Die Grenzen sind seit heute offen, die Masken nicht mehr obligatorisch – die Fahrt nach Österreich fühlt sich fast so an wie noch Anfang März. Dazwischen liegt eine Zeit, die vollständig anders war, eine Zeit, die noch sehr lange zu tun und zu reden geben wird und bei der nicht ganz auszuschliessen ist, dass sie noch einmal wiederkommt.
So oder so – eine denkwürdige Zeit, eine «unvergessliche Zeit». Unter diesem Motto versammelt das Kunsthaus Bregenz künstlerische Werke aus den vergangenen Wochen. Sie reflektieren direkt oder indirekt das Eingeschlossensein, die entstandenen physischen oder psychischen Versehrungen, die längerfristigen Folgen für Individuum und Gesellschaft.
Direktor Thomas Trummer sieht die zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstler dabei in einer wichtigen Rolle für die Deutung der Zeit und vergleicht sie mit Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, George Grosz oder Erich Maria Remarque. So wie der eine das Bild des dreissigjährigen Krieges für die Nachwelt prägte und die anderen beiden das des Ersten Weltkrieges, seien auch heutige Gegenwartskünstler und -künstlerinnen deutlich mehr als blosse Chronisten der aktuellen Zeit. Sie erzählten nicht einfach die Geschichte nach, sondern übersetzen die Geschehnisse in nachhaltig wirksame literarische und visuelle Bilder.
Markus Schinwald, Ausstellungsansicht. (Bilder: Markus Tretter)
Einer, auf den dies in besonderer Weise zutrifft, hat seine ausgestellte Serie zwar schon vor längerer Zeit gemalt, aber dies tut ihrer Brisanz keinen Abbruch: Markus Schinwald hat in den 1990er Jahren Bildnisse aus dem 19. Jahrhundert überarbeitet. Mit grosser malerischer Finesse hat er den Dargestellten goldene Drähte um die Gesichter gelegt und ihnen Masken übergezogen. Während die Drahtspangen die Individualität der Porträts steigern, bewirken die Masken das Gegenteil; sie beherrschen das jeweilige Gemälde, bezwingen den Blick und hinterlassen doch nur eine Leerstelle im Antlitz.
Mühelos lenken die Bilder die Gedanken aus dem Kunsthaus heraus, hin zu Fragen über die unterschiedliche Akzeptanz von Masken in unterschiedlichen Gesellschaften, über ihren tatsächlichen Verwendungszweck und die möglichen und unmöglichen Trageweisen.
Ania Soliman: journal of confinement, 2020
Ania Soliman beweist die Aktualität der Ausstellung in zweierlei Hinsicht. Ihr Wort-Bild-Tagebuch zeichnet einerseits die Tage des Ausnahmezustandes in Paris nach, andererseits schildert sie ihre Situation als Fremde in Frankreich, die ihr von Einheimischen aufgedrängt wird und die der jüngsten Rassismus-Debatte Beispiele liefert. Auf quadratischem Papier stellt die Künstlerin markante Motive ins Zentrum und umlaufend einen Text in roter Schrift. Sie verweist zeichnerisch auf Bildschirmoberflächen, Computerbefehle, Programmanweisungen, manchmal auch auf politische Zeichen oder Flaggen. Solimans Originalblätter sind vor Ort zu sehen und zugleich online auf Instagram. Dort wird die Serie weiter fortgesetzt.
Ebenfalls ein fortlaufendes Projekt ist William Kentridge’s The Centre for the Less Good Idea (lessgoodidea.com). Der südafrikanische Künstler thematisiert seit Jahrzehnten die kolonisierte Gesellschaft, die Unterdrückung, Ausgrenzung und Flucht. Seine virtuosen zeichnerischen Arbeiten stehen aber nicht im Zentrum der Ausstellung, sondern einminütige Kurzfilme, die für das 2016 in Johannesburg gegründete Veranstaltungszentrum entstanden. Eingesandt wurden sie von Künstlern und Künstlerinnen, die ursprünglich dort live auftreten sollten. Aufgrund der aktuellen Situation blieb ihnen wenig mehr als der eigene Körper, die eigene Stimme, als eine Kamera, Papier, Stift und Schere.
«Unvergessliche Zeit»: Kunsthaus Bregenz, bis 30. August
www.kunsthaus-bregenz.at
Entstanden sind sowohl expressive wie auch humorvolle Sequenzen über Isolation, Freiheit, Sehnsucht und Kooperation. Die Fragmente, gefilmt in Ateliers und Wohnungen, dokumentieren die Suche nach transdisziplinären, kollaborativen und alternativen künstlerischen Formaten. Aber es lässt sich nicht verhehlen, dass die zehn Kurzfilme Kentridges aus dieser Menge deutlich herausragen. Selbst dann, wenn er seine eigene Ratlosigkeit in dieser Zeit inszeniert, ist er künstlerisch präzise und souverän. Seine Bilder gehören zu denen, die nachhaltig wirken und eine neue Erzählung über die Zeit initiieren.
William Kentridge: Dancing Rhino, Videostill, 2020
Weitere Arbeiten in der Ausstellung stammen von Helen Cammock, Annette Messager, Rabih Mroué und Marianne Simnett.
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.