Sie treten für eine Öffnung des Theaters ein – was heisst das konkret?
Das heisst, dass ich das Theater in einen Dialog bringen möchte mit den Menschen in St.Gallen und mit anderen kulturellen Institutionen. Das bedeutet auch eine Öffnung gegenüber der freien Szene – was nicht heisst, die freie Szene zu integrieren, denn dann wäre sie nicht mehr frei. Aber es gibt interessante andere Modelle, etwa Kooperationen mit anderen Häusern oder die Möglichkeit, eine freie Gruppe für eine gewisse Zeit ans Theater zu binden. Das Modell ist unter dem Namen «Doppelpass» in Deutschland ziemlich erfolgreich. Weiter soll das Kinder- und Jugendtheater viel mehr Gewicht erhalten.
Wie?
Ich wünschte es mir als eigenständige Sparte: «Das junge Theater St.Gallen» – ich bin mir bewusst, dass das nicht von heute auf morgen geht und ich plötzlich zehn Stellen dafür habe. Es gibt aber extrem viele gute freie Produktionen im Kinder- und Jugendtheater, mit denen ich mir eine Vernetzung vorstellen kann, oder mit dem St.Galler Figurentheater. Der Dialog ist mir ganz wichtig. St.Gallen ist zu klein dafür, dass jeder sein eigenes Süppchen kocht. Und ich glaube, so erreicht man auch wieder ein neues Publikum.
Jonas Knecht, Bild: Iko Freese, drama-berlin.de
Auslastungszahlen und Quotendruck sind ein grosses Thema. Wie gehen Sie damit um?
Ich muss da erst einmal Erfahrungen sammeln und werde da natürlich auch auf die Erfahrungen des Hauses zurückgreifen. Aber wenn es gelingt, das Theater zu öffnen und wieder stärker in der Stadt zu verankern, dann wirkt sich das bestimmt auch positiv auf die Besucherzahlen aus. Mich interessieren neue Formen, ob auf der Grossen Bühne oder in einem Container, der durch die Stadt wandert. Andrerseits habe ich auch keine Angst davor, Shakespeare, Büchner, Schiller, auch Frisch und Dürrenmatt zu spielen – Stücke, die «ziehen» und die man unbedingt heutig inszenieren kann. Das Sprechtheater gehört genauso wie das Musiktheater auf die grosse Bühne. Es wäre falsch, es in die Lokremise zu «verbannen».
Gibt es neben solchen strukturellen auch ästhetische Schwerpunkte? Für welche Art Theater stehen Sie?
Der Knecht steht auf jeden Fall für ein sinnliches Theater. Ein Theater der Narration. Ich bin überzeugt, dass man über ein emotionales Erlebnis viel mehr auslösen kann beim Zuschauer, gerade auch dann, wenn es um komplexere und schwierigere Themen geht. Und zentral ist für mich das spartenübergreifende Arbeiten, der Einbezug von Livemusik oder Tanz, das Experimentieren mit unkonventionellen Formen und Spielweisen. Operndirektor Peter Heilker und Konzertdirektor Florian Scheiber sind sehr an einer Zusammenarbeit interessiert. Darüber hinaus beschäftigt mich die Frage intensiv, wie heutiges Theater aussehen soll und kann. Wie man zeitgemäss «auf der Bühne steht». Das «So-tun-als-ob» an der Rampe ist für mich oft überholt, da gibt es interessantere Spielweisen und viel Raum zum Erproben. Natürlich will ich auch jenes Publikum erreichen, das an konventionellere Formen gewöhnt ist und diese an neue Formen heranführen.
Die Lokremise ist umstritten, weil das Theater die Räume besetzt und für freie Gruppen wenig Platz bei hohen Kosten bleibt. Wie lösen Sie das Problem, jetzt, wo Sie quasi die Seite wechseln?
Das ist eine heisse Frage. Ich hoffe zumindest, dass ich es auch dank der Erfahrung der «anderen Seite» hinkriege, dass die Lokremise offener wird, nicht zuletzt für Gastspiele. Da muss man auf jeden Fall den Kanton und die Stadt einbeziehen und im Dialog mit allen Beteiligten herausfinden, wie gross die Spielräume sind, denn das Problem ist ein strukturelles und nicht eines, was heisst: «Stadttheater gegen freie Szene».
Sie kommen nach 16 Jahren Berlin zurück nach St.Gallen. Mit welchen Gefühlen?
Ich freue mich extrem darauf. Auch weil St.Gallen noch nicht so übersättigt ist. Man kann die Leute hier mit Theater gewinnen, ohne gleich mit schreierischen Stücken oder mit Skandalen auf sich aufmerksam machen zu müssen. Es ist für mich zentral, mich mit dem Ort zu identifizieren, an dem ich Theater mache. Zudem freue ich mich extrem auf den Säntis und auf die Migros… Aber Berlin will ich dabei nicht aus dem Auge verlieren, und das ist auch der Wunsch von Seiten des Theaters, offen zu bleiben. Es wäre fatal für ein Theater, sich einzuigeln.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Theater
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty