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Zeitgenössisch im neualten Theater

Neues Leitungsteam, erneuertes Theatergebäude: Das Theater St.Gallen kündigt für die nächste Spielzeit im renovierten Paillard-Bau und in der Lokremise viel Zeitgenössisches unter dem Motto «Identitäten» an. Und ein neues Halbtax-Abo.
Von  Peter Surber , 
Das künstlerische Leitungsteam (von links): Chefdirigent Modestas Pitrenas, Direktor Jan Henric Bogen, Schauspielleiterin Barbara-David Brüesch und Tanzchef Frank Fannar Pedersen. (Bilder: pd)

Die Eingangspartie scheint unverändert. Der Beton drinnen eine Spur heller, aber sonst sieht das Foyer haarscharf aus wie vor der Renovation. Im Saal fallen Panels und Lautsprecher an der Wand auf, Elemente der neuen Raumakustik. Die Sessel sind frisch gepolstert, die Tontechnik bekommt einen fixen Platz. Im übrigen wird das neue Theatergebäude fürs Publikum äusserlich wirken wie das alte.

Wo der Grossteil der 50-Millionen-Renovation passiert ist, zeigt der technische Leiter Georges Hanimann bei einem kurzen Rundgang nach der Spielplan-Medienkonferenz am letzten Freitag: Requisite, Wäscherei, Werkstätten haben zeitgemässe Arbeitsplätze bekommen, für alle Angestellten gibt es künftig Garderoben mit Spind – Selbstverständlichkeiten, aber vor der Renovation nicht vorhanden. Auch die Proberäume für Tanzensemble und Chor sind neu, die Haustechnik ist wieder à jour.

Georges Hanimann zeigt den erneuerten Tanzsaal und eine der Garderoben. (Bild: Su.)

Platz gefunden haben die neuen Räume in den Vorbauten auf der Westseite. Sie nehmen den typischen Sechseck-Grundriss des Gebäudes so auf, dass man sie aussen wie innen kaum bemerkt. Auch die Bienenstöcke zuoberst auf dem Theatergebäude wird das Publikum kaum sehen – aber sie stehen symbolisch, sagt Guta Rau, die neue Leiterin des künstlerischen Betriebs, für eines der drei Leitziele von Konzert und Theater: Nachhaltigkeit. Vielleicht gebe es bald schon theatereigenen Honig.

Vorerst gibt es Theaterkost unter dem Leitmotiv «Identitäten» und «für fast jeden Geschmack», wie der neue Direktor Jan Henric Bogen sagt. Samt festlicher Eröffnung: Am Wochenende 21./22. Oktober wird das renovierte Haus eingeweiht, mit einem Festakt, einem Tag der offenen Tür und der Uraufführung Lili Elbe von Musik- und Tanzensemble.

Insgesamt sind 23 Produktionen, darunter sechs Uraufführungen, und 18 Konzertprogramme geplant. All dem schickt Bogen den Dank an seinen Vorgänger Werner Signer voraus, unter dessen Regime die Renovation samt Volks-Ja zustande kam und der fast drei Jahrzehnte lang das Haus geleitet hat.

Das neue Team präsentiert sich gleich achtfach. Neben den vier Spartenleitungen gehören der technische Leiter Georges Hanimann, Verwaltungschef Lukas Bieri, Anja Horst für das Jugendprogramm und die Vermittlung (sie fehlte wegen eines Unfalls), Guta Rau als Leiterin des künstlerischen Betriebs sowie Marketingfrau Susi Reinhardt zur Geschäftsleitung.

Georges Hanimann, Lukas Bieri, Susi Reinhardt, Modestas Pitrenas, Frank Fannar Pedersen, Jan Henric Bogen, Guta Rau und Barbara-David Brüesch im neualten Theaterfoyer.

Alle kommen vor den Medien zu Wort – ein Indiz, dass Bogen seinem zweiten Leitmotiv, der Partizipation, nachleben will und nicht die Rolle des allmächtigen Intendanten sucht, wie in der Öffentlichkeit anfangs befürchtet worden war.

Utopien und Warm-ups im Tanz

Partizipation schreibt sich der neue Tanzchef Frank Fannar Pedersen auf die Fahne. Er liebe Teamarbeit, sagt der Isländer, der seit neun Jahren in Basel tätig ist – und realisiert seinen ersten Abend auf der grossen Bühne mit einem erweiterten Choreografieteam. Fordlândia handelt von Utopien wie dem gleichnamigen, glorios gescheiterten Projekt des Autobauers John Henry Ford 1920 im Amazonasgebiet.

Auch das Publikum übrigens soll partizipieren: Pedersen will es mit «Warm-ups» zu einzelnen Stücken in Bewegung bringen.

Für die weiteren vier Produktionen im neu zur eigenen Sparte aufgewerteten Tanz engagiert Pedersen renommierte Choreograf:innen, darunter Johan Inger und Hofesh Shechter mit einem popkulturellen «Powerabend», sowie junge Talente. Zudem kommt das Tantfestival «Steps» dreifach nach St.Gallen.

Ende Januar dürfte es brisant werden: Dann zeigt der Norweger Jo Stromgren tänzerisch, was passiert, wenn die Geschlechtergrenzen aufgehoben sind, zumindest in den Klöstern. Sein für St.Gallen entwickeltes Stück heisst Matthäus 22:37-39. Die titelgebende Bibelstelle enthält den Satz: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.»

Schauspiel mitten in den Debatten

Bogens drittes Leitmotiv, «Diversität», spielt auch in anderen Projekten eine Rolle, namentlich im Sprechtheater. So spannt das Schauspielensemble für ein Stück nach Shakespeares Sturm mit dem Komiktheater zusammen, der Ostschweizer Theatergruppe von Menschen mit einer Beeinträchtigung.

Das feste Ensemble ist auf 11 Stellen verkleinert, dafür kommen vermehrt Gäste zum Zug. Die Bühne soll die Vielfalt der Gesellschaft sichtbar machen, sagt die neue Leiterin Barbara-David Brüesch, bisher Hausregisseurin in St.Gallen.

Sie programmiert auch sonst drängende Zeitfragen: Für Die Ärztin von Robert Icke, dem Stück der Stunde zu den identitätspolitischen Debatten, hat sich St.Gallen die Schweizer Erstaufführung «erfightet», Regie führt die Schauspielchefin selber. Das Fest nach Tomas Vinterberg bringt Familien- und Missbrauchsthemen in die Lokremise, mit Gott von Ferdinand von Schirach wird Sterbehilfe debattiert, mit Fischers Fritz der Umgang mit Alter und Pflege.

Brüesch belebt zudem das Studio wieder, verdoppelt die Zahl mobiler Kinderproduktionen und kooperiert mit dem freien Theater Marie und der Aarauer «Tuchlaube». Für das Jugendstück Supergute Tage kommt ihr Vorgänger Jonas Knecht als Regisseur zurück. Und das Sprechtheater macht (wie angekündigt) Ernst mit Nachhaltigkeit: Die ersten drei Produktionen in der Lokremise spielen im selben, modular veränderbaren Bühnenbild, ein Statement gegen die ressourcenschädliche Materialschlacht auf vielen Theaterbühnen.

Kinderoper, Tell und trans

Mit Geschlechterkomplikationen der dramatischen Art beschäftigt sich die Uraufführung zur Wiedereröffnung des Theaters: Lili Elbe von Tobias Picker basiert auf der Biografie der gleichnamigen trans Frau, die in den 1930er-Jahren eine der ersten Geschlechtsoperationen vornehmen liess, und ihrer Partnerin Gerda Wegener. Inszeniert wird die «Geschichte einer alle Hindernisse überwindenden Liebe», wie Operndirektor Bogen sie nennt, von Krystian Lada spartenübergreifend mit dem Tanzensemble und mit Baritonistin Lucia Lucas in der Titelrolle.

Im Musiktheater steht mit der Kinderoper Die feuerrote Friederike eine weitere spartenübergreifende Produktion, hier von Oper und Schauspiel an. Den Musical-Schwerpunkt bilden Rent, das Rockstück um Liebe, Leidenschaft und HIV, und Les Misérables, inszeniert vom früheren St.Galler Kurzzeit-Schauspieldirektor Josef Köpplinger. Verdis Ernani und Rossinis Tell, in St.Gallen von «Guillaume» zu «Wilhelm» konvertiert, vervollständigen das Opernprogramm.

Fassadenkletterei an den Festspielen

Die Festspiele 2024 gehen in die Höhe, gleich doppelt. Der Stiftsbezirk kann bekanntlich nur noch alle zwei Jahre bespielt werden. Purcells Fairy Queen als Festspieloper zügelt deshalb auf die Flumserberge. Und der Tanz wechselt von Barock zu Beton: Unter dem Titel Skywards choreografiert Vertical-Dance-Künstlerin Rebekka Gather an der Theaterfassade. Das Schauspiel schaltet sich erstmals auch in die Festspiele ein mit einer Comedy-Extrawurst auf dem neugestalteten Theatervorplatz.

In der Tonhalle plant Chefdirigent Modestas Pitrenas, neu auch in der Doppelfunktion als Konzertdirektor für den gekündigten Florian Scheiber, Sinfonisches unter anderem aus Nordeuropa, Romantik von Clara und Robert Schumann oder Orffs Carmina Burana mit Theaterchor, Kinderchor und dem Chor der Kanti am Burggraben. Als Raritäten hebt Pitrenas den Cantus Arcticus für Vögel und Orchester des Finnen Einojuhani Rautavaara oder Chaussons Poème de l’amour et de la mer heraus. Das Finale macht ein Schwerpunkt mit Richard Strauss.

Dazu kommen neue Formate wie Afterwork-Konzerte an Spielorten in der Stadt, ein Abstecher des Orchesters nach Wil oder eine Saxophonwoche mit dem Signum Saxophone Quartet. Im Meisterzyklus glänzt das Programm mit Tenor Rolando Villazon oder der französischen Pianistin Lise de la Salle.

Theaterkarte als öV-Ticket

Das Spielzeit-Motto «Identitäten» will Direktor Jan Henric Bogen auch als Anstoss zur Selbstreflexion verstehen: «Was bedeutet das Theater St.Gallen für die Stadt und den Kulturraum Bodensee?» Die Antwort sucht man unter anderem mit Gastspielen und Kooperationen, aber auch mit neuen Abo- und Vermittlungsangeboten. Die Website ist neu (konzertundtheater.ch), Vermittlung wird mit der Leitungsstelle «Jung und Mit» aufgewertet, es gibt eine Reihe «Talk im Studio» oder Expert:innen-Gespräche.

Junge Leute sollen mit dem nicht an voraus festgelegte Termine gebundenen Halbtax-Abo und dem U30-Club (alle Tickets für 15 Franken) gewonnen werden. Rabatte bietet auch eine Lok-Card. Und wer ins Konzert oder Theater geht, fährt ab September 2023 gratis öV im ganzen Ostwind-Gebiet und auch in Vorarlberg und im Fürstentum.

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Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

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Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

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Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

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Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

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Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

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Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

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Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

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