In Feierlaune und zugleich vor einer Renovation, die «ausgewiesen und zwingend notwendig» sei, aber noch durchs Parlament muss: Theaterdirektor Werner Signer erinnerte an der Medienkonferenz vom Mittwoch zur Spielzeit 2017/18 zuerst an den 47,6-Millionen-Kredit für die Sanierung des 50jährigen Theatergebäudes im Stadtpark.
Die vorberatende Kommission des Kantonsrats hat den Kredit vor einer Woche gutgeheissen und sogar um eine Million (als Reserve) erhöht; bleibt es auch im Parlament im Juni und September dabei und sagt das Volk bei einem allfälligen (von der SVP angedrohten) Referendum Ja, dann schliesst das Theater 2019 für zwei Jahre seine Türen. Wird der Kredit abgelehnt, muss trotzdem irgendwie renoviert werden.
Eine volle Beethoven-Ladung
Vorher wird jubiliert, unter anderem mit jener Oper, die schon im März 1968 zur Eröffnung erklang, aber in den letzten 17 Jahren in St.Gallen nicht mehr inszeniert wurde: Beethovens Fidelio. Konzertdirektor Florian Scheiber hat drum herum eine grosse Beethoveniade angerichtet. Chefdirigent Otto Tausk dirigiert in seiner letzten St.Galler Saison die Sinfonien 1 bis 8 in vier Konzerten. Der Wiener Beethoven-Spezialist Rudolf Buchbinder wurde für die fünf Klavierkonzerte engagiert, Alexander Melnikov ergänzt sie um zwei Klaviersonaten-Abende.
Zur geballten Ladung Beethoven passt zumindest zeitlich der Schauspiel-Auftakt auf der grossen Bühne: Jonas Knecht inszeniert Schillers Räuber. Auf sicheren Repertoirepfaden bewegt sich der Schauspieldirektor auch mit Horvàths Geschichten aus dem Wiener Wald oder dem Räuber Hotzenplotz.
Recherche-Projekt zum Überwachungsstaat
Im übrigen aber riskiert das Theater einiges. Herausragendes Experiment dürfte eine Produktion mit dem Arbeitstitel Im Eis werden. Sie umfasst die gesamte Lokremise mit Theater, Kunstzone und Kinok, und sie arbeitet die Fichenaffäre, die Geheimorganisation P-26 und den Überwachungs-Wahn des Kalten Kriegs auf und schlägt den Bogen zum «gläsernen Menschen» der Gegenwart. Andreas Sauter schreibt dafür einen Text, die Kunst ist mit Werken der iranisch-deutschen Installationskünstlerin Bettina Pousttchi dabei, Premiere ist am 22. März 2018.
Mit seinem diesjährigen Autorenexperiment, Das Schweigen der Schweiz, zu dem Sauter ebenfalls ein Stück beigesteuert hatte, ist das St.Galler Ensemble ans Schweizer Theatertreffen eingeladen worden, Ende Mai in Lugano. Eine Einladung, beweglich zu bleiben, sagte Jonas Knecht und lobte die «einmalige Chance», die das Theater biete: immer wieder neue Räume aufzutun für das Publikum und die Gesellschaft.
Ein solcher neuer Raum ist das Kinder- und Jugendtheater-Festival «Jungspund», das im Februar/März 2018 erstmals in der Lokremise St.Gallen stattfindet. Das Theater St.Gallen kooperiert mit dem Festival, es spielt Räuberhände, ein Roadmovie um zwei Freunde, die sich nach Istanbul aufmachen. Mehr zum neuen Festival hier.
Zeitgenössisches Schauspiel bieten in der nächsten Spielzeit zudem: Hungaricum, ein Stück um Europas Grenzen des russischen Autorenduos Brüder Presnjakow; Felicia Zellers Diagnose des Workaholismus X Freunde; die böse Groteske Adams Äpfel nach einem dänischen Kinofilm und das Demenz-Stück Der Mann, der die Welt ass. Schliesslich kommt, nach Dürrenmatts Durcheinandertal in der laufenden Spielzeit, eine weitere Adaption eines Schweizer Prosaklassikers auf die grosse Bühne: Glausers Krimi Matto regiert.
Wieder unterwegs ist auch der Theater-Container – vorerst nicht in der Innenstadt, sondern im Lattich-Quartier, das diese Woche, am 11. Mai seine Saison eröffnet.
Nach dem Autoren- ein Choreographie-Wettbewerb
Mutprobe Nummer eins im Tanz ist ein Choreographie-Wettbewerb: Sieben junge Choreographinnen und Choreographen werden ausgewählt, je ein Stück zu den sieben Todsünden mit dem St.Galler Ensemble zu erarbeiten. Und damit den Sprung auf die Bühne zu schaffen. Die Jury ist renommiert, u.a. mit dem Zürcher Ballettdirektor Christian Spuck, Regisseur David Pountney und Tanzchefin Beate Vollack.
Letztere bringt in der Kathedrale zudem Peregrinatio heraus, den dritten Teil der Festspiel-Trilogie, und erarbeitet mit musikalischer Unterstützung der Geschwister Küng eine Tanzfassung von Schlafes Bruder. Der kroatische Choreograf Ronald Savkovic beschäftigt sich mit dem römischen Gewaltherrscher Caligula.
Bollywood im Musical
Die grössten Taten in der Oper schliesslich: Franz Schrekers Dekadenzkritik Die Gezeichneten von 1918, Frank Martins szenisches Oratorium Der Zaubertrank von 1942 und die Uraufführung des neuen St.Galler Musicals Matterhorn, inszeniert vom indisch-britischen Filmregisseur Shekar Kapur. Bernsteins swingendes erstes Musical On the town steht ebenfalls neu im Programm. Die Festspiele 2018 bringen mit Edgar von Puccini eine komplett unbekannte und «sehr katholische» (Peter Heilker) Oper zur Schweizer Erstaufführung – 140 Jahre nach ihrer Entstehung. Mit den weiteren Produktionen, Bellinis Il pirata und Puccinis Bohème ist Opernchef Peter Heilker nach der jüngsten Uraufführungs-Grosstat Annas Maske nächstes Jahr auf der sicheren Seite.
Im Gegenlicht, aber nicht im (politischen) Gegenwind: Peter Heilker, Beate Vollack, Werner Signer, Florian Scheiber. Gerade beim Interview und deshalb nicht auf dem Bild: Schauspieldirektor Jonas Knecht.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.