Von den fünf Männern am Tisch treten vier das letzte Mal für eine Spielplanvorschau vor die Medien. Der einzige, der bleibt, sitzt in der Mitte: Jan Henric Bogen, Opernchef und künftig auch gesamtverantwortlicher Direktor von Konzert und Theater St.Gallen.
Ihm zur Linken das Duo, dessen Verträge er nicht mehr verlängert hat: Konzertdirektor Florian Scheiber und Tanzchef Kinsun Chan, sowie auf der anderen Seite, bereits früher vom Verwaltungsrat gekündigt, Schauspieldirektor Jonas Knecht. Ganz aussen Bogens Vorgänger, Noch-Direktor Werner Signer, der 2023 in Pension geht.
«Abschied und Neubeginn» seien denn auch die Stichworte zur Spielzeit 2022/23, sagt Signer. Von «ein bisschen Wehmut» spricht Jonas Knecht. Aber sonst keine Spur von «bad vibrations»: Im Schauspiel, im Tanz und im Konzert soll vielmehr noch einmal ein «Feuerwerk» an Produktionen abgehen. Abschied und Finale gelten dem Leitungsteam, aber auch dem Provisorium namens «Umbau»: Es ist die letzte Saison vor der Wiedereröffnung des dannzumal renovierten Theatergebäudes.
Viele Ur- und Erstaufführungen im Schauspiel
Hier im Umbau wird Knecht letztmals im April 2023 inszenieren, und zwar ein eigens entwickeltes Stück, stellvertretend für den Anspruch, explizit zeitgenössisches Sprechtheater zu bieten.
Der Stoff ist legendär: die Geschichte von Paula Roth, der «Hexe vom Albulatal», Wirtin im «Bellaluna», 1988 unter bis heute streitbaren Umständen ermordet. Für Knecht schliesst das Stück an seinen Anfang als Schauspieldirektor an, damals mit Vrenelis Gärtli; der Titel der «musiktheatralischen Séance» heisst: Selig sind die Holzköpfe!
«Bekenntnis zur Vielfalt von Theaterhandschriften»: Schauspieldirektor Jonas Knecht (vorne).
Komödiantisch, musikalisch, vielgestaltig in den Regiehandschriften kommt auch das weitere Schauspielprogramm daher. Marius Tschirky von der Jagdkapelle hat ein Familienstück geschrieben und komponiert, es handelt von Tieren in fremdem Fell, von Individualität und Gemeinschaft: Felltuschgnusch hat vor Weihnachten ebenfalls im Umbau Premiere.
Eine weitere Uraufführung ist Die Entfremdeten vom Hausautor dieser Spielzeit, Alexander Stutz. Erstaufführungen gibt es von Theresia Walser und einmal mehr von Wolfram Lotz, und als Abschluss steht im Mai in der Lok ein Projekt von Hausregisseurin Barbara-David Brüesch und Musiker Michael Flury auf dem Programm, Arbeitstitel: Zwischen den Welten.
Benefizkonzert für die Ukraine
Das Theater St.Gallen veranstaltet einen Benefizabend für die Ukraine unter Leitung der ukrainischen Dirigentin Margaryta Grynyvetska. Mitglieder des Schauspielensembles lesen Texte von Serhij Zhadan, Katja Petrowskaja und Natalia Vorozhbyt. Mitglieder des Musiktheaters singen mit Chorsolist:innen des Kyiv National Academic Operetta Theatre Werke der ukrainischen Komponisten Myroslaw Skoryk und Walentyn Sylwestrow, von Bach, Beethoven und anderen.
1. Juni, 19.30 Uhr, Tonhalle St.Gallen
theatersg.ch
Russland bleibt auf dem Spielplan
Neben vier Uraufführungen und drei Schweizer Erstaufführungen sowie weiteren Kinder- und Schulproduktionen findet auch noch Ibsens Volksfeind Platz, der Klassiker um Betrug und Eigennutz, der für Knecht aktueller kaum sein könnte, sowie eine Bearbeitung von Lew Tolstois Anna Karenina. Mirja Biehl dramatisiert und inszeniert den gewaltigen Stoff.
Für das Theater St.Gallen sei es, trotz des Kriegs gegen die Ukraine, keine Frage, weiterhin russische Autor:innen zu spielen, sagt Knecht dazu. Und Konzertdirektor Florian Scheiber doppelt nach: «Selbstverständlich setzen wir russische Musik nicht vom Programm ab.» In der Tonhalle stehen Werke von Prokofjew, Rachmaninow, Strawinsky auf dem Programm, dazu, lange vor dem Krieg geplant, die 7. Sinfonie des ukrainischen Komponisten Walentyn Sylwestrow.
Die Absetzung von Tschaikowskis Jungfrau von Orleans an den diesjährigen Festspielen, vor zwei Wochen bekanntgegeben, habe im Publikum etwa «fifty-fifty» Reaktionen hervorgerufen, sagt Jan Henric Bogen auf Nachfrage. Das «gespaltene Meinungsbild» widerspiegle das Ringen innerhalb des Leitungsteams; man habe sich mit dem Entscheid schwer getan und wolle «den Diskussionen nicht aus dem Weg gehen».
Jan Henric Bogen, Kinsun Chan, Florian Scheiber.
Das Njet gelte keineswegs der russischen Kultur allgemein, sondern ausdrücklich «diesem Stück an diesem Ort». Das Thema Krieg, sagt Bogen, werde auch im Ersatzstück von Verdi präsent sein.
Scheibers Herzensprojekte
Aus dem weiteren Tonhallen-Programm hebt Florian Scheiber Mahlers Neunte hervor, ein Projekt, das im dritten Anlauf jetzt endlich viren- und hindernisfrei zustandekommen soll. Für Mahlers «opus summum» bringt Chefdirigent Modestas Pitrenas im Februar 2023 seine beiden Orchester zusammen, das St.Galler und die Litauische Nationalphilharmonie Vilnius.
Entdeckungen sind die Chants d’Auvergne des Franzosen Joseph Canteloube oder ein Werk des «doppelt vergessenen» deutschen Komponisten Walter Braunfels. Das Gastorchester aus Biel/Solothurn bringt Strawinskys Sacre in die Tonhalle, und spartenübergreifend konzertant stemmen Musiktheater und Schauspiel Wagners Ring an einem Abend mit den Texten von Loriot auf die Bühne.
Instrumental ragen das Violinkonzert von Brahms (mit Rosanne Philippens), der Abschluss des Rachmaninow-Zyklus (mit Pianistin Anna Fedorova), Mozart (mit Lars Vogt) oder Bandoneonist Marcelo Nisinman (mit Piazzolla) heraus. Im Meisterzyklus sind unter anderen Pianist Fazil Say, Cellistin Sol Gabetta oder das Emerson Quartett auf seiner Abschiedstournee angekündigt.
Scham und Schönheit im Tanz
Tanzchef Kinsun Chan startet mit einem Stück um Selbstwert, Normen und Individualität. Das italienische Duo Francesca Frassinelli und Mauro Astolfi choreografiert Scham(los). Ein weiteres Tanzdoppel, Giovanni Insaudo und Julian Nicosia, hat Chan für einen Abend zum unverwüstlichen Thema Beast and Beauty engagiert.
Der Choreografie-Nachwuchs kommt bei RAW 2 zum Zug, und Chan selber choreografiert mit dem Sinfonieorchester und der Tanzkompanie einen Doppelabend Jupiter und Venus, mit Werken von Mozart und der britisch-bulgarischen Komponistin Dobrinka Tabakova. Seinen Abgang hat Kinsun Chan dann an den Festspielen in der Kathedrale mit einer Reverenz an Theaterdirektor Werner Signer und dessen Liebe zu den Blechblasinstrumenten.
Joseph Bologne, Chevalier de Saint-Georges (1745-1799)
Black Lives Matter auf der Opernbühne
Jan Henric Bogen, Opern- und bald Gesamtdirektor, hat sich Diversity auf die Fahne geschrieben und für die kommende Spielzeit das Motto «Gemeinsam anders sein» gewählt. Programmatisch dafür ist der Auftakt: Der anonyme Liebhaber heisst die einzige Oper des Mozart-Zeitgenossen Joseph Bologne. Der Sohn eines Franzosen und einer senegalesischen Sklavin machte in Paris Furore als Fechter, Geigenvirtuose und Komponist, durchbrach die Rassen- und Klassenschranken, ein Popstar seiner Epoche, wie Bogen sagt. Er geriet aber nach seinem Tod rasch in Vergessenheit.
Der britisch-nigerianische Regisseur Femi Elufowoju Jr. verknüpft Bolognes 1780 uraufgeführte Oper mit dessen eigenem Schicksal als «Composer of Colour», der US-Dirigent Kazem Abdullah steht am Pult.
Die Realität von Black Lives Matter heute thematisiert die 2021 uraufgeführte Oper The Time of Our Singing des belgischen Komponisten Kris Defoort mit einer Geschichte aus dem Nachkriegsamerika; St.Gallen kann das Werk als Koproduktion mit der Oper La Monnaie in Brüssel anbieten.
Abschied vom Provisorium schmerzt
Aus eigenen St.Galler Kräften und wiederum spartenübergreifend von Musiktheater, Schauspiel und Tanz ist zudem eine szenische Fassung des Verdi-Requiems geplant, konzipiert von Regisseur Krystian Lada. Premiere ist am 6. Mai – Bogen will so «mit einem lauten Knall» das Provisorium verabschieden.
Der temporäre Holzbau auf dem Unteren Brühl habe sich bewährt, insbesondere auch dank der Direktanbindung an die Tonhalle, sagte Werner Signer auf eine entsprechende Frage. Ihn hier zu halten, hätte eine «Riesenchance» für künftige Kooperationen von Theater und Freier Szene geboten. Dass er nicht in St.Gallen bleiben kann, sei aber ein politischer Entscheid.
Für das Provisorium hatten sich Buchs, Altstätten und Goldach beworben. Der Kanton gab Goldach den Zuschlag; dort steht am 15. Mai eine Abstimmung an.
Letzter gemeinsamer Fototermin vor dem Provisorium: Chan, Scheiber, Knecht, Signer, Bogen (von links).
Als wäre die Pandemie zu Ende, stellen Konzert und Theater St.Gallen einen vollen Spielplan 21/22 vor. Es geht um Ausnahmezustände und gesellschaftliche Irrungen, ganz besonders aber auch um den weiblichen Blick auf das kulturelle Erbe und die Gegenwart.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.