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Fichenskandal und Matterhorn

50 Jahre Theaterneubau, 25 Jahre Tonhalle-Renovation: Konzert und Theater St.Gallen haben 2018 Grund zum Feiern. Sie tun es mit viel Beethoven und einigem Schweiz-Bezug.
Von  Peter Surber
50 Jahre und ein bisschen marod: Theater St.Gallen, Ansicht von hinten.

In Feierlaune und zugleich vor einer Renovation, die «ausgewiesen und zwingend notwendig» sei, aber noch durchs Parlament muss: Theaterdirektor Werner Signer erinnerte an der Medienkonferenz vom Mittwoch zur Spielzeit 2017/18 zuerst an den 47,6-Millionen-Kredit für die Sanierung des 50jährigen Theatergebäudes im Stadtpark.

Die vorberatende Kommission des Kantonsrats hat den Kredit vor einer Woche gutgeheissen und sogar um eine Million (als Reserve) erhöht; bleibt es auch im Parlament im Juni und September dabei und sagt das Volk bei einem allfälligen (von der SVP angedrohten) Referendum Ja, dann schliesst das Theater 2019 für zwei Jahre seine Türen. Wird der Kredit abgelehnt, muss trotzdem irgendwie renoviert werden.

Eine volle Beethoven-Ladung

Vorher wird jubiliert, unter anderem mit jener Oper, die schon im März 1968 zur Eröffnung erklang, aber in den letzten 17 Jahren in St.Gallen nicht mehr inszeniert wurde: Beethovens Fidelio. Konzertdirektor Florian Scheiber hat drum herum eine grosse Beethoveniade angerichtet. Chefdirigent Otto Tausk dirigiert in seiner letzten St.Galler Saison die Sinfonien 1 bis 8 in vier Konzerten. Der Wiener Beethoven-Spezialist Rudolf Buchbinder wurde für die fünf Klavierkonzerte engagiert, Alexander Melnikov ergänzt sie um zwei Klaviersonaten-Abende.

Zur geballten Ladung Beethoven passt zumindest zeitlich der Schauspiel-Auftakt auf der grossen Bühne: Jonas Knecht inszeniert Schillers Räuber. Auf sicheren Repertoirepfaden bewegt sich der Schauspieldirektor auch mit Horvàths Geschichten aus dem Wiener Wald oder dem Räuber Hotzenplotz.

Recherche-Projekt zum Überwachungsstaat

Im übrigen aber riskiert das Theater einiges. Herausragendes Experiment dürfte eine Produktion mit dem Arbeitstitel Im Eis werden. Sie umfasst die gesamte Lokremise mit Theater, Kunstzone und Kinok, und sie arbeitet die Fichenaffäre, die Geheimorganisation P-26 und den Überwachungs-Wahn des Kalten Kriegs auf und schlägt den Bogen zum «gläsernen Menschen» der Gegenwart. Andreas Sauter schreibt dafür einen Text, die Kunst ist mit Werken der iranisch-deutschen Installationskünstlerin Bettina Pousttchi dabei, Premiere ist am 22. März 2018.

Mit seinem diesjährigen Autorenexperiment, Das Schweigen der Schweiz, zu dem Sauter ebenfalls ein Stück beigesteuert hatte, ist das St.Galler Ensemble ans Schweizer Theatertreffen eingeladen worden, Ende Mai in Lugano. Eine Einladung, beweglich zu bleiben, sagte Jonas Knecht und lobte die «einmalige Chance», die das Theater biete: immer wieder neue Räume aufzutun für das Publikum und die Gesellschaft.

Ein solcher neuer Raum ist das Kinder- und Jugendtheater-Festival «Jungspund», das im Februar/März 2018 erstmals in der Lokremise St.Gallen stattfindet. Das Theater St.Gallen kooperiert mit dem Festival, es spielt Räuberhände, ein Roadmovie um zwei Freunde, die sich nach Istanbul aufmachen. Mehr zum neuen Festival hier.

Zeitgenössisches Schauspiel bieten in der nächsten Spielzeit zudem: Hungaricum, ein Stück um Europas Grenzen des russischen Autorenduos Brüder Presnjakow; Felicia Zellers Diagnose des Workaholismus X Freunde; die böse Groteske Adams Äpfel nach einem dänischen Kinofilm und das Demenz-Stück Der Mann, der die Welt ass. Schliesslich kommt, nach Dürrenmatts Durcheinandertal in der laufenden Spielzeit, eine weitere Adaption eines Schweizer Prosaklassikers auf die grosse Bühne: Glausers Krimi Matto regiert.

Wieder unterwegs ist auch der Theater-Container – vorerst nicht in der Innenstadt, sondern im Lattich-Quartier, das diese Woche, am 11. Mai seine Saison eröffnet.

Nach dem Autoren- ein Choreographie-Wettbewerb

Mutprobe Nummer eins im Tanz ist ein Choreographie-Wettbewerb: Sieben junge Choreographinnen und Choreographen werden ausgewählt, je ein Stück zu den sieben Todsünden mit dem St.Galler Ensemble zu erarbeiten. Und damit den Sprung auf die Bühne zu schaffen. Die Jury ist renommiert, u.a. mit dem Zürcher Ballettdirektor Christian Spuck, Regisseur David Pountney und Tanzchefin Beate Vollack.

Letztere bringt in der Kathedrale zudem Peregrinatio heraus, den dritten Teil der Festspiel-Trilogie, und erarbeitet mit musikalischer Unterstützung der Geschwister Küng eine Tanzfassung von Schlafes Bruder. Der kroatische Choreograf Ronald Savkovic beschäftigt sich mit dem römischen Gewaltherrscher Caligula.

Bollywood im Musical

Die grössten Taten in der Oper schliesslich: Franz Schrekers Dekadenzkritik Die Gezeichneten von 1918, Frank Martins szenisches Oratorium Der Zaubertrank von 1942 und die Uraufführung des neuen St.Galler Musicals Matterhorn, inszeniert vom indisch-britischen Filmregisseur Shekar Kapur. Bernsteins swingendes erstes Musical On the town steht ebenfalls neu im Programm. Die Festspiele 2018 bringen mit Edgar von Puccini eine komplett unbekannte und «sehr katholische» (Peter Heilker) Oper zur Schweizer Erstaufführung – 140 Jahre nach ihrer Entstehung. Mit den weiteren Produktionen, Bellinis Il pirata und Puccinis Bohème ist Opernchef Peter Heilker nach der jüngsten Uraufführungs-Grosstat Annas Maske nächstes Jahr auf der sicheren Seite.

Im Gegenlicht, aber nicht im (politischen) Gegenwind: Peter Heilker, Beate Vollack, Werner Signer, Florian Scheiber. Gerade beim Interview und deshalb nicht auf dem Bild: Schauspieldirektor Jonas Knecht.

 

 

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Hanss Dampff,  

Die Medienkonferenz zur neuen Spielzeit am Theater – ein Termin wie der Autosalon in Genf, wo man dann jeweils fast ein wenig überrascht registriert, dass bereits wieder ein Jahr vergangen ist. Und ein spannender Moment, wo man in der inneren Vorstellung schon einmal durch alle geplanten Vorstellungen zappen kann. Eine Menükarte der Kreativität, auch Vorfreude und, dieses Mal, mit ganz viel Klavier. Das klingt gut.

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