Der Historiker und Theatermacher Milo Rau zeigte zusammen mit seinem Team im November im Kunsthaus Bregenz den Zwischenstand seiner neuesten Produktion «Hate Radio». Das Klatschen blieb einem nach der Vorführung im Ellbogen stecken. Die grossartigen SchauspielerInnen hauten dem Publikum die dunkle Geschichte Ruandas mit teuflischem Grinsen in die Magengrube. Der «Saiten»-Autor Kurt Bracharz berichtete in der Dezember-Ausgabe über die Aufführung (siehe unten).Für alle, die einen der wenigen Termine in Bregenz verpasst haben: «Hate Radio» ist nun fertig (die Endfassung sei noch ein wenig härter ausgefallen), auf Tour und Ende Januar in Zürich im Migros Museum zu sehen. Unbedingt empfohlen. Nach der Aufführung finden prominent besetzte Talkrunden statt. Mehr Infos und Reservation hier: klick!
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«Sie würden sogar den Teufel vergewaltigen»
Im Kunsthaus Bregenz lauschten im November die Zuschauer per Kopfhörer einer Radiosendung, die zum Genozid aufrief. Wie «Die letzten Tage der Ceausescus» ist auch Milo Raus «Hate Radio» ein Reenactment-Stück.
von Kurt Bracharz
In Vorarlberg kommt es trotz Landestheater, freien Bühnen und Bregenzer Festspielen eher selten zu wirklichen Theaterereignissen; die Voraufführung von Milo Raus Reenactment-Stück «Hate Radio» im Kunsthaus Bregenz am 2. November 2011 kann aber durchaus als ein solches bezeichnet werden. Reenactment ist die Bezeichnung für die dokumentarische Rekonstruktion historischer Vorgänge auf der Bühne. Milo Rau hat dafür 2007 das International Institute of Political Murder (IIPM) gegründet, das den Austausch zwischen Theater, bildender Kunst, Film und Forschung für Reenactments intensivieren soll. Die erste Produktion war 2009/2010 «Die letzten Tage der Ceausescus», ein Reenactment des Ceausescu-Prozesses, das in Berlin und in Avignon aufgeführt wurde und zu einem Prozess mit einem Sohn des 1989 hingerichteten Ehepaars führte, welchen das IIPM gewann.
Sendung der Gewalt«Hate Radio», mit dem Untertitel «Ein Volk. Ein Radio. Eine Million Tote», führt den ruandischen Radiosender Radio-Télévison Libre des Milles Collines (RTLM) vor, der 1994 in seinen populären Sendungen mit Unterhaltungsmusik, Sportreportagen und Geplauder über Bier und Joints die Hutu-Mehrheit explizit zum Genozid an den dabei stets als Kakerlaken bezeichneten Tutsis aufrief. Akten des International Criminal Tribunal for Rwanda, die Datenbank des Memorial Centers in Kigali, Interviews mit Tätern und überlebenden Opfern – aus diesem Material hat Milo Rau ein zweiteiliges Stück gemacht. Die Rekonstruktion einer aus mehreren Hetzsendungen komprimierten RTLM-Sendestunde, dargestellt von ruandischen Schauspielern, wird eingerahmt von Zeugenaussagen, die auf die Wände der nachgebauten Studio-Box projiziert werden.Die an den Anfang gesetzten Schilderungen der extremen Grausamkeiten, die die jungen Männer der Hutu-Milizen an den Tutsis verübten, werfen ein grelles Licht auf die Zynismen des Radiosprechers Kantano Habimana, der zwischen seinen lautstarken Forderungen nach Bier, Gras und Fussball beispielsweise sagte: «Sie haben eure Frauen vergewaltigt, sie haben eure Kinder vergewaltigt. Und jetzt planen sie, uns mit der Unterstützung der Amerikaner und Belgier endgültig auszurotten. Denn sie vernichten alles, was sie nicht an sich reissen können. Wie diese Frau in der Bibel, die sagte, dass das Kind zerrissen werden soll, wenn man es ihr nicht ganz geben kann. Ja, die Kakerlaken haben Gott vergewaltigt und sie würden sogar den Teufel vergewaltigen, wenn er es zulassen würde.»Über Kopfhörer dabeiMit den Schauspielern Afazali Dewaele, Sébastien Foucault, Dorcy Rugamba, Isnelle da Silveira, Estelle Marion und Nancy Nkusi im Bühnenbild von Anton Lukas in Szene gesetzt, erweist sich die über einstündige Inszenierung als durchaus packend, obwohl sie keinen Spannungsbogen hat, da nur ein punktueller Zustand gezeigt wird (der mörderische Galgenhumor – in jeder Bedeutung des Wortes – angesichts der sich bereits ankündigenden Niederlage der Regierungspartei) und der weitere Verlauf der Geschichte, der Sieg der Befreiungsarmee, bekannt ist. Die Schauspieler sprechen Französisch und Kinyarwanda, der Zuschauer hört sie per Kurzwellenradio über Kopfhörer. Bei den Aufführungen im deutschsprachigen Raum werden Übersetzungen auf die verglasten Seitenwände der Box projiziert, in der sich der exakte Nachbau des Studios befindet. Der DJ legt live die Musik auf.
Theater wird niemals RealitätMilo Rau wurde in einem Interview auf das Theaterstück «Die Ermittlung» (1965) von Peter Weiss angesprochen, der wörtliche Aussagen bei den Auschwitz-Prozessen in ein Oratorium transformiert hatte, das zwar kein Reenactment im strengen Sinne, aber zweifellos ein Vorläufer dieses Genres war. In einem Interview sagte Rau: «Die Unterschiede zu Peter Weiss liegen natürlich im Verfahren selbst. In «Hate Radio» ist das RTLM tatsächlich auf der Bühne, es ist auf Sendung, es ruft hier und jetzt zum Massenmord auf und spielt in genau diesem Augenblick «Rape me» von Nirvana, «Le dernier Slow» von Joe Dassin oder einen Song des extremistischen Sängers Simon Bikindi. Wir haben hier also kein Real-Theater, sondern eher die Realität auf dem Theater.» Man muss kein Brechtianer sein, um Rau hier nicht folgen zu können, denn Theater – und Reenactment ist nun einmal Theater – mag zwar «die Welt bedeuten», wird aber niemals zu Realität. Das schmälert jedoch keinesfalls das aufklärerische Verdienst der Arbeit von Milo Raus IIPM.
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