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Der ominöse «kulturelle Fussabdruck»

Hat der St.Galler Stadtrat beim Grossen Kulturpreis den Theatermann Milo Rau und damit seine eigene Kommission übergangen? Die Antwort auf eine entsprechende Interpellation bleibt vage – aus der Kulturkommission gibt es jedoch Rücktritte.
Von  Peter Surber

Gesucht ist ein «sichtbarer kultureller Fussabdruck in der Stadt». Gefunden wurde er in der Person von Felix Lehner. Der Gründer des Sitterwerks ist Träger des Grossen Kulturpreises der Stadt St.Gallen 2018. Sein «Fussabdruck» ist in der Tat grossartig und wird aktuell denn auch gleich dreifach honoriert: Neben der Stadt hat auch die St.Gallische Kulturstiftung Lehner ausgezeichnet, und das Sitterwerk als Ganzes ist von der Stiftung Erbprozent mit dem Preis der «Wertschätzung» bedacht worden.

Felix Lehner (Bild: Katalin Deér)

Die Rede vom «Fussabdruck» stammt aus der kürzlich publizierten Antwort des Stadtrats auf die Interpellation «Keine Preise für politische KünstlerInnen?» von SP-Parlamentarier Etrit Hasler. Hasler hatte sich nach den Gründen erkundigt, warum für den Kulturpreis nicht Theatermann Milo Rau berücksichtigt worden sei, den die städtische Kulturkommission offenbar ursprünglich vorgeschlagen habe. Lehner sei zwar ein würdiger Preisträger – der Verdacht bestehe jedoch, dass Rau nicht berücksichtigt worden sei, «weil er sich in seinen Stücken hauptsächlich mit politischer Materie beschäftigt». Hasler hatte dabei an Stücke über den Völkermord in Ruanda oder den Massenmörder Breivik erinnert, aber auch an das kontroverse Projekt City of Change in St.Gallen.

«Nicht gegen, sondern für»

Auf all das geht der Stadtrat in seiner Interpellationsantwort nicht ein. Er äussert vielmehr sein Befremden darüber, dass trotz Kommissiongeheimnis Namen von Kandidaten diskutiert würden. Und betont, es sei «kein Entscheid gegen eine Person, sondern für eine Person» gefallen.

Das Sitterwerk sei «ein kulturelles Zentrum mit internationaler Ausstrahlung», schreibt der Stadtrat. «Felix Lehner ist ein innovativer, aktiver, gut verankerter Kulturvermittler vor Ort und ein aktiver, professioneller, gut vernetzter St.Galler in der Welt. Sein kultureller Fussabdruck in St.Gallen ist sehr deutlich.» Lehner erfülle die Anforderungen an einen Preisträger damit «in überzeugender Art und Weise».

Diese Anforderungen sind einerseits formaler Art (man muss entweder hier aufgewachsen oder seit mindestens zehn Jahren wohnhaft sein, Bürger der Stadt sein oder ein Werk geschaffen haben, das für die Stadt besondere Bedeutung hat). Andrerseits gilt ein eher vages Qualitäts- und Wirkungskriterium: Für den Preis in Frage kommen laut Reglement «Personen, die sich um die Förderung des allgemeinen kulturellen Lebens der Stadt besondere Verdienste erworben haben und die in ihrem Tätigkeitsgebiet Leistungen von überregionaler Bedeutung erbracht haben».

«Nicht zwingend permanent, aber kontinuierlich»

Ein Passus mit Interpretationsspielraum – was etwa könnte das «allgemeine kulturelle Leben» sein? In der Interpellationsantwort wird der Graubereich erhellt: Erwartet wird vom Kandidaten oder der Kandidatin der Ausweis einer «bereichernden kulturellen Arbeit vor Ort, die zwar nicht zwingend permanent, aber doch kontinuierlich spürbar sein sollte. Das dauerhafte künstlerische Wirken und die Präsenz der kulturellen Arbeit, die Sichtbarkeit von Person und Schaffen, die kreative Vernetzung vor Ort wie auch die hinterlassenen oder neuen kulturellen Spuren sind entscheidende Kriterien.»

Das scheint allerdings nicht durchwegs Praxis zu sein. Zwar war 1990 Niklaus Medienberg ein umstrittener, aber unbestritten Spuren hinterlassender Preisträger, und seither haben zudem Roman Signer (1998), Pic (2002), Peter Liechti (2010) und Bernard Tagwerker (2014) den Preis erhalten, allesamt fraglos präsent in der Stadt.

Andrerseits hat 2006 Silvie Defraoui den Preis erhalten. Die 1935 geborene, in St.Gallen aufgewachsene Künstlerin lebt und wirkt seit den 1950er-Jahren in Genf, 1971 gab es eine Ausstellung im hiesigen Kunstmuseum, doch zum Beispiel das mit über 400 Namen umfassende Archiv Ostschweizer Kunstschaffen nennt sie nicht. Mit ihrem international erfolgreichen Werk war sie aber trotz schwachem lokalem «Fussabdruck» eine valable Preisträgerin. Ähnlich die Schriftstellerin Eveline Hasler, 1994 ausgezeichnet: Sie lebt seit Jahrzehnten im Tessin, ihre Romane sind internationale Erfolge, eine «Spur» hinterlassen sie nicht in der Stadt, sondern in den Köpfen ihrer Leserinnen.

«Kein Gehör gefunden»

Mit der Präzisierung des «kulturellen Fussabdrucks» hat der Stadtrat entweder eine Praxisverschärfung vorgenommen, die den Kreis künftiger Preisträgerinnen und Preisträger einengt. Oder er hat eine Art «Lex Rau» erfunden. Sicher ist: Er desavouiert damit seine eigene Kulturkommission. Diese hat sich wiederholt für Milo Rau als ihren Favoriten stark gemacht.

Milo Rau (Bild: SRF)

Das bestätigen Sandra Meier, die Leiterin des St.Galler Kinok, und der Künstler Norbert Möslang: Sie sind diesen Frühling aus der Kulturkommission ausgetreten. «Ja, ich wollte ein Zeichen setzen: Der Entscheid gegen Milo Rau war für mich der Grund, zurückzutreten», sagt Meier auf Anfrage. «Unsere Argumente wurden nicht gewürdigt. Es ist das Recht des Stadtrats, die Kommission zu übergehen – aber wenn unsere Vorschläge wiederholt kein Gehör finden, will ich meine Zeit nicht dafür einsetzen.»

Möslang spricht ebenfalls von mehreren vergleichbaren Situationen: «Wenn der Stadtrat das anders sieht, macht es für mich keinen Sinn mehr, mitzuarbeiten.»
Auch dem später erfolgten Austritt der Künstlerin Karin K. Bühler ist der Umstand zuzuordnen, dass die Stimme der Fachkommission mehrfach nicht gestützt wurde. Es gehe ihr nicht um Pro Lehner oder Pro Rau, sondern um die Aushebelung der Fachstimme, sagt Bühler. Zudem habe sie sich auch an den mangelnden Kommunikationsmöglichkeiten wegen des Kommissionsgeheimnisses gestört.

Den Entscheid findet Meier «mutlos», denn Milo Rau wäre nach ihrer Überzeugung ein herausragender Preisträger gewesen, für gewisse Kreise allerdings auch ein «rotes Tuch» wegen seiner kontroversen St.Galler Produktion City of Change. «Und darüberhinaus wäre der Preis ein Signal an das Theater St.Gallen gewesen, das Milo Rau bisher keine Produktion im Grossen Haus angeboten hat.»

Manifest für ein neues Stadttheater

Ob der europaweit (aber auch in Zürich oder Bern) gefragte Theatermacher Milo Rau St.Gallen zu früh verlassen hat, um mit seinem «Fussabdruck» preiswürdig zu sein, bleibt vorläufig unbeantwortet, weil sich der Stadtrat nicht auf eine Diskussion um die Person einlässt, bloss allgemein einräumt: «Diesen Fussabdruck kann auch hinterlassen, wer gezwungenermassen aufgrund der Ausbildung oder neuer Herausforderungen von St.Gallen wegzieht».

Rau hat also noch Chancen – 2022 ist der nächste Grosse Kulturpreis fällig. Vielleicht ist sein Fussabdruck dann jedoch zu gross; das deuten zumindest die Kritiken zu seiner jüngsten Produktion La Reprise / Die Wiederholung an, ein Stück über den Mord am Homosexuellen Ihsane Jarfi im Jahr 2012. Die «Zeit» sah an der Premiere in Brüssel vom 4. Mai eine «grandiose Rekonstruktion von gleissender Schönheit», «La libre Belgique» schrieb von einem «Meisterwerk, das die Theatergeschichte prägen wird».

Eben hat Rau zudem sein Genter Manifest für ein künftiges Stadttheater publiziert, gültig für das dortige Theater, das er ab der kommenden Spielzeit leitet, aber nicht nur in Belgien von Interesse. Hinter dem 10-Punkte-Programm stehe die Frage: «Wie zwingt man gewissermassen eine alt gewordene Institution, sich zu befreien und wieder zu den Brettern zu werden, die ‹die Welt bedeuten›?», heisst es einleitend.

Das Manifest versteht das Theater nicht als Produkt, sondern als einen Produktionsprozess, der auf Kollektivverantwortung, Laien neben Profis, Mehrsprachigkeit und Grenzüberschreitung setzt. Regel 9 etwa lautet: «Mindestens eine Produktion pro Saison muss in einem  Krisen- oder Kriegsgebiet ohne kulturelle Infrastruktur geprobt oder aufgeführt werden.» Und Regel 1 deklariert kurzerhand: «Es geht nicht mehr nur darum, die Welt darzustellen. Es geht darum, sie zu verändern.»

Transparent? Oder geheim?

Man könnte aus dem Ganzen ironisch folgern: Wenn Sie den alle vier Jahre verliehenen Grossen Kulturpreis der Stadt St.Gallen bekommen wollen, bleiben Sie hier und stehen mit beiden Beinen auf städtischem Boden – dem «sichtbaren kulturellen Fussabdruck in der Stadt» zuliebe.

Oder man diskutiert ordnungspolitisch: Wieviel oder wie wenig soll das Urteil einer Fachkommission zählen? In der Stadt sind diverse Kommissionen am Werk; ist es in Ordnung, wenn das politische (Macht-)Wort mehr Gewicht hat als deren Fachmeinung? Parlamentarier Etrit Hasler will diese Frage geklärt haben: Er plant einen Vorstoss zur Stärkung der Kommission.

Und schliesslich die Frage im Hintergrund: Wie transparent oder wie geheim sollen Entscheidungsprozesse in der Verwaltung sein? Was geht die Öffentlichkeit etwas an, was nicht? Eine Regel könnte sein: Wer was gesagt und wie entschieden hat, bleibt geheim – das freie Wort muss frei bleiben. Aber was in der Sache diskutiert und welche Argumente den Ausschlag gegeben haben, ist von allgemeinem Interesse und stärkt die Glaubwürdigkeit der Behörden.

Am nächsten Dienstag ist die Interpellation Thema im Stadtparlament.

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