Einer erzählt. Einer hört zu. Das ist die Urzelle aller Literatur. Und es ist die Grundkonstellation im Stück «Frühling der Barbaren». Auf der Bühne des St.Galler Theaters, wo sonst mit Vorliebe «Artus» wabert oder «Rebecca» schmachtfetzt, wo in den Musicalproduktionen Hollywood simuliert wird, passiert hier erst einmal gar nichts, beziehungsweise nur das: Einer erzählt. Einer hört zu.
Bruno Riedl erzählt, Marcus Schäfer hört zu. Bilder: Tine Edel
Mehr braucht es nicht – zumindest wenn einer erzählen kann wie Bruno Riedl. Mit wenigen Gesten, einem Fingerschnippen hier, einer hochgezogenen Braue dort, genüsslich an den verschachtelten Sätzen kauend, die Autor Jonas Lüscher seiner Hauptfigur Preising in den Mund gelegt hat, berichtet Riedl von der «unerhörten Begebenheit», die er im luxuriösen «Thousand and One Night Resort» in der tunesischen Wüste erlebt hat, in jener Nacht, als das britische Pfund crashte.
Gefangene
Die Geschichte läuft langsam an, man muss sich erst einmal hineinhören, und dabei hilft einem der Zuhörer auf der Bühne: Marcus Schäfer. Er hört seinerseits anfänglich bloss unwirsch zu, sagt kein Wort, zieht die Kapuze über die Ohren, wenn ihm das Ganze zu nahe geht, rupft am piekfein geschnittenen Rasengrün. Ein Getriebener mit flackerndem Blick, verstört, «gewissermassen ein Gefangener», wie er im Buch selber sagt. Hier auf der Bühne ist er gefangen in sich – und gerät zugleich mehr und mehr in den Bann der Preising-Geschichte.
Einer erzählt. Einer hört zu. Solcher Theater-Minimalismus ist eine Herausforderung im Grossen Haus, vor vollbesetzten Reihen an der Premiere. Die schauerlichen Bilder vom Kamelunfall, vom hippen Hochzeitspartyvolk und dessen rasantem Sturz in die Barbarei muss man sich im Kopf selber machen. Regisseur Tim Kramer verzichtet radikal auf Illustration. Keine Videos, die den «wilden Haufen aus knochigen Gliedern und erschlafften Höckern» der toten Kamele zeigen würden, keine pittoresk «wie eine Fackel gegen die einbrechende Dämmerung ragende» brennende Palme.
Wendy Michelle Güntensperger, Julian Sigl und Bruno Riedl mit Kamel.
Lüschers Erzählung ist hyperrealistisch – nah an der Kitschgrenze, vor der er sich aber mit grotesker Überzeichnung und souverän altmeisterlicher Sprache schützt. Bühne (Michael Kraus) und Kostüme (Stefan Röhrle) in St.Gallen sind es ebenso – Buchsbaum-Rabättchen mit Springbrunnen, akkurat plazierte Gartenstühle, ein Blumen- und Getränkeautomat, rundherum die im Buch genannte «gelbe Mauer» der Psychiatrischen Anstalt, in der Preising offensichtlich gelandet ist, nachdem er dem Inferno in Tunesien mit knapper Not entronnen ist.
Insassen als Mitspieler
Der Kniff der Regie gegen die plakative Überdeutlichkeit der Bilder heisst: Künstlichkeit. Zu dem einen Zuhörer kommen nach und nach andere Insassen der Anstalt hinzu. Hocken sich hin, hören zu oder weg. Haben Ticks, aber diskrete. Und rutschen unversehens in die Geschichte hinein.
Allen voran Silvia Rhode als Pippa, die den bornierten Londoner Banker-Kids und der materialistisch bösen Welt ihre verzweifelte Lyrik entgegenstellt und -singt (Bild ganz oben). Wendy Michelle Güntensperger spielt Kelly, die Braut, die sich in die Finger sticht beim Kamelbasteln. Matthias Albold als weltfremder Soziologe Sanford, Diana Dengler stöckelnd als Resortleiterin Saida, Tim Kalhammer-Loew als rumschreiender Quicky, Danielle Green als Dummchen und Julian Sigl als Bräutigam und Gärtner: Sie sind und bleiben ständig beides, Insassen und Mitspieler. Preising/Riedl hat sie in der Hand wie ein Puppenspieler seine Marionetten.
Riedl erzählt das Grauen, Diana Dengler und Tim Kalhammer-Loew hören zu.
Das dünne Eis der Humanität
Die Moral? Keine, winkt Autor Lüscher am Ende ab. Doch es gibt zumindest einige heftige Sätze über die Verantwortungslosigkeit des reichen Schweizers Preising, mit denen sich Zuhörer Schäfer «in Rage denkt». Es gibt kritische Worte zur Kinderarbeit, man kann handfeste Tourismuskritik und wohlfeile Bankenschelte mit nach Hause nehmen oder sich einmal mehr darin bestätigt sehen, dass das Eis der Humanität dünn ist, sobald das Geld ausgeht und das Essen knapp wird.
Vor allem aber kann man sich begeistern an der Kraft des Erzählens und der Bildermacht des Erzählers, die an diesem Abend über die sonst grassierende Übermacht des Visuellen triumphiert. Starker Applaus – der dann rasch abebbte und spürbarer Beklemmung Platz machte, als das ganze Ensemble mit «Je suis Charlie»-Kärtchen seine Solidarität mit den Zeichnern des französischen Satireblatts Charlie Hebdo bekundete.
Passend – denn Lüschers Text handelt, wiewohl die Inszenierung auch darin diskret bleibt, von der Hybris des Westens, der in den arabischen Ländern ausbeuterisch produzieren lässt und sich den Luxus «orientalischer» Genüsse leistet – der mit der Kultur, den Flüchtlingen, mit der Religion von dort aber möglichst nichts zu tun haben will.
Nächste Vorstellungen 11., 16., 18. Januar, Infos hier. Am 16. Januar nach der Vorstellung: Podiumsdiskussion mit Wirtschaftsethiker Florian Wettstein (HSG), Publizist Rolf Bossart und Regisseur Tim Kramer.
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