Der Stopp sei, bei allem Schmerz, auch eine Chance gewesen, neue Formate auszudenken und sein eigenes Tun zu hinterfragen, sagte der St.Galler Schauspieldirektor Jonas Knecht im Saiten-Juniheft, online hier. Ähnlich sah es der Frauenfelder Theatermacher Giuseppe Spina Anfang Juni in einem Interview auf thurgaukultur.ch. Corona habe den Zwang und den Drang, vom einen zum nächsten Projekt zu rasen, gebremst, und Zeit zur Reflexion geboten.
Bei all dem aber sei es wichtig, jetzt wieder präsent und sichtbar zu sein. «Wir müssen ein Zeichen setzen dafür, dass Live-Kultur machbar ist – mit vernünftigen Massnahmen und vernünftigen Playern», sagt Spina. Denn Kulturschaffende seien die «Landwirte der Seelen» – und damit so systemrelevant wie andere lebensnotwendige Branchen auch, von der Landwirtschaft bis zum Strassenbau.
Zum Zeitpunkt jenes Interviews war zumindest klar, dass nach dem Corona-Lockdown wieder Live-Theater möglich sein werde, mit erst noch zu entwickelnden Schutzkonzepten. Inzwischen ist der Theatersommer konkret geworden, auch das Theater St.Gallen hat wieder gespielt, mit Abstand und unter freiem Himmel.
Und Giuseppe Spina ist gleich in zwei Projekten auf der Bühne oder im Hintergrund mit dabei.
Boccaccio und Shakespeare im Coronajahr
Vorne auf der Bühne, als Orsino, steht Spina vom 16. Juli bis zum 14. August bei der diesjährigen Produktion des unermüdlichen Seeburg-Theaters Kreuzlingen. Die Bühne wird als Steg in den See hinaus gebaut, die Zuschauerzahl ist reduziert, für die Turbulenzen soll nicht das Virus sorgen, sondern das Stück: Shakespeares Was ihr wollt. Der Plot: Männlein und Weiblein, jung und verliebt, suchen und verwechseln sich unaufhörlich bis zum fragwürdigem Happy-End.
Shakespeares Was ihr wollt: 16. Juli bis 14. August, Seeburgtheater Kreuzlingen see-burgtheater.ch
Das zehnköpfige Ensemble probt seit Anfang Juni, mit gebotenem Abstand und täglichem Fiebermessen, wie Spina sagt. Unter der Regie von Max Merker spielen neben ihm Sofia Elena Borsani, Samuel David Braun, Jeanne Devos, Maximilian Kraus, Maria Lisa Huber, Franz Josef Strohmeier, Florian Steiner, Raphael Tschudi und Andrej Reimann.
Das zweite Projekt, bei dem Spina diesmal hinter den Kulissen mitwirkt, ist eine mobile sommerliche Produktion der Theaterwerkstatt Gleis 5 in Frauenfeld. Den Stoff liefert jene weltliterarische Vorlage, die in der Corona-Zeit neben La Peste von Albert Camus vermutlich meistzitiert worden ist: Boccaccios Decamerone. Vor fast 700 Jahren erschienen, erzählt es die Geschichte einer Gruppe von Menschen, die aus der von der Pest heimgesuchten Stadt aufs Land fliehen und sich dort mit Geschichten die Zeit und die Angst vor der Seuche vertreiben.
Das Decamerone-Ensemble. (Bild: thurgaukultur/Inka Grabowsky)
Das tun ihnen die Thurgauer Theatermacher nach: Sie packen einen Bus voll mit Geschichten, Kostümen, Requisiten und «literweise Desinfektionsmittel» und fahren mit ihm von Spielort zu Spielort.
Geschichten aus dem Decamerone: 8. bis 29. August in Frauenfeld, Berneck, Pratval GR, Wil, Romanshorn und Kreuzlingen theaterwerkstatt.ch/decamerone
«Florenz im Pestjahr 1348. Das Lebensgefühl heisst Isolation, Ungewissheit, Angst. Lockdown à la Spätmittelalter. Doch die Novellensammlung setzt dieser Misere etwas entgegen. Hundert Geschichten voller Lebensfreude, Saft und Kraft. Geschichten, die uns spüren lassen: Der Mensch ist Mensch, wenn er erzählt.» So kündigt sich das Projekt an. Neben Noce Noseda und Simon Engeli, die Regie führen und mitspielen, sind Joe Fenner, Silvana Peterelli und Nicole Steiner mit dabei, zudem Puppenspielerin Rahel Wohlgensinger und Akkordeonist Goran Kovacevic.
Premiere ist am 8. August in Frauenfeld, danach führt die Tour bis zum 29. August nach Berneck, Pratval GR, Wil, Romanshorn und Kreuzlingen.
Zirkus auf der Lok-Rondelle
Theater auf dem Weg zurück zu seinen historischen Anfängen als wandernde Schaustellerei: Damit hat auch der in Trogen lebende Theatermacher Michael Finger reiche Erfahrung. Seit zehn Jahren ist er mit dem Cirque de loin unterwegs im eigenen Zelt und produziert Stücke im Grenzbereich von Nouveau Cirque und Musiktheater. Für sein Jubiläumsstück hat Finger jetzt einen Spielort gefunden, der seinerseits das Zehnjährige feiert und sich für eine theatralische Nutzung geradezu aufdrängt – aber bisher noch nicht dafür entdeckt worden ist: die Rondelle der Lokremise St.Gallen. Hier spielt der Cirque de Loin vom 12. bis 22. August Seelig, im Untertitel: «Das Jubiläums-ZirKonzerTheater&DinnerSpektakel».
Im Stück macht sich eine Zirkusdynastie auf die Reise in ihre eigene Vergangenheit, die Geburtstagsfeier wird gemäss Ankündigung «ungewollt zur schweisstreibenden Nabelschau». Die Zuschauerinnen und Zuschauer sitzen an den Tischen, an denen sonst die Lok-Gastronomie wirtet, das Servicepersonal samt Essen und Trinken sind eingebaut ins Stück, das Wetter zeigt sich hoffentlich von der gnädigen Seite. Draussen zu spielen entspreche nicht nur der Corona-Lage, sondern auch der Situation der freien Szene, für die drinnen selten Platz sei und die sich komfortable Räume nicht leisten könne, hat Finger dazu im «Tagblatt» gesagt.
Cirque de loin – Seelig: 12. bis 22. August, Lokremise St.Gallen cirquedeloin.ch
Seelig schliesst an frühere Produktionen an, mit denen Finger seine eigene Biographie reflektiert hat: an den Film Son of a Fool, an das Zirkusspektakel Ronamor und zuletzt an Ryf, Fingers musikalisches «Coming Out», das 2018 unter anderem im eigenen Chapiteau auf der St.Galler Kreuzbleiche zu sehen und zu hören war. Ryf war als erster Teil einer Trilogie in eigener Sache angekündigt, als «musikalischer Seelenstriptease». Thema waren die Kinder- und Jugendjahre. Teil zwei folgt jetzt mit Seelig. Der Soundtrack dazu erscheint am 7. August.
Erste Höreindrücke zeigen: Es wird düster. Die Musik, geballte Bläserkraft, virtuoses Piano und Fingers Stimme, weckt zwar Zirkusemotionen, groovt und swingt, aber die Texte balancieren nah am Abgrund, der den Sänger im gleichnamigen Song in die Tiefe zieht – dann aber statt abstürzen «flüge» lässt, «immer witer übers meer». Fingers Lieder singen von einer Sehnsucht, unter deren schwarzen Schwingen sich «abigrot» auf «tod» reimt, kippen auch mal in Machofantasien (Müntschi) oder erzählen das rabenschwarze Schicksal von einem, den die Bewunderung für das «füdli» seiner Angebeteten in die Psychi und ins Grab bringt. Fingers Seelig-Welt ist auf Selbstzweifel und Trotz gebaut, sie nährt sich von Träumen und stellt sich den Ängsten, «dass d eifach nöd vom fläck chunnsch / au wenn d um dis läbe rännsch».
Schauerliches im Wasserschloss
«Liebe Leute, es ist Zeit, wieder zu kulturen!» schreibt Finger auf seiner Website mit Ausrufezeichen. Gilt auch für einen anderen Ostschweizer Theater-Maniac: Florian Rexer. Er hatte schon in der Coronazeit die «ersten Vorstellungen nach dem Lockdown» propagiert – und lässt sich jetzt auch als künstlerischer Leiter der Schlossfestspiele in Hagenwil nicht vom Spielen abhalten.
Schloss Hagenwil, Schauplatz der Schwarzen Spinne. (Bild: Daniela Huber)
Allerdings gelten im mittelalterlichen Ambiente des Wasserschlosses wie überall die Vorschriften und Schutzkonzepte, an die sich das Theaterpublikum diesen Sommer wird gewöhnen müssen: Zwischen jeder Gruppe bleiben Sitzplätze frei, der Abstand zur Bühne erweitert, gestaffelter Ein- und Auslass, ausreichende Pausen, freiwillige Schutzmasken, keine Konsumation im Zuschauerraum etc. Wenn dabei in Hagenwil Gänsehaut-Stimmung aufkommen sollte, dann passt das perfekt zum Stück: Die schwarze Spinne nach dem Roman von Jeremias Gotthelf schildert eine klaustrophobische dörfliche Szenerie, mit einem uralten Fluch, einer starken Frau, Mobbing und Hexenhass und tödlichem Ende.
Jeremias Gotthelf – Die schwarze Spinne: 5. August bis 5. September, Hagenwil, schlossfestspiele-hagenwil.ch
Rexer führt Regie, Hans-Rudolf Spühler spielt den Teufel, Premiere im Innenhof des Schlosses ist am 5. August, dann wird bis zum 5. September gespielt für ein etwas weniger zahlreiches Publikum als normal: 70 Prozent der Plätze könnten unter Einhaltung der Abstandsregeln verkauft werden, heisst es in Hagenwil.
In Hittisau im Bregenzerwald ist dagegen beinah «Normalbetrieb»: Die freie Gruppe Café fuerte spielt dort ein Stück nach dem Roman Die Wand von Marlen Haushofer, ebenfalls mutmasslich Gänsehauttheater, und teilt dazu mit: «Um unsere Vorstellungen coronatauglich zu machen, mussten wir nicht viel verändern. Wir spielen, wie so oft, unter freiem Himmel in wunderbarer Natur. (Experten zufolge mag das Virus keine frische Luft.) Wir müssen nur die Stühle weiter auseinander rücken, es gilt der 1-Meter-Abstand.» Premiere im Bregenzerwald war Anfang Juli, im September kommt die Produktion nach Lustenau, Lindau und Urnäsch.
Beziehungskiste in Fischingen
Andere Veranstalter haben ihre Anlässe ins kommende Jahr verschoben – darunter das Grossprojekt Zwinglis Frau der Bühne Thurtal, das am 25. Juli in Fischingen Premiere gehabt hätte und jetzt erst im Sommer 2021 stattfindet. Verschoben? Ja, aber auch die Zwingli-Crew lässt sich von Corona nicht ganz stoppen. Sie spielt diesen Sommer trotzdem in Fischingen, in wenigen Wochen wird eine Ersatz-Produktion geprobt und auf die Bühne gestemmt, ihr Titel: Nöd Zwingli.
Bühne Thurtal – Nöd Zwingli, 7. bis 22. August, Kloster Fischingen buenethurtal.ch
Zwei junge Menschen lieben sich und streiten sich, die Freiheit ruft, die Beziehung wird auf die Probe gestellt: So lautet die Kurzfassung des Inhalts. Regie führt Simon Keller, vom 8. bis 22. August finden zehn Aufführungen statt – und dies bei freiem Eintritt. «Die Zuschauerinnen und Zuschauer bezahlen am Ende das, was ihnen die Aufführung wert ist», kündigt die Bühne Thurtal an. Corona macht vieles neu diesen Sommer.
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.