«Mehr und mehr verschwindet die zauberhafte Buntheit der alten Messplätze, ihre skurrilen Attraktionen, ihr orientalischer Bazarcharakter, um einer reinen Ausbeutung des Schnelligkeitsrauschs, einer amerikanischen Überbewertung des Tempos Platz zu machen.» Die Sätze stammen nicht etwa von heute, sondern aus dem Jahr 1923. Ihr Autor Carl Zuckmayer schrieb fünf Jahre später eine Hommage an den bereits damals offensichtlich nostalgischen Buden- und Zirkuszauber: das Stück Katharina Knie.
Katharina Knie (Wendy Michelle Güntensperger) und die Zirkustruppe samt Polizeikommissär.
Jetzt kommt Zuckmayers Volksstück auf die Bretter des Theaters St.Gallen, ein paar Steinwürfe vom Spelterini-Platz entfernt, wo jeweils der «richtige» Knie sein Chapiteau aufstellt. Und wirkt zwar nostalgisch, aber keineswegs veraltet. Denn der «gute alte» Zirkus erlebt seit Jahren eine Renaissance unter dem Stichwort «Nouveau cirque». Artistik und Musik, Schauspielerei und eine Atmosphäre, die man gern als «poetisch» umschreibt, kommen hier zusammen. So auch beim Cirque de Loin: Das in St.Gallen domizilierte Ensemble um die Brüder Michael und Reto Finger nennt sich schon im Untertitel «Musirque théâtre». Und bringt diese Qualitäten in die Produktion ein.
Hochseil vor Hochhäusern
Ein Bild wie aus dem Zirkusbilderbuch: drei vorgestrige Wohnwagen, davor allerhand Artistenzeug, eine Wäscheleine, hinten das Hochseil (Bühne: Gernot Sommerfeld). In den Kulissen aber ragen unmenschliche Wohnkasernen hoch – ein etwas gar plakativer Fingerzeig darauf, was der alte Knie später im Stück sagen wird: Seiltanz, Zirkus, Unterwegssein, das bedeute Heimat, das sei noch wahre Lebenskunst und kein «leerer Wahn».
Plakativ könnte die simple Geschichte tatsächlich rasch wirken: Knie senior regiert seine Truppe wie ein Dompteur, Töchterchen Katharina aber hat die «schnurgerade Richtung verloren» – sie verliebt sich in den Bauern Rothacker und muss sich, als der Alte stirbt, entscheiden: fürs Künstler- oder fürs Bauernleben. Wie es ausgeht, liegt auf der Hand. Dass man dennoch mitfiebert und heimlich ein paar Tränen verdrückt, wenns besonders emotional wird, liegt am Spiel und der Musik.
Der alte Knie (Andrea Zogg) vor seinem letzten Auftritt.
Herzschmerzlich zum Beispiel, wenn der Alte (Andrea Zogg, ein idealer Charakterkopf und Gefühlsbrocken für diese Rolle) am Schluss des ersten Akts in seinem urigen Bündnerdialekt wie in Trance immer wieder ruft: «Sie chonnt zrogg, sie chonnt zrogg» – und die ganze Artistentruppe im Laufreif das Echo dazu gibt. Raffiniert, wie die Reifkünstlerin (Sarah Lett vom Cirque de Loin) dazwischenfunkt bei Katharinas Liebesrendezvous mit Bauer Rothacker. Und zum Sternerweichen, wenn «Geigenmann» Matthias Lincke den Alten in den Tod geigt. Und der Reif noch einmal, jetzt allein, langsam ausschwingt.
Jeder Sparte das ihre
Was das Schauspiel kann: Es zeichnet Charaktere. Was der Zirkus kann: Er tänzelt (das Lieblingswort des alten Knie) das Lachen und die Traurigkeit der menschlichen Existenz auf die Bühne. Und was die Musik kann: Sie orgelt und trompetet und paukt uns Gänsehaut über den Rücken. All das kommt in Katharina Knie zusammen, manchmal allzu klamaukig und marktschreierisch, dazwischen aber subtil und präzis gesetzt.
Bibbo (Diana Dengler) klärt Katharina (Wendy Michelle Güntensperger) über die Männer auf.
Die verschiedenen Sparten greifen munter ineinander, das Ergebnis der Co-Regie von Tim Kramer und Michael Finger. Und das Verdienst aller Beteiligten: Artisten (Andreas Muntwyler, Sarah Lett, Bart Soroczynski und Paulo Morais), Musiker (Willi Häne, Marc Bänteli, Benedikt Utzinger und Matthias Lincke) und Schauspielensemble mit Andrea Zogg, Wendy Michelle Güntensperger als quirlige Katharina sowie Bruno Riedl, Luzian Hirzel, Tim Kalhammer-Loew, Oliver Losehand – und allen voran Diana Dengler, die als hemdsärmlige Bibbo mit frecher Schnauze und Riesenherz den Laden schmeisst.
Wer gut aufpasst, kann schliesslich auch ihn nicht übersehen, den Berberitzche: Von der Seite schaut er gelegentlich unter seiner Zipfelmütze hervor, mit der Zeit mischt er sich ein, pfeift, fiebert mit beim Hochseilakt, und beim Finale schwingt er gar sein Hinkebein zum Tanz: Christian Hettkamp. Im Zuckmayer’schen Original ist Berberitzche ein Lausbub – hier wird daraus einer, der am Rand steht, nicht ganz dazu gehört, genau zuschaut und hinhört und sich alles merkt. Die Figur hat und behält ihr Geheimnis. Wie jede Kunst, die mehr als «leerer Wahn» ist.
Nächste Vorstellungen: 29. Mai, 4. und 7. Juni, Wiederaufnahme im Herbst. Weitere Infos: Theater St.Gallen
Bilder: Tine Edel
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.