Für sein Filmprojekt «Die Moskauer Prozesse» wollte Regisseur Milo Rau (im Bild mit Katja Samuzewitsch von Pussy Riot) nach Russland reisen, um die Protagonisten sechs Monate nach der gleichnamigen Theater-Inszenierung nochmals zu interviewen. Jetzt sieht es jedoch so aus, als müsste er auf Plan B umsteigen, denn Russland verweigert ihm die Einreise. Ohne Begründung.
«Ich bin überrascht, dass ich kein Visum erhalte», sagt Milo am Dienstag. «Als ich bei der Visumzentrale nach den Gründen fragte, hiess es lediglich, ich solle mich doch mal selber googeln.» – Eine mehr als dürftige Argumentation der russischen «Türsteher».
Offenbar handeln die Behörden prophylaktisch, wollen sich den kritischen Regisseur wenigstens dieses Mal vom Hals halten: Als Rau vergangenen März im Sacharow-Zentrum seine «Moskauer Prozesse» inszenierte, – drei neuaufgerollte Live-Schauprozesse, darunter jener gegen die kreml-kritische Band Pussy Riot, – musste er für mehrere Stunden unterbrechen, weil die russische Ausländerbehörde ihn verdächtigt hatte, kein Arbeitsvisum zu haben. Die Vorwürfe stellten sich später als haltlos heraus.
Die politische Komponente – sowohl im März als auch jetzt – ist fast beleidigend schlecht getarnt. Man weiss auch in Russland: Rau bezog immer offen Position für Kunst- und Meinungsfreiheit. Und dort wird diese Freiheit bekanntermassen sehr situativ und kreml-abhängig ausgelegt. Das zeigen beispielsweise der Pussy Riot-Prozess oder auch die kürzlich in St. Petersburg konfiszierten «skandalträchtigen» Kunstwerke exemplarisch.
Eines der Bilder, das die Gemüter erhitzt: «Travesty» von Konstantin Altunin
Für den Philosophen und Regimekritiker Michail Ryklin ist Raus Abweisung keine Überraschung. Es sei Putins Strategie, sagt er. «Es wird nicht der wirkliche politische Grund genannt, sondern irgendein Vergehen konstruiert.» Seine Prognose: «Man wird behaupten, dass Rau sich ein Visumvergehen habe zuschulden kommen lassen.» Der Regisseur sieht das ähnlich. «Die Behörden werden sich schon irgendeine Bagatelle einfallen lassen.»
Rau macht sich zurzeit keine grossen Hoffnungen, dass er doch noch ein Visum ergattert. «Ausser es entstünde ein gewisser medialer Druck. Dann hiesse es vielleicht plötzlich, dass alles nur ein Missverständnis gewesen sei.» Eher unwahrscheinlich. Sowohl der Fall Pussy Riot als auch der aktuelle Umgang mit Lesben und Schwulen in Russland dürften bewiesen haben, dass medialer Druck, auch der aus der internationalen Presse, kaum etwas nützt. Es ist zu befürchten, dass Putin weiter an seiner Festung bastelt – selbst wenn sich das eine oder andere westliche Land endlich dazu aufraffen könnte, Putin für seine staatlich verordnete Homophobie zu sanktionieren.
Milo Raus Dokumentarfilm über die Prozesse soll Ende Jahr fertig sein. Plan B würde bedeuten, dass er seine Protagonisten zu sich nach Hause holt, «via Skype oder anderen Kameras, die sie von Freunden ausleihen müssten.» Das Material verwende er auf jeden Fall, nur über das wie müsse er jetzt nochmal nachdenken.
PS: Auf dem russischen Generalkonsulat werden Anrufe nur bis 13.30 Uhr entgegengenommen, weshalb Saiten zurzeit noch keine Stellungnahme hat. Was nicht allzu schlimm ist, denn so werden keine Zeilen für eklige Propaganda verschwendet.
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