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Schweisstreibend auf Abstand

Schauspieler spielen auch mit Fieber. Schauspielerinnen treten auf, auch wenn sie den Fuss verknackst haben. Erst Corona hat es geschafft, Theaterleute von der Bühne zu holen. Aber jetzt im Sommer spielen sie wieder, demnächst in Kreuzlingen, dann in Frauenfeld, Hagenwil, St.Gallen, Fischingen...
Von  Peter Surber
Das Ensemble von Was ihr wollt auf der Seebühne Kreuzlingen. (Bild: Mario Gaccioli)

Der Stopp sei, bei allem Schmerz, auch eine Chance gewesen, neue Formate auszudenken und sein eigenes Tun zu hinterfragen, sagte der St.Galler Schauspieldirektor Jonas Knecht im Saiten-Juniheft, online hier. Ähnlich sah es der Frauenfelder Theatermacher Giuseppe Spina Anfang Juni in einem Interview auf thurgaukultur.ch. Corona habe den Zwang und den Drang, vom einen zum nächsten Projekt zu rasen, gebremst, und Zeit zur Reflexion geboten.

Bei all dem aber sei es wichtig, jetzt wieder präsent und sichtbar zu sein. «Wir müssen ein Zeichen setzen dafür, dass Live-Kultur machbar ist – mit vernünftigen Massnahmen und vernünftigen Playern», sagt Spina. Denn Kulturschaffende seien die «Landwirte der Seelen» – und damit so systemrelevant wie andere lebensnotwendige Branchen auch, von der Landwirtschaft bis zum Strassenbau.

Zum Zeitpunkt jenes Interviews war zumindest klar, dass nach dem Corona-Lockdown wieder Live-Theater möglich sein werde, mit erst noch zu entwickelnden Schutzkonzepten. Inzwischen ist der Theatersommer konkret geworden, auch das Theater St.Gallen hat wieder gespielt, mit Abstand und unter freiem Himmel.

Und Giuseppe Spina ist gleich in zwei Projekten auf der Bühne oder im Hintergrund mit dabei.

Boccaccio und Shakespeare im Coronajahr

Vorne auf der Bühne, als Orsino, steht Spina vom 16. Juli bis zum 14. August bei der diesjährigen Produktion des unermüdlichen Seeburg-Theaters Kreuzlingen. Die Bühne wird als Steg in den See hinaus gebaut, die Zuschauerzahl ist reduziert, für die Turbulenzen soll nicht das Virus sorgen, sondern das Stück: Shakespeares Was ihr wollt. Der Plot: Männlein und Weiblein, jung und verliebt, suchen und verwechseln sich unaufhörlich bis zum fragwürdigem Happy-End.

Shakespeares Was ihr wollt: 16. Juli bis 14. August, Seeburgtheater Kreuzlingen
see-burgtheater.ch

Das zehnköpfige Ensemble probt seit Anfang Juni, mit gebotenem Abstand und täglichem Fiebermessen, wie Spina sagt. Unter der Regie von Max Merker spielen neben ihm Sofia Elena Borsani, Samuel David Braun, Jeanne Devos, Maximilian Kraus, Maria Lisa Huber, Franz Josef Strohmeier, Florian Steiner, Raphael Tschudi und Andrej Reimann.

Das zweite Projekt, bei dem Spina diesmal hinter den Kulissen mitwirkt, ist eine mobile sommerliche Produktion der Theaterwerkstatt Gleis 5 in Frauenfeld. Den Stoff liefert jene weltliterarische Vorlage, die in der Corona-Zeit neben La Peste von Albert Camus vermutlich meistzitiert worden ist: Boccaccios Decamerone. Vor fast 700 Jahren erschienen, erzählt es die Geschichte einer Gruppe von Menschen, die aus der von der Pest heimgesuchten Stadt aufs Land fliehen und sich dort mit Geschichten die Zeit und die Angst vor der Seuche vertreiben.

Das Decamerone-Ensemble. (Bild: thurgaukultur/Inka Grabowsky)

Das tun ihnen die Thurgauer Theatermacher nach: Sie packen einen Bus voll mit Geschichten, Kostümen, Requisiten und «literweise Desinfektionsmittel» und fahren mit ihm von Spielort zu Spielort.

Geschichten aus dem Decamerone: 8. bis 29. August in Frauenfeld, Berneck, Pratval GR, Wil, Romanshorn und Kreuzlingen
theaterwerkstatt.ch/decamerone

«Florenz im Pestjahr 1348. Das Lebensgefühl heisst Isolation, Ungewissheit, Angst. Lockdown à la Spätmittelalter. Doch die Novellensammlung setzt dieser Misere etwas entgegen. Hundert Geschichten voller Lebensfreude, Saft und Kraft. Geschichten, die uns spüren lassen: Der Mensch ist Mensch, wenn er erzählt.» So kündigt sich das Projekt an. Neben Noce Noseda und Simon Engeli, die Regie führen und mitspielen, sind Joe Fenner, Silvana Peterelli und Nicole Steiner mit dabei, zudem Puppenspielerin Rahel Wohlgensinger und Akkordeonist Goran Kovacevic.

Premiere ist am 8. August in Frauenfeld, danach führt die Tour bis zum 29. August nach Berneck, Pratval GR, Wil, Romanshorn und Kreuzlingen.

Zirkus auf der Lok-Rondelle

Theater auf dem Weg zurück zu seinen historischen Anfängen als wandernde Schaustellerei: Damit hat auch der in Trogen lebende Theatermacher Michael Finger reiche Erfahrung. Seit zehn Jahren ist er mit dem Cirque de loin unterwegs im eigenen Zelt und produziert Stücke im Grenzbereich von Nouveau Cirque und Musiktheater. Für sein Jubiläumsstück hat Finger jetzt einen Spielort gefunden, der seinerseits das Zehnjährige feiert und sich für eine theatralische Nutzung geradezu aufdrängt – aber bisher noch nicht dafür entdeckt worden ist: die Rondelle der Lokremise St.Gallen. Hier spielt der Cirque de Loin vom 12. bis 22. August Seelig, im Untertitel: «Das Jubiläums-ZirKonzerTheater&DinnerSpektakel».

Im Stück macht sich eine Zirkusdynastie auf die Reise in ihre eigene Vergangenheit, die Geburtstagsfeier wird gemäss Ankündigung «ungewollt zur schweisstreibenden Nabelschau». Die Zuschauerinnen und Zuschauer sitzen an den Tischen, an denen sonst die Lok-Gastronomie wirtet, das Servicepersonal samt Essen und Trinken sind eingebaut ins Stück, das Wetter zeigt sich hoffentlich von der gnädigen Seite. Draussen zu spielen entspreche nicht nur der Corona-Lage, sondern auch der Situation der freien Szene, für die drinnen selten Platz sei und die sich komfortable Räume nicht leisten könne, hat Finger dazu im «Tagblatt» gesagt.

Cirque de loin – Seelig: 12. bis 22. August, Lokremise St.Gallen
cirquedeloin.ch

Seelig schliesst an frühere Produktionen an, mit denen Finger seine eigene Biographie reflektiert hat: an den Film Son of a Fool, an das Zirkusspektakel Ronamor und zuletzt an Ryf, Fingers musikalisches «Coming Out», das 2018 unter anderem im eigenen Chapiteau auf der St.Galler Kreuzbleiche zu sehen und zu hören war. Ryf war als erster Teil einer Trilogie in eigener Sache angekündigt, als «musikalischer Seelenstriptease». Thema waren die Kinder- und Jugendjahre. Teil zwei folgt jetzt mit Seelig. Der Soundtrack dazu erscheint am 7. August.

Erste Höreindrücke zeigen: Es wird düster. Die Musik, geballte Bläserkraft, virtuoses Piano und Fingers Stimme, weckt zwar Zirkusemotionen, groovt und swingt, aber die Texte balancieren nah am Abgrund, der den Sänger im gleichnamigen Song in die Tiefe zieht – dann aber statt abstürzen «flüge» lässt, «immer witer übers meer». Fingers Lieder singen von einer Sehnsucht, unter deren schwarzen Schwingen sich «abigrot» auf «tod» reimt, kippen auch mal in Machofantasien (Müntschi) oder erzählen das rabenschwarze Schicksal von einem, den die Bewunderung für das «füdli» seiner Angebeteten in die Psychi und ins Grab bringt. Fingers Seelig-Welt ist auf Selbstzweifel und Trotz gebaut, sie nährt sich von Träumen und stellt sich den Ängsten, «dass d eifach nöd vom fläck chunnsch / au wenn d um dis läbe rännsch».

Schauerliches im Wasserschloss

«Liebe Leute, es ist Zeit, wieder zu kulturen!» schreibt Finger auf seiner Website mit Ausrufezeichen. Gilt auch für einen anderen Ostschweizer Theater-Maniac: Florian Rexer. Er hatte schon in der Coronazeit die «ersten Vorstellungen nach dem Lockdown» propagiert – und lässt sich jetzt auch als künstlerischer Leiter der Schlossfestspiele in Hagenwil nicht vom Spielen abhalten.

Schloss Hagenwil, Schauplatz der Schwarzen Spinne. (Bild: Daniela Huber)

Allerdings gelten im mittelalterlichen Ambiente des Wasserschlosses wie überall die Vorschriften und Schutzkonzepte, an die sich das Theaterpublikum diesen Sommer wird gewöhnen müssen: Zwischen jeder Gruppe bleiben Sitzplätze frei, der Abstand zur Bühne erweitert, gestaffelter Ein- und Auslass, ausreichende Pausen, freiwillige Schutzmasken, keine Konsumation im Zuschauerraum etc. Wenn dabei in Hagenwil Gänsehaut-Stimmung aufkommen sollte, dann passt das perfekt zum Stück: Die schwarze Spinne nach dem Roman von Jeremias Gotthelf schildert eine klaustrophobische dörfliche Szenerie, mit einem uralten Fluch, einer starken Frau, Mobbing und Hexenhass und tödlichem Ende.

Jeremias Gotthelf – Die schwarze Spinne: 5. August bis 5. September, Hagenwil,
schlossfestspiele-hagenwil.ch

Rexer führt Regie, Hans-Rudolf Spühler spielt den Teufel, Premiere im Innenhof des Schlosses ist am 5. August, dann wird bis zum 5. September gespielt für ein etwas weniger zahlreiches Publikum als normal: 70 Prozent der Plätze könnten unter Einhaltung der Abstandsregeln verkauft werden, heisst es in Hagenwil.

In Hittisau im Bregenzerwald ist dagegen beinah «Normalbetrieb»: Die freie Gruppe Café fuerte spielt dort ein Stück nach dem Roman Die Wand von Marlen Haushofer, ebenfalls mutmasslich Gänsehauttheater, und teilt dazu mit: «Um unsere Vorstellungen coronatauglich zu machen, mussten wir nicht viel verändern. Wir spielen, wie so oft, unter freiem Himmel in wunderbarer Natur. (Experten zufolge mag das Virus keine frische Luft.) Wir müssen nur die Stühle weiter auseinander rücken, es gilt der 1-Meter-Abstand.» Premiere im Bregenzerwald war Anfang Juli, im September kommt die Produktion nach Lustenau, Lindau und Urnäsch.

Beziehungskiste in Fischingen

Andere Veranstalter haben ihre Anlässe ins kommende Jahr verschoben – darunter das Grossprojekt Zwinglis Frau der Bühne Thurtal, das am 25. Juli in Fischingen Premiere gehabt hätte und jetzt erst im Sommer 2021 stattfindet. Verschoben? Ja, aber auch die Zwingli-Crew lässt sich von Corona nicht ganz stoppen. Sie spielt diesen Sommer trotzdem in Fischingen, in wenigen Wochen wird eine Ersatz-Produktion geprobt und auf die Bühne gestemmt, ihr Titel: Nöd Zwingli.

Bühne Thurtal – Nöd Zwingli, 7. bis 22. August, Kloster Fischingen
buenethurtal.ch

Zwei junge Menschen lieben sich und streiten sich, die Freiheit ruft, die Beziehung wird auf die Probe gestellt: So lautet die Kurzfassung des Inhalts. Regie führt Simon Keller, vom 8. bis 22. August finden zehn Aufführungen statt – und dies bei freiem Eintritt. «Die Zuschauerinnen und Zuschauer bezahlen am Ende das, was ihnen die Aufführung wert ist», kündigt die Bühne Thurtal an. Corona macht vieles neu diesen Sommer.

 

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