das Hobbymaler Edelmann beim Tod unvollendet zurückliess – der Blumenstrauss, den er malte, sei noch bis vor zehn Jahren unberührt dagestanden.
Das Geheimnis der Firstkammer
Abgesehen davon «ältelet» es jedoch nirgends mehr im sorgsam restaurierten Bau. Im Gegenteil: Hier wird Geschichte lebendig. Zum Beispiel im obersten Stock: Die Firstkammer ist, wie in vielen Toggenburger Häusern, das grösste Zimmer. Es diente dem häuslichen Unterricht – und insbesondere den religiösen Zusammenkünften.
Das Toggenburg war eine der Hochburgen der pietistischen Frömmigkeit, mit evangelikalen und sektiererischen Nachwirkungen bis heute; ein paar Schritte vom Ackerhus entfernt ist eine «internationale Bibelschule» zu Hause. Kirchgraber erklärt dies damit, dass sich viele Protestanten im 17. Jahrhundert in private häusliche Gottesdienste zurückzogen, als Reaktion auf den gegen-reformatorischen Druck, den die St.Galler Fürstäbte auf das Toggenburg ausübten.
Die Begleitmusik dieser frommen Zusammenkünfte (von denen auch bei Ulrich Bräker zu lesen ist) kam von den Hausorgeln oder deren Pendant für die ärmeren Leute, der Halszither. Wenn sich der Toggenburger Organist Wolfgang Sieber oder einer seiner Mitstreiter vom Verein «Windbläss» an die Orgeln setzt, ist es aber vorbei mit der Beschaulichkeit.
Der «Windbläss» erhebt seine Stimme für das, was man floskelhaft «Tradition und Innovation» nennen könnte. In seinen Programmen prallen Musikkulturen und Zeiten aufeinander, da kann toggenburgisch gebluest werden oder da liest, wie demnächst Ende Oktober, Gerold Späth eine orgelnde Erzählung zu elektronisch verfremdeten Klängen der beiden restaurierten Hausorgeln.
Keine Lust auf Folklore
Solche «Verfremdungen» sind für Kirchgraber essentiell: eine Frage der Haltung. Sein Anliegen sind Brückenschläge vom Damals zum Heute, er sucht das Staunen, die Überraschung, er mag es, wenn zu Bräker-Texten gerappt und gebeatboxt wird. «Blosse Vergangenheitspflege hält nicht lebendig», sagt Kirchgraber. Er sagt es ohne missionarischen Unterton, aber mit Vehemenz.
Die häusliche Toggenburger Kultur und ihre Erforschung ist sein Lebenswerk – wo die Folklore anfange, wo Volkskultur instrumentalisiert, für Politik oder für Renditen missbraucht werde, interessiere es ihn nicht mehr. Mit einer rückwärtsgewandten Volksmusikpflege nach Art der selbsternannten Volkspartei habe er nichts zu tun, mehr noch: sie begegne ihm gar nicht in seiner Arbeit.
Das Ackerhus in Ebnat-Kappel ist samstags und sonntags geöffnet. Nächste «Windbläss»-Veranstaltung mit Gerold Späth: 28. Oktober, 20 Uhr. ackerhus.ch, windblaess.org
Die Volkskultur, die ihm am Herzen liegt, findet sich dagegen zum Beispiel an einer Wand im mittleren Stock des Ackerhus: in den Bildern des malenden Dachdeckers Felix Brander. Der verbrachte sein halbes Leben im Armenhaus von Ebnat und porträtierte seine Mitbewohner mit scharfem Blick und Witz. Die Schicksale, die Hinter- und Abgründe in diesen Bildern berührten ihn, sagt Kirchgraber. Entdeckungen solcher Art gibt es im Ackerhus noch andere – die pietistischen Prachtschriften, die Zeugen der Textilgeschichte oder die Werke einer veritablen Künstlerkommune im Dicken: Dort hatten sich zwischen 1907 und 1911 rund um Albert Edelmann die Maler Hans Brühlmann, Karl Hofer und Hedwig Scherrer ihren kurzzeitigen Monte Verità erschaffen.
In einem weiteren Raum steht ein prächtig bemalter Bauernschrank – die Möbelmalerei war ein weiteres Steckenpferd des Sammlers Edelmann. Die Bauern auf den Bildern tragen Perücke und vornehme Kleidung. Es ist Malerei aus dem 18. Jahrhundert, der Vor-Biedermeierzeit, erklärt Kirchgraber, als die einheimische Lebenswelt noch nicht als darstellenswert galt. Bauern in Perücke: Das ist noch eins dieser Aha-Erlebnisse, die man im Ackerhus gewinnen kann.
Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.
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