Die Eingangspartie scheint unverändert. Der Beton drinnen eine Spur heller, aber sonst sieht das Foyer haarscharf aus wie vor der Renovation. Im Saal fallen Panels und Lautsprecher an der Wand auf, Elemente der neuen Raumakustik. Die Sessel sind frisch gepolstert, die Tontechnik bekommt einen fixen Platz. Im übrigen wird das neue Theatergebäude fürs Publikum äusserlich wirken wie das alte.
Wo der Grossteil der 50-Millionen-Renovation passiert ist, zeigt der technische Leiter Georges Hanimann bei einem kurzen Rundgang nach der Spielplan-Medienkonferenz am letzten Freitag: Requisite, Wäscherei, Werkstätten haben zeitgemässe Arbeitsplätze bekommen, für alle Angestellten gibt es künftig Garderoben mit Spind – Selbstverständlichkeiten, aber vor der Renovation nicht vorhanden. Auch die Proberäume für Tanzensemble und Chor sind neu, die Haustechnik ist wieder à jour.
Georges Hanimann zeigt den erneuerten Tanzsaal und eine der Garderoben. (Bild: Su.)
Platz gefunden haben die neuen Räume in den Vorbauten auf der Westseite. Sie nehmen den typischen Sechseck-Grundriss des Gebäudes so auf, dass man sie aussen wie innen kaum bemerkt. Auch die Bienenstöcke zuoberst auf dem Theatergebäude wird das Publikum kaum sehen – aber sie stehen symbolisch, sagt Guta Rau, die neue Leiterin des künstlerischen Betriebs, für eines der drei Leitziele von Konzert und Theater: Nachhaltigkeit. Vielleicht gebe es bald schon theatereigenen Honig.
Vorerst gibt es Theaterkost unter dem Leitmotiv «Identitäten» und «für fast jeden Geschmack», wie der neue Direktor Jan Henric Bogen sagt. Samt festlicher Eröffnung: Am Wochenende 21./22. Oktober wird das renovierte Haus eingeweiht, mit einem Festakt, einem Tag der offenen Tür und der Uraufführung Lili Elbe von Musik- und Tanzensemble.
Insgesamt sind 23 Produktionen, darunter sechs Uraufführungen, und 18 Konzertprogramme geplant. All dem schickt Bogen den Dank an seinen Vorgänger Werner Signer voraus, unter dessen Regime die Renovation samt Volks-Ja zustande kam und der fast drei Jahrzehnte lang das Haus geleitet hat.
Das neue Team präsentiert sich gleich achtfach. Neben den vier Spartenleitungen gehören der technische Leiter Georges Hanimann, Verwaltungschef Lukas Bieri, Anja Horst für das Jugendprogramm und die Vermittlung (sie fehlte wegen eines Unfalls), Guta Rau als Leiterin des künstlerischen Betriebs sowie Marketingfrau Susi Reinhardt zur Geschäftsleitung.
Georges Hanimann, Lukas Bieri, Susi Reinhardt, Modestas Pitrenas, Frank Fannar Pedersen, Jan Henric Bogen, Guta Rau und Barbara-David Brüesch im neualten Theaterfoyer.
Alle kommen vor den Medien zu Wort – ein Indiz, dass Bogen seinem zweiten Leitmotiv, der Partizipation, nachleben will und nicht die Rolle des allmächtigen Intendanten sucht, wie in der Öffentlichkeit anfangs befürchtet worden war.
Utopien und Warm-ups im Tanz
Partizipation schreibt sich der neue Tanzchef Frank Fannar Pedersen auf die Fahne. Er liebe Teamarbeit, sagt der Isländer, der seit neun Jahren in Basel tätig ist – und realisiert seinen ersten Abend auf der grossen Bühne mit einem erweiterten Choreografieteam. Fordlândia handelt von Utopien wie dem gleichnamigen, glorios gescheiterten Projekt des Autobauers John Henry Ford 1920 im Amazonasgebiet.
Auch das Publikum übrigens soll partizipieren: Pedersen will es mit «Warm-ups» zu einzelnen Stücken in Bewegung bringen.
Für die weiteren vier Produktionen im neu zur eigenen Sparte aufgewerteten Tanz engagiert Pedersen renommierte Choreograf:innen, darunter Johan Inger und Hofesh Shechter mit einem popkulturellen «Powerabend», sowie junge Talente. Zudem kommt das Tantfestival «Steps» dreifach nach St.Gallen.
Ende Januar dürfte es brisant werden: Dann zeigt der Norweger Jo Stromgren tänzerisch, was passiert, wenn die Geschlechtergrenzen aufgehoben sind, zumindest in den Klöstern. Sein für St.Gallen entwickeltes Stück heisst Matthäus 22:37-39. Die titelgebende Bibelstelle enthält den Satz: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.»
Schauspiel mitten in den Debatten
Bogens drittes Leitmotiv, «Diversität», spielt auch in anderen Projekten eine Rolle, namentlich im Sprechtheater. So spannt das Schauspielensemble für ein Stück nach Shakespeares Sturm mit dem Komiktheater zusammen, der Ostschweizer Theatergruppe von Menschen mit einer Beeinträchtigung.
Das feste Ensemble ist auf 11 Stellen verkleinert, dafür kommen vermehrt Gäste zum Zug. Die Bühne soll die Vielfalt der Gesellschaft sichtbar machen, sagt die neue Leiterin Barbara-David Brüesch, bisher Hausregisseurin in St.Gallen.
Sie programmiert auch sonst drängende Zeitfragen: Für Die Ärztin von Robert Icke, dem Stück der Stunde zu den identitätspolitischen Debatten, hat sich St.Gallen die Schweizer Erstaufführung «erfightet», Regie führt die Schauspielchefin selber. Das Fest nach Tomas Vinterberg bringt Familien- und Missbrauchsthemen in die Lokremise, mit Gott von Ferdinand von Schirach wird Sterbehilfe debattiert, mit Fischers Fritz der Umgang mit Alter und Pflege.
Brüesch belebt zudem das Studio wieder, verdoppelt die Zahl mobiler Kinderproduktionen und kooperiert mit dem freien Theater Marie und der Aarauer «Tuchlaube». Für das Jugendstück Supergute Tage kommt ihr Vorgänger Jonas Knecht als Regisseur zurück. Und das Sprechtheater macht (wie angekündigt) Ernst mit Nachhaltigkeit: Die ersten drei Produktionen in der Lokremise spielen im selben, modular veränderbaren Bühnenbild, ein Statement gegen die ressourcenschädliche Materialschlacht auf vielen Theaterbühnen.
Kinderoper, Tell und trans
Mit Geschlechterkomplikationen der dramatischen Art beschäftigt sich die Uraufführung zur Wiedereröffnung des Theaters: Lili Elbe von Tobias Picker basiert auf der Biografie der gleichnamigen trans Frau, die in den 1930er-Jahren eine der ersten Geschlechtsoperationen vornehmen liess, und ihrer Partnerin Gerda Wegener. Inszeniert wird die «Geschichte einer alle Hindernisse überwindenden Liebe», wie Operndirektor Bogen sie nennt, von Krystian Lada spartenübergreifend mit dem Tanzensemble und mit Baritonistin Lucia Lucas in der Titelrolle.
Im Musiktheater steht mit der Kinderoper Die feuerrote Friederike eine weitere spartenübergreifende Produktion, hier von Oper und Schauspiel an. Den Musical-Schwerpunkt bilden Rent, das Rockstück um Liebe, Leidenschaft und HIV, und Les Misérables, inszeniert vom früheren St.Galler Kurzzeit-Schauspieldirektor Josef Köpplinger. Verdis Ernani und Rossinis Tell, in St.Gallen von «Guillaume» zu «Wilhelm» konvertiert, vervollständigen das Opernprogramm.
Fassadenkletterei an den Festspielen
Die Festspiele 2024 gehen in die Höhe, gleich doppelt. Der Stiftsbezirk kann bekanntlich nur noch alle zwei Jahre bespielt werden. Purcells Fairy Queen als Festspieloper zügelt deshalb auf die Flumserberge. Und der Tanz wechselt von Barock zu Beton: Unter dem Titel Skywards choreografiert Vertical-Dance-Künstlerin Rebekka Gather an der Theaterfassade. Das Schauspiel schaltet sich erstmals auch in die Festspiele ein mit einer Comedy-Extrawurst auf dem neugestalteten Theatervorplatz.
In der Tonhalle plant Chefdirigent Modestas Pitrenas, neu auch in der Doppelfunktion als Konzertdirektor für den gekündigten Florian Scheiber, Sinfonisches unter anderem aus Nordeuropa, Romantik von Clara und Robert Schumann oder Orffs Carmina Burana mit Theaterchor, Kinderchor und dem Chor der Kanti am Burggraben. Als Raritäten hebt Pitrenas den Cantus Arcticus für Vögel und Orchester des Finnen Einojuhani Rautavaara oder Chaussons Poème de l’amour et de la mer heraus. Das Finale macht ein Schwerpunkt mit Richard Strauss.
Dazu kommen neue Formate wie Afterwork-Konzerte an Spielorten in der Stadt, ein Abstecher des Orchesters nach Wil oder eine Saxophonwoche mit dem Signum Saxophone Quartet. Im Meisterzyklus glänzt das Programm mit Tenor Rolando Villazon oder der französischen Pianistin Lise de la Salle.
Theaterkarte als öV-Ticket
Das Spielzeit-Motto «Identitäten» will Direktor Jan Henric Bogen auch als Anstoss zur Selbstreflexion verstehen: «Was bedeutet das Theater St.Gallen für die Stadt und den Kulturraum Bodensee?» Die Antwort sucht man unter anderem mit Gastspielen und Kooperationen, aber auch mit neuen Abo- und Vermittlungsangeboten. Die Website ist neu (konzertundtheater.ch), Vermittlung wird mit der Leitungsstelle «Jung und Mit» aufgewertet, es gibt eine Reihe «Talk im Studio» oder Expert:innen-Gespräche.
Junge Leute sollen mit dem nicht an voraus festgelegte Termine gebundenen Halbtax-Abo und dem U30-Club (alle Tickets für 15 Franken) gewonnen werden. Rabatte bietet auch eine Lok-Card. Und wer ins Konzert oder Theater geht, fährt ab September 2023 gratis öV im ganzen Ostwind-Gebiet und auch in Vorarlberg und im Fürstentum.
Als wäre die Pandemie zu Ende, stellen Konzert und Theater St.Gallen einen vollen Spielplan 21/22 vor. Es geht um Ausnahmezustände und gesellschaftliche Irrungen, ganz besonders aber auch um den weiblichen Blick auf das kulturelle Erbe und die Gegenwart.
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann