Das St.Galler Kinok hat eine lange Open Air-Tradition. Schon in den 80er-Jahren, als es gegründet wurde, waren die «Kinokis» immer wieder auf der Suche nach originellen Spots (mehr dazu von Geri Krebs im aktuellen Programmheft). So gab es Freilichtvorführungen in der Kehrichtverbrennungsanlage, im Volksbad oder in der Frauenbadi, auf Dorfplätzen, in Gärten und Beizen und einmal sogar eine winterliche Projektion auf die Schneedecke.
Ein Glück also, dass Freilichtvorführungen tendenziell coronaverträglich sind und das Kinok nach dem lästigen Lockdown doch noch an die frische Luft kann diesen Sommer. Allerdings ist das «Openair in der Lokremise» heuer etwas anders aufgegleist. Statt einem programmatischen Motto wie in den Vorjahren («Top Secret» 2019, «Liebe macht keine Ferien» 2018, «Männer, die ins Auge gehen» 2017 oder «Blond!» 2017) lautet das Motto 2020 schlicht «Favoriten unter Sternen».
Aus nachvollziehbaren finanziellen Gründen haben sich die Betreiberinnen – nebst einigen Vorpremieren – für den Griff ins Archiv entschieden und allerhand «Publikumslieblinge der vergangenen Jahre herausgepickt». Dazu gehören La Vache von Mohamed Hamidi (2016), Parasite von Joon-ho Bong (2019), The Party von Sally Potter (2017), The Wife von Björn Runge (2017) und Dark Waters von Todd Haynes (2020, Vorpremiere).
Der bessere Olma-Ersatz
La Vache ist ein geradezu idealer Sommerfilm. Leichtfüssig, aber trotzdem keine leichte Kost. Und insbesondere für die Ostschweiz eine bitter nötige Komödie, da manchen der Olma-Ausfall ja bekanntlich ganz schwer zu schaffen macht und sie dank Jacqueline, einer Tarenteser-Kuh, doch noch ein bisschen Viehschau-Flavour geniessen können – einfach in gut. Und wie an der Olma spielt auch im Film der Alkohol eine verhängnisvolle Rolle.
Jacqueline ist Fatahs ganzer Stolz. Der bescheidene Bauer aus Algerien (Stand-Up-Comedian Fatsah Bouyahmed in seiner ersten Hauptrolle) träumt davon, sie eines Tages auf der internationalen Landwirtschaftsmesse in Paris präsentieren zu dürfen – und wird zum Erstaunen aller tatsächlich dahin eingeladen.
Begeistert sammeln die Dorfbewohner Geld für die Reise der beiden und wenig später erreichen Aussenseiter Fatah und seine Jacqueline per Schiff Marseille. Dort läuft aber einiges schief und so müssen sie den Weg in die Hauptstadt allein unter die Füsse nehmen – was natürlich zu allerlei hin- und herzzerreissenden Situationen führt.
Von der Kellerwohnung ins Kellerverlies
Wer Parasite letztes Jahr verpasst hat, sollte sich den 31. Juli vormerken. Die südkoreanische Gesellschaftssatire über die soziale Ungleichheit wurde mit Preisen geradezu überhäuft und gewann 2019 als erste fremdsprachige Produktion in der Geschichte der Oscars die Trophäe für den besten Film. Angesichts der anhaltenden Koreanischen Welle (Hallyu) war das wohl auch längst überfällig.
Regisseur Joon-ho Bong erklärte in Cannes, sein Film sei eine Mischung aus realistischem Drama, Sozialkomödie und Horrorthriller. Alles fängt damit an, dass Ki-woo, der halbwüchsige Sohn der armen Familie Kim, einen Job als Privatlehrer bei der wohlhabenden Familie Park ergattert. Mit einigem Geschick schafft er es wenig später, auch den Rest seiner Familie bei den Parks unterzubringen; die Schwester als Kunsttherapeutin, den Vater als Chauffeur und die Mutter als Haushälterin.
Als die Parks eines Tages zu einem Campingausflug aufbrechen und kurz darauf deren ehemalige Haushälterin auftaucht, weil sie angeblich etwas vergessen hat, nimmt das Drama seinen Lauf… ein dunkles Geheimnis kommt zu Tage.
Entgleisende Cüpli-Sozis
The Party von Sally Potter ist ebenfalls bitterböse, spielt aber vorwiegend in einer gesellschaftlichen Klasse, der linksbürgerlichen Londoner Bourgeoisie, verkörpert von Schauspielgrössen wie Bruno Ganz, Kristin Scott Thomas, Emily Mortimer oder Timothy Spall. Ein schwarz-weisses Kammerspiel in Echtzeit, das an den Klassiker Who’s Afraid of Virginia Woolf erinnert.
Am Schluss liegt kein Stein mehr auf dem andern. Dabei fängt der Abend so gut an! Janet (Kristin Scott Thomas) feiert ihre Berufung zur Gesundheitsministerin, zusammen mit ihrem Mann Bill, der Uni-Dozent ist und seine eigenen Karrierepläne für sie jahrelang zurückgestellt hat, mit ihrer besten Freundin und deren esoterischem Partner sowie einem lesbischen Paar, das seinerseits den baldigen, langersehnten Nachwuchs zu feiern hat.
Openair in der Lokremise – «Favoriten unter Sternen»: 9. Juli bis 8. August, immer Donnerstag bis Samstag, 21:45 Uhr
09.7.: Lucky 10.7.: Wilde Maus 11.7.: The Wife 16.7.: The Party 17.7.: The Climb 18.7.: Der Trafikant 23.7.: La Vache 24.7.: Le Tout nouveau testament 25.7.: Paterson 30.7.: Aurore 31.7.: Parasite 01.8.: Criminales como nosotros 06.8.: Cittadini del mondo 07.8.: Dark Waters 08.8.: Undine
Bei schlechtem Wetter im Kinosaal. Weitere Informationen: kinok.ch
Eine illustre Intellektuellenrunde, zu der schliesslich auch Tom stösst, ein nervöser Koks-Banker und der Ehemann von Janets Assistentin Marianne, die an diesem Abend zwar fehlt, aber dennoch eine Schlüsselrolle spielt. Als Janets Mann Bill (Timothy Spall) zwei fette Bomben platzen lässt, ist es schlagartig vorbei mit der Sektlaune – und der achso zivilisierten Konversation.
Wie die Mutter, so der Sohn
Dass die Männer für die Karriere ihrer Frau zurückstecken wie Bill, ist auch in der heutigen Zeit noch eher selten. Meistens ist es umgekehrt – wie in The Wife von Björn Runge, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Meg Wolitzer. Wobei es in dieser Geschichte noch viel dicker kommt.
Gespielt wird die Wife von Glenn Close, in Bestform. Sie verkörpert die Rolle der Joan Castleman, einer liebevollen Ehefrau, Mutter und baldigen Grossmutter, die für die Karriere ihres Mannes stets im Schatten geschuftet hat. Ihr gegenüber steht Joe Castleman (Jonathan Pryce), ein knorziger, geltungssüchtiger Schriftsteller, der Mühe hat mit dem Älterwerden und dem gemeinsamen Sohn David, der in seines Vaters Fussstapfen treten will, nicht die erhoffte Anerkennung geben will.
Als Joe Castleman eines Morgens einen Anruf aus Schweden erhält, ist die Aufregung gross: Er soll mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet werden. Zusammen mit Joan und David macht er sich auf den Weg nach Europa, doch die gute Laune währt nicht lang, denn ihnen ist ein penetranter Journalist auf den Fersen – und auch das Familienidyll bekommt Risse. Nicht nur wegen des schwelenden Konflikts zwischen Vater und Sohn, auch die treusorgende Ehefrau hat einiges zu verbergen…
Vergiftete Wahrheit, vergifteter Kampf
Als einer der letzten Filme des diesjährigen Openairs in der Lokremise läuft Dark Waters von Todd Haynes. Er ist letztes Jahr in den USA angelaufen und sollte eigentlich im April in unsere Kinos kommen. Stattdessen ist Corona gekommen.
Das Drama beruht auf wahren Begebenheiten und erzählt die Geschichte von Rob Bilott (Mark Ruffalo), einem Unternehmensanwalt, der einen tödlichen Umweltskandal aufgedeckt hat: Die Firma DuPont pumpt seit Jahren giftige Chemikalien in den Ohio River. Er zerrt das Chemieunternehmen vor Gericht – es folgt eine jahrelange Odyssee für die Gerechtigkeit.
Der Film ist die Adaption eines Berichts im «New York Times Magazine» über das 19 Jahre andauernde juristische Hickhack zwischen Bilott und DuPont. Das Kinok zeigt ihn am 7. August als Vorpremiere.
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
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Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
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Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.