Der Ausgang des Stücks ist offen. So offen wie die Wirklichkeit – immerhin sind 100’000 Einwohner:innen eine hohe Hürde. Doch diese wären Voraussetzung dafür, als Stadt ins nationale «Hotspot»-Programm aufgenommen zu werden und vom Subventionsregen aus Bundesbern zu profitieren. Endlich einmal «bi öppis Grossem debii»… kein Wunder, ist Stapi Ruedi schon zu Beginn des Stücks am Ende seiner Nerven.
Im Team entwickelt
Der Plot stammt von Rolf Bossart und ist wie geschaffen für eine satirische Stadt-Revue. Die Idee einer solchen Revue stand denn auch ganz am Anfang des Projekts, sagt Schauspieldirektor Jonas Knecht, der das Auftragswerk inszeniert. Mehrere Jahre ist das her, Knecht sprach mit Manuel Stahlberger über die Idee, erste Brainstormings fanden statt mit den Stadt-Kennern Dani Fels, Marcel Elsener, Hans-Ruedi Beck und Rolf Bossart, die Journalistin und Autorin Brigitte Schmid-Gugler kam hinzu.
«Es war ein langer und spannender Prozess», sagt Brigitte Schmid. «Zwischendurch war der Elan weg», sagt Jonas Knecht. Das Projekt zündete und stockte wieder, nahm einen neuen Anlauf, darin den Grossstadt-Träumen St.Gallens ähnlich. Schmid übernahm es schliesslich, die Dialoge zu schreiben, das Stück kam auf den Spielplan, dann legte Corona das Theater lahm.
An der Pandemie allein lag es jedoch nicht, dass HotSpotOst lange Zeit ein Theatergerücht geblieben ist. «Wir hatten alle wohl auch Respekt vor dem Thema. Man kann damit eigentlich nur scheitern», sagt Jonas Knecht. Es gebe so viele Vorstellungen und Gefühle der Stadt gegenüber wie es Einwohner:innen gebe. Entsprechend hoch seien die Erwartungen daran, was ein solches Stadt-Stück leisten müsste.
Immerhin: Knecht ist nicht der erste, der die Stadt auf die Bühne bringt. Unter seinem Vorgänger Tim Kramer hatte sich Rebecca C. Schnyder in Erstickte Träume der Textilstadt angenommen. Und 2008 hatte Bruno Pellandinis Bärenjagd St.Gallen satirisch auf die Schippe genommen.
Ein «Stadt-Bashing» soll es nicht werden
Sicher ist, und für Schmid wie für Knecht stand das auch von vornherein fest: «Es soll lustig werden.» Das Thema gebe Raum für Satire, für Kritik, auch für Pointen. Running Gags wie die missglückte Geothermie-Bohrung oder das ewige Trauern um die glanzvolle einstige Bahnlinie St.Gallen-Paris dürfen nicht fehlen. Aber auch düstere Kapitel der Geschichte spielen hinein – die ehemalige «Nazi-Villa» am Rosenberg, die Sklaverei-Verstrickungen der Textilstadt, das chronische (angebliche) Minderwertigkeitsgefühl. «Sankt Irgendwo im Nirgendwo» heisst der Untertitel des Stücks.
Running Gag: Geothermie-Bohrung 2013 im Sittertal. (Bild: St.Galler Stadtwerke)
Brigitte Schmid interessierten die geschichtlichen Kräfte rund um die beiden Machtzentren Kirche und Staat, die das Auf und Ab der Stadt mitbestimmten. Rückschau sollte sein, aber ohne den Anspruch streng dokumentarischen Theaters. Und der Tonfall war für sie klar: «kritisch, aber ohne Spott und Hohn, sondern liebevoll satirisch». Wer «Stadt-Bashing» erwarte, liege falsch.
HotSpotOst: 15. September (Premiere), Lokremise St.Gallen
theatersg.ch
Groteskes allerdings gibt es reichlich. Zum Beispiel im Strategierat: Die besten Experten sollen St.Gallen auf dem letzten Drücker zum Wachstumsschub verhelfen, aber die städtische Siedlungsbeauftragte Elfriede Hübscher (Pascale Pfeuti), ein russischer Honorarkonsul und ein deutscher Weisswurst-König, der zwielichtige Anatol Kauz (Diana Dengler) oder Herr Winterthurer aus Winterthur (Bruno Riedl) kochen alle nur ihr eigenes Süppchen. Und der Hausmeister (Oliver Losehand) weiss sowieso alles besser. Zum Glück für Marcus Schäfer als Stadtpräsident zieht Assistentin Jasna Popovic (Anja Tobler) brillant die Fäden.
Und am Ende – aber es ist nicht das Ende – taucht dann auch die rettende Idee auf: Gallus muss weg. Eine grosse Aufräumaktion beginnt, vielleicht die Chance für die Stadt, vom ewigen Blick zurück wegzukommen und sich mit neuem Namen neu zu erfinden.
Textprobe aus HotSpotOst: St.Gallens letzte Chance
«Die Grundbedingung, damit eine Stadt ins HotSpot-Programm aufgenommen wird, sind mindestens 100’000 Einwohner*innen, der unbedingte Wille zur Dynamik in Wirtschaft, Städtebau, Bildung und Kultur sowie eine innovative Kreativwirtschaft. Neben den für den Geldsegen gesetzten Zürich, Genf, Lausanne, Bern, Basel, Winterthur und Luzern buhlt vor allem St. Gallen um den letzten der in Aussicht gestellten acht Plätze. Aber Achtung: Mit dem Grossraum Lugano und der aufstrebenden Grossregion Mittelrheintal sowie Biel, Rapperswil-Jona oder der boomenden Seeregion um Rorschach/Goldach gibt es ernstzunehmende Konkurrenz. Die Lage ist kritisch für die Ostschweizer Kantonshauptstadt: Verpasst sie den Anschluss, droht der sichere Abstieg in die wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Bedeutungslosigkeit. Die Bezeichnung «Stadt» würde St.Gallen – wie auch allen anderen Verlierer*innen – per sofortiger Wirkung durch den Bundesrat aberkannt.
St.Gallen – eine Stadt im Ausnahmezustand (…).»
Gross werden um jeden Preis?
Den Text verstanden Autorin und Team von vornherein als «Gerüst». Das Ensemble brachte eigene Ideen mit hinein, Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt kommen zu Wort in kurzen Videoeinspielungen und einer Audio-Collage. Brigitte Schmid lobt den kollektiven Entstehungsprozess als spannende Erfahrung. Und Jonas Knecht, gefragt, ob er in der Arbeit am Stück Neues über St.Gallen gelernt habe, äussert sich «ein wenig erstaunt» über das viele Positive, das er über die Stadt hört.
100’000 Einwohner:innen als Mass aller Dinge? Schmid und Knecht sehen das beide kritisch. Selbstvertrauen könne auch eine kleinere Stadt haben, siehe zum Beispiel Biel, sagt Jonas Knecht. Und Brigitte Schmid traut dem Wachstum um jeden Preis nicht. Eine «gute, integre Politik» sei unabhängig von der Einwohnerzahl.
Stapi Ruedi im Stück sieht das naturgemäss etwas anders: «Es geht hier um etwas Einmaliges, ein Jahrhundertprojekt», versucht er einem der Investoren am Telefon klarzumachen. Aber der assoziiert mit St.Gallen nur Unerfreuliches. Das Bohrloch. Vinzenz. Vadian. Mohrenkopf. Sankt Koks. Und hängt auf.
Kunstausstellung
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