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Show, don’t tell

Milo Raus «Moskauer Prozesse» dokumentieren nicht nur Scheinrealitäten und den Einfluss der Fundamentalisten in Russland, sondern auch das Potenzial inszenierter Wirklichkeiten. Am Dienstag ist die letzte Vorstellung im Kinok.
Von  Corinne Riedener , 

Letzten Sonntag, nach der Premiere der «Moskauer Prozesse» im Kinok St.Gallen, mussten wir uns wieder mal eingestehen: Die Welt ist ein fertiges Durcheinander. Komplex. Ein Fragenkatalog ohne Antworten. Und alle haben einen anderen. Putin reagiert darauf mit Repressalien, oder lieber noch mit Zensur, und macht sich damit zum Erbe der eigenen Vergangenheit: in der noch alle denselben hatten. Das «andere Russland» wehrt sich verzweifelt dagegen, wie auch Milo Raus jüngste Produktion eindrücklich zeigt.

Fiktive Neuverhandlung mit realer Besetzung

Rau dokumentiert die kulturellen und ideologischen Gräben der Russischen Gesellschaft, die zerrissene Öffentlichkeit, die sich, gefangen zwischen Religion und Kunst, Vergangenheit und Zukunft, schreiend um sich selber dreht. Inspiriert von Stalins Schauprozessen in den 30ern, hat der in Deutschland lebende Theaterregisseur letztes Jahr drei reale, aber unter Putin geführte Prozesse neu aufgerollt: Jene anlässlich der Ausstellungen «Vorsicht! Religion» (2003) und «Verbotene Kunst» (2007) sowie die Pussy Riot-Prozesse von 2012.

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Auf der Anklagebank: Pussy Riot-Mitglied Katja Samuzewitsch (links) mit Verteidigerin Anna Stavickaja

Die dissidenten Kunstschaffenden wurden von den kremltreuen Richtern alle zu Geld- oder Haftstrafen verurteilt, da sie gemäss Artikel 282 der Russischen Föderation «religiösen Hass» geschürt haben. Anfang März 2013 hat Rau diese Prozesse nach rechtsstaatlichen Prinzipien neu verhandeln lassen – mit offenem Ausgang. Dafür wählte er den Ausstellungsraum des Sacharow-Zentrums, wo auch die beiden religions-kritischen Ausstellungen waren. Wie auch Katja Samuzewitsch oder Michail Ryklin, dessen Frau Anna Altschuk sich nach ihrer Verurteilung für «Achtung! Religion» das Leben genommen hatte, waren fast alle Beteiligten schon bei den ursprünglichen Prozessen involviert.

Nach beklemmenden, teils grotesken 90 Minuten und dem Gespräch mit Rau im Kinok-Saal, moderiert von Publizist und Theologe Rolf Bossart, haben uns vor allem drei Dinge beschäftigt: das Format Prozesstheater, die teilweise irren Argumente im Film und damit verbunden der resignierte Gedanke: Sollen Medienschaffende überhaupt noch versuchen, komplexe Inhalte zu vermitteln? Auch hier hat die Polemik öffentlicher Diskurse scheinbar im selben Mass zugenommen wie die Komplexität gewisser Fragen. Und während dabei die ideologischen und politischen Konstrukte immer differenzierter ausfallen im Kampf um die Deutungshoheit, wirken die medialen Debatten und Schlagwörter erschreckend eindimensional.

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Für den korrekten Ablauf zuständig: die Rechtsexpertinnen und der Gerichtsdiener

Polemisches, aber faires Format

Zu Beginn stand die Frage, worin genau Raus künstlerische Leistung besteht. Dramaturgisch wie technisch ist die Dokumentation zweifellos überzeugend, Informationsgehalt und Meinungsspektrum überdurchschnittlich. Einzelne Verhöre wirken fast schon konstruktiv. Auf den Prozessverlauf hatte Rau aber keinen Einfluss. Er lieferte, wie er sagt, «nur» das Setting. Ging es also vor allem darum, die richtigen Leute zusammen zu bringen? Oder lag das Schöpferische primär in der Wahl des Formats? Seine Antwort, eine Mischung: «Die Kunst ist es, einen fiktionalen Raum zu schaffen, wo Dinge real werden können, die in der Realität nicht möglich wären.»

Das Prozesstheater, sagt der Ex-St.Galler, sei ein «polemisches, aber auch faires Format». Nur deswegen hätten einige der Beteiligten überhaupt den Willen zur Debatte gezeigt, manche seien sich dabei sogar zum ersten Mal gegenübergestanden. Im Kern hat Rau also die russischen Dissidenten mit Fundamentalisten, orthodoxen Priestern und Nationalisten in einen Raum gesteckt und sie drei Tage lang diskutieren lassen – nach juristischen Spielregeln. Kein Wunder halten viele die Rau-Prozesse für aussagekräftiger als die realen, nicht weniger inszenierten Prozesse. «Echt» wirken ihre Debatten im Sacharow-Zentrum jedenfalls – ob nun trotz oder gerade wegen des fiktionalen Rahmens.

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Die Geschworenen; darunter ein othodoxer Bienenzüchter (in der Mitte), daneben eine ehemalige Lehrerin und der Inhaber einer Grafikagentur (ganz rechts)

Linke- und Scheinargumente

Worum es dort ging? «Um gegensätzliche Weltanschauungen», erkennt der kremltreue Star-Journalist Maxim Schewtschenko (auf dem Titelbild) richtig. Ansonsten verdreht er als Ankläger im Film aber beängstigend virtuos selbst klassisch-linke Argumente für seine eigenen Zwecke: Die Aggression gehe vom totalitären Liberalismus aus, Massenkultur sei das Verderben, Künstler die Profiteure etc. Diese wiederum versichern mehrfach, dass sie keine religiösen Gefühle verletzen wollten. Philosoph Michail Ryklin kritisiert vor allem Putins «durch sakrales Kulturgut getarnte Herrschaft». Er ist schon seit Jahren im Exil.

Zu unserem Bedauern argumentiert die ziemlich farblose Anwältin der Dissidenten, Anna Stavickaja, weniger grundsätzlich. Sie behilft sich lieber mit Scheinargumenten (Die fundamentalistischen Kreise haben die religiösen Symbole im Grunde selber vernichtet, als sie die Ikonen und Gemälde der Ausstellung «Vorsicht! Religion» 2003 zerstörten.), statt die Gegenseite mit demokratischen Grundrechten wie Meinungsfreiheit & Co. zu konfrontieren. Oder einfach mal zu nachzufragen, welche Voraussetzungen denn ein Kunstwerk erfüllen muss, um religiöse Gefühle zu verletzen.

Immerhin fällt das Urteil der sieben Geschworenen – die russische Bevölkerungsstruktur verkörpernd – nach den drei Verhandlungstagen im Sacharow-Zentrum doch noch zugunsten der Meinungsfreiheit aus: die dissidenten Künstler werden mit drei zu drei Stimmen und einer Enthaltung freigesprochen. Ausschlaggebend war Raus zweite und eigentliche Leitfrage, jene nach der Intention der Dissidenten, die allerdings etwas zu wenig Gewicht hatte. Die Geschworenen glaubten, mit einer Ausnahme, dass die Kunstschaffenden andere Beweggründe hatten, als den religiösen Hass in Russland zu schüren.

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Die Personenkontrolle: Nach mehreren Stunden und einem spontanen Schulterschluss der zerstittenen Parteien konnte der Prozess fortgeführt werden.

Weltbilder bündeln, Themenkomplexe aufschlüsseln

Bedenklich ist, dass Rau das geschafft hat, was die Verurteilten ursprünglich wollten: eine Debatte um die Zukunft des Landes lancieren. Mittlerweile geht er davon aus, dass das gar nicht mehr möglich wäre heute. «Das demokratische Russland ist tot», sagt er und meint damit nicht unbedingt die jüngsten Ereignisse, sondern primär Putins Kulturpolitik und langen Arm, den Rau währen der dreitägigen Prozesse buchstäblich am eigenen Leib spürte: Sie wurden nämlich nicht nur von einer Kosaken-Einheit gestört, auch die russischen Behörden wollten die Neuverhandlungen mehrfach sabotieren. Es endete mit einem Einreiseverbot.

Das Gute: Raus Prozesstheater wurde von vielen Beteiligten als einigermassen neutrale Diskussionsplattform wahrgenommen und auch erstaunlich effizient genutzt. Für uns Aussenstehende war es ebenfalls lohnend; das Format konnte wie ein Prisma einerseits verschiedene Weltanschauungen bündeln und umgekehrt komplexe Sachverhalte zumindest etwas differenzierter aufschlüsseln – nicht zuletzt auch aufgrund der journalistischen Komponente.

Das beweist, dass die Resignation im Bezug auf Europa vorschnell war. Trotz polemischem Polit- und Medien-Klima lassen sich nach wie vor auch komplexe Inhalte vermitteln. «Show, don’t tell» gilt eben nicht nur für Liebe und Literatur. So gesehen, muss sich Rau gar nicht explizit äussern zur Russischen Politik, was einzelne bedauern, es reicht, dass er sie zeigt. Dafür muss man keine Worte finden.

 

«Die Moskauer Prozesse»: Dienstag, 21. Oktober, 18 Uhr, Kinok St.Gallen
Infos: kinok.ch, realfictionfilme.de, international-institute.de

 

 

Bilder: Maxim Lee

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